Blog „auftakt“

Finale! Preisverleihung der 34. Bayerischen Theatertage

Dienstag, 14. Juni 2016

Die 34. Bayerischen Tage wurden am 10. Juni 2016 mit der Vergabe der Publikumspreise, des ZÜNDSTOFFS und einer großen Abschlussparty beendet.

Die Preisträger:

Publikumspreis »Beste Inszenierung« (gestiftet von Dr. med. Michael Blank, Zahnärzte Obermünsterstraße)

Allegro Brillante / Three Loves / DisTanz (UA) / The New 45
Choreographien von Choreographien von George Balanchine, Maria Barrios, Dustin Klein, Richard Siegal

BAYERISCHES STAATSBALLETT II / Junior Company, München

 

Publikumspreis »Beste Inszenierung Junges Theater« (gestiftet von 24 Autobahn Raststätten)

Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute [10+]
von Jens Raschke

theater // an der rott

Foto: Alba Falchi

Foto: Alba Falchi

 

ZÜNDSTOFF 2016 (undotierte Auszeichnung des Arbeitskreises Kinder- und Jugendtheater Bayern)

theater // an der rott für die Gründung der Sparte für Kinder- und Jugendtheater junge // hunde

Foto: Alba Falchi

Foto: Alba Falchi

 

Rund 14.000 Besucher (Auslastung ca. 78%) sahen in den beiden Festivalwochen über 50 Produktionen von 35 bayerischen Theatern.

Das Theater Regensburg bedankt sich bei allen Mitarbeitern des Hauses, bei den Gästen, die uns viele Stunden Theater, Musik und Tanz geschenkt haben und bei dem Publikum, das mit auf die Expedition durch das »Wilde Bayern« gekommen ist.

BTT_IMG_2980

Foto: Alba Falchi

 

Es geht weiter!
Die nächsten Theatertage finden vom 30.4. – 14.5.2016 am Theater Hof statt.

Stereotype Zwischentöne

Freitag, 10. Juni 2016

Das Theater Bamberg behandelt mit „Das schwarze Wasser“ die Themen Integration und Chancengleichheit
ETA_Das_schwarze_Wasser_c_Kaufhold_05

Von Julia Deppe

Theater Bamberg | Wie funktioniert Integration? Gibt es so etwas wie Chancengleichheit? Können mehrere Kulturen in einem Land friedlich zusammenleben? Und wie gehen Jugendliche mit kulturellen und sozialen Unterschieden um? Roland Schimmelpfennigs Stück „Das schwarze Wasser“ behandelt aktuelle Themen und passt somit gut in den politischen Spielplan des Theaters Bamberg. Es ist die zweite Regiearbeit Sibylle Broll-Papes seit Beginn ihrer Intendanz.
In einer lauen Sommernacht treffen zwei Gruppen Jugendlicher aufeinander. Frank, Olli, Freddi und Cynthia stammen aus der gutbürgerlichen Schicht, während Karim, Murat, Leyla und Aishe Kinder von Gastarbeitern sind. Sie alle verbringen die Nacht zusammen, schwimmen, tanzen, trinken, flirten und überwinden kulturelle und soziale Schranken. Zwanzig Jahre später treffen sie wieder aufeinander, doch die sozialen Unterschiede sind deutlicher denn je. Während die einen Rechtsanwalt oder Lehrer geworden sind, arbeiten die anderen als Kassiererin oder Döner-Verkäufer.

„Die Gesellschaft hat zwei Gesichter“

Sechs Darsteller sprechen abwechselnd die Texte, inklusive der Regieanweisungen von Schimmelpfennig. Dabei wechseln sie in der Erzählung sowohl Ort als auch Zeit. Der schnelle Wechsel der Repliken, der eine gute Zusammenarbeit der Darsteller untereinander voraussetzt, ist dabei perfekt abgestimmt. Die Bühne ist leer bis auf acht kleine Leinwände, die den Sternenhimmel, die Lichter einer Großstadt oder auch ein schwarzes Wasser projizieren. Zusammen mit der Livemusik von Jan Schöwer bilden diese Projektionen den Rahmen der Handlung und treiben sie voran. Allerdings passiert ansonsten nicht viel. Durch die narrative Erzählweise und die permanenten Zeitsprünge ist es teilweise schwer, der Geschichte zu folgen. Die Musikeinsätze waren zwar sehr gelungen, aber führten leider nur bedingt zu Abwechslung auf der Bühne.
Wie geht unsere Gesellschaft mit Neubürgern um? Wie werden sie integriert? Und welche Chancen haben sie auf dem Arbeitsmarkt? Die Inszenierung zeigt, wie sich zwei Gruppen zunächst vorsichtig annähern, sich jedoch wieder aus den Augen verlieren und dann nebeneinander existieren, ohne sich anzusehen. Von Chancengleichheit für die „Gastarbeiterkinder“ ist keine Rede. Das Thema des Stückes ist durchaus aktuell, nur wurde es oberflächlich und stereotypisch behandelt. Gibt es wirklich nichts dazwischen? Gibt es nichts zwischen Rechtsanwalt und Döner-Verkäufer? Oder zwischen Kassiererin und Schuldirektorin? Diese Fragen bleiben offen. Durch die narrative Erzählweise kommt außerdem keine Spannung auf und so können sich selbst 90 Minuten sehr in die Länge ziehen.

Fotos: Martin Kaufhold

 

Gib dir die Kugel, Alter

Donnerstag, 2. Juni 2016

homevideo_c_Kaufhold0499

 Marcel Klein | Foto: Martin Kaufhold

 

Theater Regensburg | Auf dem Höhepunkt der Geschichte von „Homevideo“ bekommt der 15-jährige Jakob Hassbotschaften mit der Aufforderung, sich umzubringen. Eigentlich dreht er gerne Filme, spielt in seiner Freizeit Gitarre, hat streitende Eltern und ist schwer verliebt in Hannah. Ein ganz normaler Jugendlicher also – bis eines Tages ein sehr intimes Video von ihm an die Öffentlichkeit dringt. Das Cybermobbing beginnt, doch allein bei Beleidigungen im Internet bleibt es nicht.

Am 30.5. feierte das Theaterstück, bei dem Mia Constantine Regie führt, im ausverkauften Jungen Theater Regensburg Premiere. Das Theaterstück „Homevideo“ ist ein Werk nach dem gleichnamigen Fernsehfilm von Kilian Riedhof und wurde von Can Fischer für die Bühne bearbeitet. „Homevideo“ schafft es, die Emotionen der einzelnen Charaktere greifbar zu machen. Man kann sich vor allem in Jakob sehr gut hineinversetzen. Der Zuschauer leidet und fühlt mit dem Mobbingopfer. Marcel Klein verkörpert die Rolle des Jakobs überzeugend.

Ebenso gut spielt Stephan Hirschpointer Hernry, den Anführer einer gemeinen Clique. Die Schauspieler haben sehr persönlich und feinfühlig gespielt.

„Homevideo“ ist entsprechend seiner Thematik ein modernes Werk. So werden z. B. Chatverläufe mitsamt Emojis auf Jakobs Zimmerwand projiziert. Das geschickte Bühnenbild, das im Wesentlichen aus Jakobs Zimmer besteht, verkleinert sich im Laufe des Stücks und symbolisiert Jakobs anfängliche Freiheit, später die ausweglose Lage in der er sich befindet. Die Zimmergröße entspricht dem seelischen Zustand von Jakob – genial!

Es ist ein nachdenklich machendes Stück, dem grandiose Schauspieler Leben einhauchen und das Publikum mitnehmen.

Im Premieren-Nachgespräch mit der Regisseurin Mia Constantine, dem Autoren Can Fischer, Esther Christmann von der Jugendschutzstelle und Michael Lindner, der für Bühne und Kostüm verantwortlich ist, gaben die vier Einblicke in die Vorbereitung der Aufführung und beantworteten Fragen des Publikums. Gemeinsam mit den Zuschauern wurde das Verhalten der dargestellten Charaktere thematisiert und hinterfragt.

„Homevideo“ ließ niemanden kalt, es ist ein sehr einfühlsames und realistische Werk, das zeigt, dass das Thema Cybermobbing längst zur Lebenswirklichkeit der Jungen Generation gehört und fatale Folgen in einer unfassbaren Dimension hat. Dieses Bühnenstück wirkt nach und führt die eigene mangelnde Medienkompetenz sowie auch die Frage nach dem eigenen Verhalten im Cyberspace vor Augen.

Unbedingt zu empfehlen!

„Nipple Jesus“ – die zweite

Mittwoch, 1. Juni 2016
Frerk Brockmeyer in NIPPLE JESUS | Foto: Theater Regensburg

Frerk Brockmeyer in NIPPLE JESUS | Foto: Theater Regensburg

 

 

Von Julia Deppe

Theater Regensburg | Vor einigen Wochen habe ich mir eine Vorstellung von „Nipple Jesus“ im Theater am Haidplatz angeschaut. Am kommenden Donnerstag um 19.30 Uhr werde ich im Kunst- und Gewerbeverein sitzen und mir – genau – „Nipple Jesus“ anschauen. Jetzt werden sich vielleicht manche fragen: Warum geht man zweimal in die gleiche Aufführung?

Antwort: Weil es sowas wie die „gleiche Aufführung“ nicht gibt! Vielleicht kann ich an dieser Stelle ein bisschen mit meinem theaterwissenschaftlichen Wissen angeben. Kennt ihr den Unterschied zwischen einer Aufführung und einer Inszenierung?

Eine Inszenierung ist das, was in einem langen Probenprozess durch den Regisseur, die Schauspieler, die Kostümbildner, den Dramaturgen, die Bühnenbildner, die Musiker und viele viele andere entwickelt wird. Sie legen fest, wann welche Lichteinstellung kommt, wie das Bühnenbild und die Schauspieler auszusehen haben und welche Requisiten zum Einsatz kommen.

Von einer Aufführung spricht man dann, wenn die Inszenierung einem Publikum vorgespielt wird. Und das ist ein ganz wichtiger Faktor: Das Publikum! Wir! Ihr! Sie! Durch das Publikum kann die Aufführung entstehen und sich auch verändern. Die Vorstellung, ein Schauspieler würde nicht merken was im Publikum passiert, ist falsch. Wenn die Hälfte der Zuschauer eingeschlafen ist (auch Schlafen ist eine Form von Kritik – vor allem im Theater, das wusste schon George Bernard Shaw), dann merken die Darsteller auf der Bühne das. Und wenn die Zuschauer lachen, weinen und einfach mitfiebern, dann merken sie es auch. Das verändert die gesamte Atmosphäre einer Aufführung.

Genau deshalb schaue ich mir gerne das gleiche Stück mehrfach an. Wegen der sich ständig verändernden Atmosphäre, die das ganze Theatererlebnis verändern kann. Und weil mir Frerk Brockmeyer in seiner Rolle als etwas grobschlächtiger Türsteher beim letzten Mal so sehr gefallen hat und ich ihm gerne noch länger zugeschaut hätte, freue ich mich besonders auf Donnerstagabend!

Seid Ihr auch dabei?

 

„Nipple Jesus“

Donnerstag, 19:30 Uhr

Kunst- und Gewerbeverein Regensburg

Die Odyssee des Oskar Maria Graf

Mittwoch, 1. Juni 2016

Eine autobiographische Irrfahrt durch skurrile Gewässer: „Wir sind Gefangene“

Wir sind Gefangene | Foto: Thomas Dashuber
Wir sind Gefangene | Foto: Thomas Dashuber

Von Michael Geißelbrecht

Residenztheater München | Mit „Wir sind Gefangene“ verspricht Regisseur Robert Gerloff das gleichnamige autobiografische Werk Oskar Maria Grafs und somit das Leben jenes freidenkenden Literaten auf die Bühne zu bringen, der sich stets auf Seiten der Revolutionäre stellte und sich klar gegen alles Autoritäre positionierte.

Wahnwitz in der Reihenhaussiedlung

Im Patina-behafteten Abbild einer Reihenhaussiedlung sitzt Graf, gespielt von Gunther Eckes, in einer kleinen Gartenlaube vor grauer Häuserfront. Hinter den Fenstern blitzen kalte Lichter und Menschen erscheinen und verschwinden. Und das tun sie die nächsten zwei Stunden und zehn Minuten in so rasantem Wechsel, dass gelegentlich Requisiten fallen und Umzüge hinter den Kulissen regelmäßig sichtbar werden.
Die klamaukige Maschinerie läuft stets auf Hochtouren weiter, an audiovisuellen Effekten spart die Inszenierung nicht. Fast jedes Geräusch wird eingespielt und die Häuserfront immer häufiger zur Projektionsfläche für Videos oder sogar Live-Schaltungen hinter die Kulissen. Spielfluss will leider selten aufkommen. Auch der Tiefsinn über die wichtigen Themen wie Nationalismus, Machtmissbrauch oder Misshandlung geht allzu oft in den skurrilen Scharmützeln verloren. Viele der Figuren verschwinden ebenso schnell wieder in der Belanglosigkeit, wie sie in Guerillero-Manier aufgetreten sind. Einzige Konstante ist neben Graf ein omnipräsenter Hitler als seltsamer aber liebenswerter Mann von Nebenan, der vor leuchtendem Globus wohl über die Weltherrschaft sinniert. Er bleibt aber wie so viele Figuren ohne Tiefgang, sodass die oppositionelle Haltung, mit der Eckes Graf beharrlich spielt, oft ins Leere läuft. Den Vorgesetzten beim Militär gibt Alfred Kleinheinz hier nahezu zaghaft. Eine der wenigen Figuren, der Genija Rykova ein wenig Leben einzuhauchen vermag, ist Grafs treuer Wegbegleiter Schorsch, der aber meist bloßer Gesprächspartner bleibt. Und so hastet Gunther Eckes durch entscheidende Jahre im Leben des Oskar Maria Graf und es bleiben leider nur wenige Stationen und Menschen im Gedächtnis hängen.

Das Ende der Odyssee

Graf strandet schlussendlich wieder in der Gartenlaube, in deren Lampionschein er resignierend feststellt: „Wir sind Gefangene“. Begleitet wird er von einem wehmütig Harmonica spielenden Hitler, der zuletzt noch freundlich vom Balkon grüßt und andeutet, was das Stück gekonnt hätte. Mit Groteske und Humor an schwere Themen wie Nationalismus, Machtmissbrauch oder Misshandlung heranzutreten, anstatt sie nur allzu oft unter dem Deckmantel von Absurdität und ausufernder Situationskomik zu verharmlosen. Weniger wäre hier definitiv mehr gewesen, so kommt „Wir sind Gefangene“ leider nicht über einige eindrückliche Bilder und schöne Ansätze hinaus.

Kurzer Prozess, langer Applaus

Sonntag, 29. Mai 2016

Ein aberwitziger Parforceritt in Pastelltönen durch einen modernen Kafka

DerProzess_GP_Foto_JQuast_254

Von Michael Geißelbrecht

Mit der Premiere von „Der Prozess“ eröffnete gestern das Theater Regensburg die 34. Bayerischen Theatertage. Regisseurin Mélanie Huber inszenierte die Adaption von Stephan Teuwissen als absurd komisches Traumspiel, der aber nie seine Ernsthaftigkeit verliert und so tief im Leben der herrlich überzeichneten Figuren verwurzelt bleibt. Sie schaffte es, einem begeisterten Publikum die kafkaeske Komik in Pastelltönen schmackhaft zu machen.

Töne und Rhythmus sind integraler Bestandteil der Inszenierung. Aus Klopfen und Bellen und einem vielstimmigen Chor hat der Musiker Martin von Allmen einen beeindruckenden Klangteppich geschaffen, der das pastellfarbene Grundrauschen im Zusammenwirken mit gewollt komischen Choreografien und Gesten farbenreich koloriert. Die Inszenierung ist eine stimmige Komposition über die Lächerlichkeit des Seins, destilliert aus beißender Situationskomik und tiefsinnigem Kafka-Text.

Benno Schulz spielt den Getriebenen mit Bravour. Weil ihm der Prozess gemacht wird, stolpert er durch die sich ständig wandelnden hölzernen Kulissen aus Rahmen, Podesten und Treppen. Er ist beharrlich auf der Suche nach Gerechtigkeit und der immer nächsthöheren gerichtlichen Instanz. Was er findet, sind Karikaturen von Menschen, die zwischen Bürokratie und animalischen Trieben eine Vielzahl an Neurosen gebildet haben. Der Advokat Huld, hypochondrisch leidend verkörpert von Gunnar Blume, taugt als Rechtsbeistand wenig, verbringt er die meiste Zeit doch unter einer überdimensionalen Decke. An dessen Fußende sammelt sich allerhand Getier, Christin Wehner gibt als sein Hausmädchen gekonnt lasziv Josefs Verführerin, während Jacob Keller zum Schreien komisch den unglücklichen Kaufmann Block verkörpert. Patrick O. Beck predigt schließlich die Türhüterparabel wie einen Witz von seiner Sperrholzkanzel herab. Lacht er zunächst noch herzhaft, bleibt ihm dieses Lachen schnell im Halse stecken und wird zu einem wehklagenden Schluchzen.

Ob nun am Ende Josef von Schuld oder der Suche nach persönlicher Gerechtigkeit getrieben ist, Benno Schulz wird es offensichtlich von einer enormen Spiellust. Seine Verliererrolle spielt er aufopferungsvoll und mitleidserregend intensiv – wenn er sich verzweifelt schreiend an die sich verschiebenden Kulissen klammert, stockt einem der Atem – und avanciert so zum Gewinner des Abends.

Interview mit zwei Besuchern, die wirklich jeden Tag da waren

Mittwoch, 4. März 2015

Wir haben beobachtet, ihr wart ja jeden Tag hier auf dem Festival – wie habt ihr von dem Festival erfahren?

Der Intendant vom Pfalzbau Ludwigshafen hat in der Aula des Theodor-Heuss-Gymnasiums Werbung für den Festivalpass gemacht.

 

Was waren die Highlights des Festivals für euch und warum?

  • Aleksandra Zec (ergreifend; ausdrucksstark; tolle Besetzung)
  • Hipster the King (viele Deutungsebenen / Konzept)
  • Erdbeerwaisen(tolle Besetzung; Problematik gut inszeniert)

–          Die lächerliche Finsternis (toller Festivalabschluss für uns und absolutes Highlight)

 

Habt ihr ggf. Verbesserungsvorschläge?

Zeitmanagement für Leute mit Festivalpassschlacht, da teils Stücke synchron liefen. Stücke unter der Woche teilweise zu spät (Uhrzeit).

 

Würdet ihr nochmal kommen?

Ja! 🙂

Nach dem dritten Tag ein Blick auf das Kinder- und Jugendtheater

Montag, 11. November 2013

Im Rahmen des Festivals sind junge TheatermacherInnen eingeladen, die Produktionen zu begleiten, an Workshops teilzunehmen und kritisch auf die Fragestellungen des Festivals zu reagieren.
Martin Zepter (theatrale subversion, Dresden) und Hannah Biedermann (pulk fiktion, Köln) teilen ihre subjektive Sicht in diesem Blog.

Martin Zepter über den letzten Tag des Festivals:

 

Diesmal ist es eine Frau, die vor uns steht. Vor uns, dem Fachpublikum, das sich in einem Klassenzimmer der 76. Oberschule unter die Schüllerinnen und Schüler gemischt hat. Alle stehen um zwei Tische, der eine leer, der andere voller Requisiten und die Performerin Sybille Müller beginnt Erdbeeren zu töten. Warum das eine großartige Arbeit ist, die man auch oder gerade im beschriebenen Kontext gut zeigen kann, hat gestern schon Hannah im Blog beschrieben (http://www.die-junge-buehne.de/blog/2013/11/09/der-letzte-tag-in-stichproben-und-stichworten/). Deswegen versuche ich jetzt das Gesehene an die Diskussion und die Vorträge vom Donnerstag Abend anzubinden.

 

Wofgang Sting, seit 2002 Professor an der Uni Hamburg und zuvor zehn Jahre wissenschaftlicher Mitarbeiter der Uni Hildesheim, hat Pädagogik, Psychologie, Philosophie und Theaterwissenschaft studiert und lehrt jetzt Theaterpädagogik/Didaktik des darstellenden Spiels. In seiner Professur bündeln sich also seine akademischen Disziplinen und er versucht uns das emanzipatorische Potential von Performances am Beispiel Flahmob näher zu bringen. Das funktioniert in unserem Kontext natürlich am besten, wenn man das Beispiel gegen eine traditionellere Vorstellung von Theater abgleicht. Dann landet man bei Dichotomien wie Ereignis statt Werk, Präsentation statt Repräsentation, Handeln statt Spielen, Selbstdarastellung statt Rollen- bzw. Figurendarstellung, Zuschaueransprache/Unmittelbarkeit statt vierte Wand und Illusion. Sting vergisst in seinem Vortrag auch nicht zu erwähnen, dass das Kinder- und Jugendtheater schon seit vielen Jahren die traditionellen Konventionen auf verschiedenen Ebenen in Frage stellt und er zitiert, was mir sehr gut gefällt, den Gedanken von Hans-Thies Lehmann, dass die Dominanz des bürgerlichen Sprechtheaters mit seinen ca. zweihundert Jahren eine vergleichsweise junge Phase in der Theatergeschichte und darüber hinaus ein ziemlich deutsches Phänomen ist.

Üblicher Weise sind es die Diskussionen nach genau solchen Voträgen, die das Auditorium ideologisch gespalten zurücklassen. Die eine Seite verteidigt dann die Bedeutung des Handwerks für die Kunst, spricht beispielsweise von Präsenz und sprachlicher Präzision oder im schlimmsten Fall von Einfühlung und Werktreue, die andere Seite von beispielsweise Authentizität, Multiperspektivität oder Postdramatik. Irgendwann endet dann die Debatte damit, dass sich die Seiten selbst von der Radikalität und Unbelehrbarkeit der jeweils anderen überzeugt haben und zurückkehren in ihre Schützengräben. Früher hat man die Auseinandersetzung oft versucht auf Stadttheater vs. Freie Szene zu verkürzen, inzwischen aber festgestellt, dass man eine ästhetische und eine strukturelle Debatte nur bedingt vermischen kann.

Zu meiner großen Freude war die Diskussion aber diesmal nicht von diesem Beharren auf den Positionen des eigenen Lagers gekennzeichnet, sondern von ehrlichem Interesse am Unbekannteren und dem Willen sich miteinander zu verständigen. Trauriger Weise fand ich sie dadurch allerdings nicht unbedingt besser, was aber auch ein sehr individueller Eindruck sein kann, nach zehn Stunden auf den Beinen, zwei Stücken, zwei Vorträgen, einem Workshop und zwei Seiten Textproduktion.

Nachdem ich die Inhalte und Positionen des Diskurses ziemlich gut kenne, fiel es mir schwer neue Erkenntnisse daraus zu ziehen. Außer, dass es wichtig ist, dass er stattfindet, weil er einen unvermeidbaren Transformationsprozess, den das Theater gegenwärtig durchläuft, begleitet. Ich habe den Eindruck die Positionen stehen sich lange nicht mehr so unversöhnlich gegenüber wie noch vor zehn Jahren. Das ganze Festival drehte sich ja um genau die Fragestellungen dieses Diskurses. Und dass das Festival von einem Stadttheater konzipiert und durchgeführt wurde zeigt, dass performative Zugänge inzwischen kein randständiges Phänomen mehr im Bereich der szenischen Künste sind.

Auch bezeichnend, dass der Veranstalter zwar ein Stadttheater, aber eines für Kinder- und Jugendliche ist. Ich hatte in den letzten Jahren bei fast allen Diskursveranstaltungen, die ich im Bereich Kinder- und Jugendtheater besucht habe, den Eindruck, dass die Menschen, die hier arbeiten, offener, neugieriger, weniger narzistisch und mehr an ihrer persönlichen Fortentwicklung interessiert sind als an der Durchsetzung der eigenen Vorstellungen. Im Vergleich zum Stadt- und Staatstheaterbetrieb für Erwachsene. Und auch im Vergleich zu Teilen der Freien Szene. So viel Ehrlichkeit muss sein.

 

Ich resümiere also nach drei spannenden Tagen: Das Kinder- und Jugendtheater, und dafür ist gerade das derzeitige TjG und insbesondere das gerade vergangene Festival ein gutes Beispiel, ist in vielerei Hinsicht Avantgarde. Es steht für den Mut zur ästhetischen und strukturellen Neuerung. Wenn man sieht wie viele Stadt- und Staatstheater in diesem Bereich harmonisch mit der Freien Szene zusammenarbeiten, dann beginnt man daran zu glauben, dass das bestehende System vielleicht doch in der Lage ist, sich aus sich selbst heraus zu erneuern. Ein Wehrmutstropfen ist natürlich, dass man ganz im Gegensatz zum TjG, bei vielen größeren Häuser das Gefühl hat, dass sie das Erwachsenentheater für „zu wichtig“ halten, um dort Experimente zuzulassen und den Wert der Kinder als Zuschauer viel geringer einschätzen. Das ist traurig, aber auch schön, schließlich sind unsere Zuschauer das Publikum von morgen und spätestens dann wird der Diskurs auch die alten Dampfer verändern.

 

Fit Fürs Abi in 5 Tagen

Donnerstag, 21. Februar 2013

Du schlichtes Mädchen im Alltagskleid *

Heute durfte ich mir den Liebeslyrik-Workshop ansehen. Annika Christof vom Literaturinstitut Marbach leitete den Workshop und gab der Klasse einige wichtige Werkzeuge zur Gedichtinterpretation in die Hand. Dadaismus, Sturm und Drang, oder Romantik? Wie kann man Liebesgedichte in die richtige Epoche einordnen?

Nachdem sich vier Gruppen gebildet haben und jede Gruppe mit einem Gedicht ausgestattet worden ist, fingen hitzige Diskussionen an. Jambus, Daktylus oder Anapäst? Ellipse- was war das nochmal? Schließlich wählte jede Gruppe ein Pärchen aus, um die Ergebnisse vorzustellen. Und dabei sind richtig spannende Interpretationsansätze entstanden. Wieder mal eine Bestätigung dafür, dass es eben nicht nur die EINE richtige Interpretation gibt.

Am Schluss gab es noch was auf die Ohren: A-N-N-A von Freundeskreis. Die haben nämlich bei Kurt von Schwitters geklaut und Max Herre rapt: Anna! Wie war das da bei Dada? Du bist von hinten wie von vorne ANNA.

img_0gruppe1(Die beiden stellten die Ergebnisse ihrer Gruppe vor. Sie beschäftigten sich mit dem Gedicht „Das Rosenband“ von Klopstock)

img_0gruppe2(Hier ging es um „Der Spinnerin Nachtlied“ von Brentano)

img_0155(…und hier um „Ein alter Tibetteppich“ von Else Lasker-Schüler)

img_0gruppe4(Die vierte und letzte Gruppe behandelte „An Anna Blume“ von Kurt Schwitters)

*aus „An Anna Blume“ von Kurt Schwitters

Marlen

Fit Fürs Abi In Fünf Tagen

Montag, 18. Februar 2013

Viel Input gab es heute Nachmittag. Martina Wolff vom Literaturinstitut Marbach hielt einen Vortrag zu Kafkas „Der Prozess“. Zum vierten Mal schon stand sie auf der Bühne, um auf Stilmittel und verschiedene Interpretationsansätze des Romans aufmerksam zu machen. Ein tröstliches Detail: Wirft man einen Blick auf Kafkas Abizeugnis, steht da auch nur ein „befriedigend“ in Deutsch.

Gleich nach dieser Informationsflut folgte die offizielle Festivaleröffnung. Zwischen den Reden von Intendantin Nicola May und Oberbürgermeister Wolfgang Gerstner, gabs musikalische Zerstreuung von der Band Hertzsprung aus Rastatt, die auch nach dem Poetry Slam am Donnerstag einige Songs zum besten geben werden. Ich freu mich drauf!

Fast nahtlos ging die Eröffnung in die Vorstellung von „Der Prozess“ über, ein Gastspiel des Theaters an der Gumpendorferstraße (TAG) in Wien. (http://dastag.at/home/) Gernot Plass inszenierte dieses Stück und führte auch bei  „Homo Faber“ Regie. Trotz des ernsten Themas gab es viel zu lachen. Mit und über Joseph K.

Ein schöner, erster Festivaltag geht zu Ende. Morgen gibts noch mehr Fotos von heute Abend. Ich schließe mit einem Zitat, dass ich gerade gefunden habe: „Die Kunst fliegt um die Wahrheit, aber mit der entschiedenen Absicht, sich nicht zu verbrennen.“ (Franz Kafka) Gute Nacht allerseits!

Marlen