Blog „THE WORLD IS NOT FAIR – Die große Weltausstellung 2012“

Die ganze Welt in Tempelhof

Donnerstag, 28. Juni 2012

Tanz im QuartierAussichtsturm im FestivalzentrumDas rotweiße LogoDas FeldQuartier TafelZuschauer im FestivalzentrumDie letzten 3 Wochen war Weltaustellung in Tempelhof. Das HAU macht Staffelübergabe und feiert Performing Arts Feuerwerke. Eins davon war  „the world is not fair“ auf dem Tempelhofer Flugfeld.

Das Tempelhofer Flugfeld ist ein riesiger leerer Platz mitten in Berlin, zwischen Neukölln und Tempelhof. Bis vor 5 Jahren wurde hier noch Flugzeug geflogen, heute ist es ein großer, windiger Park um den sich ganz Berlin zankt. Die einen wollen hier bauen, die anderen wollen, dass es frei bleibt und sich darauf Stadtkultur entwickelt. Die Guten wollen das zweite, die Bösen das Erste. Und die Guten vom HAU haben da jetzt ein paar Wochen Performance Buffet veranstaltet. Während sich zwei streiten hat der Dritte Zeit auf dem Tisch zu tanzen.

15 „Pavillions“ wurden aufgestellt.Entweder fast frei stehende Installationen wie das begehbare Daumenkino von Rabih Mroués „Double shooting“ oder fest getacktete Performances wie die von Toshiki Okada und „machina ex“.

(Zu „Doubleshooting“ sowie zu „unable to see“ von Toshiki Okada findet ihr mehr, weiter oben im Blog!)

Machina ex ist eine performancegruppe aus Hildesheim, die es sich zur Mission gemacht hat Computerspiele theatral ins echte Leben zu übersetzen. Sie haben den alten Hundezwinger der Flughafenhunde besetzt und daraus einen Gameparcour gebastelt. Es riecht nach Hund, obwohl es die seit Jahren dort nicht mehr gibt. Eklig aber faszinierend. Wir werden zu einem Aussichtstrum geführt und ab dem Moment werden aus uns paar Fremden wird schnell eine Gruppe gemacht, unser Team für das Spiel. Das Spiel ist: Die Welt ist schon längst untergegangen, es hat nur keiner bemerkt. Gott hat schon lang das Handtuch geschmissen und „Metatron“, sein Assistent sollte diese Nachricht bereits längst verkündet haben. Der aber weigert sich und sperrt seit jeher alle, die Wahrheit verraten wollen, in ein dunkles Gefängnis. Durch knifflige Aufgaben können wir als Team die Häftlinge befreien und der Welt die Wahrheit sagen. Das gelingt uns auch und nach 20 Minuten werden wir wieder als Einzelgäste auf das helle, friedliche gottverlassene, bezaubernde Tempelhofer Feld entlassen.

Mit dem Fahrrad tatsächlich nur knapp nebenan, ein riesiger Fernseher auf dem junge Performer eine sich über den gesamten Festivalzeitraum erstreckenden Seifenoper erfinden und sie nonstop spielen. Die südafrikanische Künstlerin Tracy Rose hat den Blaupunkt- TV der während ihrer Kindheit in der Zeit der Apartheid ihr Tor zur Welt war, überlebensgroß nachgebaut. Ihre 3 Wochen- Performance gab dem Festival auch seinen Namen. „The world is not fair“. Ein Spiel mit –die Welt wie sie eben ist, not fair- und was sie in den normalen „Weltaustellungen“ versucht zu sein. Eine Messe. Die Welt ist keine Messe.

Jeden Abend zum Sonnenuntergang gab es eine kleine Ausklangsperformance von Tamer Yigit und Branka Prlic, dem Quartier 52.4697°N 13.396°E. Sie schufen während des Festivals eine Versammlungsstätte für Menschen ohne festen Wohnsitz, in diesem Fall waren die meisten Sinti und Roma aus Rumänien und Bulgarien, die es seit dem EU Beitritt dieser Staaten in den Westen zieht. Ein kreisrundes Holzrotunde in der aus umgebauten Campingwagen selbstgemischtes Essen und Trinken verkauft wurde. Teile der täglichen Performance waren selbstgeschriebene und selbst gelesene Texte der dort Wohnsitzlosen Kinder und Jugendlichen. Alles sehr einfach und selbstgemacht und damit die volle Ladung Authenitizität. Zumindest fühlt es sich so an. Die Performancebesucher saßen inmitten des Camps und hörten zu. Zum Sonnenuntergang wurde von den bulgarischen und rumänischen Jungs Musik aufgelegt und die Zuschauer tanzten tatsächlich ohne Ausnahme, zögernd aber eben doch, ganz ein bißchen fröhlich, in die Abendsonne.

Am Rande des großen Flugfeldes fand man das „Festivalzentrum: Umschichten“. Ein sich stetig verwandelnder Ort mit Live Musik verschiedener internationalen Art live Acts. Ich war Samstag Nachmittags da und In einem Fall herrschte ein 3 stündiges Percussionsfeuerwerk. Nebenan gab es einen kostenlosen Aerobic Workshop auf der Wiese für alle Festivalbesucher, die sportlich und mutig genug waren mitzumachen. Zu sehen gab es im Festivalzentrum außerdem einen bunten Aussichtsturm, Pläne wie die Weltkruste aussehen könnte, picknickende Kunststudenten und Fußball spielende Neuköllnern.

Insgesamt war die Veranstaltung „the world is not fair“ gar nicht zu fassen. Ein sich wandelndes Biotop das sich stetig verändernde Performances beherbergte. Das Tempelhofer Feld ist ein so riesiges Feld, fast alles wirkt winzig auf ihm. Die einzelnen Performance- Stätten lagen weit voneinander entfernt. Und weit heißt: zu Fuß 20 Minuten. Was zu der Empfehlung führte, das Festival mit dem Fahhrrad zu besuchen. Das machten die meisten auch und so hatte das Ganze etwas von einer Fahrradtour durch eine geheime Welt.

Geheim weil, nicht nur die Welt wirkt winzig auf so einem MegaFeld- auch die Besucherzahlen. Man sieht immer wieder vereinzelte Kulturinteressiert  aussehende Menschen mit dem Fahrrad fahren. Man weiß nicht, sind das Parkbesucher oder Performance Besucher?

Und das stimmte für mich auch für das heilige „Insgesamt“: Die Welt schreit angeblich ein großes Lautes. Aber seh ich mich um, sehe ich einzelne radelnde Einzelne, die im Frühling durch einen Park fahren.

Wenn die Welt meinem Kopf auf dem Schoß springt.

Dienstag, 19. Juni 2012



Die begehbare Instalation von Rabih Mroué: Double Shooting

Double shooting

Die Sonne geht langsam unter. Nur noch eine halbe Hand voll Fahrrad fahrenden Besuchern finde ich auf dem Tempelhofer Feld. Sind es nicht mehr oder SEH ich nicht mehr, weil das Feld so groß iat? Eine Frage die mich durchgehend beschäftigen wird. Ein leerer Platz mit ewigen Weiten und Leeren. Vereinzelt, hier und da, ein Häuschen. So viele Dinge und Sachen und doch komm ich mir Einzeln vor in der Welt und auch Hier. Das ist doch kein Zufall.

Die Sonne ist bereits halb unten und ich suche eigentlich nur schnell den Weg zur Sonnenuntergangsperformance von Tamer Yiğit und Branka Prlić. Ein blonder, sehr junger Installationsbewacher Der Installation “Double shooting” von Rabih Mroué, steht als einziger zuständig Aussehende weit und breit auf dem Feld. Ich frage ihn nach dem Weg, genau wie in den nächsten Minuten noch vier andere Fahrradfahrer nach mir. Meiner Wahrnehmung nach, die Einzigen auf der ganzen Welt. Sie fahren alle vorbei, ich steige ab und will mir das Bewachte Objekt ansehen. Allein nur, weil ich es unfassbar exklusiv finde, eine ganze Installation nur für mich zu haben. Und tatsächlich war das die beste Idee die ich haben konnte.

Nachdem mir der freundliche Bewacher den Weg verraten hat gehe ich also in einen bebilderten Holztunnel.  Rabih Mroué hat youtube nach Handyvideos von Demonstranten aus Syrien durchforstet. Und dieses hier gefunden: Es zeigt einen Demonstranten oder Reporter der einen Scharfschützen film. Dieser erkennt ihn als “Feind”, sieht ihn, zielt auf ihn und drückt ab. Der filmende Demonstrant fällt zu boden, wir sehen den blauen Himmel. Seine Kamera liegt offenbar auf dem Boden. Rabih Mroué hat das Video in 72 Einzelteile zerlegt und es wie ein Daumenkino zum hineinlaufen aufgebaut. Ich laufe durch den Tunnel und sehe dem Scharfschützen ins Auge. Ich sehe wie er auf mich zielt. ich weiss genau, was jetzt gleich passieren wird. Ich habe es gerade auf der Erklär-tafel am Eingang gelesen. Ich laufe langsamer, als wolle ich mich vor dem drohenden Schuss schützen. Ich laufe weiter, er hat sich zum Schießen positionier. Ich ganz alleine in dem Bildertunnel. Krkshkschk.

In dem Moment in dem der Schuss vom Foto fällt, trete ich auf ein Wellblechbogen und muss aufschreien. Ich wusste der Schuss würde passieren, aber das Geräusch des metallenen Wellbleches hat seinen Job getan. Ich gehe weiter und bin wieder auf dem leeren Feld, auf dem es scheinbar nichts anderes gibt als Weite und Ruhe. Ich wurde gerade erschossen.

Ich laufe vor zum Bewachenden blonden Jungen, um ihn zu fragen ob das ein wirklich “echtes” Video ist. Denn zu wissen, “naja, das ist ein Schauspieler gewesen” würde das Video für mich halb so erschütternd machen und mein Schreck wäre wie Angst vor Ketchup. Auf der Tafel steht das verwirrenden Wort “Re-inszenierung”. meine Recherche konnte auch kein klares Bild geben. Ist es nachgestellt? oder Echt und nur in der Form re-inszeniert? Quasi, von Video einfach auf Lebensgroß-Daumenkino gesetzt? die Antworte blieb mir der blonde Junge, das Web und die Weltaustellung schuldig und ich bin mir fast sicher, ist auch besser so.

Für mich ist es echt und diese Minute im Tunnel das mit Abstand beeindruckenste und bewegenste Erlebnis dieser Weltausstellung.

Der Rückweg den man zurücklegt, nachdem man den Schuss einmal durchlebt hat, führt außen, an der Rückseite der Einzelbild-Aufsteller, entlang. Auf ihnen stehen Zitate aus dem Manifest der Dogma Filmer von 1995 und Regeln und Tipps für gelingendes Filmen von Demonstrationen im Krisengebiet. Wie wackelt die Kamera wenig/ Was ist zu tun mit Licht/ Darf man Getötete und Tötende filmen.

Ich gehe noch einmal durch den Tunnel. Noch einmal, noch bewusster. Irgendwie hab ich das Gefühl ich müsste das noch mal schaffen, aber ohne Schreck-Schrei. Denn ich lebe ja noch. Das ist ja nur ein Foto auf einer Weltausstellung die keine sein will, aber dann doch irgendwie eine ist. Jedenfalls habe ich gerade das Gefühl, die Welt sei gerade ein ganzes nahes Stück an mich heran gerückt.

THE WORLD IS NOT FAIR – Die große Weltausstellung 2012

Dienstag, 12. Juni 2012

RadioActiveMan

Zwei Männer, beide sind Japaner, in Zwillingsanzügen, tanzen in gelben Gummistiefeln einen fein choreographierten Tanz zu Kindermusik und sprechen zwischendurch- klar, was auch sonst- japanisch. Wahrscheinlich, denn ich kann kein japanisch. Aber es hört sich schwer so an und ich halte es für höchst wahrscheinlich.

Toshiki Okada (Video zum Downloaden)

Erst finde ich einfach nur die Musik schön. Warum- wahrscheinlich weil sie von Kindern eingesungen wurde.  Kindergesang zieht immer. Ein Kinderchor macht jede Theatersituation so hübsch absurd und instant berührend.

Aber ich glaube, das hier raff ich nur einfach nicht.

Wie auch. Ich bin zu spät und ich bin hier reingestolpert. Ich komme nämlich gerade von dem riesigen Blaupunkt Fernseher in denen „keine Laiendarsteller“ zu Handymusik über Paris Hilton lästern. Das hab ich ja auch schon nicht gerafft. Denke ich. Mein Kopf ist so leer wie das Tempelhofer Flugfeld, auf dem wir uns hier befinden. Weite, Wind und hin und wieder ein vorbeiwehender Strohballen.

Ich konnte nichts mitnehmen. Und dann fragt man sich immer, ob seine persönliche Tasche einfach schon zu voll war oder ob es einfach gar nichts zum mitnehmen gab. Oder, ob ich zu ungeduldig bin. Oder zu erlebnisgierig. Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich von allem ein bisschen.

Die Gummistiefelperformance wird simultan von einem hörbar fränkischen Festivalmitarbeiter auf deutsch übersetzt. Ich laufe durch einen grau bemalten Holzbau, der ziemlich nach moderner Architektur  aussieht, Auch hübsch, denk ich mir, in meiner Ahnungslosigkeit.

Dann ist alles vorbei, die Sonne geht unter und das atemberaubende Tempelhofer Flugfeld hat meine Aufmerksamkeit schneller wieder als ich ins Programmheft gucken könnte. Und dann tu ich es aber doch. Ins Programmheft sehen. Und dann versteh ich den Tanz. Dann versteh ich die Musik, den Bau und. Alles. Andere. Auch. Was ein Glück.

Das Haus ist ein Nachbau eines Reaktors in Fukushima. Nirgends hat die Katastrophe außerhalb Japans so viel Wind gemacht wie in Deutschland. Und direkt nebenan sind wir ja nun nicht gerade. Die These lautet: „Je weiter man von etwas entfernt ist, desto mehr Angst hat man davor.“ In Fukushima selbst kommt man dann auf die Idee sich gegen Radioaktivität mit Gummistiefel, Mundschutz und Ganzkörperschutzdresses zu beschützen. Berührt mich sofort. Und plötzlich macht die Gummistiefelperformance auch Sinn. Ich will das hier gar nicht erklären. Kann ich auch nicht. Aber es ist schon so: Die drei Sätze haben gereicht, um den Reißverschluss meiner Hosentaschen wieder aufzumachen und mich mit Eindrücken zu befüttern. Ich konnte wieder was mitnehmen. Auch wenn es nur  dieser bezaubernde, für mein Ohr absurde Ohrwurm ist von der Eröffnungsgala der Weltaustellung 1975 in  Japan.

Toshiki Okada. Ein Regisseur aus Japan und Gründer der Performancegruppe Chelfitch aus Tokyo hat sein “Unable to see“ nach Berlin gebracht.

Unable to see – denn: Radioaktivität kann man nicht sehen. Dieser Satz fiel auch in der Performance. Die Gefahr ist vor Ort, so nah, sie wird töten. Aber so sehr du dich auch anstrengst, sie bleibt unsichtbar. Es ist also fast Zufall ob man panisch Demonstrationen anzettelt oder sich Gummistiefel anzieht.