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Mittwoch, 25. April 2012

Performance-Theater-Stücke des Tages – Special zum Teil 2


“Avanti Infantilitanti” (Marc Becker, Deutschland)

“Avanti” wurde vom Oldenburger Hausautor und -regisseur Marc Becker speziell als Eröffnungsstück für das PAZZ-Festival geschrieben und inszeniert. Das merkt man – meine ich zumindest. Ich kenne das Staatstheater Oldenburg leider nicht gut genug, um es mit 100 prozentiger Sicherheit sagen zu können; aber sagen wir mal so: Hätte ich es in Zwickau, an meinem Haustheater gesehen, hätte ich gedacht, man verrät sich selber.
Das Stück ist das Paradebeispiel erster Schritte Richtung Postdramatik und Performativität an den derzeitigen Stadt- und Staatstheaterlandschaft Deutschlands. Das was vor Jahren in der freien Szene begonnen hat, nimmt nun (endlich) Platz auf den “großen” Theaterbühnen ein. Natürlich ist es genau das Richtige Stück für das PAZZ, nur wirkt es in meinen Augen leider etwas “platt”.

Rester einer performativen Vorstellung...

Rester einer performativen Vorstellung...

Aber erst einmal zum Stück: Und entschuldigt das, was man als meckern verstehen könnte. Es war das Gefühl was mich nach dem Stück noch im Stuhl sitzen ließ. Doch die Minuten davor waren toll. Zu aller erst: Ich liebe das Bühnenbild. Das “Problem”: Ich habe das Stück leider nicht Open-Air gesehen, sondern im Theater Wrede nahe des Bahnhofes. Ich glaube das hat ganz viel vom eigentlichen Konzept “verschluckt” – leider. Dennoch: Ein überproportionaler Tisch mit vier Stühlen und speziell gefertigten Hütchen vermittelten dem Publikum das die erwachsenen Darsteller gerade einmal einen Meter groß sind. Im Hintergrund ein Podest (im Original der weiße Container) mit einer Zwei-Mann-Band. Aus dem Off: Die Stimme dieses jungen Mädchens – auf deutsch und englisch! Und überall überproportionales Spielzeug – zum Großteil extra für “Avanti” angefertigt. Im Hintergrund ein kuschliger Berg aus Fell. Fertig ist das Setting.

Die Off-Stimme aus "Avanti" inspiziert (oder eher durchsucht) nach der Vorstellung das Bühnenbild nach essbaren Resten - soooo süß!

Die Off-Stimme aus "Avanti" inspiziert (oder eher durchsucht) nach der Vorstellung das Bühnenbild nach essbaren Resten - soooo süß!

Los geht es: Während man den Zuschauerraum betritt, spielt die Band plus vier weitere Personen ein sehr amüsantes Musikstück. Alle sitzten; während der erste Schauspieler vom Podest auf die Bühne tritt die Off-Stimme: “Das ist (ichhabemirdienamenleidernichtgemerkt-imsorry). Er feiert heute seinen Geburtstag. (Pause) This is N.N. He celebrates his birthday today.” und das Spiel geht los. Er schießt sich den Weg auf der Bühne frei, klettert und macht, was eben ein Junge allein so macht. Dann wieder die Off-Stimme und die einzige Schauspielerin betritt die Bühne – mit Geschenk. Es ist ein Sektkorken. Unser Geburtstagskind freut sich und benutzt es als Waffe – das Mädchen bleibt links liegen. Der dritte Gast und der vierte Gast. Wieder Sektkorken – beides Jungs – was passiert? Sie jagen und erschießen sich – das Mädchen bleibt links liegen.
Es ist einfach köstlich anzusehen, mit welchem Spieltrieb die vier Darsteller das Ganze auf die Bühne bringen. Emotional tief verwurzelt in uns allen selber erinnert man sich an die eigene Kindheit. Gesichtsausdrücke, also Mimik, und Gestik sind niemals übertrieben, sondern man sieht immer ein 4-5jähriges Kind am überdimensionalen Tisch sitzen. Dabei eine ganz tolle Szene: Es geht ans Essen des Geburtstagskuchen und die vier müssen auf die Stühle klettern: Ein Traum! Der eine über Kopf, der andere springt, sie zieht sich irgendwie hoch und der andere hängt wie ein nasser Sack über der Sitzfläche.
Und so werde immer wieder kleine Geschichten erzählt. Urkomisch. Zwischendurch eine kleine direkte Sozialkritik – habe ich aber überhört. Am Ende wird aus dem Fellberg rechts hinten ein gigantischer Teddybär und das Bühnenbild gleicht einem Schlachtfeld. Dazwischen musikalische Einlagen und wunderbare Beispiele tiefen menschlichen Verhaltens – nicht wie das Tier in uns, sondern das Kind in uns.

Bravo! Ich will nochmal. Nochmal teilhaben und sich wie in Kind fühlen – denn das geht hier wunderbar.

Und jetzt: Es werde Licht... Clemens im (für die Nacht und gegen das Wetter) abgebaute und -deckte Bühnenbild von "Avanti".

Und jetzt: Es werde Licht... Clemens im (für die Nacht und gegen das Wetter) abgebaute und -deckte Bühnenbild von "Avanti".

Das “Special”: Interview mit dem Regiehospitanten Clemens Kellner

Junge Bühne: Hallo Regiehospitant!
Regiehospitant: Hallo Junge Bühne!
JB: Regiehospitant – wer bist du denn eigentlich?
Rh: Also, ich bin Clemens Kellner, 23 Jahre alt, wohne in Hildesheim, komme aber ursprünglich aus Hannover.

Clemens im Interview während eines Soundchecks im Festivalzentrum

Clemens im Interview während eines Soundchecks im Festivalzentrum

JB: Ahh, Clemens! Schön deinen Namen zu kennen. Aber was machst du so, wenn du nicht gerade auf dem PAZZ unterwegs bist?
Clemens: Hauptsächlich studiere ich Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis mit den Fächern Theater und Medien im vierten Semester. Neben dem Studium moderiere ich beim Radio und eine Konzertreihe in Hildesheim. Was das Theater betrifft bin ich bei “Kontraproduktion.plus” und spiele im Improvisationstheater “Mischpoke” mit.
JB: Interessant. Und wie kamst du jetzt zum PAZZ?
C: Ich habe mich am Oldenburger Staatstheater für ein Praktikum in der Dramaturgie beworben. Eine schnelle und nette Antwort kam und ich wurde zur Konzeption von “Avanti” eingeladen. Da der Dramaturg aber sehr beschäftigt war, wurde ich Hospitant für die Regie bzw. -assistenz, was mir mehr Möglichkeiten vor Ort gegeben hat.
JB: Du kanntest das PAZZ also zuvor nicht?
C: Leider nein. Erst als ich erfuhr das “Avanti” das Eröffnungsstück für das Festival wird, kam ich mit dem PAZZ in Berührung. Ich bin also durch einen glücklichen Zufall zum PAZZ gekommen.
JB: Kennst du denn andere Festivals?
C: Ich war bisher nur auf Musikfestivals, wie z.B. das Melt! oder Boot Boo Hook, aber das PAZZ ist meine Theaterfestival-Premiere.
JB: Und wie ist es so?
C: Alles ganz neu. Frisch und interessant.
JB: Aber zurück zu “Avanti”. Was genau ist deine Aufgabe?
C: Als Hospitant unterstütze ich die Produktion und helfe dem Regieteam. Ich kläre Organisationsfragen, räume die Bühne auf, mache sauber – alles theatral – aber natürlich habe ich auch Kaffee gekocht. Bei Entstehungsprozessen des Stückes war ich eher Zuschauer: Nicht teilnehmen, aber teilhaben. Und das hilft für das Studium ungemein.
JB: Von Hildesheim sind es zwei bis drei Stunden Zugfahrt – du bist also sicherlich hergezogen?
C: Ich habe für zwei Monate in einer WG eine Zwischenmiete bekommen. Sehr schön da.
JB: …und Oldenburg?
C: …ist eine kleine, schöne und überschaubare Stadt. Schönes Theater, schöne Vorstadt, die man gut zum Sport machen nutzen kann, u.a. zum laufen und joggen.
JB: Laufen. Wohin willst du mal laufen? Wo soll dein Weg mal hingehen?
C: Früher, vor dem Studium, wollte ich Schauspieler werden. Aber durch eigene Erfahrung und Gespräche merkte ich, das ich mehr will. Auch hinter den Kulissen etwas tun. Regie, Dramaturgie – oder auch Journalismus. Jetzt, u.a. durch das Praktikum oder das Studium weiß ich, das es so viele Facetten gibt. Momentan geht es vor allem in die Medien oder Theaterrichtung. Im Sommer werde ich noch ein Praktikum bei ‘ffn’ absolvieren um mir beide Richtungen offenzuhalten. Danach weiß ich sicher mehr.
JB: Was nimmst du dabei speziell aus dem Praktikum hier in Oldenburg mit? Vielleicht etwas, was du auch unseren Lesern mitgeben möchtest?
C: Man sollte sich Raum und Zeit für sich selbst nehmen. Theater ist Zeit- und Arbeitsintensiv, vor allem im Rahmen eines solchen Festivals. Man freut sich da über Ruhepausen, denn geregelte Arbeitszeiten wie in Medienbereichen wie Radio und Fernsehen wo man auch einmal fertig ist, gibt es nicht; im Theater entsteht immer wieder etwas Neues. Und so auch neue Arbeit. (überlegt)
JB: Ja?
C: Oldenburg war eine wunderbare Erfahrung. Nicht immer einfach, aber genau daran bin ich gewachsen. Ich kann es nur jedem empfehlen. Und man sollte keine Scheu haben; man wächst an den Aufgaben und kann sich erst durch solche Prozesse im künstlerischen Bereich verorten – was ich auch selbst bemerkt habe.
JB: Vielen Dank für das Interview und alles gute für deinen Weg!

Clemens klebt! - Abschluss mit einem Spaßbild aus der Kategorie "Schnappschüsse": Denn diesen Berg an Gaffa hat Clemens zum Schutz der Darsteller von "Avanti" an die Beine des Containers geklebt.

Clemens klebt! - Abschluss mit einem Spaßbild aus der Kategorie "Schnappschüsse": Denn diesen Berg an Gaffa hat Clemens zum Schutz der Darsteller von "Avanti" an die Beine des Containers geklebt.