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Ein Theaterstück, das Gänsehaut verursacht. Jetzt ich, oder wie?

Montag, 2. Juli 2012

 

Wer bin ich? Was kann ich gut? Was will ich? Was ist mir wichtig?

Durch was definiere ich mich?

Durch mein Aussehen, durch meine Leistung, durch meinen Humor, meine Hilfsbereitschaft?

 

Zehn Akteure des Duisburger Theaters suchen auf der Essener Bühne nach Identität.


Fancy (Karina Solzmann) sucht in dem von der Decke hängenden, vergoldeten Spiegel nach ihrem wahren Ich. Auf der Bühne bekommt sie in ihrem rosaroten Rüschenkleid viel Applaus für ihre gesungenen Lieder. Schaut sie sich im Spiegel an, liebt sie alles an sich. Doch bald schon interessiert sich keiner mehr für ihre Lieder, und sie beginnt, ihr Spiegelbild kritisch zu betrachten.

 

Jetzt ich, oder wie? - Theater Duisburg. Foto: Sara Hoffmann.

Alice (Tamara Meuthen) zockt im Schlafanzug Playstation und lebt in ihrer eigenen Welt. Sie flüchtet vor der beängstigenden Wirklichkeit in eine Fantasy-Welt, in der sie sich wohl und sicher fühlen kann. Oder etwa doch nicht!?

Viktor (Chris Lemba) will nicht ständig mit seinem ihm ähnelnden Vater, den er hasst, verglichen werden. Beim Blick in den Spiegel empfindet er sich nur als Kopie seines Vaters, alleine seine Narben und seine Geschichten unter ihnen verleihen ihm Originalität.


Mia (Wiebke Böggering) hilft immer und überall. Sie hört allen zu, ist ehrenamtlich tätig und springt bei jeder Gelegenheit ein. Doch eigentlich will sie gar nicht immer für alle da sein, nicht immer jedermanns Tasche schleppen.

Ed (Levin Risse) hat vor mehr als zehn Jahren von einem Schulfest ein Video gemacht. Er gibt vor, Filmemacher zu sein, und prahlt, wie toll er sei. Doch als er sich an einer Filmschule bewirbt, trifft er auf die Realität: er wird nicht genommen, da er nie wirklich für seinen Traum gearbeitet/ gefilmt hat.

Die 16-jährige Lynn ist die Marionette in dem Stück. Ständig heißt es „Lynn stell dich doch mal mehr ins Licht, Lynn, nimm doch mal bitte den Schal auf deinen Kopf, Lynn mach doch mal Kniebeugen“. Doch eigentlich will Lynn das nicht mit sich machen lassen. Sie will keine Marionette sein.


Volker (Johannes Kunkel) stellt sich als Philosophiestudent vor, dem es besonders die Philosophen des 19. Jahrhunderts angetan haben. Aber seine eigentliche Leidenschaft sind wie auch schon für Kierkegaards Verführer die Frauen. Deshalb macht er sich gerne an jede ran, die ihm begegnet. Aber natürlich ohne diese primitiven Anmachsprüche, sondern schon originell. Er kann immer jemanden anrufen und bekommt ja jedes Mädchen. Manchmal aber doch nicht.


Sophie (Dietke Helmig) lernt fleißig für die Uni, um die Firma ihrer Eltern übernehmen zu können. Doch will sie das eigentlich wirklich?

Mark (Mike Wiese) ist froh, dass er nach der Uni seine Ruhe hat und niemanden sieht. Aber eigentlich wünscht auch er sich Menschen um sich herum, eine Freundin, der er sich anvertrauen kann.


Gleich zu Beginn etabliert sich Dwight (Marvin Abssi) als Spaßvogel der Gruppe. In einer kleinen Improvisation parodiert er einige der Ticks, die das Ensemble des Jungen Theater an der Ruhr Mülheim in ihrer Produktion „Vorstellung“ so exzessiv zelebriert hat. Auch später macht er zwar ständig Quatsch mit Vampirzähnen oder skurrilen Sonnenbrillen, eigentlich ist er aber ein verletzlicher Mensch.

Jede dieser Figuren wird mit solch einer Intensität gespielt, dass man Gänsehaut bekommt. Denn wir alle kämpfen im Endeffekt mit denselben Problemen. Wir schauen uns ebenfalls im Spiegel an und fragen uns, wer wir eigentlich sind. Wir alle sind nicht gerne alleine. Wir alle sehnen uns danach, so akzeptiert zu werden, wie wir sind.

 

Ihren emotionalen Höhepunkt erreicht die Inszenierung, als zwei Ensemblemitglieder „If I lay here“ von Snow Petrol singt. Währenddessen bildeten sich Zweierkonstellationen. Ed nimmt Mia die Taschen ab, Volker tanzt langsam mit Lynn, Sophie unterhält sich angeregt mit Viktor. Und Dwight jagt im Gorillakostüm hinter Alice her. Getragen von der Melancholie des Lieds beginnt man, über sich selbst nachzudenken. Die Zeit stand für einen Moment still, und mir kamen fast die Tränen.

Der tobende Applaus und das stehende Publikum am Ende des Stückes beschreiben den Abend am Besten.

Camilla L.

Die Offenheit tanzt im Schrank

Montag, 2. Juli 2012

Dreh- und Angelpunkt der „Generation Porno“ ist das Paar Mia und Tim. In der Eigenproduktion unter Leitung von Sabine Eschen fügt das Westfälische Landestheater Castrop-Rauxel den Untertitel „We are the dirty wasted youth“ hinzu und wendet ihn auf die Beziehung der beiden an.

Nach einer stimulierenden Kissenschlacht konfrontiert Mia Tim aus heiterem Himmel mit dem Vorschlag, die Beziehung doch offen fortzuführen. Ein Schlag in die Magengrube und Tritt in die Eier zugleich. Tim nimmt es mit verwirrter Fassung auf und hakt diese verfahrene Situation mit einem „Mach doch was du willst!“ ab.

Auf den Schock muss er sich aber trotzdem erstmal betrinken und stürzt sich ins Nachtleben. Die Verwirrung lässt jedoch nicht nach. Betrunken umherwandernd versucht er, bei einer Zigarette seine Gedanken zu ordnen: Genügt er ihr nicht? Liebt sie ihn nicht mehr?


Die wahre Antwort erfahren wir Zuschauer erst am Schluss: Mia will Aufmerksamkeit. Sie will, dass man über sie redet – und wenn es ein „Schlampe!“ ist, heißt es doch nur, dass sie erfolgreich war, dass sie gut war.


Generation Porno: We are the dirty wasted youth! - Westfälisches Landestheater Castrop-Rauxel. Foto: Sara Hoffmann.


Genau das wird auch direkt zu Beginn der Inszenierung thematisiert. Aus dem Off hören wir Aufnahmen, in denen Jugendliche ihre Ansichten zum Fremdgehen und offenen Beziehungen kundtun. Wer ist wann warum eine Schlampe? Wenn ich Fremdgehen vorher ankündige, ist es ja kein Hintergehen des Partners mehr. Es wird herausgestellt, dass die Jugend von heute weitaus lockerer mit Sexualität umgeht, aber kann man das überhaupt so verallgemeinert sagen? Anhand der sehr unterschiedlichen Reaktionen aus dem Publikum lässt sich jedenfalls schließen, dass sexuelle Erfahrungen bei Jugendlichen weit auseinander gehen.

Das Stück arbeitet rein in Collagenform und viel mit Requisiten und Technik. So geben uns zum Beispiel leicht bekleidete Mädchen, aus Schränken tanzend, Flirt-Tipps, die direkt anhand von vier Männlein und Weiblein veranschaulicht werden: ’Ne nette Begrüßung, ein Drink (sofern am Weibchen noch nicht vorhanden) und dann vielleicht ein „You, Me, Fuck, Fuck?“ – sieht jedenfalls ausprobierungswürdig aus!

Manche der Szenen erzählen in Fragmenten von Mias drei Freundinnen. Diese zelebrieren einen unbeschwerten Umgang mit Sex und halten Fans von Monogamie auf Abstand, durch Notlügen wird ein beziehungsinteressierter Verehrer allerdings doch noch warm gehalten. Wie Mia selbst haben sie mit diesem Lebensstil aber auch ihre großen und kleinen Probleme: Die eine ist HIV-positiv, die andere doch eine Lesbe und die letzte heimlich in Tim verliebt.

Eine andere Collage zeigt uns einen Familienvater, der seiner Familie überdrüssig ist. Deswegen geht er zu einer Miet-Matratze (was übrigens ein anderes Wort für Nutte ist) und belügt natürlich auch seine Frau. Offenheit? Ne, lass ma’!

Zwischen den rollenden Schränken, von denen einer auch mal als Badewanne dient, sorgt eine Kamera für Schmuddel-Atmosphäre. Hin und wieder wird die Kamera aufgestellt, um uns Nahaufnahmen oder „Hinterstübchen“-Einblicke in Großprojektion vorzuführen.

Einmal dürfen wir so Mia beim Haare Kämmen beobachten, während wir den Satz vernehmen: „Wenn ich etwas will und es bekomme, habe ich es gut gemacht.“

Dafür, dass es ein Thema ist, das vor allem auf der Bühne schwer zu behandeln ist, hat man es souverän umgesetzt. Auch die Arbeit mit der Technik und den Requisiten, welche die Darsteller selbst bei ihren Auftritten übernahmen, ging glatt über die Bühne.

Im Endeffekt muss aber jeder für sich selbst entscheiden, ob er den Inhalt und/oder dessen Umsetzungsart mag. Wie schon geschrieben, reagierte das Publikum sehr verschieden – aber es reagierte!

von Carsten

Von Lachsröllchen, Kapitalismus und Identitätssuche

Montag, 2. Juli 2012

„Anders aber Anders“ ist bei der Eigenproduktion des Schauspiel Dortmund unter der Leitung von Sarah Jasinszczak (Regie) und Norina Kindermann (Assistenz) nicht nur Titel, sondern auch Programm der collagenartig zusammengestellten Szenen.


Die elf 15- bis 18-jährigen erwarten das Publikum schon während des Einlasses mit dem einzig schlichten, aber daher auch prägnanten Bild in dem ansonsten durchgehend schrillen Stück: Sie kauern in schwarzen, mit Barcodes bedruckten Tüchern auf dem Boden, dem Publikum abgewendet. Ein fast gar nicht typisches Symbol für eine konsumorientierte Schubladengesellschaft! Dann werfen sie die Barcodes, also ihre Durchschnittlichkeit ab und ich werde von einem Haufen überindividueller Individuen überrumpelt, die uns im Laufe der Vorstellung alle ihre klischeehaften Besonderheiten darstellen werden.

PAM, und wir sind im Thema!


Anders aber anders – Schauspiel Dortmund. Foto: Sara Hoffmann.


Der besonders Besondere, der durch spektakuläre Tanzeinlagen seinen Titel rechtfertigt und dabei den Rest der „minder Besonderen“ abwertet. Die zwei bisexuellen Hippie-Mädchen, die den Leuten durch diverse Rauschmittel mehr „Flowerpower“ nahe bringen möchten. Der Blinde, dessen Wunsch es ist, dass andere auch mal seine „Sicht der Dinge“ wahrnehmen. Die Vitalitäts-Fanatikerin, die sich zwischen Trainingszeiten und Schokoladenregal verliert. Papis Glamour-Girl, das sich tief unterm Pelzmantel in aller Naivität nach dem Weltfrieden sehnt. Und, und, und…


Jede dieser Figuren stellt uns ihre Lebensart dar, Konflikte werden angerissen, Alternativen gesucht. Neben dem „anders Sein“ beschäftigen sich die Akteure aber auch mit Tagträumereien, dem Erwachsen werden und noch mehr Humbug, der sich nun mal besonders gut eignet, um Jugendliche anzusprechen.


Obwohl sich die Szenen inhaltlich also schon unterscheiden, ähneln sie einander fürs Auge sehr. Rund um die Uhr ist ein Großteil der Akteure auf der Bühne. Die abgefahrenen Kostüme (Valerie Gasse) wechseln nur geringfügig, das Bühnenbild ebenso. Das wird dann doch bald anstrengend.

Trotzdem bleibt die Aufmerksamkeit durch die schauspielerische Leistung der Jugendlichen erhalten. Zwar klingen die Texte teils etwas gezwungen-poetisch, aber die laute und deutliche Sprache lässt sie immer gut bei mir als Zuschauer ankommen.
Außerdem hat das Ensemble Wachmacher eingebaut: Es überrascht total positiv mit einigen selbst gesungenen und gespielten Musikeinlagen. Ob chorisch oder solo, nach ihnen bin ich jedes Mal wieder frischer bei der Sache.


Auch wenn mir einige Szenen bzw. Darstellungen durch übertriebene Klischees, Bedeutungsschwangerschaften oder Ähnliches missfallen, finden die jungen SchauspielerInnen eine gesunde Mischung aus Humor und Ernsthaftigkeit.

Ein Fazit (und ich wage zu behaupten, dass es dem Ensemble zumindest während des Arbeitsprozesses wichtig wurde, dieses dem Zuschauer nahezulegen) ziehe jedenfalls sicher nicht nur ich aus „Anders aber Anders“:


Eine Gruppe von Individuen ist auch nichts weiter, als eine Gruppe.

von Shannon L.

Am Anfang war nix

Sonntag, 1. Juli 2012

„Am Anfang is´ nix – ma gucken was dann“…Treffender hätte man einen Titel für die Präsentation des Theaterlabors Essen nicht wählen können. Von Klaviermusik begleitet schlossen die Gastgeber einen langen, harten und sehr intensiven Tag würdig ab.

Begrüßt wurde das Publikum von zwei Moderatoren die „Der Hahn ist tot“ anstimmten, um die Zuschauer aufzuwärmen und aufzulockern.

Wie der Titel schon sagt, „am Anfang is´ nix“, nur die Vorgabe, dass es sich im heutigen Impro-Stück um einen Krimi drehen sollte. Auch gab es keine Schauspieler, die auf Vorgaben des Publikums reagieren mussten, nein. Die einzelnen Rollen wurden mit Freiwilligen aus dem Publikum besetzt.

Die Ermittler, die sich nach einem ehemaligen Techtelmechtel zutiefst verabscheuen, mussten den grausamen Mord an einem fünfjährigen Kleinkind auflösen, der in der Kantine mit einem Löffel zu Tode geprügelt wurde.

Agent Sturm und seine Kollegin Uschi führten viele Verhöre durch, sprachen über Fußpilz und einige heiße Spuren, bis der Verdacht, wie immer, auf den Gärtner fiel.

Am Anfang is´ nix - ma gucken was dann. Foto: Sara Hoffmann.

Doch dieser war zur Tatzeit mit Ermittlerin Uschi zusammen und am Ende konnte nur eine Aussage der tourettekranken Kantinen-Chefin Petra den Fall aufklären und den wahren Bösewicht festsetzen, der in einer spektakulären Sackhüpf-Verfolgungsjagd schließlich von Agentin Uschi gestellt wurde.

Nach eifrigen „Zugabe!“-Rufen endete der Impro-Abend in einer Runde Impro-Theater offen für alle.

Die Szenen waren sehr schön anzusehen und besonders Agent Sturm zeichnete sich durch Wortwitz, dramatische Emotionsausbrüche und den ein oder anderen frechen Spruch aus und erntete reichlich Gelächter und Lob der Zuschauerschaft.

Auch Tourette-Petra hatte einen ausgezeichneten, leider zu kurzen Gastauftritt und auch das Moderatoren-Duo sorgte für einen unterhaltsamen Einstieg.

Wie nicht anders zu erwarten (man bedenke: Die Akteure waren Impro-Amateure) gab es einige „Blocks“ (verneinen von Möglichkeiten) und langatmige Situationen, die aber dank des weisen Einschreitens der Moderatoren nicht zu oft auftraten.

Die Vorgaben des Publikums waren meist gut und über der Gürtellinie, was dem Stück auf jeden Fall eine Menge gebracht hat.

Es war ein durchweg unterhaltsamer Impro-Abend, durchzogen von guter und stimmungsvoller Klaviermusik und einigen Schenkelklopfern, die den Zuschauer mit einem Lächeln auf dem Gesicht in die Nacht entließen und den Tag angemessen beendeten.

Der Impro-Abend hat besonders durch die Zugabe Lust auf mehr Improvisations-Theater gemacht und durchwegs gut unterhalten und amüsiert.

Am Anfang is´ nix - ma gucken was dann (Zugabe). Foto: Sara Hoffmann.

Die Leistungen der Akteure waren oft überraschend gut und die vielen Blocks waren zwar ein kleines Manko, aber alles in allem war es doch ein schöner Abend.

Und die Moral von der Geschicht: Über Fußpilz lacht man nicht!

Moritz Pollok (Bühnenakteur bei “E-Motion :-) – Was bewegt dich?” des Jungen Schauspielhaus Bochum)

Das Labyrinth einer Vorstellung eines Stückes

Sonntag, 1. Juli 2012

VORSTELLUNG, nach Daniil Charms, Werkstattproduktion Theater an der Ruhr Mülheim

Zu Beginn wird ein Schlitten von der noch dunklen Bühne gezogen. In der Dunkelheit schleppen sich fünf Gestalten zu den dort stehenden fünf Hockern.

Vorstellung. Werkstattproduktion des Jungen Theater an der Ruhr Mühlheim. Foto: Sara Hoffmann.

Die Gestalt links außen beginnt, einen Monolog zu halten. Sie erzählt von ihrer komplizierten Quatsch-Geburt. Licht geht an, wir sehen, dass alle Personen physische Ticks haben. So kann eine die Schultern nicht gerade halten und jemand anders zählt mit den Fingern stetig bis fünf.

Nach einer Weile sinken sie nieder, eine Person nach der anderen, und nach kurzer Verweildauer erheben sie sich wieder und spielen quasi Reise nach Jerusalem. Als auch die letzte Figur endlich einen Platz ergattert hat, beginnt eine nächste Person von einer anderen Geschichte zu erzählen. „Es war einmal ein Mann mit roten Haaren.“

„Der hatte keine Nase“ führt eine der anderen Gestalten fort. Die Übrigen schließen sich an, den Mann zu beschreiben und unterm Strich lasst Euch gesagt sein: Dieser rothaarige Mann war nicht überlebensfähig und hatte eigentlich gar keine Haare.

Immer wieder werden die spastischen Darstellungen durch solch absurde Spracheinschübe unterbrochen.

Je länger das Stück dauert, desto mehr agieren die Gestalten miteinander. Mal tauschen sie ihre Ticks, mal posieren sie grinsend auf der Bühne. Und irgendwann war es vorbei!

EIN LABYRINTH, frei nach Michael Endes „Der Spiegel im Spiegel: Ein Labyrinth“, Werkstattproduktion Theater an der Ruhr Mülheim

Scheinbar leblose Körper werden von einer Anzugträgerin auf die leere Bühne geschleppt und bis auf eine Ausnahme auf dem Rückweg ächzend auf den Boden fallen gelassen. Immer wieder. Sehr schleppend. Nach einer Weile erwacht das zu erst rein getragene Mädchen und beginnt mit sich selbst zu füßeln, was der folgende Monolog erklärt: Madame wirft mit ihren Zehen oft stundenlang Schattenspiele an ihre dunkel-weiß gestrichene Wand, bis jemand herein kommt… und etwas sagt! „Geh raus. Tür zu. TÜR ZU!“


Die zweite Erwachte schreibt an die Wand, wo sich diverse Dinge von ihr befinden. Liest vor, nervt damit Madame, bis die Beiden sich einig werden. Nach einer kleinen, aber bedeutungsschwangeren Tanzeinlage der Beiden, rennen zwei von inzwischen drei Mädchen auf der Stelle und lassen sich von der autoritären Anzugträgerin immer wieder niederschießen. Sie diskutieren sogar! Der erste Dialog des Abends! Als diese dann von einem „Lehrer“ zu quatschen beginnt, wird zumindest der Grundzug des Raums klarer (wie
Carsten ganz durchdacht vermutet: Ein Klassenzimmer!). Obwohl sie die Grundrechte aufzählt, unter anderem von freier Entfaltung redet, modelliert sie die restlichen Mädchen immer wieder in eine nichtssagende, dahinvegetierende Sitzposition.


Ein Labyrinth - eine Werkstattproduktion des Jungen Theater an der Ruhr Mülheim. Foto: Sara Hoffmann.

Jedenfalls kommen sie nicht heraus, wo auch immer sie eingesperrt sind. Und weil „das Paradies immer neben an ist, egal wo du bist“, verwerfen sie auch die Idee, die Fenster ihres Gefängnisses einzuschlagen und flüchten jede für sich (ja, sogar unsere Anzugträgerin) in eine durch Kreide auf den Boden gemalte Traumwelt.

Der pompös aussehende, einzige Mann dieser „Vorstellung“ kommt während des besinnlichen Traumtanzes herein und die Mädchen sinken nieder – bis auf eine. Sie steht fasziniert vor dem Spiegel, den der vermeintliche Zirkusdirektor (oder gar Lehrer) in Mitten der Bühne platziert hat. Mit den Worten „Jeder Schuss ist ein Treffer. Für jeden Treffer gibt’s ’nen neuen. Der erste Schuss ist umsonst“ zieht er eine Pistole, lädt sie durch und drückt sie der Übriggebliebenen in die Hand. Er leistet ihr noch Zielhilfe beim Anvisieren ihres Spiegelbildes, da sie immer stärker zittert. Der Mann geht ab, sie immer näher an den Spiegel und LICHT AUS – wir hören noch einen Knall, dann ist alles vorbei!

EIN NACHSPIEL, frei nach dem Erlebten der beiden Stücke, Textlaborproduktion Schauspiel Essen

Im direkten Vergleich merkt man, dass die beiden Kleingruppen als eine Einheit gestartet sind und an einem Strang ziehen. Durch beide Stücke zieht sich ein sehr monotoner Faden, der auf den jeweils nicht wechselnden und stets schlichten Bühnenbildern basiert. Im ersten Stück werden zum Beispiel die verschiedenen Ticks der Figuren zum fortwährenden Rhythmus, im zweiten ist es ein „monotoner Monsun“, der durch das Geräusch von Tröpfchen mindestens die erste Hälfte bestimmt. Auch lassen sich beide Vorstellungen zu Beginn sehr viel Zeit, um einen Einstieg zu finden. Man denke an den Schlitten, der langsam von der Bühne gezogen wird. Man denke an die Anzugträgerin, die nach und nach, Schritt für Schritt Menschen auf die leere Bühne hievt.


Das Ensemble ist sich durchaus bewusst, dass es mit seinen Stücken weniger unterhält, sondern mehr anstrengt und dadurch provoziert. Die Jugendlichen wollen Theater machen, um die Zuschauer auf eine Art zu erreichen, die das Stück lediglich als Projektionsfläche für das individuelle, innere Geschehen nutzt. Sie scheinen sich fast darüber zu freuen, dass ihr Plan Früchte getragen hat und eine heiße Diskussion darüber ausbricht, ob die Vorführungen überhaupt ansehnlich gewesen seien.
Wer negative Kritik äußern will, blickt in zufriedene Gesichter.

Geschrieben von Carsten und Shannon

Fahrenheit 451 – „Brennt Bücher zu Asche, zu Asche brennt das Buch“

Sonntag, 1. Juli 2012

Es ist schon erstaunlich, dass der dystopische Roman „Fahrenheit 451“ von Ray Bradbury seit seinem Erscheinen 1953 keineswegs an Aktualität verloren hat.

Schließlich erzählt der Roman von einem totalitären Staat, in diesem Fall um einen, in dem es ein Verbrechen ist, Bücher zu lesen, geschweige denn zu besitzen. Denn Bücher regen einen zum Denken an und das sei gefährlich.

Die Gesellschaft in Bradburys düsterer Zukunftsvision scheint eine Marionette des politischen Systems zu sein. Dieses möchte die Menschheit vom Bücherlesen abhalten und marschiert in Gestalt von Feuerwehrmännern in Reih und Glied in schwarzen Hemden über die Bühne. Mit schwingenden Armen verkünden sie lauthals, dass sie montags Goethe verbrennen und donnerstags Rousseau vernichten.

 

 

Fahrenheit 451 - Produktion des Theater Oberhausen. Foto: Sara Hoffmann.

 

 

Genauso wie die dunklen Bücherverbrenner tritt ebenfalls die so genannte „Familie“ als Kollektiv auf. In weißer Kleidung scheint sie das Gegenteil zu diesen zu sein. Weiß steht für Unschuld. Doch ganz so unschuldig wie sie zu sein scheint, ist sie jedoch nicht.

Die gleichgeschalteten Bürger lieben die Fernsehshows, deren Akteure für sie ihre Familie sind, und finden alles ganz toll. Im Chor werden jeweils die positiven Adjektive schrill wiederholt.

Es scheint, als ob sie Maschinen wären, Marionetten des Staates.

 

Der Einzige, der als Individuum auftritt und dies auch das ganze Stück über bleibt, ist der Feuerwehrmann Montag. Im Lauf des Stücks lehnt er sich mehr und mehr gegen das System auf, zunächst erst einmal nur, indem er beginnt, Bücher zu lesen.

 

Man merkt jedoch, wie schwer es einem Menschen fällt, sich gegen die Masse zu stellen. Selsbst als er schon aufgewacht ist, gibt Montag dem Druck seines Kommandeurs nach uns marschiert weiter mit durch die Straßen und skandiert die Parolen.

Während seine Frau und deren Freundinnen vor den imaginären drei Fernsehwänden sitzen und sich Fernsehshows anschauen, grenzt sich Montag von ihnen ab. Er ist nicht mehr Teil einer Gesellschaft, die sich von simplen Vergnügungen ablenken und somit vom Nachdenken abgehalten lässt.

Es laufen Fernsehshows, in welcher die Zuschauer aktiv teilnehmen können. Fernsehshows, die banal und naiv sind.

Doch die Gesellschaft findet diese Shows toll. Oder zumindest scheint sie sich das einzureden.

 

Fahrenheit - Produktion des Theater Oberhausen. Foto: Sara Hoffmann.

 

Es gibt jedoch noch ein anderes Kollektiv, welches Seiten von Büchern auf ihren Körpern kleben haben.

Diese Gruppe ist in der Unterzahl und steht meist hinter einem durchsichtigen Vorhang, auf welchem Feuerflammen projiziert werden.

Denn Menschen, die im Besitz von Büchern sind, werden hier ausgelöscht. Verbrannt zu Asche.

Deshalb lernt man Bücher auswendig, ist das Buch selber. Damit die Schrift nicht verloren geht, werden die Worte von Generation zu Generation weitergegeben. Genauso wie bei der Bibel.

 

Montag wird gehetzt, jedoch nicht gefunden und so bringt der Staat einen ihm ähnelnden Mann um. In einer Kameratotalen, die es unmöglich macht, die Gesichtszüge des Gejagten zu erkennen, zeigt man der Welt, dass Montag erfolgreich vernichtet wurde.

 

Doch Montag lebt und versteckt sich. Auf dem Papier ist er tot, in der Realität jedoch nicht.

 

Mit Lichteffekten, chorischer Zusammensetzung, keinerlei Requisiten und einer bis auf eine in der Mitte platzierten, leuchtenden Box leeren Bühne nähert sich das Theater Oberhausen beim Unruhr Festival dem Roman über die von Ray Bradbury selbst verfasste Bühnenfassung, die für die Ínszenierung gekürzt wurde.

 

Immer wieder wurden entscheidende Momente so verkürzt, dass es teilweise schwierig war, einzelnen Entwicklungen der Figuren und der Ereignisse zu folgen.

 

Der erst kürzlich verstorbene Schriftsteller würde sich sicher freuen, dass mich der Abend dennoch angeregt hat, mal wieder Goethe abzustauben.

Camilla L.

Anstatt Schule und Stadt als Bühne – Ein Protokoll zu einem Experiment

Sonntag, 1. Juli 2012

 

Am Anfang treffen sich alle jungen Schauspieler des Ruhrgebietes in der Casa. Das ist vielleicht ein Gewusel. Überall stehen und sitzen junge Menschen, die eines gemeinsam haben: Sie spielen dieses Wochenende alle Theater. Ihre, meist eigenen Produktionen, werden in Essen auf die Bühne gebracht.

Doch was kann man eigentlich erst einmal machen, damit sich die jungen Erwachsenen aus dem ganzen Ruhrgebiet kennenlernen?

Stadt als Bühne - Aktion 8. Foto: Sara Hoffmann.Stadt als Bühne - Aktion 6. Foto: Sara Hoffmann.Stadt als Bühne - Aktion 5. Foto: Sara Hoffmann.

Während des Unruhr Festivals wird ein Experiment durchgeführt: „Anstatt Schule“. Denn die Jugendlichen sind schließlich nicht in der Schule, sondern verbringen vier Tage lang im Theater.

Als erstes stellt man sich in Kleingruppen vor, redet über Arbeitsweisen und die Arten, in denen Projekte entstanden sind, über die Planung und die Inszenierung. Manch eine Gruppe übt drei Monate für ihr Stück, eine andere setzt sich sieben Monate lang mit ihrem Stück auseinander.

Es entsteht ein reger Austausch zwischen den Schauspielern zu Fragen wie: Wer schreibt die Texte, was soll das Stück bewirken, wie liefen die Proben ab und was macht man, wenn Leute krank werden.

 

Stadt als Bühne - Aktion 4. Foto: Sara Hoffmann.Stadt als Bühne - Aktion 3. Foto: Sara Hoffmann.Stadt als Bühne - Aktion 2. Foto: Sara Hoffmann.

 

Außerdem sollen sich die jungen Schauspieler eine Performance oder eine Interaktion mit Passanten ausdenken, die zeigt, wie man Arbeitsweisen aus den Proben auf den Schulunterricht adaptieren kann, um ein besseres Lernklima zu erschaffen.

Nach dem Zusammentragen der verschiedenen Ideen wird noch angeregt über das Schulssystem diskutiert. Noten und Leistung seien heutzutage sehr wichtig, so würde viel Druck auf die Schüler erzeugt. Dieser sei eher unproduktiv und würde sich negativ auf einen auswirken.

 

Am darauffolgenden Tag ist es Aufgabe, die am Tag zuvor entstandenen Ideen in einer Performance in der Essener Innenstadt zu präsentieren.

Interviews zu den Ideen für Stadt als Bühne

 

Man läuft in Zweierreihen durch die Fußgängerzone und singt zu „Aus den Blauen Bergen kommen wir, unser Lehrer ist genauso dumm wie wir….“ seine selbst weitergetexteten Strophen. So entstehen lauthals vorgesungene Strophen wie „mit dem Pickel auf dem Zinken, sieht er aus wie`n roher Schinken“ oder „mit List und Tücke schreiben die ne vier, wir Schüler sind ja klüger mit dem Spickertrickbetrüger“.

 

Stadt als Bühne - Aktion 1. Foto: Sara Hoffmann.Stadt als Bühne - Aktion 9. Foto: Sara Hoffmann.Stadt als Bühne - Aktion 7. Foto: Sara Hoffmann.

 

Von einem Präsentationsort geht es zum Nächsten. Mit bunter Kreide wird der Boden des Willy Brandt Platzes mit Assoziationen zu Schule und Theater bemalt, es werden Menschenpyramiden gebaut, die Liedtexte währenddessen vorgetragen und Schulszenen nachgespielt.

In diesen zwei Tagen ist eindeutig klar geworden, dass man das schulische Arbeiten der Lehrer nicht auf die Erarbeitung einer Theaterproduktion anwenden kann.

 

Erst wenn der Lehrer von seiner steifen, verschulten Methode absieht und beginnt, mit den Jugendlichen auf einer Ebene zu arbeiten, kann ein Lern- und Übungsprozess beginnen.

Ein Geben und Nehmen von Ideen und Methoden seitens des Lehrers und des Jugendlichen ist wichtig.

Erst, wenn eine Harmonie zwischen beiden entsteht, wenn man sich auf Augenhöhe begegnet, ist es möglich, produktiv und effizient zu arbeiten.

 

Shannon hat die AkteurInnen im Anschluss nach ihren Eindrücken und Erfahrungen befragt:

Wie war´s?

Camilla L.

Ein klassisches Drama – Oder… ?

Samstag, 30. Juni 2012

Ein klassisches Drama -

Oder doch eher postmodern postdramatisch?

"Ein klassisches Drama". Schauspiel Essen. Foto: Sara Hoffmann.

Sie kommen auf die Bühne: zwölf junge Menschen mit zu großen, dunklen Anzügen. Alle stellen sich in einer Reihe auf, starren das Publikum durch verspiegelte Fliegerbrillen an, zupfen an ihren Anzugshosen, lassen Hosenträger „fatzen“, räuspern sich, machen Mundbewegungen und stehen einfach nur da.

Dann beginnt der Chor zum Publikum zu sprechen.

Es wird erzählt, wie dieses hier in die Casa hergekommen ist, was es vor diesem Theaterbesuch gemacht haben könnte und wie es sich auf den Stuhl gesetzt hat.

 

Plötzlich wird die Szene unterbrochen. Man hat Hunger auf Lasagne, lädt das Publikum ein, mit ins Vapiano zu gehen und verlässt noch lautstark diskutierend, wo nun das Essen am Besten sei, die Bühne.

Nur eine Person bleibt auf der Bühne zurück. Das sei doch eh alles nur Theater, und eigentlich würden die Akteure nun auch nicht im Vapiano essen, sondern nur so tun “als ob”. Und da das „klassische Drama“ ein theaterpädagogisches Projekt ist, bekommt nun auch „Niemand“ (Elif T.) die Möglichkeit „irgendwas zu labern“.

 

Wie nachher ein Akteur verkündet, sei das im Moment vorgeführte Theaterstück postdramatisches Theater. Auf die Frage des Chores hin, was das denn sei, kann er leider nicht wirklich eine Antwort geben. Doch seine Freundin, für die er sich seit anderthalb Jahren jeden Dienstag frei nimmt (seither ist er schon einmal sitzengeblieben), erklärt es dem Publikum.

 

Und das “klassische Drama” ist eindeutig postdramatisches Theater, da Szenen nicht immer zusammenpassen. Nicht das Gesprochene, sondern die Aktion steht im Vordergrund.

So wird der Zuschauer von einer Beziehungskrise zu einer „buntebälleburger“ traurigen Trennung geschickt. Das Publikum ist still als der traurig scheinende Akteur erzählt, wie sich ein Mädchen von ihm trennte.

 

Als eine Akteurin aufsteht, um ihm mittleidig auf die Schulter zu klopfen, schreit er nur, dass das doch alles nur Theater sei. Dass er doch nur spiele.

 

Das Publikum ist das Stück über in Gefangenschaft der anzugtragenden Akteure. Das Theater sei umstellt und deshalb werden alle mit Bananenpistolen bewacht.

 

Auch wenn ein Akteur versucht, allen klarzumachen, dass er eine Banane in den Händen hat, echot der Chor mit voller Lautstärke „das ist ein Gewehr“ zurück.

 

Man fordert den Forderungskatalog vom Publikum und fordert die Abschaffung von G8. Man werde so lange schweigen, bis dies geschehe. Man liest „Theater heute“ beim Scheißen, schweigt das Publikum offensiv an und springt als Hirsch über die Bühne.

 

Die Szenen jagen einander. Eine skurriler, unerwarteter und einfachpostdramatischer als die andere.

 

 

Am Ende wird noch bei leuchtendem Tannenbaum ein Weihnachtslied gesungen und die Zuschauer bekommen beim Verlassen der Casa Bananen. Oder Pistolen. Oder beides. Ist ja das selbe. Oder?

Keine Sorge, entspannt euch.

Ist doch alles nur Theater.

Da macht man so was eben.

Camilla L.

Ein Gefühlskarussel, das uns alle bewegt

Samstag, 30. Juni 2012

„E-Motion : -) – Was bewegt dich?“ entstand am Schauspielhaus Bochum unter der Leitung von Jens Niemeier und handelt von Bespaßung über Hartz IV-Unterschichten-Fernsehen. Und von getürkten Boxkämpfen. Und Popkorn!

Jain, natürlich haben die 18 Jugendlichen zwischen 13 und 19 Jährchen in ihrem Stück die Frage gestellt „Was bewegt dich?“ und zur Hilfestellung haben sie in ihren Szenen viel mit bunten Klischees gearbeitet.

Das fing schon beim Reinkommen an. Wir bekamen alle ein Programmheft samt Kugelschreiber und der Information, dass im Heftchen Post-Its sind.

Ahja, cool. Gratis Kuli und drei Post-Its – wie man seine Zuschauer vorher umgarnt üben wir aber noch mal!

Dann, beim Hinsetzen, machte es Ahhhhhhh! und nun verstand ich: auf die gelben Zettel malen wir irgendwelche Smilies (ungefähr alle Smilies, die es je gegeben hat, waren im Programmheft als Vorlage abgedruckt) und die werden dann von den Darstellern abgeholt und auf die schwarze Wand geklebt.

Neben mir entstand ein Penis-Vogel-Smilie, der es auch an die Wand schaffte. Nach und nach wurde die Wand richtig schön bunt und die ganzen Smilies sahen wie Luftballons aus.

So entstand das Bühnenbild: Die Wand offenbarte sich als Luftballon-Pfeile-werf-Bude vor meinem biologischen Auge,

und wieder machte es Ahhhhhhh! dat is hier ja ’nen Rummelplatz!

Und dann ging’s auch schon los: mit Schwimmnudeln im Anschlag stellten sich die Schauspieler in Dreierteams auf und formten Grimassen. Also sie selbst machten welche und mit den Schwimmnudeln auch.
E-Motion :-) Was bewegt dich? Junges Schauspielhaus Bochum. Foto: Sara Hoffmann.

Nach diesem Aufwärmprogramm blieb ein bestrahltes, goldenes Tischchen zurück und ein Absurditätenzelt-Ansager ergriff das Mikro: Hereinspaziert, Hereinspaziert! Berühren sie diesen Tisch und er verrät ihnen, welche ihre größte Sehnsucht ist!

Einige der Schwimmnudelbesitzer stellten sich an, kauften eine Karte und umtigerten den Tisch. Nach und nach trauten sie sich ran und gaben ihre Sehnsüchte preis: Man möchte geliebt werden, man möchte Ruhm erlangen, etc. Nach der Absurditäten-Vorstellung setzte sich die gelangweilte Kartenabreißerin auf das Tischchen und plauderte zu uns hin. Sie ist wohl mehr so die Apathische, immerhin braucht sie nach eigenen Worten nur sich selbst. Und der Tisch lügt ja nicht!

Die Szene wechselt, ein Paar schlendert verliebt über den Rummelplatz und schmiert sich töpfeweise Honig um die Münder: „Ich lieb dich mehr.“ – „Nein ich.“ – „Nein ich!“

Ihr kennt das ja bestimmt ;-)

„Achja? Wie sehr liebst du mich denn?“ löste dann die Frage aus, was denn eigentlich Liebe sei und ob man das messen könne. Aber noch bevor der Kerl des Paares (es sind immer Frauen, die solche Fragen stellen!) eine Antwort losstottern konnte, fror die Szene ein und „die Streberin“ drängte sich dazwischen. In der einen Hand ein selbst gebasteltes Apple-Tablet und den anderen Arm, mit dem Zeigefinger voran, in die Höhe gestreckt trägt sie die Dudendefinierung zu „Liebe“ vor.

Weiter geht es am Rand der Bühne. Dort steht plötzlich eine Band (Gitarre, Querflöte, Geige, Sängerin) und gibt von Philipp Poisel „Mit jedem deiner Fehler“ zum Besten – Konter auf die Klugscheißantwort!

Diesen Rhythmus behielt das Stück durchgängig bei: Es entstanden verschiedene Rummelplatzszenen, die durch diese Allzweck-Schwimmnudeln perfekt dargestellt wurden. Innerhalb der Szenen keimten Sinnfragen zu Empfindungen wie Angst, Einsamkeit und Wut auf. Es gab auch noch weitere Bandauftritte: Teardrop von Massive Attack und dieser Titelsong von der Fernsehserie „Friends“ – passend und wunderbar musiziert!

Natürlich hatte die Besserwisserin zu jeder Emotion immer eine Definition auf ihrem Tablet parat, doch sank das Niveau von Duden zu Wikipedia zu Zitat-von-so-einem-klugen-Mann zu Ergebnissen aus irgendwelchen Forendiskussionen und schlussendlich zum Vorlesen eines Facebookeintrags.

Aber mal im Ernst: Die Arbeit mit den Stilmitteln hat mir richtig gut gefallen, sorgten sie schließlich immer für Lacher und waren einfach richtig gut umgesetzt. Die Szenerien Achterbahn, Autoscooter, Pferderennbahn und Boxring fanden immer Verwendung für Schwimmnudeln, aber auch die Interaktion mit uns Zuschauern war toll. So wandte sich das Ensemble zu uns, wenn es uns verdeutlichen wollte, wie es ist ausgelacht zu werden, im Dunklen Angst zu haben oder man aggressiv angemacht wird.

Aber kein Wunder, dass das Publikum so eng eingebunden wurde, schließlich hat man sich im Titel ja schon auf die Fahne geschrieben, dass man sich direkt an uns wendet: E-Motion – was bewegt DICH?

Dieser Rummelplatz hat mir mit seinem Gefühlskarussel klar gemacht: Mich bewegt eine Schwimmnudel durch die Wogen meiner Gefühlswelt.

Von Carsten

Ein wahnsinnig virtuelles Treiben

Samstag, 30. Juni 2012

„Virtueller Wahnsinn – Mein Leben im Internet“, eine Eigenproduktion des Kinder- und Jugendtheater Dortmunds unter der Leitung David Beyer (Regie) und Christine Köck (Pädagogik), setzt sich kritisch mit dem Umgang von Jugendlichen mit dem Web 2.0 auseinander.

"Virtueller Wahnsinn - Mein Leben im Internet". KJT Dortmund. Foto: Sara Hoffmann.

Getragen wird das Stück von den 17 SchauspielerInnen zwischen 15 und 17 Jahren, die sich schon während des Einlasses auf der Bühne befinden. Mit dem typischen DÜMDÜMDÜDÜM eines hochfahrenden Computers erwachen diese aus ihrem Freeze und beginnen ihr Spiel.

Um hier am Anfang direkt mal auf das Ende zu kommen: So besiegeln die KJTler ihr Stück auch mit einem zweiten DÜMDÜMDÜDÜM, wenn alle Akteure wieder in ihrer Ausgangsposition ankommen sind. Der Computer ist so zu sagen wieder heruntergefahren, der „Virtuelle Wahnsinn“ erstmal vorbei.
Das an eine große Leinwand geworfene Bild eines leeren Desktops, auf dem sich im Laufe des Stücks einiges abspielen wird, und genau jenes Geräusch führen uns schon in den ersten Sekunden in das Thema ein.

Ich als Zuschauer werde geradezu mit collagenartig zusammengefügten Szenen bombardiert, die jede für sich so prägnant sind, dass mein Gehirn es nicht schafft, sie alle zu verarbeiten. Auch wenn ich das gern so hätte. Das eher schlicht gehaltene Bühnenbild (eine große Leinwand, die im Laufe des Stücks jedoch viele Möglichkeiten offenbart, einige Sitzgelegenheiten an den Flügeln der Bühne) betont das Spiel der Akteure.

Mal scheint das Publikum nur eine typische Handlung der entsprechenden Person zu beobachten.
Während zwei Jugendliche so zum Beispiel rechts und links von der Bühne voneinander entfernt sitzen und ihre Chat-Konversation laut mitlesen, tanzen zwischen ihnen zwei weitere. Sie verbildlichen das Spiel des „online Kennenlernens“, indem sie die Chattenden verkörpern und in ihrem „Balztanz“ auf das Gespräch eingehen. Der Zuschauer jedoch erkennt, dass das fiktive Treffen wohl niemals Realität werden wird. Die Figuren auf der Bühne stellen sich sehr idealisiert dar, wodurch die Jugendlichen das Problem der Identitätssuche im Internet sehr klar aufgreifen.

Besonders durch solche Szenen (und dadurch, dass die Szenenblöcke durch immer wiederkehrende Musik und Choreographien für den Zuschauer sichtlich getrennt werden) erscheint das Stück im Nachhinein sehr körperbetont.
Zugleich sprechen einige der gezeigten Figuren in mehreren Szenen ihren eigenen Monolog vor dem Publikum, in dem sie bewusst einen Aspekt zum „virtuellen Wahnsinn“ beschreiben. Diese Monologe geben dem Stück trotz Situationskomik seinen ernsthaften Kern. In ihnen greifen die Jugendlichen immer wiederkehrende Motive und Themen wie Einsamkeit, Sehnsucht oder die Suche nach Identität auf. „Hier bin ich jemand“, „Hier bringt man mir endlich Verständnis entgegen“ oder „Hier wird MIR mal zugehört.“
Diese ruhigen Szenen bilden einen krassen Kontrast zu den aufregenden Bildern und Tänzen. Die Gruppe des Dortmunder KJTs schafft es, einen gelungen Ausgleich zu finden, der es mir weder schwer macht, bewusst auf die Texte zu hören, noch meine Wahrnehmung zu überlasten scheint.

Die Gefangenheit der Figuren in der Digitalen Welt wird durch ein für das Stück entscheidendes Bild dargestellt. Es kehrt immer wieder zurück, wird variiert und gibt der Collage einen leitenden Faden.
Wann immer von „Vernetzung“ die Rede ist, zaubern die Akteure einige Rollen Frischhaltefolie auf die Bühne. Zum Anfang des Stücks sehen wir, wie beinahe alle durch Telefonate oder SMS, ohne es zu realisieren miteinander verbunden (also von Frischhaltefolie umwickelt) werden. Während diese Personen durch ihr normales Handeln, ob gewollt oder nicht, eingewickelt (also verbunden, also gefangen) werden, wickelt sich später eine der Akteurinnen während ihres Monologes bewusst in eine ganze Rolle Folie ein und unterstreicht somit die Kernaussage des Textes ihrer Figur: Ich will das so, weil es mir Halt gibt.
Diese bewusste „Flucht“ wird noch einmal in einer eher abstrakten Szene aufgegriffen, die mir persönlich mit am besten gefallen hat: An die Leinwand wird ein übergroßes Lagerfeuer projiziert und langsam kriechen die DarstellerInnen dem Feuer (hier als Symbol für die virtuelle Welt) mit ihren umklammerten Handys entgegen, um sich, mal dramatisch ausgedrückt, in ihrer Verlassenheit an eben dieser zu wärmen und zu trösten.
In anderen Momenten versuchen sie aus den Fängen der Vernetzung zu entfliehen, schaffen es jedoch nicht. Sie bleiben umwickelt. Wir, das Publikum, ebenso.

Das Ensemble beschäftigt sich allerdings nicht nur mit dem Verschwinden in der Virtualität. Durch verschiedene Szenen zeigt es uns, wie die digitale Welt auch in unser reales Leben eindringen kann.
So stellen die jungen SchauspielerInnen dar, wie aus Cyber-Mobbing physische Gewalt und aus Facebook-Stalking eine Besessenheit wird, die bis hin zur Entführung reicht.
Besonders diese Szenen erinnerten stark an Mamas Worte, die wir doch alle kennen: „Kind, das Internet ist gefährlich und böse!“ Jetzt kommt doch wieder ein wenig heraus, dass wir uns hier schon mit einem typischen pädagogischem Thema befassen, das schon in jeglicher Weise durchgekaut und überdramatisiert wurde und in mir persönlich ein lautes „O Gott, nicht schon wieder!“ auslöst.
Dass ich genau solche Vorbedenken bis zu diesen Szenen komplett über den Haufen geworfen hatte, macht diesen Moment jedoch zum must-have eines jeden Stücks, in dessen Arbeitsprozess sich ein schlaues Köpchen überlegt hat, ein Thema zu wählen, was uns allen ja eigentlich schon zum Hals raus hängt.
Der Kniff liegt darin, dieses must-have auf ein Minimum zu beschränken, es nicht zur Grundstimmung mutieren zu lassen. Und meiner Meinung nach ist Beyer und Köck (und den SchauspielerInnen natürlich) das ganz klar gelungen.

Die letzte Spalte, in die man die Szenen meinem Empfinden nach einordnen kann, befasst sich mit waschechter Kritik.
Das Ensemble wagt beispielsweise einen sehr pessimistischen Blick in die Zukunft. Aus dieser warnt uns eine gekrümmte und verbuckelte Person auf der Leinwand davor, dass ihre Generation den Absprung von der virtuellen Welt nicht geschafft hat.
Andererseits machen die Akteure mir mit eindeutigen Bildern auf der Bühne sehr klar, was sie von dem Staat zu scheinen halten, oder zumindest von den Vorteilen, die dieser aus dem „virtuellen Wahnsinn“ ziehen mag. So treten die jungen SchauspielerInnen einerseits mit Guy Fawkes Masken auf und erklären uns zu Opfern eines virtuellen Überwachungsstaates, andererseits machen sie einen ihrer Mitspieler wortwörtlich zur Marionette.
„Every breath you take, every move you make, I’ll be watching you!” scheint eine Mitteilung zu sein, die den 17 Jugendlichen wichtig ist, denn zum Ende hin hören wir diesen Satz immer und immer wieder.

Allumfassend betrachtet fällt mir gleich der eher negativ belastete Umgang mit dem Thema auf. Aber das gefällt mir. Die KJTler scheinen sich nicht gezwungen zu haben, ein ausgeglichenes Pro- und Kontrasystem hervor zu bringen.
Interessant bleibt dann die Frage, wie es kommt, dass einen so pessimistischen Blick wagen, wenn sie doch trotzdem total in der digitalen Welt gefangen sind. Oder können sie diesen Blick nur haben, eben weil sie drin sind?
Das Stück wirft also mehr Fragen auf als es Antworten gibt, was für den ein oder anderen sicherlich Kritikpunkte hergibt. Ich finde das völlig ausreichend. Auch nach dem „Herunterfahren des Computers“ werden sich einige Zuschauer sicherlich Gedanken über ihren Umgang mit der virtuellen Welt und den Auswirkungen auf sich selbst machen. Mehr kann man doch wirklich nicht erwarten.

- Shannon