
Foto: Julia Hambach
stropft
Pulli weg, Hose aus, Gummistiefel an: „S´tropft“ aus Hessen
„So Leute, jetzt zieht euch mal aus, in ´ner viertel Stunde geht’s los“, ruft Ede Müller seinen Schülern aus der Jacob-Grimm-Schule Kassel zu. Und tatsächlich, die Jugendlichen aus der 13. Klasse tun was er sagt: Pulli weg, Hose aus, Gummistiefel an und rein in den Bademantel. Frisch muss es um die nackten Waden sein, und es wird noch viel frischer, denn es kommt, was kommen muss. Alles was in Bademantel vor dem Brunnen auf dem Schaarmarkt steht, liegt nach fünf Minuten drinnen. Schnell wird klar: In diesem Stück geht es um Wasser.

Foto: Julian Christian
Fasziniert beobachtet das Publikum die verschiedenen Assoziationen. Sinnlos mäkelnde Inspektoren, Wasserschleppende Sklaven – Komik aber auch bitterer Ernst machen das nasse Theater abwechslungsreich und spannend. Darstellerische Elemente sind gezielt und wirkungsvoll eingesetzt, sowohl Sprache als auch Pantomime finden einen ausgewogenen und natürlichen Platz in der Produktion.
Der Respekt für die Hemmungslosigkeit der jungen Schauspieler weicht ein wenig der Skepsis. Als sie das Brunnenwasser trinken, stellt sich die Frage: Warum? Der Spruch „Einheit durch Reinheit“, den die Akteure rufen, prägt sich zwar ein, steht jedoch im Widerspruch zu dem dreckigen Wasser. Auch das „s’tropft“ des klitschnassen Inspektors verdeutlicht die unsinnige Kuriosität einiger Figuren. Hinterher frage ich mich: Welche Message das Stück wohl hatte? Ich kann keine erkennen und bin irritiert. Bis mir einfällt, dass Theater vielleicht auch einfach mal nichts sagen, sondern nur wunderbar unterhalten will.
Malena Pflock

Foto: Merle Maurer
Sind das Maikäfer, oder was?!
„AFX“, ursprünglich „auF-WEicHEn“, findet im Park Fiction seinen Platz
„Nö, ich weiß nicht, was dat da eben sollte, die ham ja nich ma geredet“, beschwert sich ein „Ureinwohner“ Hamburgs. Er sitzt mit seinen Pfandflaschen und ein paar anderen Obdachlosen auf der Parkbank und hat die Performance der Bremer beobachtet. „Das soll Theater sein? Die hüpfen nur durch die Gegend, wie Maikäfer, die reden doch gar nix“, empört er sich. Als ich ihm beschreiben will, was ich alles gesehen habe und anfange über Integration und Individualität zu reden, winkt er ab: „ Ach Mädchen, komm mir nich mit solchen komplizierten Wörtern.“ Dabei beschäftigte sich die 13. Klasse aus Bremen, zusammen mit ihrem Choreographen Marco Jodes und ihrer Kursleiterin Anja Engel, mit den ganz alltäglichen sozialen Fragestellungen und Problemen. Sie erarbeiteten gemeinsam eine Tanzperformance über Abgrenzung und Integration im Alltag, das Wechselspiel von Mit-, und Gegeneinander.

Foto: Merle Maurer
Mit wenigen Worten, einigen Rhythmen und viel Bewegung tanzen sie durch den ganzen Park Fiction. Mal steht jeder für sich allein, mal lehnen sich zwei aneinander, mal lassen sich alle auf ihrem Lebensweg verprügeln, sie stürzen, stehen wieder auf, bleiben liegen und kriechen zurück zum Ausgangspunkt des Stückes. Das Ende wird wieder zum Anfang und das Leben rollt weiter, als sei nichts geschehen. Es werden keine Antworten gefunden, aber das Publikum kann letztendlich sicher sein, dass wir alle, während des Balanceaktes durch unser Leben nicht allein sind.
Nachdenkliche und kritische Gesichter im Publikum. Nicht ganz lückenlos war die Kommunikation zwischen Akteuren und Zuschauern. Ob Tick-Spiele und Bockspringen es wert sind, uns als Theater, als Kunst gezeigt zu werden, ist fraglich, solange man nicht versucht weiterzudenken, den Zusammenhang zu sehen. Denn natürlich geht es sogar beim Ticken auch um „du!“ und „ich“. Dass der Kurs der Integrierten Stadtteilschule Leibnizplatz in dem ganzen Wirrwarr von Kommunikation zumindest das „Wir“ gefunden hat, wird während der Performance allerdings sehr deutlich.
Malena Pflock





