Die Schillertage bieten wie viele Festivals die gute Gelegenheit den selben Text in unterschiedlichen Fassungen und Interpretationen zeitnah zu erleben. Schillers „Maria Stuart“ wurde in Mannheim in der Interpretation von zwei jungen Regisseurinnen vorgestellt. Ein Vergleich der weiblichen Sicht auf das Frauenstück über Ländergrenzen hinweg. Die eine Fassung kam aus Kopenhagen angereist, die andere war ein Beitrag des freien Theaters „SchmiedStegerWeberRausch“ aus Mannheim.
Von Anne Richter
Die freie Theatergruppe um Regisseurin Annette D. Weber lud in die Herz Jesu Kirche in der Neckarstadt-West zu „Elisabeth Tudor – Homo Ludens – eine Rehabilitation?!“ Der Abend basiert auf Schillers Drama „Maria Stuart“. Der Erfolg des Stückes liegt in der Konkurrenz der Hauptfiguren Maria Stuart und Elisabeth, Königin von England, und der bei Inszenierungen oft mitschwingenden Konkurrenz der Darstellerinnen.
Die Königin von Schottland Maria Stuart ist wegen Verwicklungen in den Mord an ihrem Mann aus dem Land gejagt worden. Sie hat bei Elisabeth Schutz gesucht, ist aber wegen Aufruhr gegen den englischen Thron eingekerkert worden. Schiller zeigt in seinem Drama die komplexen diplomatischen und menschlichen Verwicklungen der beiden Frauen und ihrer Berater. Bei Schiller erlebt Maria Stuart im letzten Akt ihren moralischen Triumph, indem sie das Urteil ihrer Enthauptung in freier Entscheidung annimmt, während Elisabeth in ihrem politischen Triumph vereinsamt zurückbleibt.

Elisabeth (Monika-Margret Steger) vorm jüngsten Gericht
Die Regisseurin Annette D. Weber und die Schauspielerin Monika-Margret Steger haben aus Schillers Drama nun ein Solo für Elisabeth gefiltert. Elisabeths Gegner ist hier ihr posthumes Bild in der Öffentlichkeit. Sie versuchen eine Rehabilitation, wie der Titel sagt. Am Tag des jüngsten Gerichts setzt sich Elisabeth mit ihrem Leben, ihrem Vermächtnis als Königin und Frau auseinander. Wo ginge das besser, als in einer katholischen Kirche. Die Zuschauer sitzen im Mittelschiff der Herz Jesu Kirche von drei Seiten um einen Tisch mit Akten herum. Wie aus einer anderen Welt steigt Elisabeth von der Orgelempore zu uns herab und spricht – immer mit Hall auf der technisch verstärkten Stimme – zu ihrem Publikum. 90 Minuten buhlt sie um Verständnis für ihre Entscheidungen. Sie verteidigt sich, denkt ihre Entscheidungen noch einmal durch und kommt zum bekannten Ergebnis: Maria Stuart muss sterben, doch die Verantwortung dafür will sie nicht übernehmen. Auch hier in der Kirche bleibt sie einsam zurück.
Monika-Margret Steger zeichnet ihre Elisabeth als unnahbare Frau. Ihre Versuche der Kontaktaufnahme sind ungeschickt, das Ertragen ihrer Leiden umso stolzer. „Ich meinte doch regiert zu haben, wie ein Mann – ein König.“ Unverstanden und verzweifelt über ihr Schicksal, das 45 Jahre Königspflichten bedeutete, endet auch dieser Versuch der Selbst-Rehabilitation. Damit ist diese Inszenierung sehr nah an Schillers Vorlage.

Elisabeth will Maria gar nicht sehen, Betty Nansen Theatret Kopenhagen
Auf den ersten Blick war die dänische „Maria Stuart“ näher an Schiller, auf den zweiten zieht sie den Text aber aus dem Theater in den Alltag: Aus Kopenhagen kam das Betty Nansen Teatret mit „Maria Stuart“ in einfachem, fast banalem Dänisch angereist. Immer wieder rutschen die Figuren in Slang ab, allen voran Königin Elisabeth, von der Arbeit ermüdet. Diese heutige, direkte, klare Sprache teilte sich in Mannheim natürlich nur einigen Muttersprachlern und Sprachkundigen mit, ist aber als Grundlage für die Inszenierung von Katrine Wiedemann wichtig. Denn diese ist vor allem direkt, klar und manchmal in ihren Regiemitteln auch bewusst banal.
Die Ausstatterin Maja Ravn hat entsprechend dem Konzept einen klaren Raum geschaffen, der zwischen Fitnessstudio und Schloss alle Assoziationen durch Projektionen suggeriert. Der Bühnenboden fällt schräg in den Zuschauerraum ab. Natürlich werden hier auch ein paar Figuren herunter fallen. Auf dem Parkett der Politik rutscht man leicht aus. In der Mitte der Spielfläche liegt ein Laufband, das für eine Verfolgungsjagd ebenso taugt wie zum Abtransport von Leichen. Wie im alten Hoftheater fahren Prospekte auf und nieder, die immer über dem Laufband einen Torbogen als Ausgang offen halten. Durch wechselnde Dekorprojektionen entstehen so Thronsaal und Teeraum, Flure und Parks. Die Seitengassen sind einsehbar, hier bereiten sich Menschen auf ihren Auftritt vor.
Maria Stuart und Elisabeth werden von zwei in Dänemark bekannten Komödiantinnen gespielt, die dort vielgeliebt und erfolgreich auf der Bühne wie vor der Kamera stehen. Auch diese Besetzung ist Programm: Ditte Gråbøl spielt Königin Elisabeth als Mutter am Küchentisch. Sie hat ihre Männer im Griff, führt die Staatsgeschäfte mit entschiedener Hand und pult sich nebenbei Essenreste aus den Zähnen. Bei einer Tasse Tee erholt sie sich. Elisabeths Alltag gleicht dem vieler Frauen.
Sidse Babett Knudsen spielt Maria als schnell denkende, nüchterne Frau, die vor allem mit Spielfreude um ihr Leben kämpft. Die Kerkerszenen finden rund um einen Schrank mit fehlender Rückwand statt. Wie Kinder versteckt sie sich hinter den Kleidern vor ihren Wächtern. Das Versteckspiel folgt keiner szenischen Logik sondern allein dem Gesetzt: Keiner darf mich sehen.
Bei der einzigen Begegnung der beiden Königinnen spielt sie erst hinter Elisabeths Rücken wie ein Boxer alle Schläge tänzelnd durch, um dann Elisabeth im Überraschungsangriff nieder zu knutschen. Sie lässt nichts unversucht. Sie könnten Freundinnen werden und Spaß haben, erkennt Maria schnell, wenn diese Männerwelt nicht andere Rollen vergeben hätte.
Die sechs Männer der Inszenierung sind entweder uralt oder extrem unattraktiv. Alle Männer variieren hier den Typ Popanz. Keinem möchte man sich anvertrauen müssen, weder seelisch noch körperlich. Beide Königinnen ertragen die körperlichen Annäherungsversuche ihrer Verehrer zähneknirschend. Sie brauchen das nicht. Doch diese Welt besteht nun mal auch aus Männern und deren Bedürfnissen. Ohne sie geht es leider nicht.
Hier liegt das gemeinsame Problem von Maria und Elisabeth. Vielleicht sollten sie eine Frauen-WG gründen? Aber gerade diese bodenständige Elisabeth von Ditte Gråbøl erfüllt wie alle Mütter der Nation ihre Pflicht. In dieser Interpretation gewinnt denn auch Maria, nicht weil moralisch erhabener ist, sondern weil sie früher aus diesem lästigen Leben scheiden kann. Elisabeth muss noch länger pflichtbewusst ihre Schäfchen zusammen und die Männer aushalten. Diese bodenständige Interpretation von Schillers Text ist eine besondere Farbe im Schiller-Rausch von Mannheim.