Blog „Spieltriebe Osnabrück 2009“

Maja Pelević: Orangenhaut

Montag, 7. September 2009
  • „Größe?“
  • „1 Meter 75.“
  • „Gewicht?“
  • „55 Kilo.“
  • „Wie würden Sie sich selbst definieren?“
  • „Orangenhaut.“

Das ist der Steckbrief der namenlosen Hauptrolle (Britta Firmer). Zwischen nackten 90-60-90-Schaufensterpuppen mit Körbchengröße 75B versucht sie zu sich selbst zu kommen. Welches Frauenbild ist für sie das richtige? Wer sollte sie sein? Sie beginnt als Partymädchen, wird zur Musterfrau eines erfolgreichen Fußballspielers und „endet“ letztlich als alleinerziehende Mutter. Jede Rolle versucht sie anzunehmen, aber jede Rolle bleibt Rolle; sie fühlt sich in keiner wohl.

„Die Orangenhaut muss weg“

Von den zwei weiteren ebenfalls namenlosen Protagonistinnen (Nicole Averkamp, Sophie Lutz) wird sie in den Schönheitssalon gezwängt: Die Orangenhaut muss weg! Alle drei hängen an Geräten, die Haut soll gestrafft werden: „Das Alter sagt heute nichts mehr über das Aussehen aus.“

Auch die Liebe scheitert am Schönheitswahn und der eigenen Unzufriedenheit, denn als herauskommt, dass der erfolgreiche Fußballspieler „keinen hochbekommt“, ist schnell klar: Es liegt an der Frau. Sie ist das Problem, denn sie liebt ihren Körper nicht genug.

Aber nicht nur ihre Freundinnen aus dem Schönheitssalon wissen, wie sie ihre Eheprobleme lösen könnte. Auch die Frauenzeitschriften halten gute Ratschläge parat: Kochen Sie für ihn, verwöhnen Sie ihn. Und letztlich findet die Protagonisten sich umgeben von Stimmen wieder, die ihr vorschreiben, wie sie zu sein hat: Sei schön, sei klug, sei erfolgreich, sei entspannt, sei mystisch, sei verschlossen, sei verführerisch…

Die Orangenhaut sollte das Symbol der Weiblichkeit sein“

Jetzt reicht‘s! Um sich zu befreien entschließt die mittlerweile schwangere Frau, sich ihre Identität zurückzuholen: Orangenhaut. Sie sollte das Symbol der Weiblichkeit sein, denn welche Frau hat keine Orangenhaut? Und während ihre Schönheitsfreundinnen immer noch an den Haut-Straffungs-Geräten hängen, züchtet sich die Hochschwangere wieder ihre Orangenhaut. Doch auch so wird sie nicht mehr glücklich. Verlassen von ihrem Mann wird sie zur allein-erziehenden Mutter. Schlussendlich wird sie sich darüber klar, dass sie sich unbedingt selbst gefallen muss. Nur, ist das nicht so einfach.

“Orangenhaut” als Beispiel des weiblichen Kontrollwahns

„Orangenhaut“ ist ein Stück, dass wohl nur von Frauen wirklich zu verstehen ist. Namenlos sind die Protagonistinnen. So stehen sie für jede Frau. Der Blick in den Spiegel, der zu knappe Bikini vom letzten Jahr und die sich fortentwickelnde Orangenhaut ziehen jede Frau mehr oder minder stark in ihren Bann und jede Frau versucht, ihren Körper und damit sich selbst unter Kontrolle zu bekommen. „Wie kann man sein Leben unter Kontrolle haben, wenn man nicht einmal seinen Körper unter Kontrolle hat?“ – Diese Frage scheint nicht nur Hauptgedanke in „Orangenhaut“, sondern auch in den Köpfen von Frauen ausschlaggebend zu sein. Die Folge darauf ist oft die ständige Kontrolle des Körpers – nicht nur bei den schon vielen ernsthaft Erkrankten. Was bei den einen das Kalorienzählen ist, ist bei den anderen der Verzicht auf bestimmte Lebensmittel, ein Zwang zum regelmäßigen Sport oder – wie im Stück – der Gang in den Schönheitssalon. Nur wer hat hier eigentlich wen unter Kontrolle?
Die gescheiterten Versuche, den Körper und damit auch das Leben in geregelte Bahnen zu lenken, werden durch die Inszenierung (Regie: Mirja Biel) wunderbar gezeigt: Das Tempo von Bewegungen und Text wird dazu genutzt, Hysterie und Gehetztsein anzuzeigen, die Textlautstärke macht das Auf und Ab der Gefühle deutlich. Das schnelllebige Stück ist dank der drei grandiosen Schauspielerinnen, trotz einiger Versprecher, raffinierter Kostüme und einem einfachen, aber einfallsreichen Bühnenbild ein kurzweiliges Vergnügen und geht stellenweise bis unter die (Orangen-)Haut.

Kora Blanken

Achterbahnfahrt in innere Abgründe – DIE REISE INS INNERE DES ZIMMERS. Auftakt der Route 4

Sonntag, 6. September 2009
Verena Fitz, Saskia Boden, Oliver Meskendahl

Verena Fitz, Saskia Boden, Oliver Meskendahl

Ein Theaterabend beginnt bekanntlich nicht selten mit der Öffnung eines Vorhangs. Aber dass dieser sein Publikum dazu persönlich begrüßt und seinen Job rechtfertigt ist eine rare Angelegenheit. Zudem ist der Vorhang weiblich, ein wenig exzentrisch und intriganter Natur. Seltsam. Der polnische Theaterautor Michal Walczak nutzt den Vorhang (Verena Fitz) um seinem Stück DIE REISE INS INNERE DES ZIMMERS einen Rahmen zu geben.

In Marie Bues` Inszenierung ist das Zimmer reiner Trash. Zwei Glitzerfadenvorhänge – jene praxisfernen Raumteiler, die gerne einmal in Haaren oder Essen hängen bleiben – lassen nur einen partiellen Blick auf einen altbackenen Polstersessel nebst staubig vergilbter Stehleuchte zu.
Der 32-jährige Jerzy Haut (Dominik Lindhorst) findet in dieser bescheidenen Behausung seine erste eigene Mietwohnung. Jüngst an einen Job gekommen, will der übereifrige Pole sein Nest für ihn und Freundin Elka (Saskia Boden) einrichten. Kaum eingezogen wandert Elka allerdings zu Hauts bestem Freund Gold (ein charmant egozentrischer Friedrich Witte) ab und auch sein Job geht an den Freund mit Goldzahn über. Am Boden zerstört verbarrikadiert Haut sich in seiner abstrusen Wohnung, eigenartige Geschehnisse nehmen ihren Gang. Ist die Wohnung Schuld oder spielt sich alles nur in Hauts Kopf ab? Dominik Lindhorst ist großartig als Wandler zwischen Irritation, Realitätsverlust und dem stetigen Versuch, die Orientierung wieder zu finden. Eigenartige Besuche betreten die Wohnung wie aus dem Nichts. Der ominöse Vermieter Herr von Aussen, das Zwitterwesen Vatermutter – ein Zusammenschluss seiner Eltern in einem Körper (Thomas Schneider ist wunderbar komisch und wandelbar in einem inneren Diskurs zwischen Vater und Mutter) – das schonungslos rücksichtslose Paar Gold und Elka und zuletzt der Vorhang und sein intriganter Partner Judas. Oliver Meskendahl spielt als Judas ein Wesen von der Art eines Puck, aber mit der Häme eines Jago. Mit enger Leggins und Afro-Frisur schleicht er sich devot und doch bestimmend in Hauts Wohnung, die für ihn zum einzigen, skurrilen Universum mutiert ist. Gemeinsamen verstricken die beiden Rahmenhandlungsfiguren Haut in ein wahres Drama, Judas sieht in ihm Stoff für eine richtige Tragödie und treibt ihn in den Wahnsinn. Sind die Figuren real? Sie sind personifizierte Wahnvorstellungen und zugleich jene Elemente eines Dramas, die unabdingbar sind: Die Intrige und der Vorhang und sie schaffen sich ihre eigene Tragödie auf ihrer Bühne und im Kopf Hauts. Irgendwann ist die Wohnung zu einem Paralleluniversum verkommen, in dem Blumen zwischen Tapeten wachsen und Traum und Realität verschwimmen. Eine rasante Talfahrt der menschlichen Zurechnungsfähigkeit. Am Ende schwinden die imaginären Figuren, aber eine Wahnvorstellung bleibt leider real: Der erstochene Gold und seine Freundin im Hausmülleimer.
Regisseurin Marie Bues inszeniert eine fantastische und zugleich bestürzende Traumwelt, sinnlich und ästhetisch und doch mit einer guten Portion Humor. Ihren Reiz erhält die Inszenierung aber vor allem durch die starken Leistungen der Schauspieler. Aber Haut müsste kein Pole sein, seine Wohnung hätte ebenso gut in Serbien oder Spanien stehen können. Menschliche Abgründe sind scheinbar übernational.

Merel Neuheuser

DUNKLE WELTEN: EIN ERLEBNISBERICHT

Sonntag, 6. September 2009

MEINE SEELE ANDERSWOWenn eine Reise mit dem Titel DARK CROSSING beginnt, sollte man das ernst nehmen. DARK CROSSING, so heißt das musikalische Werk, das am Anfang der Route 2 steht. Mark-Anthony Turnages dunkle Kreuzung in drei Etüden, gespielt in der alten Reithalle der verlassenen Winkelhausenkaserne, mutet tatsächlich ganz schön düster an. Viele schrille und dumpfe Töne, Tempuswechsel, ein beinahe hetzjagdartiger Gang. Bedrohung wird erzeugt. Dann verklingt das Stück langsam und wir verlassen die Kreuzung. Beim zweiten Stück von Turnage treffen Chorgesang und Orchestermusik zusammen. Es handelt sich um eine Vertonung des Ingeborg-Bachmann-Gedichts „Das Spiel ist aus“ – THE GAME IS OVER, erklärt uns der Dirigent. Eine wirklich schöne Komposition, melodisch und warm. Und doch: Die dunklen Töne aus DARK CROSSING bleiben im Kopf hängen. Es ist fast so, als würden sie in den Ohren weiterhallen, während wir zum nächsten Spielort gehen.

Eben noch den staubigen Sand von der Kleidung streifend, betrete ich nun den Teppich des ehemaligen Kasinos. In einem rot gestrichenen Raum steht eine Dame im roten Mantel. Hier wird das Schauspiel A(II)Rh+ gezeigt, ja, A(II)Rh+, genau wie die Blutgruppe. Diese Blutgruppe hält ein Mann für die beste Blutgruppe, die es gibt. Er arbeitet bei der Blutspende. Außerdem hält er sein Land und sein Volk für das beste der Welt, er glaubt sich als wahrer Patriot. Darum spuckt er in jede Blutkonserve, die aus „nationaler“ Sicht nicht „einwandfrei“ ist. Aber was ist das eigentlich, hundertprozentig national? Vor allem in einem Vielvölkerstaat? Vor allem in einem Europa, das wächst, in dem der Austausch verstärkt werden soll? Der Mann ist nicht nur Rassist, er ist auch Tyrann. Er unterdrückt seine Frau und schlägt seine Tochter. Die rote Dame spielt seine Frau, doch ihrem Text kommt nur vor, was er denkt und was er sagt. Regisseur Markus Bauer hat den Monolog auf beide Darsteller verteilt. Durch Überschneidungen und Wiederholungen des Textes sind die Texte noch eindringlicher. Das Kind wird gar nicht dargestellt. Das vermittelt besonders intensiv, wie egal es dem Mann ist. Der Mann ist auch Egoist. Nachdem er die Tochter halb totgeschlagen hat, schlägt er die rettende Konserve aus, sie entspricht nicht seinen Vorstellungen. Und per Tonband die Feststellung des Kindes: „I suck. You suck. We suck.“ So muss ein schlechter Mensch scheitern und ein unschuldiger dafür büßen. Schluss.

Nur mit den schlechten Menschen, mit denen ist noch nicht Schluss. Es folgt José Manuel Moras MEINE SEELE ANDERSWO. Wir gehen zum ehemaligen Gelände der Militärpolizei. Aber nicht alle gleichzeitig, denn an einer Grenze müssen wir nun alle aus dem Starterkid unseren Pass vorzeigen. Ich bin heute Staatsangehörige der Republica Moldova. Der vermeintliche Grenzsoldat sagt mir, dass ich den dunklen, den gefährlichen Weg nehmen muss. Mit ein paar anderen Leuten wage ich mich über Schienen und an Warnschildern vorbei, die mir sagen: Halte dich fern. An einer zweiten Grenze, symbolisiert durch ein gelb-schwarzes Sperrband, fordert uns ein zweiter „Grenzsoldat“ auf, zu warten. Neben uns vorbei laufen über den „sicheren“ Weg die Engländer und andere Westeuropäer, ohne weiter aufgehalten zu werden. Energisch beschwert sich eine ältere Dame. Sie wolle jetzt weiter. Als jemand „Die Grenze ist offen“ ruft, ergreifen alle mutig die Flucht nach vorne, weiter geht’s. So viel also zu den Unterschieden des europäischen Lebens. In einer riesigen Garage hat Regisseur Thorleifur Arnarsson MEINE SEELE ANDERSWO inszeniert. Auf einem Bett, neben einem großen Erdhügel, seinem Stück Land, liegt Antonio. Er ist alt, aber er hat Sex mit einem Kind, einem Mädchen. Sein Sohn weiß davon. Er schaut ihnen zu. Auch seine Frau Manuela weiß davon, aber sie bleibt bei ihm. Weil es wohl so kommen musste, heiratet der Sohn das Mädchen, ihr Kind nennen sie Manuela, Manuela, die gerne bei ihrem Großvater ist. Hier hat man darstellerisch eine geschickte, wenngleich unheimliche Entscheidung getroffen: Katrin Stephan spielt nicht nur die alte Manuela, ist stellt auch die junge Manuela dar. Ein Charakterwechsel, der gelingt.
Das Mädchen hasst und liebt Antonio, sie kann nicht ohne ihn. Deshalb kann sie den Sohn, ihren Mann nicht lieben. Aber ist dieser deshalb der Leidtragende, er, der zugeschaut hat? Das Stück fragt danach, wer in dieser Situation überhaupt Opfer ist, und wer Täter. Wer ist beides? Selbst Antonio hält sich nicht aus, er bringt sich um. Der Schatten seiner perversen Handlungen aber ist so riesengroß wie die Schatten der Darsteller an der Wand der Garage: Schier unüberwindbar. Wie die Kreuzung zu Beginn, so dunkel sind auch die Welten, die die Stücke der zweiten Route zeigen. Ich bin froh, von der kalten Garage in den warmen Bus zu kommen, aber ich weiß: über diese Welten muss man noch eine Weile nachdenken.

Bettina Weber

“MISSION: LONDON”

Samstag, 5. September 2009

Der bulgarische Botschafter Varadin Dimitrov bekommt einen wichtigen Auftrag. Seine Mission: Er soll nach London reisen, um unter den dort lebenden Bulgaren Ordnung zu schaffen. Das ist auch anscheinend dringend notwendig, denn dort gibt es nur eins: Chaos. Den Bürgermeister von Provadija trifft er im Adamskostüm an, ein lange geplantes, wichtiges Konzert wurde schon zweimal verschoben und der gescheiterte Schauspieler Tolomanov, sein Mafiakumpane „Das Brüderchen“ und der ängstliche Koch Baničarov wissen nicht wohin mit ihren aus dem Tierpark gestohlenen Enten. Was tun? Dimitrov versucht das Chaos unter Kontrolle zu bringen: „Ich dulde keine Fehler mehr!“, schreit er kurz nach seiner Anreise von einem Tisch herunter. Er will den Ruf der Bulgaren im Westen unbedingt verbessern. Also nimmt er sich auch des Konzertes an und erreicht es, über eine Agentur sogar die Queen zu einzuladen. Wirklich die Queen? Nein, es ist nur ein Double. Das Chaos lichtet sich nicht, sondern wird jetzt gar perfekt. Dimitrov befindet sich auf einer „Mission impossible“.

Mission: EUROPA

Popov zeichnet in seinem Buch, Regisseur Sebastian Hirn auf der Bühne Stereotype nach: Faul liegen die bulgarischen Männer und Frauen in der Botschaft herum, rühren sich kaum. Das Konzert zu organisieren, scheint eine unüberwindbare Aufgabe zu sein, an der man aufgrund von mangelnder Organisation scheitert. Aber auch die westlichen Stereotype führen keinesfalls zum ersehnten Ziel. “Positives Denken ist die Grundlage jedes Erfolgs, negatives Denken ein Erbe des Sozialismus”, sagt sich Botschafter Dimitrov. Und wenn er mit diesem, dem westlichen “Gedankengut” entnommenen Spruch, nicht weiter kommt, versucht er es mit Zahlentherapie. Aber beide stereotypen Wege erweisen sich als bloße Farce. Und wo die einen bereits resigniert haben, muss auch Dimitrov letztlich erkennen, dass er versagt hat. Das Konzert findet zwar statt, aber endet in einem heillosen Durcheinander und schließlich ist jeder auf seine Art und Weise gescheitert. Ist die “Mission: EUROPA” also eine “Mission impossible”?

Mission: SPIELTRIEBE 3

In “Mission: London” erweist sich die “Mission: EUROPA” als “Mission impossible”. Das Stück zeigt, was Popov selbst bei Spieltriebe 3 in Osnabrück sagte: “Wir sind alle Opfer unserer Stereotypen und Komplexe”.

Irgendwie scheinen wir Europäer nicht zusammenzupassen: Die Westeuropäer werfen den Osteuropäern Versagen durch Faulheit und Unorganisiertheit vor. Andersherum lähmt die westeuropäische Bürokratie das Fortkommen, das aufgesetzte “positive Denken” unterdrückt wahre Gefühle und die zu hohe Eigenerwartung muss zum Versagen führen.

Es wird wohl noch eine Zeit dauern, bis wir unsere Komplexe abbauen können und die Stereotype der anderen nicht mehr als bloßes Negativum erkennen, sondern aus ihnen zu lernen versuchen und damit gemeinsam erfolgreich werden zu können. Denn das bietet uns Europa.

Spieltriebe 3 hat diese Mission angenommen. Nicht umsonst wählt sie “Mission: London” als Rahmenstück der Veranstaltung. Wird in “Mission: London” aufgezeigt, wie Europa nicht funktionieren kann, zeigt das Festival, wie es funktionieren kann: Austausch ist der wahre Schlüssel zum Erfolg EUROPA. Die Stücke, die auf dem Festival gespielt werden, stammen aus ganz Europa. Das Publikum kann in ihnen erkennen, womit sich die anderen Länder beschäftigen, kann die Autoren direkt ansprechen, fragen, warum sich ein serbisches Stück nicht mit der Kosovo-Frage, sondern mit dem scheinbar so banalen Thema “Orangenhaut” beschäftigt. Kennen wir die Situation der anderen, werden wir vielleicht bald mehr miteinander anfangen und zusammenwachsen können. Mit Spieltriebe 3 gelingt das auf kultureller Ebene schon in diesen Tagen – MISSION POSSIBLE!

Kora Blanken

Ein kurzer Reisebericht von Kroatien nach Holland

Samstag, 5. September 2009


Sie ergießen sich in das Foyer, hektisch, denn ihr Bus könnte ohne sie fahren! Saßen die Zuschauer beim Start des Festivals SPIELTRIEBE 3 noch allesamt auf der nigelnagelneuen Bestuhlung des Theaters am Domhof und sahen gemeinsam den ersten Teil von MISSION:LONDON, müssen sie nun in fünf verschiedenen Lagern in das Theater-Outback. Will heißen: Weg von den bekannten Bühnen, hin zu ungewöhnlichsten Spielorten.

Mit bunten Regenschirmen bestückte Damen bringen Ordnung in das Chaos und führen die unruhige Menge wie Chinesische Reiseführer zu den entsprechenden Bussen. „Die Pinke Route nimmt bitte Bus Eins und Zwei“ weisen die Schirmchenträger ihre Gruppe ein. Für Unterwegs gibt’s dann noch für jeden ein Europa-Starter-Kit mit Weingummis, essbarem Eurotaler und ein Europawahlschein zum Selberbasteln der EU, natürlich originalgetreu laminiert.

Nach gut zehn Minuten Fahrzeit erreichen Bus Eins und Zwei die Winkelshausen-Kaserne, eine Kaserne mit den gefühlten Ausmaßen einer Kleinstadt, die erst kürzlich von ihren Bewohnern, den britischen Militärs, verlassen wurde. Quasi eine Geisterstadt. Umso mehr Verwirrung entsteht, als Soldaten mit Maschinengewehren die Busse passieren lassen. „Die sind doch eigentlich schon abgezogen“ wundert sich eine Beifahrerin nicht leise genug. Natürlich sind sie das! Das soll so, denn wenn auch makaber, ist die Begrüßung die richtige Einstellung zum ersten Stück der pinken Route – das Schauspiel FRAGILE der kroatischen Autorin Tena Štivičić.

„Fühlt sich nicht wie Heimat an!“

An einer ehemaligen, mit Gras bewucherten, Tankanlage werden die Zuschauer aus den Bussen gebeten und in eine kleine Halle geführt, die den Charme eines Panzerdepots verströmt. Die Stühle sind so eng an das hintere Ende der Halle gedrängt, dass das Publikum Hintern an Hintern in den tiefen Raum, bestückt mit einer Vielzahl an höheren oder niedrigeren Podesten, blickt. Julia Köhn, in der Rolle der Kroatin Mila, probt derweil bereits ihre Empfangworte am Mikrofon. Dann nimmt das mitunter bedrückende Stück seinen Gang. In London treffen verschiedene Balkan-Migranten aufeinander, sie alle suchen eine neue Heimat fern ihrer Heimat mit großen Erwartungen. Einer nach dem anderen müssen sie ihre Hoffnungen begraben, sie werden ihre Vergangenheit nicht los und irgendwie ist auch die neue Heimat kein befriedigender Ersatz. „Kein Mensch will, dass wir hier sind. Sind wir glücklicher als Zuhause?“ ist das kühle Resümee des Serben Marko (Steffen Gangloff). Dabei lungern derart düstere Schatten in der Geschichte der Figuren, wie es für unsereins kaum vorstellbar ist: Tiascha wurde Opfer eines Osteuropäischen Menschenhandels, Markos Vater verdiente einst das große Geld mit dem Krieg und Kriegsreporter Eric zerriss es in Bosnien eine Niere. Aber diese düsteren Schatten langen nur scheinbar nebensächlich in die Handlung, denn jetzt geht es für alle Figuren darum, ihre Träume und Wünsche im gemeinsamen Europa zu finden. Bis sie verstehen, dass ihr Leben im Jetzt und nicht im ersehnten Später stattfindet, müssen sie alle durch eine harte Schule.

Regisseurin Corinna Sommerhäuser scheut nicht die gnadenlose Auseinandersetzung mit den extremen Gegensätzen aus Wünschen und Realität. Auf Monitoren sind Kriegsszenen zu sehen, dröhnende Elektro- Musik wirkt erschütternd in Kombination mit der alten Lagerhalle und den schrecklichen Bildern auf den Fernsehern. Aber auch die Komik kommt nicht zu kurz, als Kriegsreporter Eric aus dem Himmel, ein Tor öffnet sich und die Tankanlage ist versehen mit einer Mutter Maria-Statue und einigen Kreuzen, über die tödliche Wirkung von Zigaretten spricht.

Nach eifrigem Applaus geht es in die wohlverdiente Pause auf der Route. Nur wenige Meter entfernt ist eine Pausenstation mit Möglichkeit zur leiblichen Verpflegung errichtet. An der Toilette, im schummrigen Rotlicht, steht eine vermeintliche Prostituierte – so ganz lässt einen das Stück nicht los!

Und dann ist man irgendwie schon fast in Holland. Nein, kein Käse, aber eine Runde Probe-FAHRRADFAHREN FÜR MALAWI, denn diesen Namen trägt das Stück des niederländischen Autors Nathan Vecht. Auf skurrilsten Fahrrädern (und Harley-Fahrradfahren ist ein Erlebnis!) strampelt man sich durch die düstere Geisterstadt. Erinnert irgendwie an Arno Schmidts SCHWARZE SPIEGEL.

Bereits eingestimmt auf das kommende Schauspiel geht es aber erst einmal zu der Tanztheaterproduktion PART ONE OF TWO, PART TWO OF ONE der neuen Tanztheatercheffin Nanine Linning. In einer nüchternen Sporthalle auf dem Kasernengelände zeigt das junge Ensemble ein atemberaubendes Spektakel – Schnell und kraftvoll und doch anmutig und sanft. So könnte es aussehen, wenn Katzen tanzen!

„Tasse Suppe kann mich mal!“

Und dann marschieren doch noch alle zu FAHRRADFAHREN FÜR MALAWI in einer Inszenierung von Julia Heinrichs. Irritierend ähnlich sieht diese Sporthalle der vorherigen, aber sie ist ein Block weiter! Eine pfiffige Idee erwartet den Zuschauertrupp hier. Klassisch Sporthalle gibt es hier eine Tribüne und da gehören Zuschauer nun mal hin. Direkt davor steht ein Turm, auf derselben Höhe, offensichtlich eine Dachterrasse. Auf dem Turnhallenboden steht ein Meer an Weingläsern, seltsam leuchtend. Knicklichter sind der Grund und eine Sisyphosarbeit für den Requisiteur.

Inhalt der kurzen (50min) Satire ist ein Abend des Pärchens Trude und Hannes auf der neuen Dachterrasse mit ungebetenem Besuch. Bis ins Detail ist Trudes und Hannes´ Abend organisiert und inszeniert, vom Foto über die Gesprächssituationen. Blöd nur, dass der Kümmel fehlt. Und dann kommt immer alles anders als man denkt. Anstelle vom befreundeten Pärchen kommt die leicht verstörte Nachbarin Olga zu Besuch und lässt sich nicht abschütteln. Stück für Stück demontiert sich der inszenierte Abend, bis der Schein innerhalb kürzester Zeit der nackten Realität weichen muss: Hannes geht multipel fremd und Trude hängen ihre Weltverbessereraktionen „Fahrradfahren für Malawi“, „Bücher für Burundi“ und „Tapas für Teenagermütter“ zum Hals raus. Warum Menschen anderswo helfen, wenn das eigene Leben doch den Bach runtergeht? „Mir hat ja auch nie ein Afrikaner geholfen mein Waschbecken anzubringen, warum soll ich dann einen Brunnen in Afrika errichten?“ fragt Trude. Bitterschwarzer Humor kommt vom Kabarettisten Nathan Vecht, aber der Zeitgeist ist am Kragen gepackt. Julia Köhn entwickelt sich als Trude von der aufgesetzten Society-Dame zur fuchswilden Furie. Dem Publikum gefällt das Kammerspiel, der Applaus scheint kein Ende nehmen zu wollen. Muss er aber, denn Route Pink ist spät dran und alle warten bereits bei Heimkehr auf den letzten Trupp. Und dann werden die Routen Rot, Blau, Pink, Orange und Grün wieder zu Gelb, sprich: alle gehen in den zweiten Teil von MISSION: LONDON.

Merel Neuheuser

VON ABGRÜNDIGER SCHÖNHEIT UND MENSCHLICHER ABGRÜNDIGKEIT: ROUTE 1

Samstag, 5. September 2009

GOTT IST SCHÖNHEIT

VER-RÜCKT

Verrückt ist der Maler Vilho Lampi, verrückt ist seine Kunst, ver-rückt sind die Perspektiven. Kristian Schmeds Stück „Gott ist Schönheit“, gegliedert in zehn Bilder, zeigt einen Künstler, der überall in der Welt und in allen Möglichkeiten der Kunst sein göttliches Ideal von Schönheit zu erfüllen sucht – vergeblich. Zu hoch sind seine Ansprüche, zu hartnäckig hält er daran fest. Bei jedem Bild verfolgt er begeistert eine Idee: Ein Kindergemälde, ein Espenblatt – eigentlich kann doch alles zum perfekten Kunststück werden. Aber nichts erfüllt seine Erwartungen. Die Verzweiflung wächst.

Regisseur Jan-Christoph Gockel lässt den durchgedrehten Vilho gleichzeitig von zwei Schauspielern darstellen. Frei nach dem Motto: Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele? Fast scheint es, als gehe die Regie denselben Weg wie der Künstler: Auf der Suche nach Neuem und einmalig Schönem wechseln immer wieder Monologe, Dialoge, Musik-, Ton- und Filmaufnahmen. Das alte Kino der Von-Stein-Kaserne wird zum Wald, zu Finnland, zum Louvre. Der Kameramann muss plötzlich ins Rampenlicht und die Zuschauer lesen Dialoge. Wie in der Kunst gilt es, sich vom Gängigen zu lösen, um befreit Neues schöpfen zu können. So wird das Einzelschicksal zum Vorbild und zumindest für die Inszenierung gilt: das Ergebnis ist gelungen.

LEBENDE BILDER

Die Schönheit der ursprünglich-menschlichen Natur zeigen Nanine Linnings zehn Installationen „Tableaux Vivants“ in den Kellerräumen des ehemaligen Supermarkts der Von-Stein-Kaserne. Wer die dunklen Räume betritt, findet vielfältige Orte lebendiger Bilder vor. Hier verkörpern die Tänzer die Musik von Violinen, dort verschwimmen sie mit einem Wandbild oder sie bewegen sich roboterartig durch die Kulisse. Individuelle Lichtinstallationen sorgen dabei für eine abstrakte Szenerie.

In einem Raum erklärt die neue Tanztheaterleiterin Osnabrücks per Filminstallation ihr Choreographie-Konzept: Sie fordert eine Reduktion der Bewegungen auf das Natürliche und bisweilen Tierische. Wer sich bis zum Animalischen vorwage, lasse alle kulturellen Hüllen fallen. Erst dann würden die Tänze „echt“. Und das sind sie alle, die Performances.

VERLANGEN – VERLUST – ERLÖSUNG: EIN DREI-STUFEN-PLAN

Jesse plant, die Welt zu retten. Weil er spürt, dass er sich für den Job bewerben und beweisen muss, macht er sich auch gleich auf den Weg. Doch es ist bereits fünf vor Zwölf: Auf den Straßen herrscht ein traurig-grausames Chaos, kurz vor dem Jüngsten Gericht. Passend zum Titel des Stücks: „Apocalypso“ (Gastspiel der Toneelacademie Maastricht). Es tümmeln sich Prostituierte, Junkies, Alkoholiker, kurzum: die Verlierer des Lebens. Und alle schauen dem drohenden Unheil nur zu. Daran kann auch Jesses Drei-Stufen-Plan nichts ändern: Nach dem Verlangen kommt der Verlust, erst dann kann Erlösung folgen. Aber es gibt ein Problem: Niemand legt Wert auf Erlösung. Statt andere retten zu können, wird Jesse beschimpft, bespuckt, geschlagen. Seine hochschwangere Prostituiertenschwester Marie erwürgt derweil Freier und Konkurrentinnen, ein Junkiemädchen kriegt von Jesse ein Kind und wird doch nicht erlöst. Am Ende bleibt die leise Hoffnung, dass aus dem ungeborenen Kind Maries und dem Neugeborenen Jesses in der Zukunft eine vielleicht bessere Familie entstehen könnte – oder auch nicht. Indem Regisseur Domien an der Meiren das Drama Jibbe Willems in der düster-kalten Atmosphäre der Alten Turnhalle auf dem Gelände der Metzer-Kaserne inszeniert, wirken die menschlichen Abgründe besonders düster. Mitunter aufgerüttelt und verstört, zuweilen auch mitleidig und resigniert muss der Zuschauer mit ansehen, wie die Leute ins Verderben rennen. Ein Aufruf zu mehr Menschlichkeit.

Bettina Weber

Spieltriebe 3

Freitag, 4. September 2009

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Morgen startet der Blog zu den Osnabrücker “Spieltrieben 3″! Viel Spaß beim Reinschauen und Mitreden!!!