Blog „Schillertage 2009“

Die Heldinnen des Alltags: JOHANNEN

Sonntag, 28. Juni 2009

Die Schillertage sind ein produzierendes Festival geworden. Eins dieser speziellen Auftragswerke ging an die Wiener Choreografin Doris Uhlich, die mit 17 Frauen die Johanna von Orleans in uns suchte.

Von Anne Richter

Am Anfang stand die Frage: Wer ist Johanna? Am Ende steht eine Choreographie ohne Musik mit dem Titel „Johannen – Eine Frauenmannschaft“. Die 17 Frauen, alles Laiendarsteller aus Mannheim und Umgebung, bieten einen bunten Querschnitt durch den weiblichen Teil der Gesellschaft: jedes Alter und jeder Typ ist vertreten. Eine alte steht neben einer jungen, eine dicke neben einer dünnen, eine große neben einer kleinen. Da alle in privater Kleindung auftreten, werden auch die sozialen Unterschiede deutlich.

Die Frauenmannschaft Johannen

Die Frauenmannschaft Johannen

Sie alle sind mit nichts bewaffnet außer so einem Stuhl, wie ihn auch das Publikum unterm Hintern hat. Dieser Stuhl gibt Halt, fixiert und positioniert die Frau. Schließlich schmeißen die Frauen ihre Stühle zu einem Scheiterhaufen zusammen. Nur eine entzieht sich dem kollektiven Wutausbruch und bleibe freundlich ins Publikum blickend dort sitzen, wo sie auch am Anfang saß. „Selbstdenken ist der höchste Mut.“ sagte schon Schillers Zeitgenössin Bettina von Arnim.
Zwischen dem ersten und dem letzten Blick ins Publikum hat die Choreografin Doris Uhlich eine ruhige, streng durch rhythmisierte, musiklose Gruppenchoreografie auf der weitläufigen Probebühne des Nationaltheaters entwickelt. Es wirkt wie eine Hommage an die Stille. Aus den privaten Bewegungen der Frauen hat sie Spannung, An- und Entspannung isoliert. Die Frauen nehmen Impulse von einander auf und lassen sie zu einer kollektiven Stimmung erwachsen.
Dazwischen stehen drei authentische Monologe. Der erste ist von einer Frau, die sich als Medium versteht, dann von einer Soldatin und von einer Nonne. Der Heiligen, der Kämpferin und der Übersinnlichen Jeanne d´Arc im heutigen Alltag wird so am deutlichsten nachgespürt. Wie Doris Uhlrich diese Textmengen mit ihren Darstellerinnen körperlich fasst und in die tonlose Bewegungsfolge einbaut, ist stimmig und beeindruckt. Hier wird Idee und Umsetzung zum Ganzen.
Leerstellen entstehen eher in der allgemeinen Raumchoroegrafie, die dann doch etwas unspezifisch bleibt. Musik würde einen jetzt über Leerstellen hinweg trösten, eine Leerstelle allein ist aber noch keine Stille als Qualität. Gegen Ende summen und singen die Frauen sich leise in ein kollektives „Come on baby light my fire“ von The Doors. Ja, das Feuer fehlt dem Abend. Feurig ist aber auch ein mögliche der Assoziation zu Johanna von Orleans.

Kantinendramaturgie oder Diskurstheater

Freitag, 26. Juni 2009

Zwei Mal Diskurstheater und zwei Mal René – die unterschiedlicher nicht sein könnten:
René Pollesch und Carl Hegemann legten einen Zwischenstopp bei den Schillertagen ein, der als leere Blase platzte. Aber René Arnold konzipierte die Nicht-Auflösung von Harry L. überzeugend im Kunstverein Zeitraumexit.

Von Anne Richter

Der Regisseur und Autor René Pollesch und der Dramaturgen Carl Hegemann haben mit ihrem Diskurstheater nun auch in Mannheim bei den Schillertagen halt gemacht. Das Motto der diesjährigen Schillertage „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ wollen die beiden auf Gesang überprüfen: „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er singt“ lautet der gewaltige Titel der knapp einstündigen Uraufführung. Sie fand in der Lobby vom Werkhaus des Nationaltheaters statt. Es ist 22 Uhr und Kneipenatmosphäre. Das siebenköpfige Ensemble sitzt an einem Biertisch mit weiteren Kollegen des Schauspielensembles.
Spielstart: Ein Film läuft an der Rückwand des Raumes ab. Eine Handkamera filmt eine Leseprobe, dann andere Probenmitschnitte, unter anderem von einer Spieleinführung durch René Pollesch, die wir später noch einmal am Biertisch erleben werden, und schließlich ein Biergartengespräch über Theater, Diktatur und die unmögliche Demokratie. Zwischendrin war kurz der Filmtitel eingeblendet: „Theater ist Diktatur.“ – LOL.
Dann singt die Sopranistin Friederike Harmsen wunderschön von sanften Träumen. Sie wird im Laufe der Stunde noch öfter am Biertisch singen und damit Anlass zum Diskurs geben. Selbst das Wort „Schwanz“ kann sie kunstvoll singen, was zu beweisen war.
Aber erst einmal holt Dramaturg Hegemann zur allgemeinen Belehrung aus: Schillers Schriften und Lehren in drei Minuten. Das Wesen der Kunst als fröhliches Reich zwischen Form und Trieb. Noch etwas Philosophiegeschichte, dann ist das Spiel dran. Am Biertisch werden Aufgabenkarten verteilt und vorgelesen. Eine bestimmte Form von Orgasmus an einem bestimmten Ort soll erlangt werden. Und wieder ein Schnitt: Friederike Harmsen singt in höchsten Tönen. Dazwischen rattern die Schauspieler Pollesche Texte im Eilverfahren herunter. Spiel – Textschwall – Gesang – Diskurs. Das alles wechselt ein paar Mal hin und her und wird reichlich an die Wand gebeamt.

Ganz Schiller-beschauscht beschäftigen sich Mannheim seit Festivalbeginn mit theatralen Statements zu Schillers Schlagworten Sinn, Form, Spiel und Trieb. Von Carl Hegemann und René Pollesch erhoffte man freudig ein sinnstiftendes, triebgesteuertes Spiel mit der Form Diskurstheater. Aber das steht noch aus. René Pollesch versammelt eklektisch Fragmente aus seinen älteren Arbeiten um das Thema der Schillertage. Doch kommt er nicht auf den Punkt, findet keinen Rhythmus, keine Form und so verpufft auch diese Stunde. Eine Performance der ewigen Festival-Biertisch-Gespräche wäre denkbar gewesen, so denunziert die Vorstellung aber nur die eigene Theaterarbeit.

Harry L. - Eine Auflösung

Im Kunstverein Zeitraumexit erprobt der Regisseur René Arnold mit „Harry L. – Eine Auflösung“ die Fragen von Form und Freiheit am Beispiel der Freizeitbeschäftigung. Er bietet eine gelungene Form des Diskurstheaters – und das variert entgegen seiner Ankündigung auch Schillers Themen.

Auf der Bühne im Kunstverein geht man sehr nett mit einander um. Im Klima der Nettigkeit stellt Regisseur René Arnold die eindringliche Sinnfrage nach der Gleichförmigkeit im Leben. Die Inszenierung „Harry L. – eine Auflösung“ bietet harte und erhellende 80 Minuten ironisch-freundliches Diskurstheater. Das ist mein Höhepunkt im Festival „Schwindelfrei“.

Luftballons und Ballettschülerinnen tänzeln und schweben frei verspielt auf der Tanzfläche herum. Am Flügel spielt Andrea Marie Baiocchi Ausschnitte aus Bachs Goldberg Variationen. Susanne Plassmann als freundliche Lehrerin und Trainerin führt durch den Abend. Mit sanfter Berührung stellt sie die Kinder in Reihe und Glied auf. René Arnold selbst hält das LOS-Schild für die Kinder hoch. Vom Band ertönt Tchaikowskis Nussknacker. Die Mädchen tanzen die bekannte Choreografie in Ausschnitten. Sofort ist klar, dass der Weg zur Ballerina noch weit ist. Stolz und Freude über das Erreichte bei den Tänzerinnen herrscht aber vor. Dann hebt René Arnold das Schild „Kekse“ und alle stürmen von der Bühne.
Susanne Plassmann erzählt im verbindlichen Dozententonfall von Harry L.. Sein recyclingfähiger Nachlass wurde in der Papiertonne gefunden, nachdem er ohne Angehörige hinterlassen zu haben, gestorben war. Die Inszenierung versucht eine Rekonstruktion seines Lebens der Gleichförmigkeit und stellt diese der Dressur von Kindern und Hunden gegenüber. Nach den Ballettmädchen tritt von der Hundeschule Marianne Wüsteney mit ihrem Mischling Radar auf. Seine Kunststücke sind erstaunlich, aber noch nicht perfekt. Die Formvollendung durch Dressur steht noch aus, lässt aber nicht lange auf sich warten.
Perfekt dressiert ist das Tuniertanzpaar Lisa-Marie Bauer (11 Jahr) und Sascha Korn (10 Jahr). Sie tanzen Standart- und Lateintänze auf höchstem Niveau aber ohne Inhalt, der hier Erotik hieße. Kann Formvollendung Sinn stiften?

Susanne Plassmann gibt nicht auf: Jürgen von der Lippes Schlager „Guten Morgen liebe Sorgen“ war die einzige Platte im Nachlass von Harry L.. Bachs Goldberg Variationen erklingen als Zwischenspiel immer wieder. Damit wir auch alle begreifen, warum dem so ist, hält Susanne Plassmann einen weiteren Vortrag über den gleichen – nein sogar den selben Aufbau der beiden Musikstücke. Ihre Beweisführung ist so absurd und so liebevoll vorgetragen, das man ihr gerne glauben würde. Gleiche Form und andere Sinn muss nicht immer Unsinn ergeben, er kann auch zu Lebenssinn führen.

Die im Tonfall behutsame, und im Kontrast harte Gegenüberstellung von dressierten Kindern und Hunden mit der diskursiven Annäherung an einen Menschen, der sein Leben immer in festen, berechenbaren Bahnen geführt hat, ist erhellend und macht nachdenklich. Diese Vorstellung sprengt Theatergesetzte und stellt Sinnfragen mit Humor. Das habe ich lange nicht mehr auf einer Bühne erlebt.

Schillerlocken und Tell-Äpfel

Freitag, 26. Juni 2009

Das in die Schillertage integrierte Festival „Schwindelfrei“ der freien Mannheimer Theater geht weiter in der Stadt auf Reisen.

Von Anne Richter

„Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“ lautet wie gesagt das Motto für die Schillertage. Wo spielt er denn über all? Die freie Theaterszene erobert mit ihren Beiträgen zum Festival immer weiter Spielorte und trägt damit Schiller und seine Themen auch zu den Menschen, die nie ins Theater gingen; ja manchmal noch nicht einmal den Namen Schiller je gehört haben, wie der 6jährige Dhruv. Vier Künstler um Maike Lex und Konstanze Schmitt verwandelten der Spielplatz auf dem Schillerplatz in ein Spiel des Lebens und Werkes von Friedrich Schiller. Ich hatte eine erfrischende und entspannte Stunde auf Schillers Spuren mit neugierigen Mannheimer um mich, denen Schiller bis dato gar nichts sagte.

Eine Stunde später startete die Theaterakademie mit ihrem Publikum auf eine lange Wanderung durch die Neckarstadt. Mal mehr und mal weniger auf Schillers Spuren boten die Schauspielschüler alles, was sie zu bieten hatten. Das war nicht immer erhellend und oft einfach nur ambitioniert.

Aber erst mal zum Schillerspielplatz:
Es ist 17 Uhr und die Sonne scheint. Der sechsjährige Dhruv geht mit seiner indischstämmigen Mutter wie immer um diese Zeit auf den Schillerplatz zum Spielen. Doch heute muss er sich in einer Vierergruppe zusammenfinden und durch eine Theaterkabine in eine Schillerspielwelt eintreten, die sich auf seinem Spielplatz breitgemacht hat. Das findet nicht nur er spannend.
Konstanze Schmitt alias Friedrich Schiller begrüßt die vier Spieler in enger Kabine und bietet einen Apfelschnitz zum Verzehr als Initiationsritus. So eingestimmt begibt sich die Vierergruppe in Schillers Lebens- und Figurenwelt. Weiterhin steht sie alias er als Fachmann für alle Fragen parat. Frag Schiller!
16 Stationen haben die vier verantwortlichen Künstler auf dem Spielplatz aufgebaut. Neben Konstanze Schmitt als Schiller agieren noch Maike Lex vom Tig7 in Mannheim als Figur Wilhelm Tell, Bernhard Wadle-Rohe vom Büro für angewandten Realismus aus Ludwigshafen als Maria Stuart und Florian Loycke vom Theater „Das Helmi“ aus Berlin als Karl Mohr. Letzterer sitzt als Räuber mit seiner Gitarre im Baum und vereint zu seinen Füßen die Mitspieler als Chor. „Die Gedanken sind frei.“ ist das meistgespielte Lied auf dem Schillerplatz, – zu seiner Verwunderung.
Bei Wilhelm Tell ist seine Welt aus Bergen und See im Sandkasten aufgebaut. Kniffelige Fragen gilt es hier mit Playmobilfiguren zu lösen. Dann darf jeder auch mit der Armbrust auf einen Tell-Apfel schießen. Bei Maria Stuart gilt es die Zeit im Kerker totzuschlagen: Mit Stricken und Wissensspielchen beschäftigt sie sich und ihre Mitspieler.
Dhruv hat am meisten Spaß beim Apfellaufen. Seit diesem Nachmittag weiß er, nach wem sein Spielplatz heißt und dass diesem Äpfel wichtig waren. Wer nicht so gerne zum Spielen animiert wird, hatte auch die Möglichkeit als Zaungast Platz zunehmen. Das nenne ich Freiheit!
Ich habe mich lange nicht mehr so entspannt mit Schiller und mit mir fremden Mannheimern beschäftigt. Ich würde gern noch weiterspielen und über Schiller reden. Aber auch mein Festivalkalender ist voll und die Zeit drängt.

„Ich Schiller 2009 – Heimat gesucht“ nannte die Theaterakademie ihre Schulprojekt zu den Schillertage. Silvanan Kraka von der Schauspielschulleitung hatte einen Spaziergang konzipiert, in dem verschiedene Rollenstudien mit Schillers Texten eingebaut waren. Fünf Zuspieler führten ihre Zuschauer in Gruppen durch einen über zweistündigen Stationenlauf. Hier war eine bunte Mischung aus Gruppenspiel als Rallye und Straßentheater geboten. Als Imbiss gab es auf der Collinibrücke Schillerlocken und Wein. Die Szenenstudien wechselten sich mit choreografischen Szenen zu Sinn-Form-Fragen und Szenen zur Heimatsuche von Künstlern ab. Was hatte dieser Stadtteilspaziergang mit Theatereinlagen und Heimatkunde auf den Schillertagen verloren?

Zwei Mal frei nach „Maria Stuart“

Donnerstag, 25. Juni 2009

Die Schillertage bieten wie viele Festivals die gute Gelegenheit den selben Text in unterschiedlichen Fassungen und Interpretationen zeitnah zu erleben. Schillers „Maria Stuart“ wurde in Mannheim in der Interpretation von zwei jungen Regisseurinnen vorgestellt. Ein Vergleich der weiblichen Sicht auf das Frauenstück über Ländergrenzen hinweg. Die eine Fassung kam aus Kopenhagen angereist, die andere war ein Beitrag des freien Theaters „SchmiedStegerWeberRausch“ aus Mannheim.

Von Anne Richter

Die freie Theatergruppe um Regisseurin Annette D. Weber lud in die Herz Jesu Kirche in der Neckarstadt-West zu „Elisabeth Tudor – Homo Ludens – eine Rehabilitation?!“ Der Abend basiert auf Schillers Drama „Maria Stuart“. Der Erfolg des Stückes liegt in der Konkurrenz der Hauptfiguren Maria Stuart und Elisabeth, Königin von England, und der bei Inszenierungen oft mitschwingenden Konkurrenz der Darstellerinnen.

Die Königin von Schottland Maria Stuart ist wegen Verwicklungen in den Mord an ihrem Mann aus dem Land gejagt worden. Sie hat bei Elisabeth Schutz gesucht, ist aber wegen Aufruhr gegen den englischen Thron eingekerkert worden. Schiller zeigt in seinem Drama die komplexen diplomatischen und menschlichen Verwicklungen der beiden Frauen und ihrer Berater. Bei Schiller erlebt Maria Stuart im letzten Akt ihren moralischen Triumph, indem sie das Urteil ihrer Enthauptung in freier Entscheidung annimmt, während Elisabeth in ihrem politischen Triumph vereinsamt zurückbleibt.

Elisabeth (Monika-Margret Steger) vorm jüngsten Gericht

Elisabeth (Monika-Margret Steger) vorm jüngsten Gericht

Die Regisseurin Annette D. Weber und die Schauspielerin Monika-Margret Steger haben aus Schillers Drama nun ein Solo für Elisabeth gefiltert. Elisabeths Gegner ist hier ihr posthumes Bild in der Öffentlichkeit. Sie versuchen eine Rehabilitation, wie der Titel sagt. Am Tag des jüngsten Gerichts setzt sich Elisabeth mit ihrem Leben, ihrem Vermächtnis als Königin und Frau auseinander. Wo ginge das besser, als in einer katholischen Kirche. Die Zuschauer sitzen im Mittelschiff der Herz Jesu Kirche von drei Seiten um einen Tisch mit Akten herum. Wie aus einer anderen Welt steigt Elisabeth von der Orgelempore zu uns herab und spricht – immer mit Hall auf der technisch verstärkten Stimme – zu ihrem Publikum. 90 Minuten buhlt sie um Verständnis für ihre Entscheidungen. Sie verteidigt sich, denkt ihre Entscheidungen noch einmal durch und kommt zum bekannten Ergebnis: Maria Stuart muss sterben, doch die Verantwortung dafür will sie nicht übernehmen. Auch hier in der Kirche bleibt sie einsam zurück.

Monika-Margret Steger zeichnet ihre Elisabeth als unnahbare Frau. Ihre Versuche der Kontaktaufnahme sind ungeschickt, das Ertragen ihrer Leiden umso stolzer. „Ich meinte doch regiert zu haben, wie ein Mann – ein König.“ Unverstanden und verzweifelt über ihr Schicksal, das 45 Jahre Königspflichten bedeutete, endet auch dieser Versuch der Selbst-Rehabilitation. Damit ist diese Inszenierung sehr nah an Schillers Vorlage.

Elisabeth will Maria gar nicht sehen, Betty Nansen Theatret Kopenhagen

Elisabeth will Maria gar nicht sehen, Betty Nansen Theatret Kopenhagen

Auf den ersten Blick war die dänische „Maria Stuart“ näher an Schiller, auf den zweiten zieht sie den Text aber aus dem Theater in den Alltag: Aus Kopenhagen kam das Betty Nansen Teatret mit „Maria Stuart“ in einfachem, fast banalem Dänisch angereist. Immer wieder rutschen die Figuren in Slang ab, allen voran Königin Elisabeth, von der Arbeit ermüdet. Diese heutige, direkte, klare Sprache teilte sich in Mannheim natürlich nur einigen Muttersprachlern und Sprachkundigen mit, ist aber als Grundlage für die Inszenierung von Katrine Wiedemann wichtig. Denn diese ist vor allem direkt, klar und manchmal in ihren Regiemitteln auch bewusst banal.

Die Ausstatterin Maja Ravn hat entsprechend dem Konzept einen klaren Raum geschaffen, der zwischen Fitnessstudio und Schloss alle Assoziationen durch Projektionen suggeriert. Der Bühnenboden fällt schräg in den Zuschauerraum ab. Natürlich werden hier auch ein paar Figuren herunter fallen. Auf dem Parkett der Politik rutscht man leicht aus. In der Mitte der Spielfläche liegt ein Laufband, das für eine Verfolgungsjagd ebenso taugt wie zum Abtransport von Leichen. Wie im alten Hoftheater fahren Prospekte auf und nieder, die immer über dem Laufband einen Torbogen als Ausgang offen halten. Durch wechselnde Dekorprojektionen entstehen so Thronsaal und Teeraum, Flure und Parks. Die Seitengassen sind einsehbar, hier bereiten sich Menschen auf ihren Auftritt vor.

Maria Stuart und Elisabeth werden von zwei in Dänemark bekannten Komödiantinnen gespielt, die dort vielgeliebt und erfolgreich auf der Bühne wie vor der Kamera stehen. Auch diese Besetzung ist Programm: Ditte Gråbøl spielt Königin Elisabeth als Mutter am Küchentisch. Sie hat ihre Männer im Griff, führt die Staatsgeschäfte mit entschiedener Hand und pult sich nebenbei Essenreste aus den Zähnen. Bei einer Tasse Tee erholt sie sich. Elisabeths Alltag gleicht dem vieler Frauen.
Sidse Babett Knudsen spielt Maria als schnell denkende, nüchterne Frau, die vor allem mit Spielfreude um ihr Leben kämpft. Die Kerkerszenen finden rund um einen Schrank mit fehlender Rückwand statt. Wie Kinder versteckt sie sich hinter den Kleidern vor ihren Wächtern. Das Versteckspiel folgt keiner szenischen Logik sondern allein dem Gesetzt: Keiner darf mich sehen.
Bei der einzigen Begegnung der beiden Königinnen spielt sie erst hinter Elisabeths Rücken wie ein Boxer alle Schläge tänzelnd durch, um dann Elisabeth im Überraschungsangriff nieder zu knutschen. Sie lässt nichts unversucht. Sie könnten Freundinnen werden und Spaß haben, erkennt Maria schnell, wenn diese Männerwelt nicht andere Rollen vergeben hätte.

Die sechs Männer der Inszenierung sind entweder uralt oder extrem unattraktiv. Alle Männer variieren hier den Typ Popanz. Keinem möchte man sich anvertrauen müssen, weder seelisch noch körperlich. Beide Königinnen ertragen die körperlichen Annäherungsversuche ihrer Verehrer zähneknirschend. Sie brauchen das nicht. Doch diese Welt besteht nun mal auch aus Männern und deren Bedürfnissen. Ohne sie geht es leider nicht.
Hier liegt das gemeinsame Problem von Maria und Elisabeth. Vielleicht sollten sie eine Frauen-WG gründen? Aber gerade diese bodenständige Elisabeth von Ditte Gråbøl erfüllt wie alle Mütter der Nation ihre Pflicht. In dieser Interpretation gewinnt denn auch Maria, nicht weil moralisch erhabener ist, sondern weil sie früher aus diesem lästigen Leben scheiden kann. Elisabeth muss noch länger pflichtbewusst ihre Schäfchen zusammen und die Männer aushalten. Diese bodenständige Interpretation von Schillers Text ist eine besondere Farbe im Schiller-Rausch von Mannheim.

Es gibt sie noch, die guten Dinge.

Dienstag, 23. Juni 2009

Bei den Schillertagen meint das ein Gastspiel von „Die Räuber“, das nach den herkömmlichen Theaterregeln abläuft und ganz für Zeitgenossen von 2009 gedacht und gemacht ist.

Von Anne Richter

Es fängt schon gut an: Die Techniker von der Schaubühne aus Berlin tragen ein schwarzes T-shirt mit dem Aufdruck „Zeitgenossen“. Und wirklich, die Inszenierung von Lars Eidinger mit Schauspielschülern der Ernst-Busch-Hochschule Berlin und Urs Jucker als Vater und Pater aus dem Schaubühnen-Ensemble hält dem Anspruch, aus Schillers Räubern von 1782 Zeitgenossen zu machen, stand.

Die Räuber unter Berliner Himmel

Die Räuber unter Berliner Himmel

Die besondere Qualität dieser Arbeit fußt im Simultanbühnenbild von Christoph Rufer, das einen gleichzeitigen Ablauf der beiden Handlungsstränge um die konkurrierenden Brüder Karl und Franz ermöglicht. Die Brüder, die sich in Schillers Drama nie begegnen, sehen sich in dieser Inszenierung ständig in die Augen. Jeder handelt in seiner Welt, sprich im eigenen Bühnenbereich. Rechts ist etwas tiefer gelegt, der gepolsterte Fernsehraum im Schloss von Moor; links erhöht die Plattform für die Räuberbande, anfangs mit Biertisch bestückt und mit einem auch als Wachturm dienenden Baum als Böhmischer Wald.

Aber alles Denken und Handeln der Brüder dreht sich nur um den jeweils anderen, den man hier nicht nur vorm inneren Auge hat. Mit schneller Schnitttechnik verzahnt Lars Eidinger die parallel verlaufenden Szenen. Wachsam beäugen die jeweils Stummen das Spiel der anderen Partei.

In knappen zwei Stunden erzählt die Inszenierung von Lars Eidinger vom Untergang einer Familie. Am Anfang hängt Vater Moor bis zur Unbeweglichkeit als Tonne auswattiert vorm Fernseher. Trotz Beatmungshilfe ist jeder Atemzug von ihm eine hörbare Kraftanstrengung. Am Ende atmet der Vater – bis auf die Haut abgemagert ist hier im wörtlichen genommen – immer noch, nur seine beiden Söhne liegen tot in seinem Schoß.

Dazwischen proben die Räuber den Aufstand, Franz spinnt seine Intrigen und Amalia such Trost im Singstar. Der Einsatz und die Auswahl der Musik ist ein weiteres Qualitätsmerkmal der Arbeit: Rod Stewart, Simon and Garfunkel, Queen und Mariah Carey stehen für die großen Emotionen des Dramas. Aus Sicht von heutigen 22-jährigen, so alt war Schiller bei der Uraufführung und nicht viel älter sind auch die Darsteller auf der Bühne, sind diese Pop-Schnulzen „uralt“. Darum treffen sie genau den Punkt des Altmodischen, aber doch zeitlos gültigen der extremen Gefühle in Schillers hoher Sprache.

Altmodisch, ernst und doch brennend aktuell ist die Gruppe zorniger junger Männer gezeichnet, die gegen die Macht der Väter anrennt. Jeder für sich spielt eine volle Charakterstudie, deren Not man verstehen kann. Die Gruppendynamik von Jungendlichen funktioniert nach wie vor gleich. Nach dem Ausstieg, bei Schiller dem Gang in die Wälder, treten die Räuber in Unterwäsche und Waffen auf. Nun ähneln sie ihren Kollegen aus Stanley Kubricks Film „A Clockwork Orange“ und schlagen mit gleicher Härte und gleichem Überraschungseffekt zu. Auch das ist in seiner Konsequenz stimmig. Schillers Figuren sind Zeitgenossen, wenn sie auch etwas altmodisch sprechen.

Diese Inszenierung wurde in diesem Blog auch im Rahmen des Festivals „radikal jung“ in München am 19.4. besprochen. Der YouTube-Trailer der Inszenierung ist dort auch zu finden.

Alles nur zum Spaß – Welchen Zweck hat das Spiel?

Montag, 22. Juni 2009

Die Schillertage sind ein multimedialer Event geworden, bei dem alle mitspielen können.

Von Anne Richter

Am dritten Tag der Schillertage war wirklich alles im Spielen: Im Jobcenter hinter dem Nationaltheater hat der Berliner Künstler Ulf Aminde eine begehbare Installation mit Mitarbeitern und „Kunden“ des Jobcenters entwickelt. Der SWR2 sendet aus dem Theaterfoyer das erste Gesprächsforum seiner fünfteiligen Reihe „Schiller on Air“. Die letzte Schlacht um die letzte Karten für „Am Arsch, DIE RÄUBER“ war ausgetragen. Das Gastspiel „Kabale und Liebe“ vom Deutschen Schauspielhaus im NT und die Premiere von „Elisabeth Tudor – Homo Ludens – eine Rehabilitation“ in der Herz Jesu Kirche begannen pünktlich.

Und überall gibt es kleine Zwischenspiele:
Die britische Schauspielerin Lucy Ellinson, eine der Spielerinnen in „Homo Ludens“ steht im Tig7-Innenhof plötzlich mit einem Würfelbecher vor mir und möchte mir eine persönliche Erinnerung schenken. Ich würfle die Zwei und bekomme eine liebenswerte Begebenheit berichtet.
Kurz darauf am zentralen Schiller-Sandkasten stehen zwei junge Frauen vor mir und bitten um einen Geschichtsausdruck zum Gefühl Neid. Das Foto ist schnell gemacht und stehe ab morgen auf www.raeuberevent.de, sagen sie noch bevor sie sich dem nächsten Gefühlsspieler zuwenden.
Der riesige Schiller-Sandkasten vorm Nationaltheater ist durch den Regen gerade leer gefegt. Bis zum Regenguss wurde er aber vor allem vom jungen Volk bespielt. Er ist das ZIEL, zu dem aus der ganzen Stadt Spuren aus runden Flächen, also Spielfeldern, führen. Sie fordern auf: Rücke vor bis zum Spiel, im Sand oder im Theater. Der Sand ist nass, also nehme ich das Theater.

Die umworbene Amalie

Die umworbene Amalie


„Am Arsch, DIE RÄUBER!“

ist eine der vielen Produktionen, die die Schillertage in Auftrag gegeben haben. Ursprünglich waren die Schillertage ein Festival, das aktuelle Schiller-Interpretationen zusammen brachte. Seit Burkhard C. Kosminski mit seinem Team 2007 die künstlerische Leitung der Schillertage hat, sucht das Festival vermehrt Partner für gemeinsame Arbeiten. So kam es zu den beiden Premieren am Eröffnungsabend: die „Don Karlos“-Fassung von Calixto Bieito und „Am Arsch, DIE RÄUBER“ vom Helmi Theater aus Berlin.
Ich sehe die letzte Vorstellung bevor diese fröhlich anarchische Puppenspielfassung von Schillers Debütstück nach Berlin abreist. Die Räuberbande ist wie beim Helmi so oft ein wilder Schaumstoffhaufen, der gerne zur Gitarre greift. „Am Arsch, DIE RÄUBER!“ erklingt als Titel gebender Refrain, der den Haufen loser Gestalten immer wieder vereint.
Wie erwartet bei den Helmis ist in ihrer Fassung von „Die Räuber“ nicht viel von Schillers Text und Welt zu finden. Allein die Figuren und Grundkonflikte kennen wir.
Franz ist hier deutlich der kleine Bruder, der Karl nicht das Wasser reichen kann. Papa Mohr braucht Amalie und Franz, um sich in seinem Schloss und den TV-Kanälen zurechtzufinden. Sein riesiger Kopf spuckt aber immer nur die gleichen vier Buchstaben heraus: K A R L. Die Amalia-Puppe gleicht Miss Piggy aus der Muppet Show so sehr, dass es gar nicht verwundert, als Karl nach Jahren des Wartens im Wald Kermit, den Frosch bei laufender Sendung entführt, um wieder in Kontakt zu seinem Vater zu kommen.

Die Räuberbande besteht aus Pferd, Schnecke und wenigen Schillerfiguren, wie Karls Gegenspieler Spiegelberg. An dieser Puppe und seiner präzisen Führung und Sprachgebung durch Brian Morrow wird am deutlichsten, wie Puppenspiel das Theater bereichern kann: Die Siegelberg-Puppe hat die übliche Brille auf und einen großen Denkerkopf. Dieser kann aber einfach nach hinten wegklappen, wenn Spiegelbergs wahres Gesicht in Form eines kleinen, fiesen Monsters zum Vorschein kommt. Zwei ehrliche, entlarvende Sätze und – klapp – der öffentliche Spiegelberg-Kopf sitzt wieder. Da braucht keiner herum zu psychologisieren: ein Bild, ein Puppenbau-Effekt und alles ist gespielt.

Das macht Spaß, den Spielern wie den Zuschauern. Der Titel des SWR2 Gesprächsforums kommt mir wieder in den Sinn: „Alles nur zum Spaß – Welchen Zweck hat das Spiel?“ Die Zweck-Frage wäre jetzt aber die Metaebene, auf die wir uns – köstlich amüsiert – beim Helmi lieber nicht einlassen wollen.

Schillers „Homo Ludens“ und „Kabale und Liebe“ als Spiel

Sonntag, 21. Juni 2009

Das off-Theaterfestival „Schwindelfrei“ als Teilfestival der Schillertage wurde mit zwei Premieren am 20. Juni eröffnet. Beide fragen auf sehr unterschiedliche Art nach dem Verhältnis von Figur und Persönlichkeit des Darstellers.

Von Anne Richter

Die 15. internationalen Schillertage strahlen dieses Jahr in die ganze Stadt aus. Nicht nur das Nationaltheater bespielt alle seine Bühnen samt Probebühne und zahlreiche weitere Spielorte bis hin zum Job-Center der Stadt, auch die freie Theaterszene hat sich zum 250. Geburtstags von Friedrich Schiller mit ihren Theatertagen „Schwindelfrei“ ganz Schiller verschrieben. 10 Produktionen entstanden an 10 weiteren Orten zum Motto der Schillertage „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Zwei davon waren am ersten Schwindelfrei-Abend hintereinander zusehen, wenn man eines der Schiller-Fahrräder ergattern konnte. Dieser orange Schiller-Fuhrpark in der Stadt der Fahrraderfindung ermöglicht sinnvoll den zügigen Transport von einem Spielort zum anderen und trägt die Schillertage an jede Ampel.

Also auf ins TiG7, ins Theaterhaus in G7. Dort hat das Tig7-Ensemble mit dem Live Art-Theater „Third Angel“ aus Sheffield auf der Basis von Schillers Briefen zur „Ästhetischen Erziehung“ die theatrale Spielanordnung „Homo Ludens“ entwickelt. Gespielt wird auf einem Spielfeld mit 10 x 10 Spielfeldern. Jeder Zuschauer bekommt einen persönlichen Darsteller, mit dem er sich über das Spielfeld würfelt. Zur Einstimmung spielen die vier Zuschauer das britische Würfelspiel „Snakes and Ladders“, dann werden sie von ihrem persönlichen Akteur abgeholt. Die Regeln sind schnell erklärt: „Wir spielen nicht, um zu gewinnen – wir spielen, um zu spielen.“ und „Ich werde dich auf diesem Weg begleiten und dir alles erklären, was du unterwegs brauchst.“ Vier spielende Zuschauer würfeln sich und ihre persönliche Darstellerin immer zeitgleich auf dem Spielfeld nach oben.

Homo Ludens

Homo Ludens

Das Spiel startet im Geburtsjahr der jeweilige Darstellerin. Jeder Zuschauer würfelt sich über deren Tod hinaus durch ihr Leben, jedes Spielfeld entspricht einer Jahreszahl. Auf jedem erwürfelten Spielfeld bekommt man eine kleine Begebenheit aus dem Leben der Darstellerin in Hinblick auf eine technische Entwicklung erzählt. Diese sind beispielsweise das Buch, das Bett, die Badewanne oder aufnehmbare Musik. Diese sehr intime Lebensreise, in meinem Durchgang bis in das Jahr 2062, lädt zur Reflexion über persönliche Vorlieben und deren zufällige Weiterentwicklung durch gesellschaftliche Impulse ein. Die entspannten, vom Würfelzufall dramatisierten 45 Minuten machen Lust auf eine weitere Runde. Wie in Kindertagen möchte man „Noch mal!“ rufen.

Aber die Zeit drängt und das Schiller-Fahrrad ruft, auf in die Neckarstadt zur Theaterakademie. Dort haben die Dozenten der Schauspielschule Hubert Habig und Andreas Manz mit dem Schauspieler Gerhard Mohr und vier Schauspielschülern „Die Form vertilgt den Stoff – Kabale/Liebe/Form“ angekündigt. Für ihre erste Co-Regie haben sich die Regisseure mit ihrem Ensemble auch mit Schillers Briefen „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ beschäftigt. davon merkt man aber nicht viel.

Die Vorstellung bietet eine lose Szenenfolge aus „Kabale und Liebe“, die in ihrer Abfolge Schillers dramaturgischem Aufbau folgt und das Stück auch Nichtkennern präsentiert. Außer Schiller ist Peter Brooks Theaterbibel „Der leere Raum“ scheinbar bekannt, denn fünf Schauspieler, drei Textbücher und sieben Stühle spielen zwei Stunden im leeren Bühnenraum Schillers Texte. Szenen werden gespielt, unterbrochen, neu angelegt. Die Schauspieler diskutieren ihre Arbeitsweisen mit aufbrausenden Emotionen und fangen erneut an. Der Abend erinnert an ein gut gebautes Abschlussprojekt von Schauspielschulen. Qualitäten und Schwächen der Darsteller werden deutlich. Das Spiel im Spiel im Theaterraum wird betont und ausgekostet. Ein dichter „Kabale und Liebe“-Abend in bekannten Varianten ist entstanden. Wo vertilgt hier die Form den Stoff? Schiller behauptet sich hier spielend.

Familiendrama im Treibhaus als Eröffnung der Schillertage

Samstag, 20. Juni 2009

don-carlos-12

Schillers „Don Karlos“ hat Calixto Bieito zu einer Messe über Liebe, Triebe und Käfige eingedampft

Von Anne Richter

Ein großes Treibhaus steht auf der Bühne, davor ein Junge von der Straße: mit Kopfhörern singend und wippend empfängt er mit guter Laune das Publikum. Es ist Kronprinz Don Karlos. Er hat zwei typische Pubertätsprobleme: Er liebt die falsche, nämlich seine Mutter. (Schillerkenner wissen, dass Königin Elisabeth seine Stiefmutter ist.) Das zweite ist der alte Generationenkonflikt: Sein Vater König Phillip will ihn nicht als Mann anerkennen und an der Macht, sprich den Staatsgeschäften beteiligen. Wenn Don Karlos sich enttäuscht zu seinem Schmusetier oder seinem Sandspielzeug zurückzieht oder hormongesteuert auf seine Mutter losgeht, kann man die Entscheidung seines Vaters sogar verstehen. Diesem Kronprinz würde wohl keiner die Verantwortung über andere Menschen anvertrauen, geschweige denn ein Heer.
König Phillip ist der Pflanzenhüter in seiner Treibhauswelt. Hier wächst nichts natürlich, alles wird beschnitten, gedüngt und nur mit Handschuhen berührt. Seine pflanzlichen Samen gehen auf, denn sie sind von Leichen gedünkt. Menschen erblühen hier nicht. Für seine Frau und seinen Sohn ist das Treibhaus ein Gefängnis.
Der katalanische Regisseur Calixto Bieito hat mit seinem Regieteam den Stoff von Schillers „Don Karlos“ auf 100 pausenlose Minuten eingedampft. Sein Thema benennt er in seinem Untertitel: „Sorgen und Nöte einer spanischen Familie, die von den Königswürden der Vergangenheit und dem Elend der Gegenwart träumt.“ Calixto Bieito hat für seine „Don Karlos“-Inszenierung das Team und die Darsteller aus Barcelona vom koproduzierenden Teatre Romea mitgebracht. Die Schauspieler spielen auf Kastillisch, was bei den kommenden Vorstellungen in Barcelona sicher für Aufregung sorgen wird. In Mannheim kämpft man eher mit den schnellen deutschen Übertiteln, so dass einige selbst das berühmteste Zitat des Stückes „Geben sie Gedankenfreiheit!“ verpassen.
Aber um Schiller geht es Calixo Bieito auch nicht. Es geht ihm um den Kampf zwischen Freiheit und Totalitarismus. Klar dass dieser Kampf bei Calixo Bieito reichlich Anlass für Blut, Schlamm, Sex und Tränen gibt. Seine Regiemittel sorgen in der deutschen Opernszene regelmäßig für Empörung. Zur Eröffnung der Schillertage im Schauspiel gab es Standing Ovations. Hier wird erwartet, dass drastische Bilder für komplexe Gefühle gefunden werden.
Ausufernd ist sein eklektische Einsatz von Kunstmitteln aller Sparten. Die heilige Messe wird ebenso zitiert wie Popmusik. Das Treibhaus in seiner Architektur erinnert an eine Kirche mit Mittelgang und Seitenschiffen und ist von El Boscos Gemälde „der Garten der Lüste“ inspiriert. Bespielt wird aber vor allem die Rampe. Verdi und Ligeti erklingen ebenso wie „Pleased to Meet You“ von den Rolling Stones. Die Frauen tragen die historisch anmutenden Kostüme des 16. Jahrhunderts. Mit einem Blick ist klar, dass sie mit ihren Röcken kaum durch die Pflanzenkübel und Tische mit Triebpflänzchen kommen. Etwas leichter in Königs Phillips Welt habe es die Männer in ihren heutigen Kostümen. Die Sopranistin Begona Alberdi spielt und singt die Herzogin von Alba. Dass sie mit ihrer ausgestellten Körpersprache und ihrem klassischen Gesang keine Verbindung zum Marquis von Posa – in der auf Identifikation setzenden Darstellung von Rafa Castejon – herstellen kann, ist auch sehr schnell klar.
Die Gegensätze in Calixo Bieitos Karlos-Welt sind so groß und deutlich, dass der Schluss schon im Anfang liegt: Hier wird es eine Schlammschlacht ohne Gewinner geben.

Schiller kompakt

Donnerstag, 18. Juni 2009

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Lasst euch das nicht entgehen…!