Ganz normaler Wahnsinn

2. Juni 2016

Theater // an der Rott | „Einer flog über das Kuckucksnest“ ist ein Roman von Ken Kesey, woraus Dale Wasserman eine Theaterfassung schuf, die nun im Rahmen der Bayerischen Theatertage auf der Bühne des Velodroms zu sehen war – inszeniert von Bernd Liepold-Mosser.

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Randle McMurphy hat es satt, seine Gefängnisstrafe im Arbeitslager abzusitzen und täuscht deshalb eine psychische Erkrankung vor. So trifft er auf die Geisteskranken: den suizidgefährdeten, stotternden Billy Bibbit, gespielt von Andreas Jähnert, den scheinbar taub-stummen Häuptling, Martin Dreiling, Max Grant in der Rolle des „Oberirren“ Dale Harding und die Herren Cheswick/Martini, großartig von Sebastian M. Winkler auf der Bühne verkörpert. Ein Trupp, der ruhiggestellt wird – durch Medikamente und allerlei Therapiemaßnahmen, den Elektroschock nicht ausgenommen. Dies geschieht alles unter den strengen Augen von Schwester Ratched, gespielt von Julia Ribbeck. Diese von ihren Thron zu stoßen, macht sich McMurphy zur Aufgabe und auch zu seinem Vergnügen. Zugleich versucht er den Insassen die Augen zu öffnen, indem er das basis-demokratische System als Tyrannei entlarvt. Widerstand regt sich und nach der gemeinsamen Nacht Billys mit Candy Starr, die zusammen mit der Rolle einer zweiten Schwester von Johanna Martin besetzt ist, kommt es zur Eskalation des Konflikts: Billy begeht Selbstmord und weil sich McMurphy dafür verantwortlich fühlt, lässt er sich zu Übergriffen auf Schwester Ratched hinreißen, die schließlich zur drastischsten aller Maßnahmen greift: der Lobotomie.

Ein Spiel mit fiktiven Spiegeln, das uns Liepold-Mosser zeigt. Aus dem Spiegelbild der Normalen schreit uns der Wahnsinn förmlich an, während der wahnwitzige Blick der Irren in den Spiegel eine Idee von Vernunft, Recht und Aufrichtigkeit zurückwirft. McMurphy fungiert dabei gewissermaßen als Spiegel, der den richtigen Blick für alle erst ermöglicht. Dieselbe Linie verfolgt die Musik von Herwig Zamernik, die überwiegend aus Percussion konzipiert ist und zu Beginn mit metallern klingendem Wetzen an den Nerven des Publikums sägt. Doch Zeit gewöhnt und die fast permanente Geräuschkulisse wird zur Selbstverständlichkeit – zur Normalität.

„Einer flog über das Kuckucksnest“ präsentiert den Wahnsinn in hin- und hergerissenen, rasenden, springenden und überschlagenden Bewegungen und in schrillem, schallendem Gelächter. Und es ist dieser Wahnsinn, der die Wirklichkeit für den Zuschauer als absurdes Tollhaus erscheinen lässt. – Eine unbedingt gelungene Inszenierung!

Einer flog über das Kuckucksnest | Foto: Sebastian Hoffmann

Auf ein Wort mit … Can Fischer

2. Juni 2016

Fischer Ich habe fast ein Jahr daran gearbeitet. Das liegt daran, dass ein Drehbuch aus unglaublich vielen Szenen, Regieanweisungen und Beschreibungen besteht. Man muss sich auf einen kleinen Teil der Szenen fokussieren und das habe ich in einer sehr langen Vorbereitungsphase gemacht und habe mich dann dem Künstlerischen gewidmet. Das heißt, ich habe Dinge die im Drehbuch nicht gesagt werden in Dialogen ausgeschrieben, denn Dialoge sind im Film teilweise sehr kurz und müssen deshalb für das Theater bearbeitet und ausgeschrieben werden. Dinge, die man im Film in einem Bild sieht, muss man im Theater manchmal einfach sagen.

Wie sah Ihre Vorbereitung aus?

Fischer Die Vorbereitung ist eine dramaturgische Arbeit. Anhand des Drehbuchs schaue ich, auf was ich mich fokussieren möchte. Das sind dann die wichtigen Details und die kürze ich dann für die Bühnenfassung zusammen. Ich finde also einen groben roten Faden und fokussiere z. B. von 60 auf zehn Szenen. In der künstlerischen Arbeit schreibe ich diese dann anschließend auf.

Was ist der größte Unterschied zwischen dem Drehbuch und der Bühnenfassung?

Fischer In der Bühnenfassung geht es viel mehr um Jakob. In dem Film gibt es sehr viele Nebenbaustellen, z.B. die Szenen im Klassenzimmer und der Schule. Die habe ich heraus genommen, um die Bühnenfassung zu kürzen und um mehr auf Jakob fokussieren zu können. So kann man in der kurzen Zeit, die man im Theater hat, den Moment mehr erleben.

Waren sie mit der Premiere heute zufrieden?

Fischer Definitiv. Ich fand es unglaublich intim gespielt, weil ich selber Schauspieler bin, weiß ich, wie schwierig es ist, so etwas darzustellen. Ich fand es auch sehr zart, nicht zu laut und somit sehr gut gespielt.

Was ist es für ein Gefühl, wenn die eigene Bühnenfassung das erste Mal aufgeführt wird?

Fischer Ich habe da einen guten Abstand und sehe das Stück dann als Zuschauer und nicht mehr als Autor. Für diese Inszenierung wurden die hinteren Szenen etwas umgestellt. Es ist wichtig, wenn man während der Arbeit merkt, dass gewisse Änderungen vorgenommen werden müssen, diese auch durchzuführen. Und da muss ich als Autor die Distanz zum Stück wahren. Ich war heute als Zuschauer hier und fand die Aufführung sehr, sehr gut.

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       Premieren-Haufen | Foto:Michael Geißelbrecht

Gib dir die Kugel, Alter

2. Juni 2016

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 Marcel Klein | Foto: Martin Kaufhold

 

Theater Regensburg | Auf dem Höhepunkt der Geschichte von „Homevideo“ bekommt der 15-jährige Jakob Hassbotschaften mit der Aufforderung, sich umzubringen. Eigentlich dreht er gerne Filme, spielt in seiner Freizeit Gitarre, hat streitende Eltern und ist schwer verliebt in Hannah. Ein ganz normaler Jugendlicher also – bis eines Tages ein sehr intimes Video von ihm an die Öffentlichkeit dringt. Das Cybermobbing beginnt, doch allein bei Beleidigungen im Internet bleibt es nicht.

Am 30.5. feierte das Theaterstück, bei dem Mia Constantine Regie führt, im ausverkauften Jungen Theater Regensburg Premiere. Das Theaterstück „Homevideo“ ist ein Werk nach dem gleichnamigen Fernsehfilm von Kilian Riedhof und wurde von Can Fischer für die Bühne bearbeitet. „Homevideo“ schafft es, die Emotionen der einzelnen Charaktere greifbar zu machen. Man kann sich vor allem in Jakob sehr gut hineinversetzen. Der Zuschauer leidet und fühlt mit dem Mobbingopfer. Marcel Klein verkörpert die Rolle des Jakobs überzeugend.

Ebenso gut spielt Stephan Hirschpointer Hernry, den Anführer einer gemeinen Clique. Die Schauspieler haben sehr persönlich und feinfühlig gespielt.

„Homevideo“ ist entsprechend seiner Thematik ein modernes Werk. So werden z. B. Chatverläufe mitsamt Emojis auf Jakobs Zimmerwand projiziert. Das geschickte Bühnenbild, das im Wesentlichen aus Jakobs Zimmer besteht, verkleinert sich im Laufe des Stücks und symbolisiert Jakobs anfängliche Freiheit, später die ausweglose Lage in der er sich befindet. Die Zimmergröße entspricht dem seelischen Zustand von Jakob – genial!

Es ist ein nachdenklich machendes Stück, dem grandiose Schauspieler Leben einhauchen und das Publikum mitnehmen.

Im Premieren-Nachgespräch mit der Regisseurin Mia Constantine, dem Autoren Can Fischer, Esther Christmann von der Jugendschutzstelle und Michael Lindner, der für Bühne und Kostüm verantwortlich ist, gaben die vier Einblicke in die Vorbereitung der Aufführung und beantworteten Fragen des Publikums. Gemeinsam mit den Zuschauern wurde das Verhalten der dargestellten Charaktere thematisiert und hinterfragt.

„Homevideo“ ließ niemanden kalt, es ist ein sehr einfühlsames und realistische Werk, das zeigt, dass das Thema Cybermobbing längst zur Lebenswirklichkeit der Jungen Generation gehört und fatale Folgen in einer unfassbaren Dimension hat. Dieses Bühnenstück wirkt nach und führt die eigene mangelnde Medienkompetenz sowie auch die Frage nach dem eigenen Verhalten im Cyberspace vor Augen.

Unbedingt zu empfehlen!

„Nipple Jesus“ – die zweite

1. Juni 2016
Frerk Brockmeyer in NIPPLE JESUS | Foto: Theater Regensburg

Frerk Brockmeyer in NIPPLE JESUS | Foto: Theater Regensburg

 

 

Von Julia Deppe

Theater Regensburg | Vor einigen Wochen habe ich mir eine Vorstellung von „Nipple Jesus“ im Theater am Haidplatz angeschaut. Am kommenden Donnerstag um 19.30 Uhr werde ich im Kunst- und Gewerbeverein sitzen und mir – genau – „Nipple Jesus“ anschauen. Jetzt werden sich vielleicht manche fragen: Warum geht man zweimal in die gleiche Aufführung?

Antwort: Weil es sowas wie die „gleiche Aufführung“ nicht gibt! Vielleicht kann ich an dieser Stelle ein bisschen mit meinem theaterwissenschaftlichen Wissen angeben. Kennt ihr den Unterschied zwischen einer Aufführung und einer Inszenierung?

Eine Inszenierung ist das, was in einem langen Probenprozess durch den Regisseur, die Schauspieler, die Kostümbildner, den Dramaturgen, die Bühnenbildner, die Musiker und viele viele andere entwickelt wird. Sie legen fest, wann welche Lichteinstellung kommt, wie das Bühnenbild und die Schauspieler auszusehen haben und welche Requisiten zum Einsatz kommen.

Von einer Aufführung spricht man dann, wenn die Inszenierung einem Publikum vorgespielt wird. Und das ist ein ganz wichtiger Faktor: Das Publikum! Wir! Ihr! Sie! Durch das Publikum kann die Aufführung entstehen und sich auch verändern. Die Vorstellung, ein Schauspieler würde nicht merken was im Publikum passiert, ist falsch. Wenn die Hälfte der Zuschauer eingeschlafen ist (auch Schlafen ist eine Form von Kritik – vor allem im Theater, das wusste schon George Bernard Shaw), dann merken die Darsteller auf der Bühne das. Und wenn die Zuschauer lachen, weinen und einfach mitfiebern, dann merken sie es auch. Das verändert die gesamte Atmosphäre einer Aufführung.

Genau deshalb schaue ich mir gerne das gleiche Stück mehrfach an. Wegen der sich ständig verändernden Atmosphäre, die das ganze Theatererlebnis verändern kann. Und weil mir Frerk Brockmeyer in seiner Rolle als etwas grobschlächtiger Türsteher beim letzten Mal so sehr gefallen hat und ich ihm gerne noch länger zugeschaut hätte, freue ich mich besonders auf Donnerstagabend!

Seid Ihr auch dabei?

 

„Nipple Jesus“

Donnerstag, 19:30 Uhr

Kunst- und Gewerbeverein Regensburg

Die Odyssee des Oskar Maria Graf

1. Juni 2016

Eine autobiographische Irrfahrt durch skurrile Gewässer: „Wir sind Gefangene“

Wir sind Gefangene | Foto: Thomas Dashuber
Wir sind Gefangene | Foto: Thomas Dashuber

Von Michael Geißelbrecht

Residenztheater München | Mit „Wir sind Gefangene“ verspricht Regisseur Robert Gerloff das gleichnamige autobiografische Werk Oskar Maria Grafs und somit das Leben jenes freidenkenden Literaten auf die Bühne zu bringen, der sich stets auf Seiten der Revolutionäre stellte und sich klar gegen alles Autoritäre positionierte.

Wahnwitz in der Reihenhaussiedlung

Im Patina-behafteten Abbild einer Reihenhaussiedlung sitzt Graf, gespielt von Gunther Eckes, in einer kleinen Gartenlaube vor grauer Häuserfront. Hinter den Fenstern blitzen kalte Lichter und Menschen erscheinen und verschwinden. Und das tun sie die nächsten zwei Stunden und zehn Minuten in so rasantem Wechsel, dass gelegentlich Requisiten fallen und Umzüge hinter den Kulissen regelmäßig sichtbar werden.
Die klamaukige Maschinerie läuft stets auf Hochtouren weiter, an audiovisuellen Effekten spart die Inszenierung nicht. Fast jedes Geräusch wird eingespielt und die Häuserfront immer häufiger zur Projektionsfläche für Videos oder sogar Live-Schaltungen hinter die Kulissen. Spielfluss will leider selten aufkommen. Auch der Tiefsinn über die wichtigen Themen wie Nationalismus, Machtmissbrauch oder Misshandlung geht allzu oft in den skurrilen Scharmützeln verloren. Viele der Figuren verschwinden ebenso schnell wieder in der Belanglosigkeit, wie sie in Guerillero-Manier aufgetreten sind. Einzige Konstante ist neben Graf ein omnipräsenter Hitler als seltsamer aber liebenswerter Mann von Nebenan, der vor leuchtendem Globus wohl über die Weltherrschaft sinniert. Er bleibt aber wie so viele Figuren ohne Tiefgang, sodass die oppositionelle Haltung, mit der Eckes Graf beharrlich spielt, oft ins Leere läuft. Den Vorgesetzten beim Militär gibt Alfred Kleinheinz hier nahezu zaghaft. Eine der wenigen Figuren, der Genija Rykova ein wenig Leben einzuhauchen vermag, ist Grafs treuer Wegbegleiter Schorsch, der aber meist bloßer Gesprächspartner bleibt. Und so hastet Gunther Eckes durch entscheidende Jahre im Leben des Oskar Maria Graf und es bleiben leider nur wenige Stationen und Menschen im Gedächtnis hängen.

Das Ende der Odyssee

Graf strandet schlussendlich wieder in der Gartenlaube, in deren Lampionschein er resignierend feststellt: „Wir sind Gefangene“. Begleitet wird er von einem wehmütig Harmonica spielenden Hitler, der zuletzt noch freundlich vom Balkon grüßt und andeutet, was das Stück gekonnt hätte. Mit Groteske und Humor an schwere Themen wie Nationalismus, Machtmissbrauch oder Misshandlung heranzutreten, anstatt sie nur allzu oft unter dem Deckmantel von Absurdität und ausufernder Situationskomik zu verharmlosen. Weniger wäre hier definitiv mehr gewesen, so kommt „Wir sind Gefangene“ leider nicht über einige eindrückliche Bilder und schöne Ansätze hinaus.

Skurrile Infantilität im Spießbürger-Outfit

31. Mai 2016
Foto: Christian Flamm

Foto: Christian Flamm

von Carloline Riedl

Theater Wasserburg | Einen „Peter Pan“, der gar keiner ist, hat Uwe Bertram da inszeniert. Denn auf der Bühne handelt es sich zunächst einmal um das reservierte Ehepaar Darling, das in einem mit Puppen ausstaffierten Kämmerchen sitzt. Aus Gedankenspielen folgt die sehnsüchtige Flucht in eine geträumte Welt ohne Probleme. Susan Hecker und Hilmar Henjes schlüpfen nun als die Darlings in die Rollen der Wendy und des Peter Pan.
Willkommen im Land Nirgendwo! Hier werden phantastische Erlebnisse wahr: Seeräuber bekämpfen, Nixen jagen, mit Feen in der Sprache der Glocken sprechen – noch einmal Kind sein. Ist das des Pudels Kern? In einer einfachen Kindheit leben, in Erinnerungen, die bereits schwinden, weil sie „vom Traumboot aus auf die Zauberinsel hinübergeworfen“ wurden? Die alternative Erwachsenenwelt scheint doch so starr und trist. Diese Frage stellt Bertram konsequent im ganzen Stück.
Der Widerstreit zwischen Kinder- und Erwachsenenwelt ist schon im Bühnenbild präsent: Schränke, deren Inhalt zum Teil in Schubladen aufgeräumt ist und zum anderen Teil aus Puppen und Puppenteilen besteht, die aber selbstverständlich sortiert sind – Mutti will ja Ordnung! Doch man sieht es den Darlings förmlich an, wie gern sie ihre spießbürgerlichen grauen Strickwesten ablegen würden. In nicht vollkommen geglückter Befreiung singen sie schließlich „Dreams are my reality“ und Soft Cell’s Text „I’ve got to run away, I’ve got to get away“ aus dem Disco-Klassiker „Tainted love“. Nik Mayr kontrastiert in seiner Musik schließlich ebenso die beiden in diesem Stück möglichen Welten, denn ein Teil der musikalischen Gestaltung ist aus Adaptionen berühmter Werke für Kinder – wie zum Beispiel Peter und der Wolf und die Nussknacker-Suite – konzipiert. Letztendlich sind es auch die ausgewählten Instrumente, die die Antwort auf die Frage erahnen lassen. Die dumpfen, tiefen Töne der blechernen Tuba und das gelegentliche Ertönen einer Ratsche erwecken den Anschein einer dümmlichen Infantilität.
Das Bild der romantischen Alltagsflucht, des niemals Erwachsenwerden kippt. Die verlorenen Jungs – Ann-Sophie Ludwig, Nik Mayr, Annett Segerer und Regina Alma Semmler – unterstreichen diese Naivität in einem vollkommen überzeichneten Schauspiel und einer doch dämlich klingenden Intonation.
So passt der Traum vom Nimmerland ganz gut in dieses düstere Bühnenbild, denn – wie es auch die Darlings einsehen müssen – ist die Welt nicht in schwarz-weiß gemalt. Die Inszenierung zeigt überzeugend, dass sowohl nostalgisches Schwelgen in Kindheitserinnerungen als auch das angepasste Spießertum inklusive strengem Dutt nicht als Lebensentwürfe taugen. Bertrams skurriles Konzept von James M. Barries Werk erschüttert den Mythos Peter Pan und irritiert durch viele „Als-ob“-Momente, die den Kopf nicht ruhen lassen – während und nach der Vorstellung.
Eine durchaus kurios anmutende Inszenierung, die es verlangt und die es lohnt, sich darauf einzulassen! Leider hatte das Regensburger Publikum nicht die nötige Ausdauer und das Velodrom hatte sich nach der Pause sichtlich geleert.

Nashörner sind auch nur Menschen

31. Mai 2016

Von Johannes Frank

Theater // an der Rott | Aus Niederbayern kam ein ganzer Zoo nach Regensburg. Im Gepäck hatten sie das „Theaterstück über Zivilcourage“ mit dem Titel „Was das Nashorn sah als es auf die andere Seite des Zauns schaute“ von Jens Raschke für Menschen ab 10 Jahren. Der Intendant Dr. Uwe Lohr erklärte in der Einführung knapp die Handlung der Tierparabel, nannte aber den historischen Kontext um den Zoo im KZ Buchenwald bewusst nicht, um die Phantasie der Zuschauer nicht zu beeinflussen.

    WAS DAS NASHORN SAH, ALS ES AUF DIE ANDERE SEITE DES ZAUNS SCHAUTE (c) Sebastian Hoffmann

WAS DAS NASHORN SAH, ALS ES AUF DIE ANDERE SEITE DES ZAUNS SCHAUTE (c) Sebastian Hoffmann

Schon die erste Szene berührte. Die vier Schauspieler traten zunächst als Musiker auf und spielten mit Gitarre, Geige, Cello und Ukulele „Somewhere over the rainbow“. Sie standen vor aufeinander gestapelten Holzpaletten im warmen, satten Scheinwerferlicht. Dynamisch gestalteten sie dieses Bühnenbild immer wieder um, indem sie die Paletten herumwuchteten und sich dahinter verschanzten. Die Schauspieler David Baldessari, Max Gnant, Johanna Martin und Constanze Rückert brillierten alle vier in den Tierrollen, die sie verkörperten. Alle Schauspieler zeichneten sich durch große Körperspannung aus, Max Gnant war als herumspringender Papa Pavian geradezu ein leichtfüßiger Akrobat. Auch das Murmeltiermädchen bestach mit ihrer komischen Redeweise mit zusammengebissenen Szenen. Die beiden, ein Ehepaar von stolzen, schwarzen Schwänen mit französischem Akzent und ein Muffllonpärchen stellen den kleinen „Schwarzweißphotozoo“. Am Anfang wird von einem Nashorn aus Bengalen erzählt, das auf mysteriöse Weise umkommt. Es gehörte auch zum Zoo, stirbt aber ganz plötzlich. Rätselhaft. Dann kommt ein Neuer in das Gehege. Ein russischer Bär. Er erkundet alles neugierig und hinterfragt das Gefängnis, das hinter dem Zoo liegt, wo die „Gestiefelten“ über die „Gestreiften“ herrschen und sich verzweifelte, dürre, zitternde Gefangene in den Elektrozaun werfen. Außerdem ist die Luft verpestet vom Rauch der Öfen, wo die Leichen verbrannt werden. Deutlicher kann man die Konzentrationslager der Nazizeit nicht darstellen. Die Tiere wollen diese Realität nicht wahr haben und verschließen die Augen, bis auf den mutigen Bären, der einen Plan ersinnt, der für ihn schlimm enden wird. Aber in dieser Welt hatte auch das Nashorn keine Chance, denn sein Herz zersprang, als es das Ausmaß des Grauens wahrnahm.

Diese Tierfabel für Kinder hat es in sich und schreckt nicht vor der grauenvollen Realität der NS-Geschichte zurück. Frei nach Ingeborg Bachmann: „Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar.“ In „Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaut“ von Regisseur Markus Steinwender wird einem auf beeindruckende Weise ganz schön viel zugemutet.

Interview mit Matthias und Klaus

29. Mai 2016

Franzi und Franzi führen ein spannendes Interview mit Matthias und Klaus. So könnt ihr viel über die Arbeit am Theater und über das Festival erfahren.

Revolution am Haidplatz

29. Mai 2016

Von Caroline Riedl

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Theater Regensburg | Die Geschichte vom Zusammenleben des Autors Marc-Uwe Klings und dem Känguru – das sind die „Känguru-Chroniken“, die Daniel Thierjung szenisch einrichtete. Marc-Uwe, interpretiert von Michael Haake, ist Künstler – oder besser gesagt Kleinkünstler – und beim ersten Aufeinandertreffen mit dem Känguru offenkundig überrumpelt. Aus seiner Überforderung und aus der Aufdringlichkeit seitens des Kängurus entwickelt sich schließlich eine Freundschaft, die allerlei lustige Erlebnisse mit sich bringt. Gerhard Hermann im Kängurukostüm und in sichtlich in die Jahre gekommener Lederjacke überredet Marc-Uwe zu ebenso subversiven, das kapitalistische Ausbeutersystem untergrabenden, wie sinnlosen Aktionen. So erklärt Hermann mit Fistelstimme, welche Hunde die bessere Flugbahn haben, bestellt Whopper bei McDonald’s und dank überzeugendem Schluchzen des manipulativen Kängurus tritt Marc-Uwe schließlich der jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung – e.V.! – bei.
Die Schauspieler schaffen es in ihrer Lesung, das Publikum in das Geschehen zu holen. So entsteht das Gefühl, dem ausufernden Kneipenbesuch durchaus in ähnlicher Stimmung beiwohnen zu können. Ebenso lässt sich Marc-Uwes Wut auf das Beuteltier, die häufig in sympathisierende Resignation umschwenkt, nachvollziehen. Und auch der romantische Kommunismus des Kängurus stachelt das rebellische Herz zur Revolution an. Eine humoristische Systemkritik, die mehr als nur zum Schmunzeln anregt.

Kurzer Prozess, langer Applaus

29. Mai 2016

Ein aberwitziger Parforceritt in Pastelltönen durch einen modernen Kafka

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Von Michael Geißelbrecht

Mit der Premiere von „Der Prozess“ eröffnete gestern das Theater Regensburg die 34. Bayerischen Theatertage. Regisseurin Mélanie Huber inszenierte die Adaption von Stephan Teuwissen als absurd komisches Traumspiel, der aber nie seine Ernsthaftigkeit verliert und so tief im Leben der herrlich überzeichneten Figuren verwurzelt bleibt. Sie schaffte es, einem begeisterten Publikum die kafkaeske Komik in Pastelltönen schmackhaft zu machen.

Töne und Rhythmus sind integraler Bestandteil der Inszenierung. Aus Klopfen und Bellen und einem vielstimmigen Chor hat der Musiker Martin von Allmen einen beeindruckenden Klangteppich geschaffen, der das pastellfarbene Grundrauschen im Zusammenwirken mit gewollt komischen Choreografien und Gesten farbenreich koloriert. Die Inszenierung ist eine stimmige Komposition über die Lächerlichkeit des Seins, destilliert aus beißender Situationskomik und tiefsinnigem Kafka-Text.

Benno Schulz spielt den Getriebenen mit Bravour. Weil ihm der Prozess gemacht wird, stolpert er durch die sich ständig wandelnden hölzernen Kulissen aus Rahmen, Podesten und Treppen. Er ist beharrlich auf der Suche nach Gerechtigkeit und der immer nächsthöheren gerichtlichen Instanz. Was er findet, sind Karikaturen von Menschen, die zwischen Bürokratie und animalischen Trieben eine Vielzahl an Neurosen gebildet haben. Der Advokat Huld, hypochondrisch leidend verkörpert von Gunnar Blume, taugt als Rechtsbeistand wenig, verbringt er die meiste Zeit doch unter einer überdimensionalen Decke. An dessen Fußende sammelt sich allerhand Getier, Christin Wehner gibt als sein Hausmädchen gekonnt lasziv Josefs Verführerin, während Jacob Keller zum Schreien komisch den unglücklichen Kaufmann Block verkörpert. Patrick O. Beck predigt schließlich die Türhüterparabel wie einen Witz von seiner Sperrholzkanzel herab. Lacht er zunächst noch herzhaft, bleibt ihm dieses Lachen schnell im Halse stecken und wird zu einem wehklagenden Schluchzen.

Ob nun am Ende Josef von Schuld oder der Suche nach persönlicher Gerechtigkeit getrieben ist, Benno Schulz wird es offensichtlich von einer enormen Spiellust. Seine Verliererrolle spielt er aufopferungsvoll und mitleidserregend intensiv – wenn er sich verzweifelt schreiend an die sich verschiebenden Kulissen klammert, stockt einem der Atem – und avanciert so zum Gewinner des Abends.