„Es ist nicht leicht ein Gott zu sein” (Nehéz istennek lenni) ist sicherlich das sowohl radikalste, als auch provokanteste Stück, das im Rahmen von „Politik im Freien Theater” in Dresden zu erleben war. Und zu Recht gewann der ungarische Regisseur für seine schonungslose Darstellung des Menschenhandels den Festivalpreis der Bundeszentrale für politische Bildung. Doch was für die Jury eine mutige, authentische Inszenierung war, war für manch andere Zuschauer eine reine Zumutung – pietätslos, unnötig. Während der Aufführung am 03.11.2011 verließen einige ihre Publikumsplätze und sicherlich war es nicht nur die Kälte, die ihnen ins Knochenmark biss. Vermutlich war für einige der Vorhang, der die vierte Wand zwischen Zuschauer und Bühnenakteuren, Realität und Fiktion markiert, verschwunden.
Die Ideengrundlage für das Werk schuf der gleichnamige sowjetische Science-Fiction-Roman der Brüder Arkady und Boris Strugatsky (1964): Der Protagonist, der aus einer fortgeschrittenen Zivilisation stammt, wird auf einen fremden Planeten geschickt, um eine weniger entwickelte Gesellschaft zu beobachten.
In der Mundruczó-Version bedarf es keines fremden Planeten, um eine mehr oder minder unsichtbare Parallelgesellschaft zu finden, stattdessen werden zwei Lastwagen zur Bühne und diese sind gefüllt mit menschlicher Fracht: fünf Männer und vier Frauen. Mädchen, die in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft ihre Freiheit aufgegeben haben, von Menschenhändlern verkauft wurden und nun gegen ihren Willen als Prostituierte festgehalten werden. Es gibt eine strikte Hierarchie, die mit aller Gewalt durchgesetzt wird – Vier der Männer verhalten sich wie Herrscher in ihrem isolierten Reich auf Rädern. Eine der Frauen kämpft um Gleichstellung, fungiert selbst als Verantwortliche für ihre Mädchen. Der fünfte Mann, der sich als Wissenschaftler ausgibt, wurde von einem gewissen ‚Zor‘ (vermutlich ebenfalls wohnhaft auf einem anderen Planeten) gesandt, um zu beobachten – ohne in das Geschehen eingreifen zu dürfen. Schlussendlich wird ihm die auferlegte Passivität zu viel: er wird aktiv, reißt die Verantwortung an sich und bedient sich selbst der drastischsten Gewalt, um den Grauen ein Ende zu bereiten: er massakriert die Initiatoren – das blutige Ende einer blutigen Geschichte.
Man kann nicht in die Köpfe der Zuschauer sehen, die den Flughafen an diesem Abend verlassen haben. Wahrscheinlich sind bei ihnen Fragen zur Grenze der Zumutbarkeit aufgekommen: Müssen wir tatsächlich teilhaben, wenn auf der Bühne gewaltpornografische Filme produziert werden? Bedarf es wirklich der ungeschönten Demonstration von Folter, Misshandlung, Mord, Sehnsucht, Isolation und Einsamkeit – ja sogar Liebe – wenn es darum geht, ein Stück über den Menschenhandel in Ost-Westeuropa zu zeigen?
Wie viel Realität auf der Bühne ist legitim? Und wie viel Menschlichkeit kann der Mensch ertragen?
Fakt ist, dass das Werk auf ausführlichen Rechercheergebnissen basiert und hier somit in einem experimentellen Rahmen eine Realität beleuchtet wird, die sonst keiner wahrnimmt, bzw. wahrnehmen will. Kornèl Mundruczó erklärt anschließend im Publikumsgespräch, dass wir in unserem Alltag bereits mit Gewaltdarstellungen übersättigt wären und er diesen daher einen neuen Wirkungsraum einräumen wollte – volle Konzentration, mit Fokus auf die Brutalität via Videoprojektionen auf Lastwagenplanen. Verstärkt wird das ganze durch das kontrastive Einsetzen musikalischer Zwischensequenzen. Während eines der Mädchen mit kochend heißem Wasser übergossen wird, singen die anderen Darsteller den oft verwendeten Titel What the World needs now is Love von Jackie DeShannon (1965). Fast unmerklich formte sich der eine oder andere verbliebene Mund zu einem Schmunzeln im Zuschauerraum. Diese vielleicht makabere Komik bildet ein wiederholtes Motiv in diesen zwei Stunden: Sie bricht den Ernst der Lage, indem sie den Zuschauer kurz aus dem Gewaltspektakel entführt, genauso wie sie die Brutalität eingehend unterstreicht. Die vier Darstellerinnen, die mit vollem Körpereinsatz kaum bekleidet in eisiger Kälte agieren, verlieren sich in der Anonymität. Eine Blonde, eine Brünette und eine Rotblonde: für jeden Geschmack eine, wie die brünette Herrin – selbst Prostituierte – formuliert. Viel erfahren wir über diese Mädchen nicht, denn das Stück bietet kaum Inhalte, die Identifikationsmomente zulassen. Wir wissen nur, wie sie nackt aussehen. Wir wissen, dass sie Angst haben. Ansonsten werden sie reduziert auf ihre Funktion und dabei ihrer Menschlichkeit entwürdigt. Sie müssen bellen und werden an Leinen geführt, müssen nach Knochen graben. Mit der ironischen Randbemerkung, dass Tierhandel in der EU verboten wäre, wird die Perversion einmal mehr bloß gestellt.
Die Annahme könnte sein, dass hier die plakatierte Teilnahmslosigkeit durch ein Minimum an Identifikation maximiert wird. Ich denke, dass der bewusste Verzicht auf das Schildern von selektierten Schicksalsgeschichten eher die Idee des Massenphänomens forciert: es handelt sich eben nicht um besondere Einzelfälle. Die Geschichte dieser vier Frauen ist beliebig übertragbar.
Dennoch blitzen zwischen den Momenten blanker Vorführung von Abartigkeit auch Momente absoluter Empathie: alltäglich und liebevoll. Die kürzeste Version einer Liebesgeschichte spielt sich ausgerechnet zwischen zwei der Antagonisten ab: Sie sagt explizit, dass sie nicht mit ihm schlafen will, wirft sich ihm aber einige Augenblicke später um den Hals, dann schlafen sie kurz und heftig miteinander; anschließend ringt sie ihm eine Liebeserklärung ab; wirft sich einen vorbereiteten Hochzeitsschleier über und fordert ihn auf, sie zu heiraten. Momente später werden sie beide im theatralischen Gemetzel ermordet und ich ertappe mich dabei, wie ein Funken Mitleid für die beiden aufglüht.
Für eine vollständige Mensch-Darstellung ist die Repräsentation beider Seiten unumgänglich: sowohl die Abbildung des hier fatalistisch gezeichneten Abgrundes – animalisch und brutal -, als auch das Zeichnen des Bedürfnisses nach zwischenmenschlicher, emotionaler Nähe. Wer von der Gesellschaft an den Rand gedrängt wird; wem als ‚Illegaler‘ der Zutritt auf einen geregelten Boden verwehrt bleibt und der ohne jeglichen Schutz in die unsichtbare Isolation und Anonymität getrieben wird, erfährt oft Lebensumstände, die nur noch vom blanken Überlebenswillen geprägt sind. In „Es ist nicht leicht ein Gott zu sein” muss erst ein Welt-Fremder erscheinen, um den Zuschauern zu zeigen, was unweit ihrer häuslichen vier Wände passiert. Es ist auch dieser Fremde, der letztlich eingreift. Nicht wir.
Mit der Verbindung von theatralischen und filmischen Stilmitteln trägt Mundruczó die Frage nach der Verantwortung weiter an die Zuschauer und zwingt sie in die unangenehme Rolle passiver Teilhaber. Gleichzeitig wirft er das Scheinwerferlicht auf die tabuisierte, aber faktische Realität des stattfindenden Menschenhandels und – so der Regisseur – die subversive Verbreitung politischer Radikalität in unserer Gesellschaft, die beide gleichermaßen Handlungsbedarf aufweisen.
Die Nachricht ist einfach: Es muss endlich Verantwortung übernommen werden.
Wegsehen hilft nicht.
Theresa Bennert (24): Lehramtsstudentin an der TUD, Englisch und Kunst, 8. Fachsemester