- „Größe?“
- „1 Meter 75.“
- „Gewicht?“
- „55 Kilo.“
- „Wie würden Sie sich selbst definieren?“
- „Orangenhaut.“
Das ist der Steckbrief der namenlosen Hauptrolle (Britta Firmer). Zwischen nackten 90-60-90-Schaufensterpuppen mit Körbchengröße 75B versucht sie zu sich selbst zu kommen. Welches Frauenbild ist für sie das richtige? Wer sollte sie sein? Sie beginnt als Partymädchen, wird zur Musterfrau eines erfolgreichen Fußballspielers und „endet“ letztlich als alleinerziehende Mutter. Jede Rolle versucht sie anzunehmen, aber jede Rolle bleibt Rolle; sie fühlt sich in keiner wohl.
„Die Orangenhaut muss weg“
Von den zwei weiteren ebenfalls namenlosen Protagonistinnen (Nicole Averkamp, Sophie Lutz) wird sie in den Schönheitssalon gezwängt: Die Orangenhaut muss weg! Alle drei hängen an Geräten, die Haut soll gestrafft werden: „Das Alter sagt heute nichts mehr über das Aussehen aus.“
Auch die Liebe scheitert am Schönheitswahn und der eigenen Unzufriedenheit, denn als herauskommt, dass der erfolgreiche Fußballspieler „keinen hochbekommt“, ist schnell klar: Es liegt an der Frau. Sie ist das Problem, denn sie liebt ihren Körper nicht genug.
Aber nicht nur ihre Freundinnen aus dem Schönheitssalon wissen, wie sie ihre Eheprobleme lösen könnte. Auch die Frauenzeitschriften halten gute Ratschläge parat: Kochen Sie für ihn, verwöhnen Sie ihn. Und letztlich findet die Protagonisten sich umgeben von Stimmen wieder, die ihr vorschreiben, wie sie zu sein hat: Sei schön, sei klug, sei erfolgreich, sei entspannt, sei mystisch, sei verschlossen, sei verführerisch…
„Die Orangenhaut sollte das Symbol der Weiblichkeit sein“
Jetzt reicht‘s! Um sich zu befreien entschließt die mittlerweile schwangere Frau, sich ihre Identität zurückzuholen: Orangenhaut. Sie sollte das Symbol der Weiblichkeit sein, denn welche Frau hat keine Orangenhaut? Und während ihre Schönheitsfreundinnen immer noch an den Haut-Straffungs-Geräten hängen, züchtet sich die Hochschwangere wieder ihre Orangenhaut. Doch auch so wird sie nicht mehr glücklich. Verlassen von ihrem Mann wird sie zur allein-erziehenden Mutter. Schlussendlich wird sie sich darüber klar, dass sie sich unbedingt selbst gefallen muss. Nur, ist das nicht so einfach.
“Orangenhaut” als Beispiel des weiblichen Kontrollwahns
„Orangenhaut“ ist ein Stück, dass wohl nur von Frauen wirklich zu verstehen ist. Namenlos sind die Protagonistinnen. So stehen sie für jede Frau. Der Blick in den Spiegel, der zu knappe Bikini vom letzten Jahr und die sich fortentwickelnde Orangenhaut ziehen jede Frau mehr oder minder stark in ihren Bann und jede Frau versucht, ihren Körper und damit sich selbst unter Kontrolle zu bekommen. „Wie kann man sein Leben unter Kontrolle haben, wenn man nicht einmal seinen Körper unter Kontrolle hat?“ – Diese Frage scheint nicht nur Hauptgedanke in „Orangenhaut“, sondern auch in den Köpfen von Frauen ausschlaggebend zu sein. Die Folge darauf ist oft die ständige Kontrolle des Körpers – nicht nur bei den schon vielen ernsthaft Erkrankten. Was bei den einen das Kalorienzählen ist, ist bei den anderen der Verzicht auf bestimmte Lebensmittel, ein Zwang zum regelmäßigen Sport oder – wie im Stück – der Gang in den Schönheitssalon. Nur wer hat hier eigentlich wen unter Kontrolle?
Die gescheiterten Versuche, den Körper und damit auch das Leben in geregelte Bahnen zu lenken, werden durch die Inszenierung (Regie: Mirja Biel) wunderbar gezeigt: Das Tempo von Bewegungen und Text wird dazu genutzt, Hysterie und Gehetztsein anzuzeigen, die Textlautstärke macht das Auf und Ab der Gefühle deutlich. Das schnelllebige Stück ist dank der drei grandiosen Schauspielerinnen, trotz einiger Versprecher, raffinierter Kostüme und einem einfachen, aber einfallsreichen Bühnenbild ein kurzweiliges Vergnügen und geht stellenweise bis unter die (Orangen-)Haut.
Kora Blanken





