Wer bin ich? Was kann ich gut? Was will ich? Was ist mir wichtig?
Durch was definiere ich mich?
Durch mein Aussehen, durch meine Leistung, durch meinen Humor, meine Hilfsbereitschaft?
Zehn Akteure des Duisburger Theaters suchen auf der Essener Bühne nach Identität.
Fancy (Karina Solzmann) sucht in dem von der Decke hängenden, vergoldeten Spiegel nach ihrem wahren Ich. Auf der Bühne bekommt sie in ihrem rosaroten Rüschenkleid viel Applaus für ihre gesungenen Lieder. Schaut sie sich im Spiegel an, liebt sie alles an sich. Doch bald schon interessiert sich keiner mehr für ihre Lieder, und sie beginnt, ihr Spiegelbild kritisch zu betrachten.

Alice (Tamara Meuthen) zockt im Schlafanzug Playstation und lebt in ihrer eigenen Welt. Sie flüchtet vor der beängstigenden Wirklichkeit in eine Fantasy-Welt, in der sie sich wohl und sicher fühlen kann. Oder etwa doch nicht!?
Viktor (Chris Lemba) will nicht ständig mit seinem ihm ähnelnden Vater, den er hasst, verglichen werden. Beim Blick in den Spiegel empfindet er sich nur als Kopie seines Vaters, alleine seine Narben und seine Geschichten unter ihnen verleihen ihm Originalität.
Mia (Wiebke Böggering) hilft immer und überall. Sie hört allen zu, ist ehrenamtlich tätig und springt bei jeder Gelegenheit ein. Doch eigentlich will sie gar nicht immer für alle da sein, nicht immer jedermanns Tasche schleppen.
Ed (Levin Risse) hat vor mehr als zehn Jahren von einem Schulfest ein Video gemacht. Er gibt vor, Filmemacher zu sein, und prahlt, wie toll er sei. Doch als er sich an einer Filmschule bewirbt, trifft er auf die Realität: er wird nicht genommen, da er nie wirklich für seinen Traum gearbeitet/ gefilmt hat.
Die 16-jährige Lynn ist die Marionette in dem Stück. Ständig heißt es „Lynn stell dich doch mal mehr ins Licht, Lynn, nimm doch mal bitte den Schal auf deinen Kopf, Lynn mach doch mal Kniebeugen“. Doch eigentlich will Lynn das nicht mit sich machen lassen. Sie will keine Marionette sein.
Volker (Johannes Kunkel) stellt sich als Philosophiestudent vor, dem es besonders die Philosophen des 19. Jahrhunderts angetan haben. Aber seine eigentliche Leidenschaft sind wie auch schon für Kierkegaards Verführer die Frauen. Deshalb macht er sich gerne an jede ran, die ihm begegnet. Aber natürlich ohne diese primitiven Anmachsprüche, sondern schon originell. Er kann immer jemanden anrufen und bekommt ja jedes Mädchen. Manchmal aber doch nicht.
Sophie (Dietke Helmig) lernt fleißig für die Uni, um die Firma ihrer Eltern übernehmen zu können. Doch will sie das eigentlich wirklich?
Mark (Mike Wiese) ist froh, dass er nach der Uni seine Ruhe hat und niemanden sieht. Aber eigentlich wünscht auch er sich Menschen um sich herum, eine Freundin, der er sich anvertrauen kann.
Gleich zu Beginn etabliert sich Dwight (Marvin Abssi) als Spaßvogel der Gruppe. In einer kleinen Improvisation parodiert er einige der Ticks, die das Ensemble des Jungen Theater an der Ruhr Mülheim in ihrer Produktion „Vorstellung“ so exzessiv zelebriert hat. Auch später macht er zwar ständig Quatsch mit Vampirzähnen oder skurrilen Sonnenbrillen, eigentlich ist er aber ein verletzlicher Mensch.
Jede dieser Figuren wird mit solch einer Intensität gespielt, dass man Gänsehaut bekommt. Denn wir alle kämpfen im Endeffekt mit denselben Problemen. Wir schauen uns ebenfalls im Spiegel an und fragen uns, wer wir eigentlich sind. Wir alle sind nicht gerne alleine. Wir alle sehnen uns danach, so akzeptiert zu werden, wie wir sind.
Ihren emotionalen Höhepunkt erreicht die Inszenierung, als zwei Ensemblemitglieder „If I lay here“ von Snow Petrol singt. Währenddessen bildeten sich Zweierkonstellationen. Ed nimmt Mia die Taschen ab, Volker tanzt langsam mit Lynn, Sophie unterhält sich angeregt mit Viktor. Und Dwight jagt im Gorillakostüm hinter Alice her. Getragen von der Melancholie des Lieds beginnt man, über sich selbst nachzudenken. Die Zeit stand für einen Moment still, und mir kamen fast die Tränen.
Der tobende Applaus und das stehende Publikum am Ende des Stückes beschreiben den Abend am Besten.
Camilla L.



















