Auf die Zigarette danach mit … Abdullah Kenan Karaca

10. Juni 2016

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Von Michael Geißelbrecht und Caroline Riedl

Woher kam bei dir die Idee, das Stück mit Männern zu besetzen?

Abdullah Das kam eigentlich relativ schnell. Nachdem ich das Stück mehrmals gelesen habe, hatte ich das Gefühl, dass die Frauen sehr männliche Züge in sich haben und auch diese Brutalität – dass man eigentlich Frauen zeigt, die das Gesicht von einem Mann haben und auch die Power, die Kraft. Was sie sagen ist ja zum Teil unter der Gürtellinie, sodass es auch interessant wäre, wenn das von Frauen gespielt wird. Aber ich hatte sehr schnell das Gefühl, dass ich das mit Männern machen muss. Es ist zwar nichts Neues, Frauenrollen mit Männern zu besetzen, aber für mich war es eigentlich logisch.

Hattest du an diesem Punkt schon das Konzept, das Ganze in einen Schweinestall zu verlegen? Was ist die Idee dahinter?

Abdullah Das ist gemeinsam entstanden, als wir mit dem Bühnenbildner überlegt haben, in was für einer Welt das spielen kann. Und es geht ja im Stück auch um den „Lebensschmutz, der aufgewirbelt wird“ und um das Animalische, deshalb war es für mich klar, dass es kein Wohnzimmer werden kann. Es muss ein anderer Ort sein, der Assoziationen zu der Geschichte aufmacht, obwohl wir das nicht eins zu eins benutzen. Wir haben also nicht gesagt, das sind Schweine, sondern uns war wichtig, dass gleich klar ist, wo wir uns befinden – nämlich ganz unten.

Warum muss Mariedl ihren Pullover aufessen?

Abdullah Das ist in den Proben entstanden. Ich mochte diese Nervosität und dann bringt der Schauspieler auch selbst etwas ein. Ich habe nicht gesagt: Du musst deinen Pullover aufessen. Es war eine Weiterentwicklung von dem, was ich ihm gesagt habe, was diese Nervosität oder dieses Nicht-Aushalten-Können ausdrückt.

Ist es immer noch der erste Pullover?

Abdullah Ja. Am Anfang haben wir noch den Witz gemacht, dass es doch total geil wäre, wenn er bis zur 50. Vorstellung einen Pulli hat, der nur noch bis zur Brust geht. Ich habe es heute seit Langem wieder gesehen und es ist schon eine Menge weg.

Wie viele Vorstellungen sind schon gelaufen?

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Männer sind Schweine

10. Juni 2016

„Und wenn das Leben einen Stuhl macht, dann ist das Vorsehung, da kann man gar nichts machen.“ – Grete

 

Foto: Gabriela Neeb

Foto: Gabriela Neeb

Von Michael Geißelbrecht

Münchner Volkstheater | „Die Präsidentinnen“ – das ist Halligalli-Drecksautheater über menschliche Abgründe und schweinische Monströsitäten. Warum liegt hier eigentlich Stroh rum? – Weil Regisseur Abdullah Kenan Karaca das Setting des selbsternannten „Fäkaliendramas“ von Werner Schwab kurzerhand vom Wohnzimmer in den Saustall verfrachtete. Die drei Schauspieler lassen ordentlich die Sau raus und machen das Stück zu einem umjubelten Schlachtfest.

„Mit festen Füßen muss man der Wahrheit in die Augen schaun, auch wenn die Füße geschwollen sind“

Während eine Papstmesse im Fernsehen läuft, rechnen drei alternde Freundinnen schonungslos mit treulosen Kindern, dem Leben und einander ab. Grete und Erna suhlen sich in Selbstmitleid ob schwindender sexueller Reize und ausbleibender Wertschätzung. Einzig das fromme Mariedl ist mit sich im Reinen – und dabei voll fremder Scheiße. Sie „macht’s auch ohne“! Ohne Gumminhandschuhe wühlt sie als personifizierter Rohreiniger auch wortwörtlich im Lebensschmutz der anderen. Als sie sich allerdings am Dreck ihrer Freundinnen vergreift, sehen Grete und Erna rot. Ihre Ansichten und und Ideale sind ihnen heilig, diese allein halten sie über dem Abwasser des Lebens.

Striptease: Fleischfarben und behaart

Der Platz ist eng, der eigene Stall zu klein. Wem die Luft zu dünn wird, der rückt der anderen auf die Pelle und verschiebt die mobilen Trennwände. Die Präsidentinnen legen einen Seelen-Striptease ihrer intimsten Wünsche hin – und die Schauspieler entblättern sich. Behaart und im Fatsuit mit Hängetitten (Austattung: Sita) stehen sie da und wetteifern mit ihren erotischen Fantasien.

„Du bist eine Drecksau!“

Das omnipräsente Wort „Drecksau“ trifft durchaus auf die Schauspieler zu, ist dann aber als Kompliment zu verstehen. Mit vollem Körpereinsatz stemmen sie sich gegen hinterhältige Attacken, die klaustrophoben Zustände des Seins und der schmutzverkrusteten Ställe. Sie kehren das Tierische im Menschen nach außen und beweisen dabei großen Mut zur innerlichen wie äußerlichen Hässlichkeit. Energisch steigern sie sich in ihre Rolle und entfesseln deren verborgene Monströsitäten.
Dreckig, geil, gut gebaut: Max Wagner als Grete etabliert Fett wieder als erotische Schwungmasse und erinnert mit seinem Spiel, zwischen abstoßend eklig und gekonnt lasziv, an eine hässliche Schwester von Hape Kerkeling. Getreu dem Motto „Wenn dir die Scheiße bis zum Hals steht, lass den Kopf nicht hängen!“ gibt Paul Behren die spießige und sparsame Erna mit trotziger Reserviertheit. Offensiv wehrt sie sich gegen die Sticheleien der Freundinnen und kontert arrogant. Moritz Kienemann unterdessen hat sichtlich Freude am Ekel des Publikums. Geradezu lüstern entfesselt er den Fäkalien-Fetisch der überfrommen Mariedl und spielt gekonnt mit den Reaktionen aus dem Zuschauerraum. Die Nervosität seiner Figur manifestiert er als Tick, indem er seinen rosafarbenen Pullover Fadenlänge um Fadenlänge kürzer knabbert.

Dreckig und gnadenlos

Ohne Schock-Theater per se zu glorifizieren – „Die Präsidentinnen“ geben gediegen auf die Fresse und bleiben dabei nicht trivial. Die Inszenierung taucht über drei surreale Psychogramme tief in menschliche Abgründe hinab, die bis zum Rand mit Selbstmitleid, Größenwahn und Schuld gefüllt sind. Die drastischen Darstellungen wecken lebhafte Assoziationen und visualisieren den Subtext gleich mit. Den dreckigen und gnadenlosen Ton von Werner Schwabs Fäkaliendrama trifft Regisseur Karaca  mit seiner Inszenierung unangenehm genau. Prädikat: Saugeiler Scheiß.

 

Foto: Gabriela Neeb

Wirklich WILD

9. Juni 2016

Das Theater Ausgsburg macht mit Tennessee Williams’ „Endstation Sehnsucht“ dem Motto der Theatertage alle Ehre

Von Julia Deppe

Fotos: Kai-Wido Meyer

Fotos: Kai-Wido Meyer

Theater Augsburg | Blanche DuBois, eine gescheiterte, egozentrische und alkoholabhängige Lehrerin, rettet sich mittellos zu ihrer Schwester Stella, die mit ihrem Mann Stanley in ärmlichen Verhältnissen lebt. Mit Blanche und Stanley treffen zwei Welten aufeinander. Während Blanche der Vergangenheit nachhängt, ist Stanley misstrauisch und versucht herauszufinden, was hinter ihrer Flucht steckt.

Lamas, Fernseher und ein Schlauchboot

Mein erster Blick fällt auf ein ausgestopftes Lama. Es steht in einem Bühnenbild, das an das Foyer eines abgebrannten Herrenhauses mit einer großen geschwungenen Treppe erinnert (Ausstattung: Wolfgang Menardi). In der Luft wabern Rauchwolken, als sei gerade ein Feuer gelöscht worden. Neben dem Lama gibt es noch eine Menge anderer Kuriositäten zu sehen: ein kaputtes Bett, einige alte Röhrenfernseher, ein kleiner Schaukasten, der einen Wald zeigt (und weitere ausgestopfte Tiere), ein Schlauchboot und viele, viele Schnapsflaschen. Was in den folgenden zweieinhalb Stunden passiert, kann man wirklich nur als WILD beschreiben. Am Ende sieht die Bühne aus wie nach einer Explosion.

„Ich will keinen Realismus, ich will Zauber“

Mit ihren hübschen, glitzernden Kleidern will Blanche (Ute Fiedler) nicht in die düstere, ungeordnete Umgebung ihrer Schwester Stella (Jessica Higgins) passen. Diese hat sich gut eingelebt in die verrückte Gemeinschaft, die neben Stanley (Sebatián Arranz) noch aus Eunice (die auch Teil der Addams Family sein könnte), Steve, Pablo und Mitch besteht und deren Hauptbeschäftigungen offenbar Pokerspielen und Partymachen sind. Getrieben von den Bildern ihrer Vergangenheit, wird Blanche im Laufe des Stücks immer verrückter. Ihre Drohung, „alle meine hübschen Kleider“ zu tragen, macht sie wahr und wechselt gefühlt alle zwei Minuten ihr Outfit samt Perücke. Sie träumt von Poesie, von Zauber; was sie aber bekommt ist die harte Realität. Und am Ende verliert sie selbst die; driftet ab in eine (Alp)Traumwelt.

Die komplette Reizüberflutung

Begleitet wird die rasante Inszenierung von einer Band im 40er-Jahre-Look, deren Musik die Streitigkeiten und Dialoge teilweise komplett übertönt. Mit dem Einsatz von Stroboskoplicht, Videoprojektionen und dem Auftritt einiger Darsteller in Flamingokostümen aus dem Zuschauersaal ist die Reizüberflutung dann komplett – was nicht allen Zuschauern gefällt. Die Inszenierung hinterlässt viele offene Fragen, was sich auch beim Nachgespräch zeigte. Da ging es beispielsweise um das  Lama (ja, es war tatsächlich einmal lebendig) oder die Flamingo-Kostüme (die sich auf den Namen eines Hotels beziehen, in dem Blanche gewohnt hat).
„Endstation Sehnsucht“ ist eine überraschende, verrückte, facettenreiche Inszenierung, die die Sehgewohnheiten herausfordert. Dadurch wird die Geschichte so erzählt, dass man sich nicht –wie bei anderen Inszenierungen des Stücks – schon nach einer Stunde wünscht, die quengelnde Blanche möge bitte ganz schnell psychologischen Beistand suchen.

Fotos: Kai-Wido Meyer

Wachsender Wahnsinn

9. Juni 2016

„Foxfinder“ begeistert mit Intensität und schauspielerischer Glanzleistung

Von Anja Seemann

 

Foto: Sebastian Worch

Foto: Sebastian Worch

Theater Schloss Maßbach – Unterfränkische Landesbühne | Überschaubar ist die Zahl der Zuschauer, die sich am Theater am Haidplatz eingefunden haben, um das Stück „Foxfinder“ der britischen Schriftstellerin Dawn King zu erleben. Auf den ersten Blick lässt die Handlung an Stoffe wie „Biedermann und die Brandstifter“ oder „V wie Vendetta“ denken, und auch wenn dem Stück etwas Parabelhaftes zu eigen ist, so überrascht die Inszenierung von Augustinus von Loë mit viel Einfühlsamkeit und großer Wirkung durch kleine Mittel.

Der Fuchs geht um

In einem autoritär regierten England wurden Füchse zum Staatsfeind Nr. 1 erklärt. Ihnen wird nachgesagt, sie könnten den menschlichen Verstand manipulieren und Bürger in Bestien verwandeln; sie würden kleine Kinder töten und für Missernten sorgen – kurzum:  Füchse gelten als Inbegriff alles Bösen und als dafür verantwortlich, wenn Staat und Gesellschaft zerfallen. Der junge „Foxfinder“ William Bloor (Benjamin Jorns) wurde seit seinem fünften Lebensjahr dazu ausgebildet, von Füchsen „kontaminierte“ Gebiete ausfindig zu machen. Als das Bauernehepaar Samuel (Ingo Pfeiffer) und Judith (Susanne Pfeiffer) Covey mit seiner Ertragsquote zurückliegt, wird William bei ihnen einquartiert, um herauszufinden, ob ein Fuchsbefall Schuld an dem Niedergang des Hofes ist.

Der Mensch ist dem Menschen ein Fuchs

Wie Mäuse gefangen in einem Labyrinth huschen die Schauspieler über die Bühne, wenn sie während eines Szenenwechsels das Bühnenbild (Robert Pflanz) aus einem Gewirr dielenartiger, frei beweglicher Holzwände umformen. Die Figuren wirken nicht eindimensional, sondern werden in das Verhältnis ihrer Umstände und ihrer Erlebnisse gesetzt: Der kleine Sohn von Samuel und Judith ist bei einem Unfall ertrunken und Sam wird seitdem von Schuldgefühlen zerfressen. William ist ein Produkt des Regimes: Ihm wurde eingetrichtert, als Foxfinder müsse er in Körper und Geist rein sein und daher alle emotionalen Empfindungen unterdrücken. Er stellt weder die Existenz noch die zerstörerische Macht der Füchse infrage. Als sich bei ihm nach und nach Zweifel an diesen Lehren einschleichen und sein ganzes Weltbild zu zerfallen beginnt, schwappt seine Besessenheit mit den Füchsen auf Samuel über, der zu einem fanatischen Fuchsjäger mutiert und in den Füchsen die Mörder seines Sohns sieht. Absehbar, aber nicht vorhersehbar gipfelt Williams und Samuels wachsender Wahnsinn in einer Tragödie.
Benjamin Jorns gelingt als William eine atemberaubende Darbietung, die in Zusammenspiel mit den nicht weniger starken Leistungen von Susanne und Ingo Pfeiffer sowie Lisa Oertel als Nachbarin Sarah von der ersten bis zur letzten Minute Intensität auf der Bühne garantiert. Am Ende gab es tosenden Applaus trotz zurückhaltendem Publikumszulauf für diese Perle der Theatertage. Ein echter Geheimtipp!

 

Es nützt alles nichts

9. Juni 2016

In „Was nützt die Liebe in Gedanken“ wird viel geknallt

Von Michael Geißelbrecht

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Landestheater Coburg | Eigentlich sind Adoleszenz und erwachende sexuelle Begierde zeitlose Themen. Die Inszenierung „Was nützt die Liebe in Gedanken?“ nach dem Roman von Arno Meyer zu Küingdorf wirft allerdings einen sehr antiquierten Blick auf einen historischen Fall: Es geht um die skandalträchtige Steglitzer Schülertragödie, bei der im Mai 1927 ein 19-Jähriger einen Freund und sich selbst erschoss. Aktuelle Bezüge spart die Aufführung ebenso aus wie eigene Haltung gegenüber der Kontroverse. Stattdessen koitiert man auf der Bühne schwermütig bis zum erlösenden Suizid.

Uneindeutigkeit und Pragmatismus als Konzept

Sind die Kostüme (Ausstattung: Udo Herbster) noch stimmig im Stil der 1920er-Jahre gehalten, treten die ersten größeren Irritationen beim Bühnenkonzept auf. Ein riesiger Baum dominiert das Bild, daran hängt eine Schaukel und im Vordergrund steht ein wahres Arsenal an Schultafeln. Regisseur Johannes Zametzer überlässt die Interpretation dem Publikum, er ist – wie er im Nachgespräch erläutert – gerne uneindeutig und manchmal pragmatisch. So kann der poetisch begabte Schüler Paul sich endlich auch schriftlich ausdrücken und die Mädchen können mit flinken Fingern eine improvisierte Toilette samt „Ficken“-Slogan skizzieren. Das war es im Großen und Ganzen aber auch schon an Interaktion mit der Bühne. Auf die Schaukel wird sich zweimal gesetzt, der Baum ohne erkennbaren Grund erklommen.
Meistens aber werden die Schauspieler nur vorne an die Tafel gerufen, sagen auf, was sie wissen – die erste Reihe kann ja gottseidank einsagen – und setzen sich wieder hinten in die letzte Reihe.
Ähnlich unausgereift präsentieren sich die handelnden Figuren: In der ach so freigeistigen Clique herrscht klare Geschlechtertrennung. Anstatt sexueller Selbstbestimmung symbolisieren die Mädchen Hilde (Sarah Zaharanski) und Ellinor (Eva Marianne Berger) die ewiggestrige Rolle des bereitwilligen Männerspielzeugs. Hier hätte man sich gewünscht, diese Repression zumindest zu thematisieren anstatt sie über Koitus-Choreographien, Höschenblitzer und Busengrabscher noch zu glorifizieren. Als sich Ellinor einmal gegen Günter zur Wehr setzen will, hüpft sie mehrmals unbeholfen gegen ihn – das Publikum lacht ob des Klamauks. Kein dankbares Stück für Schauspielerinnen.

„Wir verpflichten uns daher unser Leben in dem Augenblick zu beenden, in dem wir keine Liebe mehr empfinden!“

Einen der wenigen Lichtblicke stellte Oliver Baesler als Günter dar. Mit E-Zigarette und Revolver bewaffnet spielte er eine zerissene Figur, oszillierend zwischen Lebenslust und Weltschmerz, schwankend zwischen Ellinor und dem betont maskulinen „Proleten“ Hans. Aus Verzweiflung über die Liebe gründet der Snob mit seinem Freund Paul, einem Streber aus armen Verhältnissen, den Selbstmörder-Klub. „Blass“ ist Benjamin Hübners erstes Wort als schüchterner Paul und blass blieb er selbst die gesamte Aufführung über. Ingo Paulick als dritter im Bunde gab Hans Stephan – doch nur in seinen Szenen mit Günter, die von gegenseitiger Anziehung und Abstoßung erzählen, existierte überhaupt einmal Spannung zwischen den Figuren. Dann knallt es wieder. Dem pragmatischen Ansatz im Regiekonzept konsequent folgend, dürften die häufigen Schüsse wohl als Weckruf für abschweifende Zuschauer dienen.

Das Milieu, die Tafeln und nicht zuletzt die Stimmkarten nach der Aufführung schreien geradezu nach einer Vergabe von Schulnoten. Aber am liebsten würde man dem Produktionsteam dessen Schnellschuss – nur zwei Monate Produktionszeit, weil eine andere Inszenierung ausfiel – zur Überarbeitung zurückgeben. Das Thema kann aktuell und brisant sein, wenn man es dementsprechend behandelt und nicht unreflektiert antiquierte Ansichten auf die Bühne bringt. So nützt das alles nichts!

Fotos: Henning Rosenbusch

Der Weg einer Freundschaft

9. Juni 2016

Von Maja Klimt

Residenztheater | Das Kinderstück „Thomas und Tryggve“ von Tove Appelgren begeistert in der Inszenierung von Anja Sczilinski kleine und große Besucher.
Thomas und Tryggve, beste Freunde seit dem ersten Schultag treffen sich und erinnern sich gemeinsame an Höhen und Tiefen ihrer gemeinsamen Schulzeit. Das Stück, das eigentlich in Klassenzimmern gespielt wird, wurde für die Theatertage auf die Bühne am Haidplatz verlegt. Durch Schulbänke links und rechts am Bühnenrand, ein Holzgerüst in der Mitte des Raumes und Wäscheschnüre mit bunten Klamotten ergibt das Bühnenbild von Bärbel Kober eine ideale Basis, um all die entzückenden Moment ihrer Freundschaft auszuschmücken.
Thomas Lettow und Franz Pätzold funktionieren wunderbar als Duo. Die beiden Männer spielen sehr energievoll, leichtfüßig und mit viel Humor. Thomas Lettow zeigt zum einen Klein-Thomas, der zwar ein super Sportler ist und es sogar schafft, die süße und kluge Frieda (gespielt von Franz Pätzold) zu küssen. Andererseits gibt er den fiesen Mobbing-Marki, der sogar auf Thomas‘ besten Freund und sein Mädchen losgeht.
Dieser beste Freund ist Tryggve, liebevoll und detailreich dargestellt von Franz Pätzold. Tryggve hat im Gegensatz zu Thomas eine sehr fürsorgliche Mama, die ihm Strumpfhosen anzieht und damit zur Lachnummer vor seinen Freunden macht. Diese peinlichen Strumpfhosen sind zunächst ein Streitgrund für die beiden Jungs, doch am Ende werden sie ziemlich hilfreich, als es darum geht, den bösen Marki zu überlisten.

Authentisch und direkt

Die beiden Darsteller spielen ihre Rollen mit sehr viel Aufrichtigkeit. Ihre Probleme und Sorgen, die das junge Publikum selber kennt, werden ernst genommen, und so fiebern die Kinder auch richtig mit. Da werden bei den Rollenwechseln keine Stimmen verzerrt oder Personen überspitzt, sondern da wird sich lediglich mal ein Rock angezogen oder ein Käppchen aufgesetzt. Und das reicht vollkommen, um die quirligen Kinder in den Bann zu ziehen. Da wird gelacht, geschrien, geklatscht und die Kinder werden sogar teilweise in das Geschehen involviert. Ein Mädchen bekommt eine Haarklammer von Tryggve, Thomas fordert die kleinen Schreihälse der ersten Reihe heraus, und ein Junge zeigt dem unsportlichen Tryggve sogar wie eine richtige Liegestütze funktioniert. So vergeht die knappe Stunde wie im Flug.
Das Team von „Thomas und Tryggve“ hat etwas geschafft, das nicht leicht ist: Zugang zu

einem Stoff und zum Publikum zu finden. Je sensibler die Darsteller mit den Themen umgehen, desto aufmerksamer wird man. Was macht eine Freundschaft aus? Wie ist es in der Schule? Welche Rolle spielt Frieda, das süße Mädchen, das Tryggve alias Strumpfli und Thomas wieder zu Freunden macht? Besucher jeder Altersklasse erleben das Gefühlskarussell der beiden Freunde mit. Besonders stark wirkt die Freundschaft der beiden, als sie am Ende zusammen ihr Abschlusslied singen. Mit viel Charme und Feingefühl wurde das Stück zu einem Highlight der Theatertage.

THOMAS UND TRYGGVE (Theater im Klassenzimmer) von Tove Appelgren Premiere am 12. Juni 2015 in der Grundschule an der St.-Anna-Straße Mit Thomas Lettow, Franz Pätzold Regie Anja Sczilinski Bühne Bärbel Kober Kostüme Eva Bienert Musik Kilian Unger Dramaturgie Christina Hommel v.l. Franz Pätzold (Tryggve), Thomas Lettow (Thomas), Grundschüler

THOMAS UND TRYGGVE (Theater im Klassenzimmer)
von Tove Appelgren
Premiere am 12. Juni 2015 in der Grundschule an der St.-Anna-Straße
Mit Thomas Lettow, Franz Pätzold
Regie Anja Sczilinski
Bühne Bärbel Kober
Kostüme Eva Bienert
Musik Kilian Unger
Dramaturgie Christina Hommel
v.l. Franz Pätzold (Tryggve), Thomas Lettow (Thomas), Grundschüler

Preisverleihung der Kinder- und der Jugendjury

7. Juni 2016

Am 29. Mai fand die mit Spannung erwartete Preisverleihung der Hart am Wind-Kinder- und Jugendjurys statt.

Die Kinderjury vergab zwei erste Preise für die beste Inszenierung an:

  • „Konferenz der wesentlichen Dinge. Ein Gesellschaftsspiel“ – von pulk fiktion
  • „Vom Schatten und vom Licht“ – von Die AZUBIS

Die Jugendjury vergab ihren Preis für die beste Inszenierung an die Produktion „Leonce und Lena“ des Jungen Staatstheaters Braunschweig.

Herzlichen Glückwunsch!

 

Die Künstlerischen Leiter des Festivals, Klaus Schumacher vom Jungen SchauSpielHaus Hamburg und Matthias Schulze-Kraft vom LICHTHOF Theater, zeigen sich mit dem Festival sehr zufrieden:

„Es ist absolut begeisternd, dass wir mit einem sehr vielfarbigen und in seiner Formensprache sehr unterschiedlichen Programm ein Festivalpublikum in der Großstadt Hamburg gefunden haben. Es gibt offensichtlich ein riesiges, grundsätzliches Interesse am Theater für junges Publikum. Auch als Fachtreffen hatten wir sehr inspirierende Begegnungen.“

Das Team von Hart am Wind 2016 bedankt sich bei allen Mitwirkenden für wunderbare, intensive Festivaltage und sagt Ahoi!

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Was den Mensch zum Menschen macht

5. Juni 2016

Von Anja Seemann

Corinna Mühle als Sarah und Alexander Hetterle als Joe | Foto: Gabriela Knoch

Corinna Mühle als Sarah und Alexander Hetterle als Joe | Foto: Gabriela Knoch

Mainfranken Theater Würzburg| Der Titel des Dramas der britischen Autorin Kaite O‘ Reilly lässt im ersten Augenblick an ein Märchen denken: „Mandel und Seepferdchen“. Inszeniert hat Stephan Suschke allerdings kein Stück, das mit einem „Es war einmal ein Mann namens Mandel und der hatte ein Seepferdchen“ beginnt und mit einem „Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“ endet.

Im Zentrum stehen zwei Paare – Joe (Alexander Hetterle) und Sarah (Corinna Mühle) und Tom (Georg Zeies) und Gwennan (Maria Brendel) – die durch das gleiche Schicksal miteinander verbunden sind: das Leben mit dem liebsten Menschen nach einem Schädel-Hirn-Trauma. Seit Joe der Gehirntumor entfernt wurde, weiß er nicht mehr, was er vor 1-2 Minuten getan hat. Gwennan ist nach einem Autounfall vor über 20 Jahren in einer Zeitschleife gefangen: Jeden Morgen wacht sie auf und glaubt, sie sei immer noch Ende 20 und schwanger. In ineinander montierten Szenen vor einem klinisch nüchternen Bühnenbild, bestehend aus weißem Boden und weißen Wänden und einer Sitzbank als einziges Möbelstück, wird der tagtägliche Kampf der Angehörigen um die Erinnerungen, die Liebe und die Zukunft des geliebten Menschen erzählt. Manchmal ganz klar und strikt wissenschaftlich. Manchmal voller Empathie und einem Hauch Komik, wenn beispielsweise für Joe so etwas scheinbar Einfaches wie das Einnehmen seiner Medikamente zu einer regelrechten Odyssee von allen möglichen Piepstönen, Handyerinnerungen, Infozettelchen und Anrufen seiner Frau Sarah ausartet. Immer aber bleibt es ehrlich menschlich. Das Stück hat etwas Zartes, ohne verstellen zu wollen; etwas Tragisches ohne kitschig zu sein. Diese Balance war, wie Suschke im Anschluss bei der Nachbesprechung betont, wichtig, um dem Stück keinen Stempel der Aussichtslosigkeit aufzudrücken. Erkrankungen in den beiden zentralen Schaltstationen des limbischen Systems – Mandelkern und Seepferdchen – verwandeln den vertrauten Menschen von einem Moment auf den anderen in einen Fremden. Hoffnung findet sich in den Augenblicken, in denen die Betroffenen sich auf die Gegenwart einlassen und ein Funken ihrer alten Persönlichkeit durchschimmert.
In einer letzten nachdenklichen Szene begegnen sich Joe und Gwennan auf dem Flur der Klinik und als die Endlosschleife ihres Dialoges „Hallo. Ich bin Joe“ und „Hallo. Ich weiß“ langsam verklingt, schwebt die Frage im Raum, über die sich Literatur, Kunst und Philosophie seit Jahrhunderten streiten: Was macht den Mensch zum Menschen? Ist es sein Herz? Die Seele? Oder sein Verstand

Wildes Treiben bei den wilden Theatertagen

5. Juni 2016

Nackte Haut, Intrigen und Sex – Das Staatstheater am Gärtnerplatz präsentiert „Gefährliche Liebschaften“ unter der Regie von Josef E. Köpplinger und der Musikalischen Leitung von Andreas Kowalewitz.

Von Julia Deppe

Staatstheater am Gärtnerplatz | Die Marquise de Merteuil und der Vicomte de Valmont sind ein eingespieltes Team – sie spinnt Intrigen, er verführt reihenweise die Frauen von Paris. Um jedoch noch „größeren Ruhm“ zu erlangen, will er die tugendhafte Madame de Tourvel für sich gewinnen. Aus seinem Vorhaben wird eine Wette zwischen ihm und der Marquise. Als Gewinn verspricht sie ihm eine Liebesnacht mit ihr. Doch dann verliebt sich der Vicomte in Madame de Tourvel, was Merteuil in rasende Eifersucht stürzt. Aus dem neckischen Spiel wird ein aggressiver Kampf ..

Gefährliche Liebschaften | Foto: Thomas Dashuber

Gefährliche Liebschaften | Foto: Thomas Dashuber

Das Liebeskarussell dreht sich.

Die Bühne des Theaters am Bismarckplatz drehte sich unaufhörlich – verwickelte die Figuren immer weiter in ein Netz aus Intrigen und Lügen. Ein großer Spiegel, der über der Bühne hing, verdoppelte das Geschehen noch, als ob die dargestellten Sünden noch gesteigert werden sollten. Zeitweise konnten sich die Zuschauer selbst beim Beobachten des wilden Treibens beobachten. Wurde bei den Requisiten gespart, hieß es bei den Kostümen klotzen statt kleckern. In schillernden Barockkleidern wirbelten die Darsteller über die Bühne. Von den Intrigen und den Lügen bleiben am Ende nur Wut, Kampf und der Tod.

Eingängige Melodien und die geschickte Verwendung von Erinnerungsmotiven hinterließen einen insgesamt positiven musikalischen Eindruck. Die Partitur ist Stephen Sondheim gewidmet. Dass dieser ein großes Vorbild des Komponisten ist, klingt auch in der Musik mehrfach an. Die durchgehende Vertonung des Texts wirkt leider besonders im ersten Teil mitunter verkrampft. Hier hätten auch einige Passagen durchaus gesprochen werden können.

Mit nackter Haut wurde nicht gegeizt – auf die zahlreichen Sexszenen reagierte das Publikum aber keinesfalls schockiert. Szenenapplaus gab es besonders für Anna Montanaro, die als Marquise de Merteuil stimmgewaltig ihre Intrigen spann. Hier bleibt vor allem der Song „Liebe macht uns schwach“ im Gedächtnis. Am Ende flog sogar ein Blumenstrauß auf die Bühne.

Im Nachgespräch mit Köpplinger (Regie), Marc Schubring (Musik) und den drei Hauptdarstellern Anna Montanaro (Marquise de Merteuil), Armin Kahl (Vicomte de Valmont) und Julia Klotz (Madame de Tourvel) wurde ein bisschen aus dem Nähkästchen geplaudert. Ein schöner Abschluss für einen gelungenen Abend.

Mei Brouda, da Reiba Kneissl

2. Juni 2016

Die Geschichte vom Schachermühlhiasl

Von Johannes Frank

Landestheater Oberpfalz | Die Schwester vom Hiasl liest seinen letzten Brief aus dem Gefängnis vor. Darin betont er, dass er das alles nicht wollte und lieber mit ihr spielen würde, als auf die Todesstrafe zu warten. Während Cecilia, genannt Cilly, das vorträgt, bekomme ich Gänsehaut und bin sofort für das Stück gefangen.

Der Räuber Kneissl war eigentlich ein guter Mensch, bevor ihn die böse Welt einholte. Er hat es nicht leicht gehabt, stammt er doch aus der Schachermühle, einem abgelegenen Wirtshaus und von verrufenen Eltern ab. Da ist zum einen die Mutter, eine geborene Pascolini, Italienerin, über die man sich im Dorf das Maul zerreißt. Sie lässt sich zum Diebstahl von Wertgegenständen aus der Kirche überreden, wird aber von den Gendarmen erwischt und landet im Zuchthaus für viele Jahre. Der Bruder Loisl schießt aus Angst auf zwei Polizisten und wird erschossen. Mathias wird als Komplize verhaftet und ebenfalls eingesperrt. Im Gefängnis beginnt er eine Lehre als Schreiner. „Er ist geschickt mit den Händen“, das hat ihm schon sein Vater beim Herrgottschnitzen gesagt. Das Gerede der Leute und die Untaten seiner Familie scheinen den starken Hiasl nicht vom rechten Wege abzubringen. Zunächst scheint alles gut. Er kommt frei, bekommt eine Stelle in einer Werkstatt und lernt Matilda, die Liebe seines Lebens kennen.

Dann aber sind die Gendarmen wieder auf seiner Spur und seine Geschichte macht die Runde. Der Schreinermeister fürchtet um seinen Ruf und entlässt ihn. Um zu überleben, muss er stehlen und ist jetzt ständig auf der Flucht vor der Polizei. Er gleitet auf einen Abgrund zu…

Diese Geschichte wird in Oberpfälzer Mundart erzählt, wirkt durch die ungekünstelte Spielweise der Schauspieler natürlich und passt perfekt zum „Wilden Bayern“. Johannes Aichinger als Mathias Kneißl strahlte Charisma, Mut und ein gutes Herz aus. Christian Hofmann brillierte mit Witz und gutem Timing – ob nun als pedantischer Gendarm, als „oides Weiberl“ oder als Loisl. Claudia Lohmann war als Mutter nicht unterzukriegen. Last but not least verzauberte Doris Hofmann als Cecilia und Matilda durch ihr dynamisches und zugleich natürlich-kindliches Spiel die Zuschauer.

Das Volksstück von Christian Schönfelder unter der Regie von Till Rickelt war auch musikalisch ein Genuss: Die Lieder stammten von dem bayerischen Sänger und Musiker Georg Ringsgwandl und fügten sich gut in die Geschichte. Wie ein Trachtenjanker, der am Hals kratzt und zu eng ist, ist diese Geschichte vom Räuber Kneissl schön aber auch zum Sterben traurig. Das ist Heimat. So fühlt sie sich manchmal an. Dem nostalgischen Heimatgefühl bei „Mein Bruder, der Räuber Kneissl“ kann man sich nicht entziehen.

 

Räuber(c)JochenSchwab

 

Mein Bruder, der Räuber Kneissl |Foto: Jochen Schwab