Blog „Schultheater der Länder“

Schultheater der Länder 24.09.2009

Donnerstag, 24. September 2009
Foto: Julia Hambach

Foto: Julia Hambach

stropft
Pulli weg, Hose aus, Gummistiefel an: „S´tropft“ aus Hessen

„So Leute, jetzt zieht euch mal aus, in ´ner viertel Stunde geht’s los“, ruft Ede Müller seinen Schülern aus der Jacob-Grimm-Schule Kassel zu. Und tatsächlich, die Jugendlichen aus der 13. Klasse tun was er sagt: Pulli weg, Hose aus, Gummistiefel an und rein in den Bademantel. Frisch muss es um die nackten Waden sein, und es wird noch viel frischer, denn es kommt, was kommen muss. Alles was in Bademantel vor dem Brunnen auf dem Schaarmarkt steht, liegt nach fünf Minuten drinnen. Schnell wird klar: In diesem Stück geht es um Wasser.

Foto: Julian Christian

Foto: Julian Christian

Fasziniert beobachtet das Publikum die verschiedenen Assoziationen. Sinnlos mäkelnde Inspektoren, Wasserschleppende Sklaven – Komik aber auch bitterer Ernst machen das nasse Theater abwechslungsreich und spannend. Darstellerische Elemente sind gezielt und wirkungsvoll eingesetzt, sowohl Sprache als auch Pantomime finden einen ausgewogenen und natürlichen Platz in der Produktion.

Der Respekt für die Hemmungslosigkeit der jungen Schauspieler weicht ein wenig der Skepsis. Als sie das Brunnenwasser trinken, stellt sich die Frage: Warum? Der Spruch „Einheit durch Reinheit“, den die Akteure rufen, prägt sich zwar ein, steht jedoch im Widerspruch zu dem dreckigen Wasser. Auch das „s’tropft“ des klitschnassen Inspektors verdeutlicht die unsinnige Kuriosität einiger Figuren. Hinterher frage ich mich: Welche Message das Stück wohl hatte? Ich kann keine erkennen und bin irritiert. Bis mir einfällt, dass Theater vielleicht auch einfach mal nichts sagen, sondern nur wunderbar unterhalten will.

Malena Pflock

Foto: Merle Maurer

Foto: Merle Maurer

Sind das Maikäfer, oder was?!

„AFX“, ursprünglich „auF-WEicHEn“, findet im Park Fiction seinen Platz

„Nö, ich weiß nicht, was dat da eben sollte, die ham ja nich ma geredet“, beschwert sich ein „Ureinwohner“ Hamburgs. Er sitzt mit seinen Pfandflaschen und ein paar anderen Obdachlosen auf der Parkbank und hat die Performance der Bremer beobachtet. „Das soll Theater sein? Die hüpfen nur durch die Gegend, wie Maikäfer, die reden doch gar nix“, empört er sich. Als ich ihm beschreiben will, was ich alles gesehen habe und anfange über Integration und Individualität zu reden, winkt er ab: „ Ach Mädchen, komm mir nich mit solchen komplizierten Wörtern.“ Dabei beschäftigte sich die  13. Klasse aus Bremen, zusammen mit ihrem Choreographen Marco Jodes und ihrer Kursleiterin Anja Engel, mit den ganz alltäglichen sozialen Fragestellungen und Problemen. Sie erarbeiteten gemeinsam eine Tanzperformance über Abgrenzung und Integration im Alltag, das Wechselspiel von Mit-, und Gegeneinander.

Foto: Merle Maurer

Foto: Merle Maurer

Mit wenigen Worten, einigen Rhythmen und viel Bewegung tanzen sie durch den ganzen Park Fiction. Mal steht jeder für sich allein, mal lehnen sich zwei aneinander, mal lassen sich alle auf ihrem Lebensweg verprügeln, sie stürzen, stehen wieder auf, bleiben liegen und kriechen zurück zum Ausgangspunkt des Stückes. Das Ende wird wieder zum Anfang und das Leben rollt weiter, als sei nichts geschehen. Es werden keine Antworten gefunden, aber das Publikum kann  letztendlich sicher sein, dass wir alle, während des Balanceaktes durch unser Leben nicht allein sind.

Nachdenkliche und kritische Gesichter im Publikum. Nicht ganz lückenlos war die Kommunikation zwischen Akteuren und Zuschauern. Ob Tick-Spiele und Bockspringen es wert sind, uns als Theater, als Kunst gezeigt zu werden, ist fraglich, solange man nicht versucht weiterzudenken, den Zusammenhang zu sehen. Denn natürlich geht es sogar beim Ticken auch um „du!“ und „ich“. Dass der Kurs der Integrierten Stadtteilschule Leibnizplatz in dem ganzen Wirrwarr von Kommunikation zumindest das „Wir“ gefunden hat, wird während der Performance allerdings sehr deutlich.

Malena Pflock

Schultheater der Länder 22.09.2009

Mittwoch, 23. September 2009
Das Jüngste Gericht (NRW)    Foto: Marvin Sander

Das Jüngste Gericht (NRW) Foto: Marvin Sander

Vorhang zu! – Die Sachsen voll im Modetrend

Menschenmassen wuseln durch eine Konsumwelt, die es gar nicht gibt. Ihnen werden Label vorgegaukelt, die nicht existieren. Kleider machen Leute – das heißt, dass Menschen von Kleidern gemacht werden. Oder sollte man seine Modesünden beichten und sich davon befreien?
Mit diesen und anderen Themen beschäftigt sich die Theaterproduktion „Vorhang zu!“ des Bundeslandes Sachsen unter der Regie von Armin Beber. Die Zuschauer werden von einigen Schülern durch das Kaufhaus und zu Umkleidekabinen geführt. Sie erhalten einen Zettel mit Informationen zum Stück. Schnell wird klar: Das Theaterstück ist kein zusammenhängendes Bühnenstück, sondern besteht aus mehreren kleinen Szenen, die sich mit verschiedensten Themen rund um Mode beschäftigen. Die Szene „Vergeben und Vergessen“ wartet mit einem „personifizierten Modepapst“ auf. Ihm kann man wie in einem Beichtstuhl vorangegangene Modesünden eingestehen.
„Nackte Tatsachen“ hieß eine weitere eindrucksvolle Szene: Nach jeder Strophe der Live- Musik zog ein Darsteller ein Kleidungsstück aus. Er sang dabei: „Nackt sehen wir doch alle gleich aus.“ Bei der Hose entfloh er schamerfüllt. Wollte er individuell bleiben? Viel Spielraum für Interpretationen und auch viel Spaß waren definitiv bei allen Szenen dabei.
„Wir beiden alten Schachteln“, wie sich zwei zuschauende Damen nannten, überließen den Jugendlichen gern den Spielraum. Ulrich Hesse, der vor 24 Jahren das Schultheater der Länder ins Leben rief und bei der „Aufführung“ dabei war, konnte sie überreden einfach mitzuwirken. Eine der Damen hatte über dreißig Jahre lang im Alsterhaus gearbeitet und erzählte glücklich, wie das Ohnsorg Theater den Stoff für den Theatervorhang im Alsterhaus kaufte. Der Vorhang hängt heute noch.
Alles in allem war das Stück „Vorhang zu!“ eine gelungene Beobachtung der Modeszene und ihrer Wirkung auf die Menschen. Die Stimmung war wohlwollend, allenfalls die Kameraleute, die „SdL“ begleiten, hatten wohl einen anstrengenden Vormittag und beschwerten sich über laute Unterhaltungen während des Stückes.

Tobias Lentzler

Schultheater der Länder 2009

Dienstag, 22. September 2009
Foto: Miriam Kohlhase

Foto: Miriam Kohlhase

Das Schaarmarkt-Spektakel
Lächelnde Gesichter und erstaunte Ausrufe

„Sie kommen! Sie kommen!“, rief jemand auf dem Schaarmarkt und tatsächlich ein entferntes, wummerndes „tschaka-bumm“ der Trommeln war bereits zu hören. Wir setzten unsere Masken auf, schminkten die letzten Gesichter und gingen dann über 300 Schülern aus ganz Deutschland entgegen, die sich hier in Hamburg zur Schultheater-der-Länder-Woche versammelt haben. Wir, das ist die Circusschule „Tribühne“, die auf dem sonntäglichen Spektakel neben anderen Darbietenden ein bisschen ihr Können zeigte. Ich, das ist das Mädchen im „Kleinen-Zeitvogel-Kostüm“, und zufällig auch Redakteurin der SPOT. Eigentlich sollte dies ein Artikel über das gesamte Schaarmarkt-Spektakel werden, doch unglücklicherweise bekam ich weniger unter der Filzmaske mit, als ich bereits befürchtete. So kommt es, dass ich hier zwar erzählen kann, dass die Bigband echt gut spielte, und die Rhythmus-Klatschspiele die Stimmung hoben, aber auch nicht viel mehr.

Foto: Miriam Kohlhase

Foto: Miriam Kohlhase

Anfangs waren die Zuschauer alle noch ein bisschen angestrengt und der ein oder andere dachte bei sich: „Wieso sitzen wir hier und gucken uns das Getanze und Gesinge an, wo wir doch alle schon eine Anreise und andere anstrengende und spannende Dinge hinter uns haben.“ Wohl deshalb begann unsere Akrobatik-Nummer mit etwas trägem Applaus. Doch je länger die drei Artistinnen auf der Bühne tanzten, turnten, und auf eine so andere Weise als die euch altbekannte Theater spielten, desto öfter konnte ich lächelnde Gesichter sehen und Ausrufe des Erstaunens hören. Am Ende großer Applaus und Gejohle, wie man es gerne hört.
Als unsere Auftritte vorbei waren und wir zusammengepackt hatten, verschwitzt, mit Eis in der Hand, am Rand standen und den Luftballons beim Davonfliegen zuschauten, war ich mir sicher, dass bereits in diesem Moment jeder fühlen konnte, dass diese Woche für Alle etwas Besonderes werden würde.

Von Malena Pflock

Foto: Merle Maurer

Foto: Merle Maurer

Vom Regen zum Sonnenschein – Das Radioballett Ligna

Die Landungsbrücken: Sonntag, viertel nach vier. Eine Horde von wildgewordenen Jugendlichen stürmt den Anlegeplatz der Fähren. Sie hüpfen, verstecken sich, legen sich auf den Boden, tanzen und horchen in ihre Radios, um neue Anweisungen zu bekommen. Passanten bleiben verdutzt stehen, blicken sich fragend um, manche gehen mit einem Kopfschütteln weiter. Den Hamburgern kommt dieses Spektakel vielleicht bekannt vor: Das Radioballett Ligna – so nennen die Initiatoren Ole Frahm, Michael Hüners und Thorsten Michaelsen. Erstmals fand es im Juni diesen Jahres im Rahmen von „Theater macht Schule“ statt. Doch damals herrschten andere Voraussetzungen. Der Himmel war grau, es regnete, und kalt war es dazu auch noch. Dennoch hielten die 100 teilnehmenden Schüler durch. Ihre Show war ihnen gelungen – sie hatten die ungeteilte Aufmerksamkeit des Publikums auf den Landungsbrücken. Dieses Mal hatten sie mehr Glück: Der Himmel war blau, die Sonne schien, warm war es schon den ganzen Tag. Diesmal jedoch schauten den jungen Künstlern nicht nur Hamburger, sonder auch Schüler der anderen Bundesländer zu, die im Laufe der Woche selbst Stücke in der Hansestadt aufführen. Zwar mussten die Künstler dieses Mal mit ein paar Einschränkungen leben: Sie dürfen nicht schwanken, nicht zu nah ans Wasser heran und kein Absperrband benutzen. Dennoch war das Radioballett wieder einmal ein großer Erfolg.

Foto: Merle Maurer

Foto: Merle Maurer

Die Menschen hielten an und wunderten sich. „Was ist das denn für ein Tohuwabohu?“ wurde gefragt. Manche schauten zu oder gingen einfach weiter oder versuchten bewusst, dieses verrückte Schauspiel nicht zu beachten. Andere Passanten tanzten freudig mit als sie aufgefordert wurden, und holten schnell ihr Radio heraus, stellten es auf die magische Frequenz 93,8, und machten mit, so gut sie konnten. Trotz des großen Erfolges im Juni hatten die Teilnehmer nicht mit dem Andrang gerechnet, der sie dieses Mal erwartete. Ob es wohl am autofreien Sonntag lag, an der Sonne, oder an den Gerüchten um eine weitere Aufführung Lignas, lässt sich schwer sagen. Fest steht jedoch, dass ein großes Publikum die Performance miterlebt und sie bewundert hat, und dabei offen für mehr oder weniger spontane Radiodurchsa- gen war. Einen sensationellen Auftakt für die Woche des „Schultheater der Länder“ hat Hamburg auf jeden Fall hingelegt. Alles was unsere Ligna-Teilnehmer nun tun müssen, ist von der Rolle der Bewunderten in die Rolle der Bewunderer zu schlüpfen. Und natürlich – ihren Gästen gute Gastgeber sein.
Von Anais Kakrow-Mohr

Spiel:Platz=Stadt:Raum

Montag, 21. September 2009

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Schultheater der Länder