das sind david, karim und daniil. die figuren heißen so, und die schauspieler auch. hier kann man eine kurze biografie von daniel wagner finden, er ist 1980 in kasachstan geboren (die anderen beiden heißen karim cherif und david wurawa). die schauspieler geben ihren figuren die namen wie in der vorlage für den theaterabend: das ist der film “hass” von mathieu kassowitz, erschienen mitte der 90er jahre. volker schmidt und sein team machen ein “stationentheater” daraus und setzen die geschichte in ein “niemandsland am rande einer großen stadt irgendwo in europa”, sagt der programmzettel (es tritt dann aber doch ein wahlwerbender politiker von den “jungen konservativen österreich” auf, phantasievolle parteienschöpfung mit forderungen wie “steuerfreies vererbungsrecht auch für jagdscheine!”). auf jeden fall ist der ort, wo wir mit bussen hingefahren werden, eine industriebrache an wiens stadtgrenze: das alte gaswerk leopoldau. uraufführung war am 27.05.2010.
karim, daniil und david sind jugendliche in einem “banlieu”, die wissen, dass auch ihre zukunft sich am rand der gesellschaft abspielen wird. dauernd gibt es konflikte mit der polizei, auch mit zivilpolizisten. in den vierteln, in denen sie leben, wird nichts für die kulturelle bildung der jugend getan, beklagt sich daniil in leopoldau. kultur besteht hier aus sprachenmischmasch und den unterschiedlichsten hintergründen. karim (vater algerier, mutter französin) erzählt, dass ein verwandter (serbe) ihn mit dem filmen, dem “showbiz” angestiftet habe – aber als er mal durch den türspalt geguckt hat, welche filme die serben sich da ansehen (gucken für karim verboten!), sind es abgefilmte tote. man hat sich versammelt, um gewissheit über das schicksal von bekannten weit weg in serbien zu bekommen. – was sie selbst weitergeben können, ist kriminelles wissen: karim erklärt, wie man im job betrügt, daniil ist stolz darauf, mit 13 jahren schon eine eigene methode gefunden zu haben, wie man ein auto knackt!
wer aus der reihe fällt, ist devid.
devid erzählt uns, er sei als boxer vor fünf jahren aus simbabwe nach europa zu einem kampf eingeladen gewesen. er hat den kampf gewonnen und ist illegal geblieben. er muss seine zwei brüder und seine schwester in afrika ernähren und ihnen den schulbesuch ermöglichen. im laufe der zeit hat er sich richtig was aufgebaut: er bringt als boxlehrer in einer box-gym jugendlichen das boxen bei.
aber dann werden alle seine pläne vernichtet: in der nacht zuvor hat es unruhen gegeben. wir stehen mit ihm im raum und sehen: sein ring ist nur noch schutt und asche, verbrannt.
ein junger migrant liegt im koma, die polizei hat ihn während eines verhörs verletzt. eine waffe ist während der unruhen verloren gegangen. gefunden hat sie karim, der sowieso schon schwer unter strom steht. er schwört rache, sollte sergej, wie er hier heißt, sterben.
in wien sind wir fast die ganze zeit unterwegs. tagsüber hat es geregnet, der boden ist nass und schlammig. im laufe der dreieinhalb stunden (incl. busfahrten) wird es auch kühl. wir gehen erst in drei gruppen den drei hauptdarstellern hinterher und lernen so in kleinen szenen sowohl sie als auch ein paar andere figuren kennen. schauplätze: bei karim sehen wir zum fenster hinein, während sich die szene für die andere gruppe in unserem rücken wiederholt – weil daniil vorher auf der straße einen wortwechsel hat, bevor er zu unserer szene mit karim dazustößt.
karim macht auch dauernd auf dicke hose wie alle anderen. aber wenn es darauf ankommt, ist er auch schnell schon mal ab durch die mitte. sie knacken auch zu dritt ein auto – aber niemand kann es fahren!
es beginnt ein bisschen müde, das ganze, weil die darstellung der unruhen nicht besonders überzeugend ist – vielleicht hätte man hier doch einen (kampf)choreografen engagieren sollen. aber die drei hauptdarsteller haben einen ganz schnell um den finger gewickelt mit dem charme, den sie ihren figuren verleihen, dem unglaublich lebendigen humor und der hibbeligen spielfreude. “authentisch” würde ich das nicht nennen. aber dann wären wir ja auch genau in dem “zoo”, in dem die figuren sich nicht fühlen wollen. es ist wirklich sehr lustig über sehr weite strecken (wie auch im film) – aber kein darsteller verrät dabei seine figur. bis auf den skinhead (heute war da nur einer) in der grube allerdings, der gibt nur grunzlaute von sich…
die darsteller machen eine menge wirbel, was gar nicht so leicht ist mit nicht so viel “personal” und auf so großer fläche. die szenenwechsel sind großartig komponiert, es macht auch großen spaß, wenn autos um die ecke kommen, reifen quietschen, verfolgungsjagden über autodächer stattfinden, irgendwoher noch jemand auftaucht, man mal drinnen und oft draußen sitzt und steht und guckt, figuren hinter hügeln auftauchen oder mehrere szenen fast gleichzeitig kommentieren, während sie in ihrem tomatenbeet herumhackseln.
was nicht gut klappt, sind die wendepunkte und die überraschenden momente. man weiß gar nicht, warum am ende karim seine waffe doch an den vernünftigen david abgibt (im film ist es klar: er weiß, dass er niemanden töten könnte, er hatte die waffe auf einen unterlegenen skin-head gerichtet – aber in der theateraufführung kann man das kaum erkennen, obwohl die szene noch im stück vorkommt). und im film offenbart auch der vernünftige david eine “dunkle seite” – auf das leben des skin-heads scheint er nicht viel zu geben. auch das ist in der adaption noch enthalten, aber mit diesem moment der ambivalenz wird hier gar nicht gespielt.
es gibt mitten in der pampa sogar eine pause. man kann gegen eine spende getränke bekommen und bei einem breakdance battle mit dj die beteiligten anfeuern, darunter junge tänzer und schüler, die sichtlich lust an ihrer rolle haben.
“noch geht alles gut” gehört übrigens zu dem gleichnis, das den film und das stück einleitet: jemand fällt aus dem 40. stockwerk und sagt sich während des fallens immer wieder “noch geht alles gut, noch geht alles gut”. aber entscheidend, sagt das gleichnis und bezieht sich auf ganze gesellschaften, ist nicht der fall, sondern der aufprall.
deswegen kann man auch kein ende verraten. der film geht schlimm aus. aber ein ende gibt es eigentlich gar nicht.
christiane enkeler
























