Blog „Politik im Freien Theater 2011“

Kornèl Mundruczó: Es ist nicht leicht ein Gott zu sein

Montag, 14. November 2011

„Es ist nicht leicht ein Gott zu sein” (Nehéz istennek lenni) ist sicherlich das sowohl radikalste, als auch provokanteste Stück, das im Rahmen von „Politik im Freien Theater” in Dresden zu erleben war. Und zu Recht gewann der ungarische Regisseur für seine schonungslose Darstellung des Menschenhandels den Festivalpreis der Bundeszentrale für politische Bildung. Doch was für die Jury eine mutige, authentische Inszenierung war, war für manch andere Zuschauer eine reine Zumutung – pietätslos, unnötig. Während der Aufführung am 03.11.2011 verließen einige ihre Publikumsplätze und sicherlich war es nicht nur die Kälte, die ihnen ins Knochenmark biss. Vermutlich war für einige der Vorhang, der die vierte Wand zwischen Zuschauer und Bühnenakteuren, Realität und Fiktion markiert, verschwunden.

Die Ideengrundlage für das Werk schuf der gleichnamige sowjetische Science-Fiction-Roman der Brüder Arkady und Boris Strugatsky (1964): Der Protagonist, der aus einer fortgeschrittenen Zivilisation stammt, wird auf einen fremden Planeten geschickt, um eine weniger entwickelte Gesellschaft zu beobachten.

In der Mundruczó-Version bedarf es keines fremden Planeten, um eine mehr oder minder unsichtbare Parallelgesellschaft zu finden, stattdessen werden zwei Lastwagen zur Bühne und diese sind gefüllt mit menschlicher Fracht: fünf Männer und vier Frauen. Mädchen, die in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft ihre Freiheit aufgegeben haben, von Menschenhändlern verkauft wurden und nun gegen ihren Willen als Prostituierte festgehalten werden. Es gibt eine strikte Hierarchie, die mit aller Gewalt durchgesetzt wird – Vier der Männer verhalten sich wie Herrscher in ihrem isolierten Reich auf Rädern. Eine der Frauen kämpft um Gleichstellung, fungiert selbst als Verantwortliche für ihre Mädchen. Der fünfte Mann, der sich als Wissenschaftler ausgibt, wurde von einem gewissen ‚Zor‘ (vermutlich ebenfalls wohnhaft auf einem anderen Planeten) gesandt, um zu beobachten – ohne in das Geschehen eingreifen zu dürfen. Schlussendlich wird ihm die auferlegte Passivität zu viel: er wird aktiv, reißt die Verantwortung an sich und bedient sich selbst der drastischsten Gewalt, um den Grauen ein Ende zu bereiten: er massakriert die Initiatoren – das blutige Ende einer blutigen Geschichte.

Man kann nicht in die Köpfe der Zuschauer sehen, die den Flughafen an diesem Abend verlassen haben. Wahrscheinlich sind bei ihnen Fragen zur Grenze der Zumutbarkeit aufgekommen: Müssen wir tatsächlich teilhaben, wenn auf der Bühne gewaltpornografische Filme produziert werden? Bedarf es wirklich der ungeschönten Demonstration von Folter, Misshandlung, Mord, Sehnsucht, Isolation und Einsamkeit – ja sogar Liebe – wenn es darum geht, ein Stück über den Menschenhandel in Ost-Westeuropa zu zeigen?

Wie viel Realität auf der Bühne ist legitim? Und wie viel Menschlichkeit kann der Mensch ertragen?

Fakt ist, dass das Werk auf ausführlichen Rechercheergebnissen basiert und hier somit in einem experimentellen Rahmen eine Realität beleuchtet wird, die sonst keiner wahrnimmt, bzw. wahrnehmen will. Kornèl Mundruczó erklärt anschließend im Publikumsgespräch, dass wir in unserem Alltag bereits mit Gewaltdarstellungen übersättigt wären und er diesen daher einen neuen Wirkungsraum einräumen wollte – volle Konzentration, mit Fokus auf die Brutalität via Videoprojektionen auf Lastwagenplanen. Verstärkt wird das ganze durch das kontrastive Einsetzen musikalischer Zwischensequenzen. Während eines der Mädchen mit kochend heißem Wasser übergossen wird, singen die anderen Darsteller den oft verwendeten Titel What the World needs now is Love von Jackie DeShannon (1965). Fast unmerklich formte sich der eine oder andere verbliebene Mund zu einem Schmunzeln im Zuschauerraum. Diese vielleicht makabere Komik bildet ein wiederholtes Motiv in diesen zwei Stunden: Sie bricht den Ernst der Lage, indem sie den Zuschauer kurz aus dem Gewaltspektakel entführt, genauso wie sie die Brutalität eingehend unterstreicht. Die vier Darstellerinnen, die mit vollem Körpereinsatz kaum bekleidet in eisiger Kälte agieren, verlieren sich in der Anonymität. Eine Blonde, eine Brünette und eine Rotblonde: für jeden Geschmack eine, wie die brünette Herrin – selbst Prostituierte – formuliert. Viel erfahren wir über diese Mädchen nicht, denn das Stück bietet kaum Inhalte, die Identifikationsmomente zulassen. Wir wissen nur, wie sie nackt aussehen. Wir wissen, dass sie Angst haben. Ansonsten werden sie reduziert auf ihre Funktion und dabei ihrer Menschlichkeit entwürdigt. Sie müssen bellen und werden an Leinen geführt, müssen nach Knochen graben. Mit der ironischen Randbemerkung, dass Tierhandel in der EU verboten wäre, wird die Perversion einmal mehr bloß gestellt.

Die Annahme könnte sein, dass hier die plakatierte Teilnahmslosigkeit durch ein Minimum an Identifikation maximiert wird. Ich denke, dass der bewusste Verzicht auf das Schildern von selektierten Schicksalsgeschichten eher die Idee des Massenphänomens forciert: es handelt sich eben nicht um besondere Einzelfälle. Die Geschichte dieser vier Frauen ist beliebig übertragbar.

Dennoch blitzen zwischen den Momenten blanker Vorführung von Abartigkeit auch Momente absoluter Empathie: alltäglich und liebevoll. Die kürzeste Version einer Liebesgeschichte spielt sich ausgerechnet zwischen zwei der Antagonisten ab: Sie sagt explizit, dass sie nicht mit ihm schlafen will, wirft sich ihm aber einige Augenblicke später um den Hals, dann schlafen sie kurz und heftig miteinander; anschließend ringt sie ihm eine Liebeserklärung ab; wirft sich einen vorbereiteten Hochzeitsschleier über und fordert ihn auf, sie zu heiraten. Momente später werden sie beide im theatralischen Gemetzel ermordet und ich ertappe mich dabei, wie ein Funken Mitleid für die beiden aufglüht.

Für eine vollständige Mensch-Darstellung ist die Repräsentation beider Seiten unumgänglich: sowohl die Abbildung des hier fatalistisch gezeichneten Abgrundes – animalisch und brutal -, als auch das Zeichnen des Bedürfnisses nach zwischenmenschlicher, emotionaler Nähe. Wer von der Gesellschaft an den Rand gedrängt wird; wem als ‚Illegaler‘ der Zutritt auf einen geregelten Boden verwehrt bleibt und der ohne jeglichen Schutz in die unsichtbare Isolation und Anonymität getrieben wird, erfährt oft Lebensumstände, die nur noch vom blanken Überlebenswillen geprägt sind. In „Es ist nicht leicht ein Gott zu sein” muss erst ein Welt-Fremder erscheinen, um den Zuschauern zu zeigen, was unweit ihrer häuslichen vier Wände passiert. Es ist auch dieser Fremde, der letztlich eingreift. Nicht wir.

Mit der Verbindung von theatralischen und filmischen Stilmitteln trägt Mundruczó die Frage nach der Verantwortung weiter an die Zuschauer und zwingt sie in die unangenehme Rolle passiver Teilhaber. Gleichzeitig wirft er das Scheinwerferlicht auf die tabuisierte, aber faktische Realität des stattfindenden Menschenhandels und – so der Regisseur – die subversive Verbreitung politischer Radikalität in unserer Gesellschaft, die beide gleichermaßen Handlungsbedarf aufweisen.

Die Nachricht ist einfach: Es muss endlich Verantwortung übernommen werden.

Wegsehen hilft nicht.

Theresa Bennert (24): Lehramtsstudentin an der TUD, Englisch und Kunst, 8. Fachsemester

Mein „Politik im Freien Theater“ – Ein Erfahrungsbericht

Montag, 14. November 2011

Mein Festival „Fremd – Politik im Freien Theater” kündigte sich dieses Jahr schon im Sommer an. Da ich mich sowieso im Rahmen meiner Examensarbeit mit Theater und politischer Bildung beschäftigte, war diese Woche ein echter Pflichttermin. Da ich innerhalb sowohl der Kunst- als auch der Politikdidaktik an Veranstaltungen zum Festival teilnahm, konnte ich viele Veranstaltungen und sieben der 16 Theaterproduktionen erleben. Dies führte für mich zu einer sehr intensiven Woche voller Eindrücke und Erfahrungen, von denen ich hier einige Schlaglichter vorstellen möchte und von denen auch nur ein Teil bislang verarbeitet ist.

Zunächst habe ich mich zwar im Vorfeld mit einigen Stücken auseinandersetzen müssen, um meine Interviews sinnvoll durchführen zu können, dennoch habe ich mich erst relativ spät mit dem Gesamtprogramm auseinandergesetzt, sodass mich das Festivals recht unvermittelt wie ein Sog in seinen Bann zog. Passend dazu ging es auch mit der ersten schockierenden und zugleich fremden Erfahrung los. Am Dresdner Hauptbahnhof wurde Peter Handkes Stück „Publikumsbeschimpfung” ins Hier und Heute geholt. Unter dem Titel „Passantenbeschimpfung” wurden Passanten schnell rekrutiert, damit sie auf der Grundlage des Textes mit Mikro und Kamera andere Passanten beschimpfen sollten. Als gewissermaßen eingeweihter Passant interessierte es mich sehr, wie und wo die Beschimpfung gerade stattfand. Dazu  suchte ich den Bildschirm auf, über den gesehen werden konnte, wo gerade geschimpft wird. Just in dem Moment des Abgleichens von Videobild und tatsächlichem Hauptbahnhof, d.h. einem Moment der Orientierungslosigkeit, traf es mich wie ein Blitz. Oder besser: traf sie mich wie ein Blitz. Die gerade Schimpfende hatte sich mich als Objekt des Schimpfens ausgesucht. Ich stand im Mittelpunkt und sie? Sie ging nicht weg, sondern beschimpfte mich, wütend, lautstark und vorwurfsvoll. Verwirrt stand ich da und ließ es über mich ergehen, halb grinsend, halb leidend. Meine Gegenüber verließ dabei auch nie ihre Rolle. Ich hatte mir nun genau das nicht erwartet. Fröhliches, ungestörtes, ausschließliches Zusehen war hier offenbar nicht möglich . Das war mir „fremd”! Und in diesem Moment startete für mich das Festival.

Nach dieser Beschimpfung entschied ich mich, „Versus” im Festspielhaus Hellerau anzuschauen. Hier kam der nächste  Schock eher ästhetischer Art. Denn hier schien es gar keine Handlung zu geben!  Als Freund von klassischen Theaterstücken mit Anfang und Ende erlebte ich nun Gemisch aus Punkrock, Urinieren auf Büchern, Frauenmisshandlung, Pizzazerstückelungen, Pornoausschnitten mit Natursekt und nicht zu vergessen: der lebende Hase in rauchender Mikrowelle. Wow! Vorher hatte ich bislang nicht all zu viele völlig aus den Konventionen getretene Theaterstücke gesehen.  Gleichwohl stand ich dem keineswegs feindselig oder abgeschreckt gegenüber. Im Gegenteil: Eine neue Erfahrung, die mich für weiteres interessierte und auch öffnete.

Im Anschluß wurde nun zum ersten Mal auf dem Festival das Tanzbein geschwungen und hier entstanden zwei Irritationen aus meiner Sicht. Zu meinem Erstaunen tanzten da mir bekannte Organisatoren des ganzen Festivals mit. Das war mir fremd und ich fand es wunderbar! Hier standen Leute zu und hinter dem, was sie da machten. Die Partys mischten zudem die Theater-Künstler selbst auf dem ganzen Festival, was ich in der Art und Weise noch nicht kannte. Erst Schocken und Befremden lassen und dann legt der Künstler selbst auf – und ich tanzte! Irritation Nr. zwei war dann die Videoshow zur Musik. Hier tanzten Leute zu Videobildern der Armut, aber wieso?

Die Vorfreude auf ein Stück dürfte schließlich für mich wohl bei  „Via Intoleranzia II” von Christoph Schlingensief am größten gewesen sein. Er war mir nur seit ca. vier Jahren ein Begriff. Lange genug, um ihn zu bewundern als (noch gesunder) Chaot, um dann schockiert seinen Leidensweg zu verfolgen. Die Erinnerung an seinen Todestag war für mich noch frisch. Umso bedrückender war es dann, dass am Ende Christoph selbst per Video das Ende ansprach. Was für ein Mensch! Hier ist mir dann aufgefallen, dass wir an der Universität strukturiert denken, reden und schreiben. Und nun sah ich, wie  Christoph seine quirligen Gedanken auf Video preisgab (über unser Bild von Afrika, über seinen Krebs und wieder über Afrika). Diese Gedanken entwickelten für mich nun, genau so wie sie waren, eine Schönheit und Weisheit, die meine ganze Faszination für ihn nochmal kräftig unstrich. Natürlich war nach Schlingensief und nach der Vorbereitung zu „Darfur” ein Thema für mich in den Vordergrund getreten: Afrika. Hier hat sich für mich auf meiner geistigen Landkarte tatsächlich ein neuer Kontinent aufgetan, dem ich bislang nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt habe.

Am Donnerstag war dann für mich der Tag, an dem ich das erste mal 8 Stunden am Stück im Theater verbrachte und danach noch zu aufgedreht war, um nach Hause zu gehen. Wieso? Nach einer Diskussionsveranstaltung und dem Stück Arabqueen war der Zeitpunkt gekommen, auf den ich sehr gespannt war. Ann Liv Young spielte Sherry, das Gegenteil eines braven Frauchens in der Produktion „Cinderella”. Zur Vorbereitung habe ich mich mit ihrer Kunst auseinandergesetzt. Der Schock aus „Versus” hatte mich schon an ekliges, hartes, provozierendes gewöhnt. Ich war also vorbereitet. Dachte ich. Ein erstes Unwohlsein bekam mich, als ich hörte, dass sie sich nicht nur eingespielt hatte, sondern auch schon  probe-uriniert habe. Unglaublich! Als ich dann mit einer Bekannten in das Stück ging, wurde ich von ihr süffisant gefragt: „Magst du dich nicht vor setzen, damit sie sich auf dein Schoß setzen kann?” In diesem Moment wurde mir schlagartig klar, dass auch ich hier gefragt werden kann. Das Unwohlsein nahm spürbar zu und ich antwortete: „Wir können uns vor setzen. PUNKT.”

Fast das ganze Stück hindurch stellte Sie nun indiskrete, unnachgiebige Fragen, verkaufte Urin und war aggressiv. Spannend war es für mich, wie da das Publikum reagieren würde, das von alle dem keine Vorahnung hatte. Und tatsächlich: Nach den ersten 10 Minuten wurde auch die erste Besucherin des Saals verwiesen. SMS geschrieben, während ihrer SHOW! Weitere folgten dann freiwillig, völlig verärgert, weil hier keine Cinderella kam, weil hier keine Handlung war, weil Sie gefragt wurden. Mich hat es dann auch einmal erwischt, als Sie dann dann wissen wollte, wieso sie ihre Sachen (inklusive Urin) verkaufte. Auf meine Antwort: „You earn Money!” hörte ich nur „Jerk!” (=Wichser).  Als nun am Ende schon einige ehrliche Antworten gegeben wurden, nahm ein Zuschauer diese Performance so ernst, dass er sich physisch entblößte.Wirklich klar wurde nicht, wieso er dies tat. Dies warf aber Fragen nach der Verantwortung von Kunst auf.

Natürlich gab es auf dem Festival einige Grenzauslotungen Doch genau das sollte ein Festival im besten Fall leisten. Und die beste Erfahrungen in einem Festival mit dem Titel „Fremd” konnten für mich zusammenfassend nur die sein, die am abschreckensten, ekligsten und schockierensten waren. Hier wird Fremdes erfahren und dadurch lernt man sich selbst besser kennen.

Jörg Landgraf, Student der TU Dresden für Lehramt Gemeinschaftskunde/ Geschichte/ Kunst

In Einer Situation des Wartens und Erwartens

Montag, 14. November 2011

Theaterkritik zu Passantenbeschimpfung von God’s Entertainment (Österreich) am 28.10.2011 16-17.30 Uhr, Hauptbahnhof Dresden.

Passanten am Hauptbahnhof beschimpft!

Was sich nach einem Aufhänger für einen Artikel einer Boulevardzeitung anhört, war in Wirklichkeit der Beitrag „Passantenbeschimpfung” der Wiener Künstlergruppe „God’s Entertainment” zum Festal „Fremd – Politik im Freien Theater”. In dieser Situation des Ankommens und Weggehens, des Wartens und Erwartens wurde die Aktion vor der Anzeigetafel am Dresdner Hauptbahnhof durchgeführt. Unüberhörbar durch Mikrofone verstärkt, unübersehbar durch Video übertragen. Der private Gang von und zum Zug wurde mit einer Menge an öffentlicher Wahrnehmung überschüttet die wohl mit Ausnahme der Eingeweihten niemand erwartet hatte.

Dabei sind sie doch der Kern in Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung” von 1966, auf die sich God’s Entertainment ausdrücklich bezieht. Die Erwartungen. Welche hat man im Theater ? Ein Theater, das das Spiel verweigert, das den Zuschauer am Schluss beschimpft und mit seiner Rolle (auch im Nationalsozialismus) konfrontiert. God’s Entertainment veränderte nun sowohl die Regeln als auch den Ort. Sprecher wurden bei den Passanten selbst mittels Plakaten rekrutiert und für das Schimpfen eines doppelseitigen Teiles aus Handkes Publikumsbeschimpfung mit 5 € Gage entlohnt. Am Ende wurden Beschimpfungen („Ihr Genickschussspezialisten, ihr Hurrapatrioten!”) von Merkel und Sarrazinpuppen vorgetragen, die aus einer soeben aufgebauten und sobald versteigerten Papp-Semperoper (4,50 €) schauten.

„Schnelle Kunst”, so die Werbung, „gleich Schnelles Geld”. Auffällig ist, dass hier marktwirtschaftliche Mechanismen ins Spiel gebracht wurden, was jedoch nur für die Schimpfenden erkennbar blieb. Wurde hier also nach hochwertiger Kunst gefragt?  Oder ging es vielmehr um das Normale am Hauptbahnhof? Das Hasten, das schnelle Weiterkommen neben schnellem Essen (FastFood), zu dem doch schnelles Geld und schnelle Kunst passten?  Oder wurde die (Medien)Realität gezeigt: Eine Trennung in den schimpfenden, die Kamera besitzenden, aktiven Part und einer Menge an Stummen, nicht zu Wort kommenden Passiven? Viele Fragen sind nach diesem Tag möglich.

Zum Beispiel an die Schimpfenden: Wen beschimpfst du weshalb? Wie weit gehst du? Und wer hat in diesem Moment die Verantwortung für dein Verhalten? Wieso konfrontierst du deine Mitmenschen (nur) unter diesen Umständen? Schließlich ist nicht alles im Urtext Schimpfen. Wenn du aber einen Text, die Gelegenheit samt Gage bekommst und unter dem Titel „Passantenbeschimpfung” dabei gefilmt und gehört wirst, wieso schimpfst dann? Aus Angst, aus Lust? Waren hier also Sendungen und natürlich youtube gemeint, durch die du endlich ein Star bist oder wenigstens gehört wirst?

„Was soll das?”, fragte sich der geneigte Passant und zwar auf unterschiedliche Weise: Amüsement, Wut, Flucht, geduldiges Beschimpftwerden, allgemeines Unverständnis und natürlich: „Was passiert hier?”  Ich fragte mich das auch und wollte mir am Bildschirm das Schimpfen ansehen und wurde schließlich selbst beschimpft, stand in der Öffentlichkeit, konnte nichts sagen. Es schien zwecklos wegzugehen, weil die Schimpfende folgen würde. Das war mir „sichtbar unangenehm” (Eine Passantin). Ich hatte meine Rolle gewechselt vom Schaulustigen zum Beschimpften durch den Schimpfenden.  Die Reflexion meiner Rolle kam da, wo ich sie nicht erwartete: das habe ich nicht erwartet. Und dies und die aufgeworfenen Fragen dürften insgesamt ein gutes Zeichen für die Qualität des Stückes sein, frei nach der Einschätzung des Spiegels, dass die Produktionen von God’s Entertainment wie „Kommunikations-Katalysatoren” wirkten. (Der Spiegel).

Jörg Landgraf, Student der TU Dresden für Lehramt Gemeinschaftskunde/ Geschichte/ Kunst

Eine Collage aus Widersprüchen

Montag, 14. November 2011

Theaterkritik zu „Darfur – Mission incomplete” von Hans-Werner Kroesinger (HAU), 4.11.2011, 20.30- 22.30 Uhr, Dresden, Festspielhaus Hellerau.

Today we know what is right, and today we know what is wrong. The slaughter of innocents is wrong. Two million people driven from their homes is wrong. Women gang raped while gathering firewood is wrong. And silence, acquiescence and paralysis in the face of genocide is wrong.” – Senator Barack Obama, speaking at a Save Darfur rally in July, 2006.

Barack Obamas Rede wurde an diesem Abend im Festspielhaus Hellerau mehrfach zitiert und er suggeriert eine Einteilung der Welt in Schwarz und Weiß mit klaren, moralischen Richtlinien: Massenvergewaltigungen sind falsch, Massenvertreibungen sind falsch, Massentötungen sind falsch. Obwohl genau das im Darfur passiert.  Doch beantwortet dies die Frage, was im Darfur eigentlich passiert und was getan werden kann, ja: getan werden muss? Sicherlich noch nicht, aber es zeigt die Dringlichkeit des Problems auf und die Notwendigkeit, sich damit auseinanderzusetzen.

Das Dokumentar-Theater „Darfur – Mission Incomplete” beginnt ebenfalls mit mehreren Einteilungen. Hans Werner-Kroesinger stellte persönlich den Ablauf des Abends klar. Das Stück sei eingeteilt in drei Teile. Ein Teil des Stückes befand sich vor einer Kulisse eines Konferenzsaals, in dem zwei Schauspieler mit förmlicher Kleidung über die Zustände im Darfur erzählten. Der andere Teil war vor einer Kulisse eines Feldlagers, in zwei andere Schauspieler Analysen, Meinungen und Sichtweisen deutlich machten. Auch das  Publikum wurde in zwei Hälften eingeteilt, sodass eine Hälfte die zwei Teile in der Reihenfolge: Konferenzsaal-Feldlager zu sehen bekam und die andere Hälfte die entgegengesetzten Reihenfolge verfolgte, bevor die Schauspieler vereint vor dem ebenfalls vereinten Publikum den dritten Teil darstellten. Meine Gruppe schaute sich nun das Geschehen in der ersten Reihenfolge (Konferenzsaal, Feldlager, Gemeinsamer Teil) an.

Im ersten Raum befand sich ein langer, eliptischer Tisch,  in etwa so, wie man ihn sich bei der Uno oder bei einem Politikerspitzentreffen vorstellt. Platz nehmen konnte man zwar nicht am Tisch, jedoch an dem einen oder anderen Ende des Raums. Rundherum standen Geräte, die ihrer Optik nach afrikanisch aussahen und dann und wann innerhalb der Vorstellung Geräusche von sich gaben.

Herein kamen nun zwei singende Schauspieler. Zusammen feierten Sie Geburtstag mit einer Flasche Sekt. Nur wessen?  Das blieb doch lange unklar, obgleich man bei der Thematik schon vermuten konnte, dass dies wohl zynisch gemeint sein konnte. Von Anfang an kamen nun eine Menge an Fakten und vor allem Sichtweisen auf die Lage im Darfur: Wo ist Darfur? Wie hat es sich geschichtlich entwickelt? Wie ist der Konflikt entstanden? Wer hat hier welche Interessen? Dies geschah jedoch in einem Tempo, bei dem Zeit zum Durchatmen Mangelware war oder anders ausgedrückt: Dem Publikum eine hohe Aufmerksamkeit abverlangt wurde. Dies an sich muss dem Stück nicht negativ angelastet werden, so ist es doch nur wünschenswert, wenn das Publikum auch gefordert wird und nicht alles mundgerecht dargeboten wird. Nun wurden zudem einige unterschiedliche und sich widersprechende Perspektiven eingenommen: Welche wirtschaftlichen Aspekte spielen hier eine Rolle? Haben die Rebellen in Darfur den Völkermord provoziert um die Weltgemeinschaft zum Eingreifen zu bewegen, um dadurch genauso unabhängig zu werden, wie mittlerweile der Südsudan? Diese und andere Aspekte waren in sich durchaus schlüssig, widersprachen sich jedoch teilweise gegenseitig. Dies entspricht auch der Realität, die selten in absteckbarem Schwarz und Weiß daherkommt, sondern aus voller Widersprüchen besteht.  Gleichzeitig kamen die afrikanischen Geräusche ins Spiel, die mich nun des öfteren recht unvermittelt aus dem anstrengenden Verfolgen der Gedankengänge herauswarfen. War das beabsichtigt? Und wie sollte es jemanden ergehen, der hier noch gar kein Grundlagenwissen hatte? Der Anspruch kann doch dann schwerlich die Erklärung sein, wenn unnachgiebig berichtet und dabei auch noch bewusst gestört wird.

Im Zweiten Teil, dem Feldlager, wurde nun ein ähnliches Spiel geboten. In wechselnden Rollen wurden nun historische, ethnische und vor allem ethische Hintergründe vorgetragen. Besonders letztere Sichtweisen und die der Betroffenen waren nun besonders in den Fokus gerückt. Und auch hier widersprach sich einiges, obgleich oder vielleicht wegen der sorgfältigen Recherche. Dennoch blieb hier die Frage: Sind wir amoralische Mittäter, wenn wir angesichts des Völkermords beruhigt nach Hause gehen und eben nicht unsere Regierungen zur Hilfe drängen?

An diesem Punkt war man in den dritten Teil geleitet worden, bei dem vor Allem öffentliche Hilfeaufrufe zitiert wurden. Und dennoch, trotz beständiger Versuche öffentlich für das Thema Druck zu machen, verschwindet das Thema immer wieder aus der öffentlichen Wahrnehmung. Sei es der Hurrican oder Fukushima. „Darfur stirbt und die Welt gähnt.” Am Ende kam nochmal die Obamarede mit der Aufklärung des Geburtstages: Vier Jahre Völkermord. Happy Birthday.

Das Stück hat mich mit viel Verwirrung und zugegebenermaßen einem Gefühl der Überforderung zurückgelassen.  Verglichen vielleicht mit einer riesigen Collage war die Menge an Sichtweisen und Hintergründen, ja selbst das Gefühl der Überforderung sicherlich beabsichtigt gewesen, nur  weshalb? Sollte gezeigt werden, wie hilflos wir in unserer Absicht zu helfen tatsächlich sind? Können wir überhaupt helfen? Unabhängig davon scheint ja trotzdem klar zu sein, dass Völkermord falsch ist und zu wissen, dass dies stattfindet, lässt die Situation und das Gefühl nach dem Stück nur noch unangenehmer werden. Ein unbequemes, schillerndes, nicht leicht zu verfolgendes und erst recht nicht leicht zu verdauendes Stück.

Jörg Landgraf, Student der TU Dresden für Lehramt Gemeinschaftskunde/ Geschichte/ Kunst

Der Deal ist aufgekündigt

Montag, 14. November 2011

Theaterkritik zu „Cinderella” (Ann Liv Young, USA), 3.11.2011, 22 – 0.00 Uhr, Dresden, Kleines Haus (Festival: „Fremd – Politik im Freien Theater)

Es war einmal ein Mädchen, das es schwer hatte,  Ungerechtigkeiten von der bösen Stiefmutter ertrug, hübsch und höflich blieb bis die Rettung kam – und zwar von außen!

Angst vor Eigenständigkeit, vor Verantwortung, vor eigenen, starken Charaktereigenschaften, die es doch möglich machen würden, aus dieser Situation auszubrechen, umschreiben das, was in der Psychologie als „Cinderella-Komplex” bezeichnet wird.  Der Bezug zum Grimmschen Märchen des Aschenputtels bzw. zu Disneys Variante der „Cinderella” wurde nun am 3./4. 11. 2011 im Rahmen des Festivals „Fremd- Politik im Freien Theater” durch Ann Liv Youngs (USA) Performance „Cinderella” hergestellt. Angekündigt wurde dies mit der Empfehlung nur ab 18 Jahren, das Stück zu besuchen, verbunden mit der Warnung: „Dabei geraten manche an die Grenzen dessen, was sie aushalten und akzeptieren können.” Doch was war hieran so schockierend, um welche Grenzen ging es?

Zunächst zur Situation: Der Zuschauer betrat an diesem Abend das in schwarz gehaltene Obergeschoss des Kleinen Hauses des Staatsschauspielhauses Dresden. Dessen Boden war mit einer weißen Plane abegedeckt, auf der nur wenige Requisiten vorhanden waren: ein gelber Eimer, ein Stuhl, kleine Plastikschalen, eine große alte Schüssel und ein geformtes Herz, bestehend aus Glitzerherzen und Messern. In dessen Mitte kauerte Sherry, die Kunstfigur Youngs, vor einem PC samt Mikrofon, daneben Sherry Jr. , der filmende Begleiter der Figur. Die ca. 200 Zuschauer erlebten nun einen recht harmlosen Beginn: Ann Liv Young spielte Sherry. Diese wiederum spielte Cinderella, las aus einem Text vor und sang anschließend Popsongs mit verzerrter Stimme. Was nun folgte, wurde im Programmheft folgendermaßen fragend angekündigt: „Was aber passiert, wenn Aschenputtel aus dieser Rollenzuschreibung heraustritt und sich in eine radikalfeministische, aggressive Figur verwandelt?”

Sherry entfernte sich von ihrem PC und ging auf das Publikum zu bzw. los, ließ das Licht heller und  den Raum wärmer machen. Nun stellte sie verschiedene Fragen an das Publikum. „So, everything is clear?” könnte man jetzt fragen und genau dies wurde man auch gefragt. Zunehmend indiskret wurde nun da nach gefragt, wo es weh tut: Gewalt, Sex, Traumata. Und wer dieses Spiel nicht mitspielen wollte, fiel in Ungnade, wurde rausgeworfen oder ging freiwillig. Aber war das einfacher, purer, unüberlegter Schock? Oder, um noch mal auf die gestellte Frage zurückzukommen: Um welche Grenzen ging es hier?

Bei mehreren erbosten Zuschauern war zunächst da die Grenze erreicht, als hier keine Handlung mehr verfolgt wurde und damit implizit der „Deal im Theater” (Meine teure Eintrittskarte gegen anspruchsvolles Theater) aufgekündigt wurde. Nein, denn hier verweigerte jemand seine zugedachte Rolle und war dabei uns das Schlimmste vom Schlimmsten zu verkaufen (Urin in kleinen Dosen). Hier konnte sich niemand von seinem Leben unterhaltsam ablenken. Letzteres wurde ja im Gegensatz zu dieser Erwartung unnachgiebig, aggressiv und nicht bloß symbolisch auf die Bühne gezerrt. Aber ist es nicht das, was wir vom Theater wollen? Dass endlich mal die „heißen Eisen” angepackt werden, dass die relevanten Sachen behandelt werden und dann kommt jemand, der nicht nur verallgemeinernde Aussagen ausspricht, hinter der sich jeder verstecken kann. Nein! Hier wurde tatsächlich nach der Message, nach deiner (!) Message gefragt. Und hier kamen so manche ins Stocken.

Dieser Alptraum weiblicher Macht verband sich mit der Frage nach der Verantwortung. Denn was bedeutet Ver-antwortung (re-sponibility)? Auf Fragen antworten zu können! Dies glich zunehmend therapeutischen Fragen und war auch von der Künstlerin eindeutig so angelegt. Doch darf Kunst Therapie sein? Diese Frage stellte sich vor Allem, nachdem ein Zuschauer sich physisch entkleidete und seine Narben aus seiner Kindheit aufzeigte, um Young ihrerseits dazu zu zwingen, ihre Rolle der Sherry abzustreifen. Meiner Einschätzung bleibt hier widersprüchlich.  Young grenzte sich im Publikumsgespräch von konventioneller Therapie ab und vertrat ein sehr weites Verständnis vom dem, was Therapie ist oder sein kann. Und so gesehen kann z.B. ein Gespräch, in dem unnachgiebig danach gefragt wird, was nicht gleich beantwortbar scheint, durchaus therapeutisch wirken. Andererseits habe ich Zweifel, wenn der Therapierte danach allein gelassen wird oder durch Youngs Fragen, Prozesse ausgelöst werden, die alles andere als hilfreich wären (z.B. sogenanntes Triggern).  Nicht destotrotz scheint Young diesen Anspruch an ihre Kunst ernst zu nehmen, wie sich im Publikumsgespräch zeigte.

Aber auch hier wäre man auf einer weiteren Reflektionsebene: Was erwartet denn Kunst bzw. Theater von sich selbst bzw. was wird von ihm erwartet ? Denn wenn im allgemeinen von Theater Reflektionen, Veränderungen des Geistes oder gar Weltverbesserungen erwartet werden, dann wären nach Cinderella zwei Fragen zu bedenken: Wäre ein solcher Anspruch erstens nicht ein wenig zu hochgegriffen? Und wenn man einen solchen Anspruch ernstnimmt, kann dieser zweitens vielleicht nur wirklich ernsthaft mittels eines solchen ästhetisch-performativen Schocks ausgelöst werden, da dies aus der bequemen Zuschauerposition vielleicht gänzlich unmöglich wäre?

Schließlich stellt sich drittens die Frage, wieso man sich nicht konkret gegenüber Sherry abgegrenzt hat. Wieso ist man zwei Stunden lang still geblieben und ist nicht wie die zehn Zuschauer gegangen, sondern hat dies still ertragen und auf Rettung von außen gehofft? Im Hinblick auf letzte Frage scheint es so, als ob die Rollenkonstellation von wütender Stiefmutter und ertragender Cinderella sich gewandelt haben, denn wer musste nun seine Rolle ertragen und hat versucht hüsch und würdevoll zu bleiben? Wer war hier eigentlich nun Cinderella? Nicht nur für das Aufwerfen dieser Fragen, auch für das konsequente Durchhalten der Figur Sherry gebührt Young größten Respekt und sei all jenen, die sich diesen Fragen stellen (wollen) wärmstens ans Herz gelegt.

Jörg Landgraf, Student der TU Dresden für Lehramt Gemeinschaftskunde/ Geschichte/ Kunst

URBAN MUTATIONS – Ich und die Stadt

Montag, 14. November 2011

Was erfahren wir durch die Stadt, in der wir leben, über unsere eigene Identität? Oder anders gefragt, was erfahren wir durch die Bewohner über die Identität einer Stadt? Wie konstituiert sich eine urbane Realität und welche Rolle spielen ihre Protagonisten? Welches Potential birgt der städtische Raum für öffentliche Diskurse, Selbstbestimmung und Demokratie? Urban Mutations nennt sich ein interdisziplinäres Kunstprojekt, das sich vor allem dem Thema Stadt widmet. Urban bezeichnet aber nicht nur etwas Städtisches, sondern der Begriff Urbanität zielt auch konkret auf das politische, kulturelle und gesellschaftliche Selbst- sowie Fremdbild einer Stadt und ihrer Einwohner. So entfremdet der französischen Künstlers Adelin Schweitzer in seinem Projekt „A-Reality” geschickt das Bild einer Stadt, das zumeist auch durch Medien konstituiert wird. So kommt es nicht von ungefähr, dass er sich moderner Simulationstechniken bedient. Und wenn man diese dann am eigenen Leib erfährt, fühlt es sich gar nicht mehr so an, als sei die Welt um uns herum haptisch erfahrbar – wie man es von der Immersion moderner Medien gewohnt ist. Diese Erfahrung spitzt sich zu, bis hin zu einer vollständigen Entfremdung von dem ursprünglichen Referenzsystem. Das Interessante daran ist, dass die grundlegende Zerstörung von der gewohnten Wahrnehmung zwar zu Beginn verwirrend erscheint, schnell aber eine Neuorientierung abverlangt, mit der das Auge so manches Mal überfordert wird.

Im Zentrum von Urban Mutations steht allerdings das politische Vermögen des Stadtraumes, als dessen Ausgangspunkt die jüngsten Revolutionen im Mittelmeerraum ersichtlich werden. So präsentiert der Künstler Nabil Boutros auf dem Jorge-Gomondai-Platz großformatige Abbildungen von Ägyptern, die sich von den Veränderungen ihres äußeren Erscheinungsbildes neue Identitäten erhoffen. Vielleicht verdrängen sie damit das Bild des Terroristen, welches zu lange schon den westlichen Geist bevölkert. Mit dem ideologischen Gebrauch und Missbrauch von Bildern setzt sich daran anknüpfend Rabih Mroué auseinander. Anhand von Plakaten aus seiner Heimat, fragt er nach der Auslegung der möglichen Bedeutung von Bildern.

Mit insgesamt zehn künstlerischen Positionen hat Urban Mutations einen interaktiven und vielfältigen Anlaufpunkt geschaffen, wo es möglich wurde aus dem Diskurs über FREMD auch eine Selbsterfahrung zu machen. Ein Manko stellte aber das Fehlen von Öffnungszeiten dar und so bestimmten glückliche (manchmal auch unglückliche) Zufälle die Teilnahme an Projekten.

Annekathrin Kohout

Studiert Kunstgeschichte im Master

Mein Festival „Politik im freien Theater“

Montag, 14. November 2011

Im Vorfeld des Festivals musste ich feststellen, dass ich leider nicht alle Stücke sehen kann, die mich interessierten – offenbar war die Vorauswahl der Jury sehr geglückt. Denn eigentlich interessierte ich mich für acht Stücke. Ich habe mich dann aber auf sechs Stücke beschränkt, die ich im Folgenden alle kurz rezensieren möchte.

„Passantenbeschimpfung” am Freitag, den 28.10.2011

In diesem „Stück” werden spannende Fragen bezüglich des Theaters aufgeworfen

Welche Rituale prägen einen Theaterversuch?

- sich informieren, den Termin freihalten, sich angemessen kleiden, …

Welches Verhältnis gibt es zwischen Theater und Publikum?

- Abstand, Grenze, Distanz …

Welche Rollen spielen die Schauspieler?

- Illusion erzeugen, sich verkleiden, Stimme anpassen …

Welche Rolle spielt das Publikum?

- passiv sein, mitfühlen, …

Welche Rolle spielt die Zeit?

- Zeitvorgaben, Zeitreisen, die Zeit wird gerafft, das Publikum nimmt sich Zeit…

Das besondere an „Passantenbeschimpfung” ist, dass die Aufführung all dies nicht umsetzt und damit versucht, eine Art „Antitheater” zu sein.

Für mich blieb jedoch eine offene Frage: Wie geht diese Metareflexion über Theater mit dem letzten Teil des Stücks zusammen, bei dem Merkel und Sarrazin das Publikum, umrahmt von einer Papp-Semperoper, beschimpfen? Bei mir entstand der Eindruck, dass dieser Teil nur dazu angehängt wurde, um das Stück politisch zu machen. Ein tieferer Sinn erschloss sich mir nicht.

„Money – It came from outer space” am Montag, den 31.10.2011

Die Video-Theater-Performance „Money – It came from outer space” sucht mit dem vielschichtigen Bühnengeschehen aus Referaten, Filmausschnitten, Interviewmitschnitten, performativen Handlungen und Gesangseinlagen eine adäquate Darstellungsform für die komplexen und uns dadurch fremden Hintergründe des Themas „Geld”. Das macht das Stück kurzweilig und trägt maßgeblich dazu bei, dass das Thema tiefgründig und synästhetisch präsentiert wird.

Das Stück gefiel mir vor allem, weil es interessante Thesen zum Thema Geld entwickelt. Beispielsweise wird behauptet, dass Geld ein Alien wäre, was anschließend anhand von Science-Fiction-Videos „bewiesen” wird. Eine weitere These ist, dass Zinsen etwas Unnatürliches wären, da hier Geld nicht als Gegenwert für eine Leistung entsteht, sondern aus sich selbst heraus. Außerdem wird der Standpunkt vertreten, dass Geld heutzutage keinen Wert mehr hat, weil es zunehmend entmaterialisiert wurde und heute nur noch eine Ziffer mit Informationswert ist. Weiterhin haben die Performer die Ansicht, dass das Geld uns zukünftig nicht mehr brauchen wird, denn es benutzt uns lediglich wie ein Parasit seinen Wirt – und manche Parasiten töten ihren Wirt bekanntlich, um ihre Ziele zu erreichen!

„Via Intolleranza II” am Dienstag, den 1.11.2011

„Via Intolleranza II” ist ein gigantisches Bühnenwerk, dass dem Zuschauer eine enorme Entschlüsselungsleistung abverlangt, die ich nicht immer erbringen konnte. Streckenweise scheiterte ich schon durch die begrenzten menschliche Aufmerksamkeitskapazitäten, in Situationen, in denen drei oder vier verschiedene Handlungsorte und gleichzeitig Videoproduktionen, Musik und Übertitelungen auf einmal zu sehen waren. An diesen Stellen hatte ich oft die Redewendung „weniger ist mehr” im Kopf.

Trotzdem konnte ich einige Botschaften entschlüsseln. Dabei habe ich festgestellt, dass die Hauptleistung des Stücks ist, dass Schlingensief das Thema Toleranz und Fremdheit aus den verschiedenen Perspektiven betrachtet. Er fragt sowohl „Welche Vorurteile haben wir gegenüber Afrika?”, als auch „Welche hat Afrika gegenüber uns?” und stellt die Frage „Was erscheint uns fremd an den Verhaltensweisen in Afrika?” genauso wie „In welchen Angelegenheiten erscheinen wir den Afrikanern wunderlich?”. Eine weitere große Leistung des Stücks ist, dass das größtenteils stark überspitzte Auftreten der europäischen Charaktere uns und unserer Gesellschaft einen Spiegel vorhält und zeigt, in welchen Situationen wir selbst ungewollt diskriminierend sind, obwohl wir es eigentlich nur gut meinten.

„Arabqueen – oder das andere Leben” am Mittwoch, den 2.11.2011

Wie ich unabhängig von der später auch in der Tageszeitung DNN erscheinenden Einschätzung fand, war Arabqueen die wohl beste schauspielerische Leistung des Festivals und damit in Verbindung mit den wichtigen Themen Integration von Muslimen und Zwangsheirat ein absolut lohnenswerter Theaterabend.

Schauspielerisch war der schnelle Wechsel der drei Schauspielerinnen von einer Figur zur nächsten besonders faszinierend und dass es ihnen gelang, jeder Rolle (auch den männlichen) ihren eigenen, authentischen Charakter zu geben. Außerdem mochte ich an dem Stück besonders den (teilweise auch schwarzen) Humor, die simplen Kulissen und Requisiten, sowie den  Minimalismus in der technischen Umsetzung – z.B. wurde das Licht von den Schauspielerinnen ebenfalls selbst geführt. Sehr gelungen fand ich ebenfalls, dass das Stück immer wieder sehr stille Momente zuließ, die verschiedene Wirkungen hatten – mal anklagend, dann wieder erdrückend oder andächtig. Durch diese Momente des absoluten Stillstands wurde im Kontrast zu dem immer wieder eingestreuten Humor eine drückende Stimmung erzeugt, die dem Ernst von Mariams Situation gerecht wurde.

Insgesamt hat mich das Stück so begeistert, dass ich am Ende bei den Standing Ovations mitgemacht habe.

„Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein” am Donnerstag, den 3.11.2011

Das Besondere an diesem Stück war schon der Ort: Die Aufführung fand in einem Flughafen-Hangar statt. Die Kälte und dieser dunkle, ungemütliche Ort unterstrich die Stimmung des Stücks. Das Geschehen spielte dort auf zwei LKW: ein LKW stand mit offener Ladefläche vor den Publikum, der andere weitestgehend verschlossen links neben den Zuschauern.

Das Stück ist dasjenige des Festivals, dass Nacktheit und Gewalt am verstörensten darstellt.

Besonders gut gemacht fand ich bei der Vorstellung die schonungslose Darstellung der Realität, die zwar zwar einige Zuschauer zum verfrühten Verlassen der Aufführung brachte – jedoch sehe ich dies eher als „Fehler” der Zuschauer, weil diese damit die Augen vor der Wirklichkeit verschließen und dabei gerade das Verhalten zeigen, das nicht zur Lösung des Problems beiträgt.

Als der Aussage des Stücks besonders angemessen empfand ich das Pendeln zwischen direkter Darstellung vor dem Publikum und den Videoaufnahmen von den Gewaltszenen im verschlossenen Lastwagen. Denn dadurch wurde dem Publikum bewusst gemacht, dass sich solche Dinge im Verborgenen abspielen. Außerdem wurde dadurch mit der Frage gespielt, ob sich dieses Geschehen tatsächlich live abspielt.

Jedoch gab es eine Sache, die mich sehr störte: Die Rahmenhandlung, die behauptet, dass der beteiligte Mediziner ein außerirdischer Beobachter ist. Denn mir ist absolut nicht klar geworden, was diese zu bedeuten hatte, bis ich gehört habe, dass sie von einem Roman adaptiert wurde. Sie soll wahrscheinlich einen Blick von außen auf die Dinge ermöglichen, den man ja aber sowieso als Mensch hat, der so etwas nicht tagtäglich erlebt und dem dadurch diese Vorgänge sowieso fremd sind. Ich empfinde diese Rahmenhandlung aus diesem Grund als völlig unnötig, zumal damit die Handlung in das Zukünftige bzw. Fiktive verlegt wird, was ja dem Ziel des Stückes widerspricht, auf die jetzigen, realen Umstände aufmerksam zu machen.

„Cinderella” am Freitag, den 4.11.2011

Die Performerin des Stücks „Cinderella” hatte eine interessante Strategie: Durch Provokation und direkte Interaktion mit dem Publikum soll sich eine Diskussion entwickeln, die letztendlich zur Überbringung von Botschaften dient.

Faszinieren fand ich, mit wie einfachen Mitteln „Cinderella” an einem Abend auf ganz viele, sehr politische Fragen und Themenbereiche anspielte:

Psychologie der Macht: Wie verhalten wir uns in Situationen, in denen Macht auf uns ausgeübt wird?

Zivilcourage: Greifen wir sofort und öffentlich in Situationen ein, die uns zuwider sind?

Rolle der Medien: Dürfen private Probleme in einer Veranstaltung behandelt werden, die der Unterhaltung dient?

Voyeurismus: Warum sehen wir bei einem uns widerstrebenden Verhalten, das wir nicht ändern können, weiter zu?

Fragen der Menschenwürde und Freiheit: Welche Verhaltensweisen dulden wir, wo gibt es Grenzen?

Die zentrale Botschaften, die sie dabei gesendet hat, sind vor allem die folgenden: Erstens – jeder kann und sollte zunächst einmal für sich selbst sprechen dürfen und jeder trägt selbst Verantwortung für sein Handeln. Zweitens – wir müssen lernen, uns wieder mehr zuzuhören und mehr Empathie füreinander zeigen.

Es war ein hochinteressanter, anregender Theaterabend, der den Verriss in den DNN nicht verdient hat.

Insgesamt war das Festival für mich eine Woche erstklassiges Theater, das durch seine Themenvielfalt und die unterschiedlichen, innovativen Präsentationsformen zum Nachdenken und Diskutieren angeregt hat und damit den Zweck erfüllte, verschiedene politische Themen aus ganz neuen Perspektiven zu erfahren.

von Katharina Söllner,

Masterstudentin des Lehramts am Gymnasium mit den Fächern Kunst und Französisch

„Mein Politik im Freien Theater“

Montag, 14. November 2011

Das Festival „Politik im Freien Theater” begann für mich und das Kuratorenkollektiv mit Annekathrin Kohout und Philipp Baumgarten schon einige Monate vor dem Beginn der eigentlichen Festivalwoche. Zum Rahmenprogramm konzipierten wir die Ausstellung „Die einzigen Fremden hier seid doch ihr!” welche im Foyer West in Hellerau gezeigt wurde. Das vielschichtige Thema der Entfremdung wurde in der Ausstellung unter zwei Aspekten begriffen. Die Fremdstellung meint den Wahrnehmungsmodus, also den Moment in dem das Individuum zwischen eigen und fremd entscheidet. Diese Grenzziehung ist eine Notwendigkeit für die Herausbildung der eigenen oder kollektiven Identität, welche stets im Wandel ist. Der Begriff Fremdbestimmung meint die Vereinfachung in Form von Zeichen, seien es Schrift- oder Bildzeichen. Durch die Fremdstellung werden also andere Dinge, Ereignisse oder Kulturen als fremd bestimmt, wodurch Stereotypen gebildet werden. Oftmals unterliegen Fremdbilder leider einer negativen Bestimmung, doch wurde die Fremde in Kunst und Literatur auch immer wieder als exotischer Sehnsuchtsort verstanden. Auch die eigene Tradition kann uns in modernen Zeiten als fremd erscheinen. Nicht nur im sozio-kulturellen Bereich entstehen Fremdbilder. Auch Kunst erscheint dem Betrachter häufig fremd. Mit dem Titel der Ausstellung sollte der Betrachter sich provoziert fühlen sich seiner eigenen Entfremdung bewusst zu werden und seinen Fremdstellungsprozess und Fremdbilder erneut zu überdenken. Zur theoretischen Untermalung fertigten wir einen Ausstellungskatalog, in dem nicht nur das großartige Gedicht von Stephan Zwerenz zum Thema, sondern auch Texte zu jeder der 13 künstlerischen Positionen gegeben sind. Dieser ist noch über post@kuratorenkollektiv.de zu erhalten. Nach dreitägigem Aufbau war es am zweiten Festivalabend dann soweit. Unsere Ausstellung „Die einzigen Fremden hier seid doch ihr!” wurde mit einer Performance der Künstlerin Valeria Drotskaja, einer Rede von Prof. Dr. Marie-Luise Lange und einem Sektempfang eröffnet.

Zum Festivalauftakt gab es drei Eröffnungsreden und das spanische Stück Versus von Rodrigo Garcia, welches dem Betrachter schockierend und laut, dem neuzeitlichen Theater entsprechend, die Abgründe des menschlichen Daseins vor Augen führte. Mutig und zugleich logisch dies an den Beginn des Festivals zu stellen, da es die Realität in Argentinien vor Augen führte und jeden im Saal ansprach.

Das Stück Money – It Came From Outer Space griff mit der Finanzkrise ein aktuelles Themen auf und versuchte uns das absurde Finanzsystem als Alien zu präsentieren. Interessant war hierbei die Umsetzung als Theaterstück, kannte man die Thematik jedoch schon aus Filmen wie „Zeitgeist” von Peter Joseph.

Via Intolleranza II von Christoph Schlingensief beschrieb sehr vielschichtig, ausgehend von Burkina Faso das Spannungsverhältnis zwischen Dritter Welt und Wohlstandsgesellschaft. Auch in diesem Stück fühlte man sich als Betrachter ertappt und ergriffen, konfrontiert mit unserer Sicht oder auch dem Wegschauen auf diese Problematik. Unsere Hilfsideologie, über anonyme Organisationen sein Gewissen zu erleichtern wurde an den Pranger gestellt. So freute man sich doch, als man am Ende eine Spende für Schlingensiefs bestimmtes Projekt des Operndorfes in Burkina Faso leisten konnte. In seinem Facettenreichtum und der collageartigen Überlagerung von Bild-, Musik-, Text- und Körperzeichen wurde zudem an die Arbeitsweise Schlingensiefs erinnert. Eine Aufführung die man zu gerne ein weiteres Mal anschauen möchte, um sie vollständig zu durchdringen.

Im Gegensatz zu den drei anderen Stücken zeigte sich Arabqueen von Nicole Oder ohne den Einsatz von Videoprojektionen. Die grandiose schauspielerische Leistung stand im Mittelpunkt des Geschehens, schlüpften doch die drei Schauspielerinnen immer wieder in unterschiedliche Rollen und verkörperten ihre Hauptrollen sehr überzeugend. Die Thematik aus Filmen wie „Gegen die Wand” von Fatih Akin bereits bekannt, zeigte sich hier ironisch und ernst zugleich inszeniert.

Bei drei Veranstaltungen der Reihe Good Morning Vietnam von Constanza Macras waren Dresdner Vietnamesen als ältere, als jüngere und als gemischte Generationen zu sehen. Macras führte uns auf interessante Weise unsere Alltagsblindheit, für das uns täglich Umgebende vor Augen und wies uns in die vietnamesische Kultur ein.

Die Ausstellung Urban Mutations – Wir finden Stadt am Jorge-Gomondai-Platz holte das Thema des arabischen Frühlings nach Dresden und ließ den Betrachter, in meinem Fall durch die Stadtexpedition „A-Reality” von Adelin Schweitzer, die Stadt aus einem neuen, einem computergenerierten Blickwinkel betrachten.

Im Teheraner Wohnzimmer, dem Salone Therani wurde erneut die Kopftuchthematik aufgegriffen und als Generationenkonflikt zwischen Mutter und Tochter dargestellt. Diese Inszenierung stellte für mich einen gelungenen Ausklang des Festivals dar, weil hier einerseits Bekanntes thematisiert und andererseits ein völlig neuer Einblick in die iranische Kultur und deren Übernahme westlicher Eigenheiten gewährt wurde.

Im Großen und Ganzen kann man für unsere Ausstellung „Die einzigen Fremden hier seid doch ihr!” von einer erfolgreichen Zusammenarbeit sprechen.Durch das Theaterfestival Politik im Freien Theater wurde uns die Möglichkeit geboten, sich als junge, dynamische Kuratoren unter Beweis zu stellen, wofür wir nochmals allen Verantwortlichen und Beteiligten danken möchten. Das Festival selber hat uns seit dem Eröffnungstag in seinen Bann gezogen und wird in seiner Themenvielfalt noch lange in uns nachwirken. Ja, es hat unser Blickfeld erweitert und lässt uns dem Fremden (der, die, das Fremde) anders gegenübertreten und gewährt uns so auch einen größeren Einblick in politische Problemstellungen. Nicht nur die Theaterkultur, auch Bildende Kunst, Film und Vorträge sind schon immer Ausdrucksmittel zeitgenössischer Individual- oder Kollektivthematiken gewesen und sollten auch weiterhin  durch Veranstaltungen wie das Festival „Politik im Freien Theater” als Sprachrohr dienen.

(Sarah Sigmund, TU Dresden, Masterstudium Kunstgeschichte)

“Good Morning Vietnam” von Constanza Macras, Dorky Park und Gästen

Montag, 14. November 2011

Das Auftragsprojekt “Good Morning Vietnam”, welches zum Rahmenprogramm des 8. Festivals „Politik im Freien Theater” von der argentinischen Choreografin Constanza Macras inszeniert wurde, will uns das Fremde in Form der vietnamesischen Kultur näher bringen. An sieben Veranstaltungen führte Macras uns durch die verschiedenen Generationen der in Dresden lebenden Vietnamesen. Täglich begegnet man sich in den Straßen Dresdens, bilden doch Menschen vietnamesischer Herkunft eine große Minderheit dieser Stadt. Weiß man jedoch etwas über den anderen, die fremde Kultur?

Videosequenzen zeigten, welche Reaktion Dresdner Passanten auf diese Frage offenbarten  und führten dem Betrachter die eigene Unwissenheit vor Augen. Da erste Auseinandersetzungen mit einer anderen Kultur meist mit dem Essen beginnen, wurden wie im Format einer Kochshow verschiedenste vietnamesische Gerichte zubereitet. Nein, keine Frühlingsröllchen! Stattdessen gab es Phở, Wan-Tan und Sommerrollen, welche man nach der Show probieren konnte. Neben den Essensdüften offenbarten sich dem Betrachter sehr private Lebensgeschichten einzelner Vietnamesen. So erzählten Frau und Herr Hoang wie sie aus dem kapitalistischen Südvietnam nach Deutschland kamen und spielten auf traditionellen vietnamesischen Musikinstrumenten. Sehr beeindruckend schilderte Herr Duo seinen Weg aus dem sozialistischen Nordvietnam, wo er seiner Mutter zuliebe einen Studienplatz für Medizin statt seinem Wunschfach Architektur suchte und darauf in die DDR geschickt wurde um dort Chemie zu studieren. Seine Familie unterstützte er finanziell, indem er jedes Jahr ein Fahrrad nach Vietnam schickte. Für die Gesundheit ihres Sohnes entschieden seine Frau und er sich in Deutschland zu bleiben, wo sie heute erfolgreich als selbstständige Dolmetscher arbeiten. Diese Generation erzählte vom Krieg, zwei Wiedervereinigungen und der Situation als Vietnamese in Deutschland zu leben. Auch die jüngere Generation gab offen ihre Geschichte preis. So wurde von der Emigration der Eltern, vom Leben in deutschen Asylheimen, der eigenen Empfindung in Deutschland zu leben und den Wünschen für die  private Zukunft erzählt. My Pham präsentierte ein vietnamesisches und ein englisches Lied. Die Lemmings und Jonathan Trinh-Bomme zeigten ihre Leidenschaft für BBoyng, auch Breakdance genannt. Noch mehr als die Vätergeneration erzählten sie vom Leben zwischen verschiedenen Kulturen, einerseits vom Beibehalten und andererseits vom Verlust der eigenen Tradition.

Über das Essen hinaus waren es Abende, an denen man nicht nur der Geschichte und Kultur Vietnams, sondern auch den Personen, denen man täglich begegnet näher gekommen ist. Macras führte uns gekonnt vor Augen, dass wir unseren, oft engstirnigen Blick öffnen müssen, wenn wir Parallelgesellschaften aufheben und diese Grenzen sprengen wollen.

(Sarah Sigmund, TU Dresden, Masterstudium Kunstgeschichte)

Der SALONe TEHERANi im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne

Montag, 14. November 2011

Eine Konsequenz der Globalisierung ist das unmittelbare Aufeinandertreffen von unterschiedlichen Kulturen. Religionen und Sprachen, verschiedene ethnische und nationale Identitäten, die in ihrer Ost-West-Polarisierung bis weit ins 20. Jahrhundert eine scharfe Trennung erfuhren, werden miteinander in ungeahntem Ausmaß konfrontiert.  Ein Effekt dieser neuen Bekanntschaft ist das gegenseitige Eindringen von Wertevorstellungen und Konventionen, was sich vor allem in einer Infragestellung und Neuinterpretation der jeweiligen Traditionen äußert. Erfährt die dominante westliche Kultur lediglich eine spielerische Aneignung lebensweltlicher Praktiken, man denke an Yoga-Kurse und Ernährungsexotika, so ist die östliche Sphäre durch den Blick gen Westen einer kritischen Selbstreflexion und einer Neukonstitution von Lebensstilen, Kultur sowie Politik unterlegen.

Im SALONe TEHERANi, der Teheraner Wohnstube, wurde die westliche Durchdringung der islamischen Alltagspraxis im Iran multimedial vorgeführt. So beginnt die Performance mit filmischen Aufnahmen der Stadt Teheran, die zunächst mit traditioneller Musik untermalt, von westlichen Popsongs überspielt und gebrochen wird. Der musikalische Eingang tritt hier stellvertretend für das Innenleben der islamischen Jugend in Erscheinung, die sich zwischen Tradition und Moderne, Öffentlichkeit und Privatsphäre bewegt und nicht zuletzt durch die Möglichkeiten kultureller Berührung im Internet eine Identitätskrise erfährt. In einem Interview zwischen Mutter und Tochter – einer stark publizistischen Form der Kommunikation -  werden erste Analogien zu westlichen Generationskonflikten hergestellt und als etwas natürlich Menschliches akzentuiert. Gen Ende der Aufführung, treten der Schleier und das Tutu repräsentativ an die Stelle von Mutter und Tochter. Dieser Austausch zeigt das Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne, welche sich durch die Umschreibung und Aneignung westlicher Kultur definiert, im Teheraner Alltag auf. Die lebensweltlichen Konflikte im Privaten wiederum werfen Schatten auf die iranische Politik. Es wird deutlich, dass der Schleier weniger ein Problem der religiösen Freiheit oder gar der Ästhetik ist, sondern vielmehr Ausdruck politischer Determination, der es sich in einer modernen Gesellschaft zu widersetzen gilt. Das Modernisierung jedoch ein relativer Begriff ist, ebenso wie Demokratie, bleibt dabei nicht unbeachtet.

Initiiert wurde die Performance von Franziska Sauerbrey und Isabel Raabe. Über ihr „Büro für kulturelle Angelegenheiten” konzipieren und produzieren sie internationale Ausstellungen und Theaterfestivals mit Künstlern aus der Republik Moldau, Ecuador, Rumänien, Slowenien, Griechenland oder aus dem Kosovo. Vor diesem Hintergrund realisiert das Büro vor allem Veranstaltungen an der Schnittstelle von Kunst, Bildung und Politik.

Annekathrin Kohout

Studiert Kunstgeschichte im Master