Blog „Wiener Festwochen - jugendFREI 2011“

“So etwas habe ich noch nie erlebt!” - Eindrücke zu “Compartment City”

Samstag, 4. Juni 2011

Selbst der Getränkeautomat war eine faszinierende Überraschung: Die Getränkedosen kamen gekühlt, die Maissuppen-Dose (1. v. re.) heiß aus dem Automaten!                       Foto: Katharina Kolar

Zuerst wusste ich nicht ganz genau, was mich bei Compartment City erwarten wird. Ich wusste nur: Kabinen, DVD‘s und Interviews. Das Resultat kann sich wirklich sehen lassen, vor allem die dahintersteckende Idee von Akira Takayama finde ich großartig. Menschen jeder Altersklasse und jeden Standes beantworten die selben Fragen, nur die Antworten machen den Unterschied. Der Fragenkatalog ist geschickt aufgebaut und verschachtelt wichtige, gesellschaftsrelevante Fragen in persönlichen Argumenten. Die Unterschiede sind drastisch und man ist wirklich jedes Mal aufs Neue gespannt, wie geantwortet wird und wie man diese Person eingeschätzt hat. Ich habe bei der großen DVD-Menge versucht möglichst verschiedene Menschen herauszusuchen. Vom Kind angefangen über Jugendliche über in Wien-lebende-Ausländer bis hin zu Pensionisten. So konnte ich die Antworten gut vergleichen. Ich habe mir auch selbst immer gedacht, was ich jetzt antworten würde und ob meine Antwort immer eine gute Antwort gewesen wäre. Auf alle Fälle bringt einen “Compartment City” reichlich zum Nachdenken und man kann sich einen tollen Einblick beziehungsweise Überblick über das Leben anderer “genehmigen”.                                   

Corinna Harrer


So etwas habe ich noch nie erlebt. Akira Takayama’s “Compartment City” ist eine eindrucksvolle Installation. Abgesehen von der Atmosphäre in dem Container am Karlsplatz, überzeugen auch die Videokabinen und diverse Videos von Menschen aus Wien und Tokio. Es herrscht eine gemütliche Atmosphäre in den kleinen Videokabinen. Auf einem Polster sitzend, mache ich es mir bequem und schaue insgesamt 11 Videos von Passanten in Tokio und Wien an. Die verschiedenen Antworten auf die gleichen 30 Fragen sind witzig, inspirierend und menschlich. In “Compartment City” werden japanische Speisen und Getränke angeboten. Es ist wahrlich eine kleine Reise nach Tokio gewesen. Aber am aller meisten hat mich das “Dating Café” beeindruckt. Dort angekommen habe ich die Wahl, mit welcher der Personen ich reden möchte. Es war etwas unangenehm eine Wahl zu treffen, jedoch die Hintergrundidee des “Dating-Cafés” und das Gespräch waren sehr interessant. Spannung und Aufregung sind jede einzelne Minute während des Besuchs garantiert. Die Art wie Takayama den “Modernslum” Tokios den Wienern nahebringt ist meisterhaft. Ich kann nur sagen, dass dieses Auftragswerk eine Sensation ist und ich jedem rate, der am Karlsplatz vorbeikommt, sich in eine Videokabine zu setzen und im Anschluss das “Dating-Café” zu besuchen! Ich kann kulturelles Entertainment versprechen!

Stella Whitney Fuhs


Manche der Interviews und Personen bleiben länger bei Einem, man vergisst sie nicht mehr und möchte mehr über sie erfahren, während andere dagegen weniger im Gedächnis bleiben. Hier stellt sich für mich natürlich sofort die Frage: Was ist es, das wir als erinnerungswert empfinden? Was „muss“ man machen um in Erinnerung zu bleiben?

Die Fragen, die gestellt wurden, sind nicht einfach zu beantworten, das Aquarium mit Menschen, aus denen man sich ein „Date“ auswählen kann, ist ungewohnt und verunsichert den ein oder anderen. Doch ist das Gespräch ungezwungen und ich zum Beispiel fand es total schade, dass man diesen Menschen, den man gerade eben erst kennen gelernt hat, sofort wieder verliert.

“Compartment City” verursacht mit den vielen DVDs eine Reizüberflutung, doch nach einer Weile findet man sich zurecht und würde am Liebsten alle DVDs anschauen. Das zentrale Thema „Wer bin ich“ kommt perfekt zur Geltung und man kann sich noch Tage nachher dabei ertappen, wie man über das Beantworten von einigen Interviewfragen nachdenkt. Gerade auf „Wer sind Sie?“ könnte man jeden Tag anders antworten.

Katharina Köberl

Was einen erwartet, wenn man einen Container betritt der umstellt von japanischen Automaten ist, rot/gelb mit Neon am Karlsplatz leuchtet und “Compartment City” genannt wird? Ja, eben: K E I N E Ahnung, nicht einmal den blassesten Schimmer, außer vielleicht dass es möglicherweise etwas mit Japan zu tun hat. Genau weil ich eben so völlig plan-und ideenlos war habe ich beschlossen, das auch so zu lassen. Da, wo ich normalerweise vorher immer ein Minimum an Information habe, wenn ich ein Stück oder eine Installation besuche, wollte ich diesmal eben meine Ahnungslosigkeit sein lassen und mit ihr in den Container marschieren – mal schauen, was da so alles drinnen auf uns wartet! Wie in einer Videothek ist es da drinnen, nur kleiner und enger, mit Regalen in denen DVDs lagern, von denen Menschen aus aller Welt uns anlächeln, oder auch einfach nur ansehen. Das heißt, Menschen aus aller Welt ist im Grunde genommen nicht korrekt. Es sind Leute aus Wien (oder zumindest solche, die in dem Moment gerade in Wien waren). Und Leute aus Tokyo, Japan, die dort arbeiten, leben; wie auch immer. Mit Körbchen voller DVDs und den Taschen voller japanischer Süßigkeiten geht es dann weiter, in den hinteren Teil des Containers, wo, wie kleine Umkleidekabinen, Abteile stehen… voll ausgestattet mit japanischen Massagestühlen, Fernsehern und Anleitungen aus Japan. Original, eben. Die Fragen, die den Menschen die interviewt werden, gestellt werden, sind nicht immer einfach zu beantworten. Was man zum Frühstück gegessen hat, das geht gerade noch. Wer oder was man selbst ist, das ist dann doch eine viel kompliziertere Frage. “Ein ganz normaler Mensch”, sagen viele. Akira Takayama, Künstler und geniales Hirn hinter der ganzen Aktion, gibt in dem Interview welches wir später mit ihm führen dürfen, eine ganz andere Antwort auf diese Frage. Zumindest heute sei er einmal einfach nur unser Spiegelbild, vielleicht unserer Gesellschaft, vielleicht das der seinen, vielleicht auch einfach nur der Menschen.

Der zweite Teil der Aktion ist noch ungewohnter, radikaler möchte ich fast sagen. Mit Plan ausgestattet wird man alleine in den Großstadtdschungel geschickt, um nach zehn Minuten (weniger, wenn man sich allzu leicht an den Vienna Opera Toilets orientiert) am Ziel anzukommen. Dann ist alles wie in einem Traum: Treppen in einem scheinbar verlassenen Lokal, schummriges Licht, Pfeile, die den Weg weisen, Vorhänge, auf denen “ENTER” steht. Ein freundlicher junger Herr, der dem Besucher, der meist etwas baff ist, als er das menschliche Mc Donalds-Aquarium im Dunkeln leuchten sieht, entgegenkommt. Wie beim Fleischer kommt man sich vor, wenn man vor den Glasscheiben steht, durch die man nur von einer, unserer, Seite durchsieht. Man wird freundlich gebeten, sich einen der Menschen, die da ihr Mc Donalds Menü (fr)essen, ”auszusuchen”. Völlig perplex steht man da. Ungewohnt und ja, auch unangenehm findet man die Situation vielleicht. Und wird nach langem Zögern und einer letztendlich unwillkürlichen Wahl mit seinem ”Stück Fleisch” in eine Dating Kabine geschickt. Zehn Minuten quatschen, dann ist der Spuk vorbei. Gelernt hat man vielleicht nichts, aber doch zumindest eine nette Unterhaltung geführt. Oder vielleicht hat man doch, vielleicht habe ich doch, etwas gelernt: über meinen eigenen Schatten springen, das ganz bestimmt. Mit einem völlig unbekannten Menschen in einer kleinen, engen Kabine sitzen und reden, reden müssen. Und wenn man da so sitzt und dieselben Fragen, die in den Container-Interviews gestellt wurden, beantworten muss, dann lernt man vielleicht auch einiges über sich selbst. Takayamas Experiment zwingt einen nämlich zumindest dazu: über sich selbst, und auch ein bisschen über die Welt, die uns umgibt, wenigstens die des Wiener Karlsplatzes, nachzudenken.

Bianca Marion

Zum Interview mit Akira Takayama geht es hier!


Interview mit Akira Takayama - Compartment City

Samstag, 4. Juni 2011

Im Anschluss an den Besuch der Videokabinen und des Datingcafés trafen wir Akira Takayama im Container am Karlsplatz zum Gespräch!

What was the idea and background of “Compartment City”?

How did you choose the 30 questions?

Why did you “create” a Dating café?

Reactions on Compartment City in Tokyo

How the audience “chooses” persons and differences to “Compartment City” in Tokyo

Are there similar projects in progress at the moment?

Always the last question of the interview(s): “Who are you”?

And last but not least: We talked about studying and football

Meeting with Light Designer James F. Ingalls

Mittwoch, 1. Juni 2011

It was a lucky coincidence which allowed us to meet James F. Ingalls, the light designer of Desdemona after the final rehearsal. Right at the beginning he greeted us with a warm smile and we all sat down next to him.

It felt a bit like childhood when we looked at him, listening to his “glorious” stories of former plays and new plays, which all came to life due to his magnificent talent to make light change emotions. He told us about the million ways light can revolutionize a play and patiently answered every question we raised.

We instantly noticed that he is not just being politely answering questions, no, he was really interested about what we wanted to know.

All in all we learned a lot and also got a great insight in his daily work. The talk didn’t only show us, that theater really is one big, big family, it also gave us the feeling of belonging there and being welcome.

Katharina Köberl

Verwirrung der Einsamkeit

Montag, 30. Mai 2011

Mit „Rêve d‘automne“ und “I am the wind“ bringt Patrice Chéreau gleich zwei Stücke Jon Fosses mit dem zentralen Element der Einsamkeit in das Wiener Museumsquartier. Ausgeschrieben als zwei einzelne Theaterstücke schwingt doch bei dem Großteil des Publikums die Message mit, sich beide hintereinander anzusehen, und somit sind beide Vorstellungen mit einem gefüllten Zuschauerraum zu verzeichnen. Man möchte glauben, dass beide Stücke zusammengehören, sind sie doch bis auf ein paar Parallelen sehr unterschiedlich. Nicht nur alleine durch ihre Sprache, sondern auch aufgrund der Inszenierung.

In „Rêve d‘automne“ wird man sofort von einem großartigen Bühnenbild beeindruckt, welches einen zu verschlingen droht. Chéreau hat den Originalschauplatz, einen Friedhof, in das wohl bekannteste Museum der Welt verlegt, in den Pariser Louvre. Hierbei drängt sich sofort die Frage auf: „Wozu?“ Die Fantasie des Publikums wird alsbald gefordert, da es sehr verwirrend ist, warum sich alle auf einem Friedhof befinden, aber eigentlich in einem Museum sind. Klarheit erlangt man in diesem Stück sowieso selten, wenn überhaupt. Große Zeitsprünge, ohne jegliche Ankündigung, werden erst viel später aufgeklärt und verursachen somit eine Verwirrtheit, der man mit Unkonzentriertheit entgegensteuert. Musikalische Einschübe weisen eher etwas Filmisches auf, wie aus einer Serie bei der zu gewissen Schlagworten die Musik beginnen muss um eine gewisse Gestik zu unterstreichen und somit ihre Wirkung zu verstärken. Es ist ein ständiger Kampf gegen das Alleinsein und die Angst. Ein Kampf, den die Hauptdarsteller alle auf ihre Art zu bewältigen versuchen.

In den letzten Minuten des Stückes fallen dann die Worte „Was suchen wir?“. Was für dieses Stück mit: „Homogenität und Aussagekraft“ beantwortet werden kann.

Ganz anders verhält es sich jedoch bei “I am the wind“. An Glaubhaftigkeit sind die beiden Schauspieler kaum zu übertreffen. Obwohl der Text sehr absurd und konfus ist, findet man hier eine geschlossene Handlung vor, ja sogar einen Kreis der sich wieder schließt, da der erste Dialog der beiden ident ist mit dem Schlussdialog, jedoch versteht man erst zum Schluss dessen Sinnhaftigkeit. In “I am the wind“ liefern sich die beiden Darsteller, Tom Brooke und Jack Laskey, vorwiegend ein Frage-Antwort-Spiel und den verzweifelten Versuch die schönen Dinge des Lebens zu finden und zu erleben.

Zwei großartige Schauspieler...                           Foto: © Simon Annand

Zwei Männer, ein Boot. Das ist die Grundlage für diese Geschichte. Während im Hintergrund die Wellen wiegen und ein Mann vergeblich versucht seinem Freund einzureden, dass das Leben schön ist, widerspricht sich dieser ständig und lässt das Gefühl aufkommen, dass er sich selbst eigentlich überhaupt nicht kennt. Es ist ein absolut tiefsinniges Stück mit der großen Gabe die Spannung aufrecht zu erhalten und das Publikum neugierig zu machen, was noch alles passieren wird, denn in diesem Stück muss nichts Großes passieren um eine Wirkung zu erzielen. Es reichen wenige Worte um einen Gedanken zu vertiefen. Mit den Worten „I left with the wind - I am the wind“ schließt das Stück und hinterlässt großen Gedanken-Ordnungs-Bedarf in den Köpfen der Menschen.

Corinna Harrer

Eine Aufführung, bei der man zu schielen beginnt…

Montag, 30. Mai 2011

Drei kritische Augenpaare mit lila Fleck im Sichtfeld...      Skizze: Stella Whitney Fuhs

Noch bevor sich der Vorhang hebt wird das Publikum schon darauf aufmerksam gemacht, dass die Darsteller heute ihre Partien nicht ganz aussingen werden, da es sich ja nur um die Generalprobe handelt und die SängerInnen ihre Stimmen für die Premiere - zwei Tage darauf - schonen werden. Dies stößt bei vielen im Publikum auf Unverständnis, da sie sich so von Schauspielern abzuheben scheinen, jedoch muss man sagen, dass im Endeffekt nur musikalisch geschulte Ohren einen Unterschied bemerken konnten.

Das Bühnenbild ist, wie bei den meisten Produktionen der Wiener Festwochen 2011, imposant, aber dennoch schlicht gehalten. Schwarze Bühnenelemente die sich zu den passenden Szenenbildern verschieben ragen bis in den Schnürboden hinauf und lassen somit die Bühne irrsinnig groß erscheinen. Ebenso die Kostüme sind passend zu der Inszenierung abgestimmt, einziger Dorn im Auge ist jedoch Rigoletto‘s (George Gagnidze) knalliger violetter Hosenanzug. Sonst eher alles Ton in Ton wird er durch seinen Hosenanzug dinglich hervorgehoben, was eher irritierend wirkt, als Gefallen hervorruft.

Die Tatsache, dass die Untertitel an den äußersten Rändern der Bühne angebracht sind, führt einen dazu, eine Grätsche mit den Augen zu versuchen. Es ist nicht möglich sich auf die Darstellung sowie auf den Text gleichzeitig zu konzentrieren. Höchstwahrscheinlich ein gewollter Aspekt, jedoch der Sache nicht ganz dienlich, da man ohne die Untertitel dem Handlungsstrang nur sehr schwer folgen kann, wenn man vorher die Geschichte nicht kennt.

Schauspielerisch ist natürlich alles sehr überspitzt dargestellt und übertrieben und wirkt unnatürlich, aber das haben Opern so an sich und soll auch keine Kritik ihrerseits sein. Es handelt sich hierbei einfach um ein anderes Genre, welches nicht mit Theater verglichen werden sollte.

Gilda (Chen Reiss) und der Herzog von Mantua (Francesco Demuro) sind zwar beide exzellente Sänger, jedoch scheint die Chemie zwischen ihnen nicht zu stimmen. Vergleichbar mit zwei Edelgasen, die keine Verbindung miteinander eingehen können.

Im Großen und Ganzen wäre Rigoletto ja in Ordnung, doch durch die leichten Schwächen, welche sich das ganze Stück über anhäufen, ist es leider nicht möglich ihr das Prädikat „grandios“ zu verabreichen.

Katharina Köberl und Corinna Harrer

„Dunkel, Genossen, ist der Weltraum, sehr dunkel“

Samstag, 28. Mai 2011

Nach monatelangem Entgegenfiebern sitze ich, als bewährter und treuer Lepage-Fan, endlich, endlich wieder im Theater, oder vielmehr in der Traumwelt von Robert Lepage. Der gebürtige Kanadier aus Québec, der schon vor vielen Jahren mit The Far Side Of The Moon auftrat und dessen Alter-Ego auf der Bühne schon lange die Zuschauer in seine Weltraumtagträume mitreißt, bringt auch heuer, 2011, sein Solo-Stück wieder zu den Wiener Festwochen.

Mit Yves Jacques in der einzigen Rolle ist das Stück zwar wesentlich kürzer als Lipsynch, der 9-Stunden-Epos, der letztes Jahr das Festwochen-Publikum verzauberte, aber nicht minder großartig. Es geht in The Far Side Of The Moon um zwei Brüder (beide von Jacques gespielt), die den Tod ihrer Mutter verarbeiten müssen, aber die sich auch untereinander aussöhnen, wieder zueinander finden müssen. Es geht aber auch um den Wettlauf im All, den sich USA und Russland während des Kalten Krieges lieferten; um die Poesie des Lebens auf unserer Erde, sogar dem ganz alltäglichen Leben, und um die absurde Idee, einen Aufzug in den Weltraum zu bauen. Im Grunde geht es vielleicht um die Tagträume und Wünsche eines Jeden. Trotzdem ist die Handlung, wie meist bei Lepage, nur ein Mittel zum Zweck: In Wahrheit geht es bei Lepage vorallem auch um die Magie seiner Inszenierung. Als Zauberer der Bühne, der die Grenze zwischen Realität und Traum gekonnt wie kein anderer verschwinden lässt, schafft es Lepage, mit ganz einfacher Technik alles nur Erdenkbare entstehen zu lassen. Gerade so, als ob der Zuschauer in Kindheitserinnerungen, Tagträumen und Wünschen schwelge, gestaltet sich die Bühne: Eine bewegliche Spiegelwand verwandelt sich in einen unendlichen Weltraum, eine Thermoskanne wird zur Rakete, eine Waschmaschine zur Raumschiffluke. Spielerisch und einfach, gekonnt, ist die ganze Bühnengestaltung: Als würde sich auf der Bühne die Anziehungskraft der Erde lösen und tatsächlich in Schwerelosigkeit umwandeln schwebt die Hauptfigur, völlig vom Ballast der Realität befreit, durch seine Träume.

Knapp zwei Studen fesselt mich das Stück an meinen Platz, und die Enttäuschung, als das Stück zu Ende ist, ist dieselbe Enttäuschung die man verspürt, wenn man aus einem wunderschönen Traum aufwacht oder von einer langen, unglaublichen Reise zurückkommt. Und auch der Rest der Zuschauer ist dem Zauber von Robert Lepage, der sowohl Wehmut als auch kindliche Freude an dieser Traumweltbühne auslöst, völlig ausgeliefert und feiert den Künstler mit Standing Ovations.

Bianca Marion

Ein kunstvolles Meisterwerk

Freitag, 27. Mai 2011

„Opening Night“ – nach John Cassavetes gleichnamigem Film über die Vorbereitungen eines Theaterstücks – ist eine von jenen Inszenierungen, die für immer in Erinnerung bleiben. Nicht, weil die Geschichte so herausragend wäre, sondern schlichtweg deswegen, weil auf der Bühne etwas komplett Neues geschaffen wurde.

On-Stage Kameras filmen live das Geschehen mit und bringen es auf einen Screen direkt über der Bühne. Problematik hierbei ist allerdings, dass Mimik und Gestik von Film- und Theaterschauspielern nicht gleich ist. Dementsprechend unpassend wirken die Schauspieler auf dem Screen. Ob sie während des Stückes in die Situation hineinwachsen oder ob man sich schlichtweg an die Spielweise gewöhnt, kann nicht gesagt werden, aber gewiss ist, dass man sich an den Screen gewöhnt.

Mag man am Beginn noch schockiert gedacht haben „Schon wieder Kameras auf der Bühne!?“, so merkt man nach kurzer Zeit: Hier passt es. Zunächst sind allerdings viele Zuschauer verwirrt, es ist ihnen nicht klar, wohin sie schauen sollen, das Multitasking überfordert und die Handlung ist rasch – es bleibt keine Zeit zum Nachdenken oder zum Entscheiden, wohin man lieber schauen möchte. Auch die nicht ganz korrekte und nicht vollständige Übersetzung vom Holländischen ins Deutsche ist etwas störend, einige wichtige Gags werden nicht übersetzt.

Wer sich nicht frustrieren lässt, wird aber rasch bemerken, wie kunstvoll dieses Werk ist. Bemerkenswert wird mit dem Licht umgegangen, sanftes Violett unterstreicht die gefühlvollen Szenen der Hauptdarstellerin, helle Scheinwerfer verdeutlichen Verwirrung. An jeder Schlüsselszene wird Musik eingesetzt. Der Inhalt wird mit der Zeit verständlicher, man erkennt, wo das “Stück im Stück” anfängt und wo es endet, realisiert, dass kurze Lichtspiele jeweils zu Beginn und Ende solcher Sequenzen stehen. Auch die Zuseher werden nun einbezogen: Es wird nicht für das Publikum, sondern mit ihm gespielt.

Die elf Schauspieler überzeugen allesamt, letztendlich sogar am Screen. Man hat sich an die überzogene Spielart von Elsie de Brauw (Myrtle) gewöhnt und staunt nur mehr darüber, was sie alles spielen kann, tausend verschiedene Dinge und Gefühlslagen, alle 100%. Fedja van Huêt und Jacob Derwig sind zwei Schauspieler, die so großartig spielen, dass man ihre Emotionen nicht nur in ihren Gesichtern sieht, sondern auch spürt. Für Sekunden bringen sie den Zuschauer tatsächlich dazu, zu vergessen, was Stück und was Realität ist, all das von Maurice und Manny Erlebte ist plötzlich real.

Katharina hat die beim Publikumsgespräch anwesenden SchauspielerInnen um Autogramme gebeten...   Foto: Katharina Kolar

„Opening Night“ nimmt sich nicht nur die Bühne als Stage, auch vor dem Theater wird weitergespielt, dank der Kamara ist das Publikum live dabei: Mitgeh-Theater, ohne dass man den Platz verlassen muss.

Es ist sichtbar, dass der Regisseur genaue Vorstellungen hatte, wie er alles auf die Bühne bringen möchte. Da auf 2 Seiten der Bühne Zuschauer sind, musste noch genauer geplant werden. Dass die Zusammenarbeit zwischen SchauspielerInnen und Regisseur funktionierte zeigt sich schon allein daran, dass die Proben zum Stück nur 21 Tage dauerten.

Auch wenn manche Zuschauer von der modernen Aufführung und dem adaptierten Ende (z.B. wurde die im Film pompöse Endszene zu der intimsten Szene des ganzen Stücks gemacht) enttäuscht sind, so ist das Gesamtwerk dennoch hervorragend.

Auch die On-Stage Kameras machen in diesem Fall Sinn, denn jede Geschichte kann aus mehreren Blickwinkeln erzählt werden. Dieses Theaterstück erzählt und zeigt sie alle gleichzeitig. Der Zuschauer kann selbst entscheiden, welche Geschichte er hören möchte. Zusammenfassend lässt sich sagen: Ivo van Hove hat mit „Opening Night“ einen Meilenstein der modernen Theatergeschichte gesetzt.

Katharina Köberl

“Diebe” - Gute Aussichten trotz Angst vor dem eigenen Handeln

Montag, 23. Mai 2011

“Diebe” von Dea Loher in der Inszenierung von Andreas Kriegenburg ist ein Gastspiel des Deutschen Theaters Berlin. „Diebe“ heißt das Stück, weil es Menschen gibt, die sich durch ihr Leben stehlen. Diese Menschen haben Angst vor ihrem eigenen Handeln. Sie gehen behutsam durch das Leben und hoffen nicht bemerkt zu werden.

Ein riesiges Rad, das die ganze Bühne einnimmt, dreht die Personen auf die Bühne. Das Rad ist eine witzige Abwechslung zu herkömmlichen Stücken und die Schauspieler werden dadurch teilweise zu richtigen Bewegungskünstlern. Sarkasmus und schwarzer Humor prägen das Stück.

Doch wenn man länger über die zwölf Personen nachdenkt, die alle unterschiedliche Schicksale leben, merkt man wie aussichtslos und verzweifelt sie eigentlich sind. Ein sehr trauriges Stück, das witzig aufbereitet ist und zum Nachdenken anregt. Ich habe das Theater positiv verlassen, mit der Aussicht, das jeder seine Zukunft selbst aktiv gestalten kann.

Pia-Maria Fünck


“melting pot” - Ein Konzert der Ultimative.

Montag, 23. Mai 2011

“melting pot” schildert eine musikalische aber auch soziale Vermischung von Musikgenres bzw. Kulturen. Wolfgang Schlag hat das Stück in Auftrag gegeben und dieses Wunderwerk ermöglicht. In einer Einführung mit dem Komponisten Bernhard Gander, MA21, EsRap und Streetlife Supreme erzählt uns der Komponist, dass er bereits früh Interesse an Musik gehabt und sich schon immer für sein Talent engagiert hat. Er schildert seine Arbeitsweise und seinen herkömmlichen Arbeitsalltag. Die Zusammenarbeit mit Jugendlichen bereitet ihm besondere Freude und Inspiration, beiläufig zeigt er uns mit Vergnügen seine bis jetzt längste Komposition “melting pot”. EsRap erzählt uns ihre Geschichte, wie sie zu Rap gekommen ist und es soweit gebracht hat. Sie schreibt ihre Texte selbst und rappt über soziale Themen, die in Wien Alltag sind. Ein Mitglied der Gruppe MA21, einer HipHop-Rap Gruppe, stellt sich mit seinen Kollegen vor und erzählt über die gelungene Zusammenarbeit mit dem RSO Wien und Bernhard Gander.

Es ist Freitag Abend und es herrscht eine hervorragende Stimmung in der Shopping Mall. Die Menschen drängen zur Bühne und können es kaum mehr erwarten bis das Konzert losgeht. Die Erwartungen sind hoch. Nach langem Warten der Zuschauer geht es endlich los. Die Künstler, das Orchester und die Musiker werden vorgestellt. Der Dirigent Cornelius Meister beginnt mit dem RSO Wien und Dj Zuzee steigt gekonnt mit ihren Electronics ein. Es ist ein wahrlicher Genuss für die Ohren. Die MA21 macht den Anfang mit Rap und das Publikum reagiert euphorisch. Der Dirigent Cornelius Meister bewegt sich passend zu dem Sound von Dj Zuzee/Waxolutionist und dem Orchester. Die Bühne wird abwechselnd in verschiedenen Farben beleuchtet und hinter dem Orchester, welches sich ebenfalls auf der geräumigen Bühne befindet, ist eine Leinwand installiert, auf welcher Videos, Texte der vorgetragenen Raps und Fotos zu sehen sind. Künstler wie Fii (Beatbox), Sara (Beatbox), Yasmin Hadef (Slam Poetry), MA21 (Rap), EsRap (Rap) und ihr Bruder, welche mit türkischem Gesang und Rap die Arena des Donauzentrum erfüllt haben, sitzen oder stehen seitlich auf der Bühne und warten jeweils auf ihren Part. Sara und Fii liefern eine ultimative Show mit ihren Beatboxing-Einlagen und überzeugen das Publikum sofort mit ihren Beats. Dann beeindruckt Yasmin mit Slam Poetry und erreicht die Köpfe der Zuschauer mit ihren Texten, welche sich mit sozialen, politischen und internationalen Problemen beschäftigen. Aber zu all den musikalischen Einlagen erregen Streetlife Supreme, die für ihre Tanzshows am Stephansplatz bekannt sind, mit ihrer Performance die komplette Aufmerksamkeit der Zuschauer. Begonnen bei “Windmills” bis zu “Head Spins” staunen die Zuschauer bei jedem Tanzmove der trainierten Breakdancer.

Foto: Sabine Pichler

Die Tatsache, dass der Schauplatz im Donauzentrum perfekt zu dieser Uraufführung passt und die gewisse Partystimmung zwischen all den Geschäften und Rolltreppen sorgen für noch mehr Unterhaltung und Begeisterung. Die Atmosphäre an diesem multikulturellen Abend ist mit Sicherheit, kontinuierlich am Höhepunkt gewesen.

Es folgen Interviews mit Streetacademy-Künstlern und eine Aftershowparty:

Interview mit Yasmin Hafedh (Slam Poetry)

Interview mit Fii (Beatbox)

Ich kann nur hoffen, dass es weitere Vorstellungen des Auftragswerkes geben wird, denn jeder, der nicht dabei gewesen ist, hat eindeutig was verpasst. Alle Beteiligten haben in jeder Hinsicht wirklich hervorragende Arbeit geleistet.

von Stella Whitney Fuhs

Zuschauerreaktion: Großartig!

Nachgefragt - Meinungen zu “Oresteia” aus dem Publikum

Montag, 23. Mai 2011

Erste Reaktionen unmittelbar danach…

Kannten Sie “Oresteia” im Vorfeld schon?

… und was hat gefallen bzw. nicht gefallen?