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Ein Stückchen Stück kurz vor Probenbeginn

Donnerstag, 12. Januar 2012

Nach jedem Workshop hat Autor Lutz Hübner das entstanden Material zu einer Textvorlage für die Proben verarbeitet. Jeder Workshop hatte ein Thema, eine Richtung, in die wir improvisiert und diskutiert haben. So entstand nach und nach eine Art Libretto in drei Teilen, das als Grundlage für die Proben dient. Ein Stücktext mit viel Offenheit für Improvisationen, Änderungen, Weiterentwicklung in den Proben. In einer Form, der die Geschichten und Dialoge aus den Workshops verdichtet, strukturiert, Figuren und Konstellationen entstehen lässt und neue Spielebenen eröffnet - irgendwo zwischen (Theater-)Spiel und Leben.

Letzten Montag haben Autor, Regisseurin Martina van Boxen und Dramaturgie sich noch einmal intensiv über die erste vollständige Fassung gebeugt und kommenden Montag, am 16.1.2012 ist es dann endlich soweit. Mit einer Konzeptionsprobe beginnt die “richtige” Probenzeit, ab dann heißt es täglich: Studierende + Hübner + van Boxen + X = SPIEL DES LEBENS. (X heißt natürlich:mehr als die Summe der einzelnen Teile!)

Als kleiner Vorgeschmack kurz vor Probenbeginn hier eine Szene, die wir schon zur Trailershow beim Eröffnungsfest im September aus den Entwürfen zum ersten Teil collagiert hatten und allen Beteiligten und dem Publikum Vorfreude auf die Premiere am 16. März 2012 machte:

Alle kommen nach vorne auf die Bühne gestürmt, in einer Reihe.

Mechthild: Meine sehr verehrten Damen und Herren,
Bernhard: Wir begrüßen Sie herzlich zu
Zusammen: Spiel des Lebens!
Zora: Wir wollen Sie in den nächsten (ein gemeinsamer Blick auf die Armbanduhr)
Zusammen: 90 Minuten
Joachim: unterhalten,
Mechthild: wir wollen uns vorstellen.
Charles: Wir, das sind die Studenten der Folkwang-Universität der Künste.
Amanda: Wir wollen,
Lisa: dass Sie uns kennen lernen
Julia: Wir wollen Ihnen Geschichten erzählen,
André: wollen Sie unterhalten…
Joachim: Das habe ich schon gesagt
Amanda: …wollen Ihnen einen wunderbaren Abend ermöglichen
Bernhard: Wir sind da,
Damir: hier,
Joachim: für Sie,
André: so, wie wir sind
Damir: und jetzt:
Zusammen: Musik!!

Sie stehen nebeneinander, beginnen, A-capella ein Lied zu singen, das Lied wird in der folgenden Vorstellungsrunde weiter gesungen (bis der Streit beginnt). Sie kommen in eine Reihe, der Vorgestellte geht jeweils einen Schritt vor

Charles: Das ist Zora, sie ist unsere Tragödienspezialistin, kann aber auch singen und Kunststücke.
Zora: Das ist Julia sie spielt drei Instrumente, ist unsere begabteste Tänzerin, kann aber auch drei Sprachen.
Julia: Das ist Amanda, unser Dialektspezialist, hat Filmerfahrung und beherrscht einige atemberaubende Stunts
(Amanda will sofort einen Stunt zeigen, wird von den anderen zurückgepfiffen. Tritt vor.)
Julia: Nein, nicht jetzt, später vielleicht, okay?
Amanda: Das ist Bernhard, der Klügste von allen, stemmt locker die härtesten postdramatischen Texte und singt. Manchmal sogar gleichzeitig.
Bernhard: Das ist Damir, er ist unser Komiker und kann zaubern.
Damir: Das ist Mechthild, unsere Tragödin, spielt wunderbar Maultrommel und macht erstklassige Nudelsalate.
Mechthild: Das ist Joachim, er kann Pfannkuchen und Crepes im Flug wenden, hat ein gutes Gefühl für klassische Texte und legt bei unsren Partys auf.
Joachim: Das ist André, unser zweites komisches Talent und ein gesuchter Typ, das sagen alle Lehrer, ein Filmgesicht.

Joachim hat Lisa, die neben ihm steht, übersprungen. Sie sieht ihn irritiert an.

Lisa: Warum hast du mich nicht vorgestellt?
Joachim: Ich hatte in den Proben immer ihn (deutet auf den Letzten)
Lisa: Ja, aber das ist doch egal, du weißt doch wer ich bin.
Joachim: Stell dich doch einfach selber vor. (zu André) Oder willst du sie vorstellen? (dieser schüttelt den Kopf)
Lisa: Nein, ich will, dass du das machst.
Joachim: Das will ich aber nicht.
Lisa: Und warum?
Joachim: Will ich eben nicht.

Kurze peinliche Pause, alle verfolgen angespannt den Streit mit.

Lisa: Ich habe ein Recht darauf, vorgestellt zu werden. Jeder hat hier neun Minuten.
Joachim: Ja, aber dadurch, dass ich dich nicht vorgestellt habe, haben die Leute doch auch einen Eindruck von dir, oder?
Lisa: Ja! Aber was für einen!
Joachim: Okay, das ist das Mädchen, das in allen Rollen leidet, egal, was sie spielt, immer leidet sie, bis über jede Schmerz- und Geschmacksgrenze.
Lisa: Das stimmt doch gar nicht!
Joachim: Jetzt leidest du doch schon wieder.
Lisa: Ja, aber wegen dir.
Joachim: Klar, irgendjemand ist immer Schuld.
Lisa: Du bist so ein Arschloch!
Joachim: Jetzt hast du bestimmt schon drei Minuten von deinen neun verbraucht.
Lisa: Das war deine Zeit.
Joachim: Ich? Ich habe doch gar nichts gesagt. Du bist dran, deine Zeit läuft.
Lisa: Okay, dann bin ich jetzt dran.

Amanda blickt zu den Streitenden.

Amanda: Ich könnte einen Stunt zeigen und in der Zeit könnt ihr euer Ding klären.
Lisa: Nein! Wenn ich dran bin, bin ich dran.

Lisa beginnt “I will survive“ zu singen, sehr engagiert, sehr laut und wütend.

Jetzt greifen die Anderen ein, versuchen die Situation zu beruhigen, das wirft doch jetzt ein schlechtes Licht auf die Gruppe, so stehen doch alle schlecht da und das kostet Zeit. Schließlich gehen alle nach vorn, Blick ins Publikum. Lisa bleibt zurück, singt leise ihr Lied weiter.

Chor: Wollen Sie etwas Komisches sehen?

Sie holen alle einen Neckrüssel heraus, blasen hinein und stecken ihn wieder ein.

Chor: Oder etwas Tragisches?

Sie holen alle einen Neckrüssel heraus, blasen hinein und stecken ihn wieder ein.

Chor: Oder etwas Komisches, das unversehens ins Tragische kippt?

Sie holen alle einen Neckrüssel – insgesamt 10 Stück – heraus, blasen hinein und stecken ihn wieder ein, gehen ab. Lisa singt allein weiter ihr Lied, erkennt die Chance sich zu präsentieren. Bernhard kommt zurück auf die Bühne, nimmt sie über die Schulter und geht ab.

Beitrag von: Sascha Kölzow

Hallo Welt - Hallo “Spiel des Lebens”

Samstag, 10. Dezember 2011

Hallo, Ich bin Bernhard. Als ich heute Nachmittag die Kantine des Schauspielhauses Bochum verließ verabschiedete uns die Küchenfrau mit den Worten “Tschüss Kinder!”

Bühnen-Gang

Bühnen-Gang (Amanda, Joachim, Mechthild)

Warum?

Ich bin einer von zehn Schauspielstudenten, die im Rahmen ihres Studiums zusammen mit Lutz Hübner und Martina van Boxen ein Stück für das Schauspielhaus entwickeln, und heute war unser fünftes Treffen um Material zu Sammeln.

In drei Workshops sammeln wir die Grundlage für unsere Proben Anfang nächstes Jahr. Aber was sollte man für ein Stück das sich “Spiel des Lebens” nennt denn sammeln?  Wie fängt man so etwas an?  Was will denn der Zuschauer sehen? Was macht eigentlich ein gutes Theaterstück aus? UND Was wollte ICH eigentlich schon immer mal im Theater machen?

Der Text aus dem Programmheft, den Sascha Kölzow, unser Dramaturg, schon gepostet hat, gibt einen guten Eindruck  von dem, was uns in unserem Stück interessiert.

In drei Workshop-Wochenenden habe wir uns nun mit jeweils einem 30 Minuten Happen unseres Stückes beschäftigt: Was gestaltet die Biographie eines Menschen so, dass er Schauspieler werden will und es dann auch noch schafft an einer Staatlichen Schule angenommen zu werden? Was sind die Formen und Geschichten, mit denen wir heute auf Bühnen konfrontiert werden? Welche Geschichten können wir in 90 Minuten einem Publikum erzählen? Das waren ein paar der Fragen, mit denen wir uns auf den letzten zwei Workshops im Juni und September beschäftigt haben.

Dieses Wochenende fragen wir uns, was unseren Biographien noch bevorstehen mag. Was werden wir erreichen, was wird uns missglücken, wie werden wir Scheitern. Wer von uns wird in 30 Jahren noch Schauspieler sein. Wer wird berühmt, wer glücklich? Diesmal standen Themen an, die ich immer nur von meiner Sicht als Beginner betrachtet hatte, aber durch Lutz nun aus der Sicht dessen höre, der all das schon hinter sich hat.

Für mich ist das wirklich mit der interessanteste Workshop bisher. Lutz der selbst als Schauspielstudent anfing, erzählt uns zu Beginn des Workshops, dass aus seiner damaligen Klasse nur noch einer Schauspieler ist. Für den Beginn der Workshops hat Lutz jedes mal eine kleine Inspiration vorbereitet. Texte  und Gedanken, die er zu dem Thema entwickelt hat und Zitate, die er für passend hält.

Er ließt uns z.B. einen kleinen Auszug aus seinem Stück “Dramoletti” vor. Von Schauspielstudenten, die jetzt stattdessen Bioläden oder Bars betreiben. Von denen die ganz gut im Geschäft waren, aber nun doch eher auf dem trockenen sitzen. Und denen die immer noch “saufen wie ein Eimer”. Er gesteht uns dann, dass einige der Geschichten an die Leben seiner ehemaligen Studienkollegen oder anderen Menschen, die er traf angelehnt sind.

Für mich als naiver Neueinsteiger hört sich das ziemlich deprimierend an. Was wird tatsächlich aus meinen Ziel Theater zu spielen, berühmt vielleicht sogar reich zu werden. Wird er gelingen oder spielt das Leben nicht mit und am Ende versauert man als mittelmäßiger Darstellen unkreativ und unkündbar an nem kleinen Stadttheater?

Vielleicht sollte ich doch Aikido-Lehrer werden? Wir werden sehen. Morgen erfahren wir mehr.

Wer morgen beim letzten Workshop-Tag live™ dabei sein will, der folgt ab 10 Uhr einfach @BrutusD auf  Twitter

bis morgen, Bernhard

Aikido-Bernhard

Aikido-Bernhard

Dramoletti

Samstag, 10. Dezember 2011

Ein Auszug aus Lutz Hübners “Dramoletti. Ein Kabarett”, den der Autor heute in seiner Impuls-Inspirations-Einführung zum dritten Workshop zum “Spiel des Lebens”-Material machte:

Gitti hat erst ein Jahr nichts gemacht und dann einen Stückvertrag an der Komödie Kassel. Da ging’s dann aber nicht weiter für sie, deshalb ist sie nach Berlin gezogen, hat mit Logopädie angefangen, wieder geschmissen und macht jetzt als ABM mit ihrem Freund so ein Clownsspiel für Grundschulen über Verkehrserziehung und das läuft wohl ganz gut.
Horst hat ja direkt eine große Rolle in einer neuen Serie bekommen und ist nach Köln gezogen. Dann haben sie aber wohl nur den Piloten gedreht und der wurde nicht gesendet. Er hat dann im Scharazan gejobbt, noch ein paar Drehtage bei ‚Verbotene Liebe’ gehabt und ist jetzt wohl Miteigentümer von der Bar. Sein Freund hat mehrere Häuser in der Südstadt.
Günther war als Anfänger in Trier, wurde aber nach dem zweiten Jahr nicht übernommen, dann kam eine Tournee mit irgendeinem alten Fernsehstar und danach hatte er die Schnauze voll. Er hat dann mit Freunden eine Kulturscheune in Mendig gegründet. Das ist da bei Koblenz. So Ausstellungen und Malkurse und im Sommer immer ein Kleinkunstfestival.
Da macht er manchmal noch seinen Boris Vian Abend.
Katharina ist immer noch in Neuss, macht jetzt aber nur noch zwei Stücke pro Spielzeit wegen der Zwillinge, ihre Mutter wohnt jetzt bei ihr.
Kiki hat in dieser Comedyserie mitgespielt, hat dann geschmissen und ist nach Berlin, hat da aber praktisch nicht gearbeitet, ist dann wieder nach Leipzig und versucht da wohl eine Casting Agentur aufzubauen. Säuft wohl immer noch wie ein Eimer.
Ulla hat voll die Karriere hingelegt.
(Stille)
Naja, die war ja schon immer so. Ich glaube, mit der hat keiner mehr richtig Kontakt.
Andi ist an drei Theater hintereinander immer beim Intendantenwechsel raus geflogen. Er ist gerade in Berlin und versucht ein Drehbuch los zu werden, das scheint aber nicht so gut zu laufen. Ich habe ihn beim Workshop kurz gesprochen. Der ist jetzt schon auf Stütze. Auch gruselig, oder? Ich hab noch ein halbes Jahr, dann muss ich mir auch was überlegen.
Ach ja, Stefan war Regieassistent in Bielefeld, sechs Jahre, dann haben sie ihm eine Studioinszenierung gegeben, Philoktet, aber da haben ihn die Schauspieler nach zwei Wochen abgesägt.
Der hat jetzt einen Bioladen in Münster.
Und das läuft wohl ganz gut.
Ich meine, wir zappeln uns hier ab und der macht einen auf Bio. Echt.
Das ist doch nur schräg, oder?
Ein Bioladen.
Ich weiß echt nicht, als ausgebildeter Schauspieler einen Bioladen?
Das ist doch irgendwie, wie wenn man als…okay, ich weiß nicht, aber ich fand das schon sehr, sehr schräg.

Mehr Jeans im Theater!

Samstag, 10. Dezember 2011

ein Interview, geführt im letzten Frühling, Erstkontakt zwischen Dramaturg und “der Klasse” und gleich mitten rein in unser Thema:

BOROPA - Spielzeitmagazin 2011/12

BOROPA - Spielzeitmagazin 2011/12


Frühlingsanfang. Eine kleine Garten-Idylle zwischen Mietskasernen. Einige Schauspielstudierende nutzen die ersten Sonnenstrahlen, um die Grillsaison zu eröffnen und nach einem arbeitsintensiven Projekt durchzuatmen. Ein Gespräch über Schauspielerei mit Damir Avdic und Lisa Förster.

Was hat euch zum Schauspielstudium an die Folkwang-Uni verschlagen?

Lisa: Ich hatte einfach diese fluxe Idee, Schauspielerin zu werden. Ich fand das faszinierend. Aber bis zum Abi wusste ich nicht einmal, dass es Schauspielschulen gibt. Ich bin völlig ahnungslos zu den Vorsprechen gegangen. An der Folkwang- Schule habe ich mich gleich wohl gefühlt und wie eine Verrückte gekämpft, um aufgenommen zu werden. Das war toll, man ist echt durch die Hölle gegangen. Ich hatte keine Ahnung, wie das geht, sondern habe einfach gezeigt, wie ich denke, dass es sein könnte. Das kam offenbar gut an. Als es dann geklappt hat, wusste ich erstmal überhaupt nicht, was mich erwartet.

Damir: Ich habe eigentlich nie den Wunsch gehabt, Theater zu spielen. Aber ich stand schon mit neun im Zirkus auf der Bühne und habe gezaubert. Ich war hier in Bochum auf der Hauptschule und kam über „Hauptschule in Bewegung” zum Jungen Schauspielhaus. Ich war in der Mediengruppe - damals habe ich mich noch gar nicht getraut selbst auf der Bühne zu stehen. Aber dann habe ich gemerkt, dass das ziemlich viel Spaß macht. Als dann auf einmal alle von Schauspielschulen erzählt haben, dachte ich, das könnte mir helfen, weil ich Zauberer werden wollte. Bei den Vorsprechen hatten die anderen Bewerber immer einen riesigen Druck. Ich habe das gar nicht so wichtig genommen. Aber irgendwas in mir sagte „Ja”. Es ist immer noch ein Rätsel für mich, warum ich das mache. Aber ich merke: Es gibt mir viel, weil ich ganz viel geben kann.

Warum wollt ihr Schauspieler werden? Was macht den Beruf aus?

Damir: Das ist ein Beruf wie eine Achterbahnfahrt. Das fasziniert mich. Du hast riesig Schiss davor, aber es macht so viel Spaß. Wenn ich morgens sehe, wie Leute an der Theaterkasse stehen, wenn ich merke, dass wir ihnen etwas schenken können, sie manchmal sogar glücklich machen - das ist wunderschön! Deswegen mache ich es, für die Zuschauer. Ohne sie gäb’s das Theater nicht.

Lisa: Das stimmt. Wenn man merkt, dass man Spannung erzeugen kann auf der Bühne, dass ein ganzer Saal voller Menschen auf einmal bei dir ist - das finde ich super. Die Bühne ist ein magischer Ort, da ist ganz viel Wahrhaftigkeit. Wo man sich sonst gerne herauswindet, auf der Bühne kommt man nicht mehr drumrum. Das ist das Schöne.

Wollt ihr berühmt werden?

Lisa: Ich denke da gerade nicht dran. Ich möchte in diesem Beruf so gut wie möglich werden, nicht so berühmt wie möglich.

Damir: Also ich will überhaupt nicht berühmt werden. Ich will einfach, dass das Theater als Ganzes die Leute packt. Für mich ist Theater wie ein Körper: wenn nur das Herz da ist, bringt das überhaupt nichts. Der ganze Körper muss funktionieren.

Gibt es auch Momente, in denen man verzweifelt?

Lisa: Ja. Gerade nachdem man einen entscheidenden Schritt nach vorne gegangen ist, fällt man oft gefühlte sieben Schritte zurück. Das Empfinden ist in solchen Momenten sehr absolut. Aber das gehört auch dazu: richtig an sich zweifeln und dann die Kraft besitzen weiter zu machen.

Damir: Das ist ein sehr gefährlicher Beruf. Daran kann man auch kaputt gehen. Du musst es 100 Prozent wollen - es reicht nicht, dass es dir ganz gut gefällt, du brauchst die Bereitschaft zu bluten! Und es ist natürlich auch deswegen hart, weil man uns nicht braucht. Man braucht keine Schauspieler. Mein Vater kann auch leben, ohne dass er je ein Theater besucht hat.

Trotzdem habt ihr euch für die Schauspielerei entschieden. Was ist so faszinierend am Theater?

Damir: Ich finde es toll, dass man einfach alle Emotionen herbeirufen kann. Es ist eben nicht nur Unterhaltung. Leute weinen, lachen, kriegen Angst, stehen sogar auf, weil sie konfrontiert werden mit Sachen, die sie nicht kennen oder nicht kennen lernen wollen.

Oder die sie ganz genau kennen…

Lisa: Eben! Man konfrontiert die Leute mit Dingen, denen sie vielleicht im Leben ausweichen. Und vielleicht regt das an und inspiriert die Leute. Leider besteht das Publikum oft nur aus sehr kultivierten Menschen. Ich würde mir wünschen, dass man es schafft, auch andere Menschen ins Theater zu bringen - gerade die jungen, denen es fremd ist.

Damir: Oft sagen Leute, sie gehen da nicht hin, weil sie nicht die richtigen Klamotten dafür haben! Da sage ich ganz klar: Mehr Jeans im Theater! Ich will, dass die Sicht aufs Theater sich ändert. Dafür stehe ich auch auf der Bühne.

Lisa: Ja! Da habe ich die Hoffnung, dass wir als junge Schauspieler Zugang zu diesen jungen Menschen kriegen können. Dass man nicht irgendwelche alten Dinge versucht aufzubacken, sondern was Neues schafft, gemeinsam mit dem Publikum.

Warum hat die Welt genau auf euch gewartet?

Lisa: Weil wir jung sind, weil wir ganz viel Energie mitbringen und die Kraft, etwas zu verändern.

Damir: Die Welt hat gar nicht auf uns gewartet.

Interview: Sascha Kölzow
erschienen in BOROPA, Spielzeitmagazin 2011/12, Schauspielhaus Bochum, S. 136/37 (print) bzw. S. 138/39 (online)

Workshop 3 läuft

Samstag, 10. Dezember 2011

Workshop 3

Seit 2 Stunden arbeiten wir wieder. Der dritte von 3 Workshops vor Probenbeginn. Materialsammlung, Improvisation. Theatrale Recherche quasi. Stay tuned, Impressionen gibt es zwischendurch und/oder in Rückblicken hier. Bis später!

Beim ersten Workshop vor fast einem halben Jahr sah es übrigens so aus:

Der erste Workshop im Juli 2011

Wie alles begann: Beim erste Workshop im Juli 2011 (Foto: Bernhard Schmitt-Hackenberg)

von links: Lutz Hübner (Autor), Martina van Boxen (Regie), Anna Haas (Dramaturgie)

Was ist SPIEL DES LEBENS?

Freitag, 9. Dezember 2011

SPIEL DES LEBENS

Willkommen! Für einen groben Überblick, was das sein soll, so ein “Spiel des Lebens”… so stehts im Spielplan:

SPIEL DES LEBENS
Ein Projekt von Lutz Hübner und Martina van Boxen mit dem 3. Jahrgang Schauspiel der Folkwang Universität der Künste
Uraufführung: 16. März 2012, Kammerspiele
Schauspielhaus Bochum

Die Aufnahmeprüfung ist geschafft – und nicht erst seit gestern. Damir, Joachim, Lisa, Mechtild, Amanda, Zora, Julia, Charles, André und Bernhard gehen ins dritte Jahr ihrer Schauspiel-Ausbildung an der Folkwang Universität der Künste. Mit welchen Träumen und Erwartungen haben sie sich damals an der Schauspielschule beworben? Wie blicken sie jetzt auf den nächsten Vorsprech-Marathon, der ihnen bevorsteht, wenn sie nach der Ausbildung auf die Jagd nach dem ersten Engagement gehen? Zehn junge Menschen voller Enthusiasmus, Fantasie und Visionen, auf die bis jetzt jedoch keiner gewartet hat. Sie wollen alles geben, doch wer will sie haben? Wie gelingt die perfekte Performance, die sie nach vorne bringt? Oder sind sie schon mitten drin in der Show ihres Lebens? Der Autor Lutz Hübner und die Regisseurin Martina van Boxen, beide selbst ausgebildete Schauspieler, tauchen in die Welt dieses Folkwang-Jahrgangs ein und entwickeln gemeinsam mit den Studierenden ein neues Stück. Es geht um zehn junge Menschen an einer Schnittstelle. Ausgangspunkt sind die realen Erlebnisse und Geschichten der Schauspiel-Stars von morgen, doch am Ende werden wir vielleicht nicht so genau wissen, ob sie uns nicht nur verdammt gut etwas vorspielen. Denn was ist schon „echt“ in diesem Beruf? Hat Oscar Wilde recht, wenn er sagt: „Ich liebe es Theater zu spielen. Es ist soviel realistischer als das Leben“?

Mit: Damir Avdic, Joachim Foerster, Lisa Förster, Mechthild Grabner, Amanda da Gloria, Zora Klostermann, Julia Ludwig, Charles Morillon, André Rohde, Bernhard Schmitt-Hackenberg

Regie: Martina van Boxen
Autor: Lutz Hübner
Bühne: Michael Habelitz
Kostüme: Cathleen Kaschperk
Musik: Torsten Kindermann
Dramaturgie: Anna Haas, Sascha Kölzow

In Zusammenarbeit mit der Folkwang Universität der Künste

Spiel des Lebens

Mittwoch, 7. Dezember 2011

schauspielhaus

Ab dem 10.12. bloggt das Schauspielhaus Bochum hier über  “Spiel des Lebens” - ein Projekt von Lutz Hübner und Martina van Boxen mit dem 3. Jahrgang Schauspiel der Folkwang Universität der Künste.

Berichte aus Workshops und Proben, Textfragmente, Backstage-Bilder, Interviews zu den ganz großen Fragen, Gedanken, Videos - eine große Materialsammlung zu den Themen, die das Team in dieser Produktion beschäftigen: Was ist eigentlich Theater? Wozu? Was wollen Sie sehen? Was wollen wir zeigen? Was wird aus uns?

Redaktion: Sascha Kölzow (Dramaturgie), Bernhard Schmitt-Hackenberg (Schauspieler, studierend), sowie weitere Beteiligte

Mitten ins Herz

Mittwoch, 24. Juni 2009

Armin Petras besuchte Bochum mit seinem Gastspiel aus Hamburg, genauer gesagt aus dem Thalia Theater in der Gaußstraße. Mit „Rose – oder Liebe ist nicht genug“ feiert er seinen Abschied aus dem Theater, welches er während der letzten Jahre deutlich mitprägte. Doch bevor in Hamburg der letzte Vorhang fallen wird, gab es für die Bochumer die Gelegenheit dieses hervorragende Stück zu sehen.
Die Geschichte ist schnell erzählt. Gina liebt den Rocker Ed, ist schwanger von ihm und auf der Such nach ihm – denn schon seit Tagen ist dieser verschwunden.
Sie trifft eine Freundin, sowie deren Musikproduzenten in einem abgewrackten Tonstudio. Während Gina an der Tür lauscht, sehen wir ein Pantomimenspiel erster Klasse, denn die klapprige Sperrholzkonstruktion repräsentiert unter anderem schalldichte Wände. Gina wird von Lemmy, dem Produzenten, angebaggert und schließlich geschlagen als diese ihn abweist.
Ed kehrt zurück, verliebt wie eh und je, erfährt von den Gewalttaten und schlägt Lemmy zu Brei. Als Folge ist dieser behindert und Ed in der Psychiatrie – für zehn Jahre.
Hier geschieht ein Bruch. Ohne viel Drumherum befinden wir uns plötzlich zehn Jahre später. Gina liebt nun Jonas, hat neben Rose, Eds Tochter, noch zwei andere Kinder und lebt in einem Haus. Ihr neuer Mann ist der perfekte Spießer; Tennisspieler und Redakteur. Gina wurde zu einem neuen Menschen, oder jedenfalls sollen wir das denken, bis Ed aus der Anstalt entlassen wird und zu seiner Geliebten zurückkehrt.
Es beginnt ein emotionales Hin und Her und doch ist es schon eigentlich ziemlich früh klar, dass Gina Ed liebt und zu ihm zurück gehen wird. Und so geschieht es dann auch, obgleich Gina selber sagt, dass keiner wissen würde wie lange das halten kann.
Petras erzählt eine stringente Handlung und es gibt nicht vieles das schwer zu verstehen ist. Die Handlung ist glasklar und auch die klischeehaften Figuren führen dazu, dass niemand im Dunklen bleiben muss. Kein Rockervorurteil wird ausgelassen und die Kostüme könnten kaum trashiger sein.
So sind die Figuren zwar ganze Prolls, aber niemals nicht liebenswert.
Durch die großen Sprünge in der Handlung bleiben sie schemenhaft und obwohl dies für einige Verlust bedeuten mag, so ermöglicht es auf der anderen Seite enorm viel. Wann verläuft das Leben denn schon mal nur logisch? Und so handelt Gina irrational und neurotisch. Petras lädt zum Weiterdenken ein. Weiterdenken über die Frage wie Ed und Ginas Leben verlaufen wird; was in der Anstalt geschah oder wie sich Jonas und Gina kennen lernten.
„Rose“ ist heillos romantisch und Elmar Goerden hat Recht, wenn er während des Publikumsgespräch sagt :„Es geht mitten ins Herz.“
Und dennoch: Gina verlässt nicht nur Jonas, den sie seit neun Jahren liebte, sondern auch ihre drei Kinder. Selbst Rose ist nun nicht mehr die Tochter des Rockers, sondern die des Spießers.
Neben der großen Liebe, der Seelenverwandtschaft thematisiert Petras den Verlust. Verlust von zehn verschenkten Jahren. Jahren in der Psychiatrie oder einer falschen Ehe. Verlust weil man nicht anders kann.
Obgleich das Stück allein schon gut ist, wird es erst durch die überragenden Schauspieler zu dem was es am Ende ist. Susanne Wolff als Gina bringt die innere Zerrissenheit mit einer Genauigkeit rüber die selten ist. Alle anderen sind mindestens ebenso gut und unterstützt werden sie vom hervorragenden Bühnenbild.
Mit wenig viel machen, scheint hier das Thema – und es gelingt. Der Bruch in der Handlung wird durch die Totalausräumung auf der offenen Bühne verdeutlicht und zu einer anderen Zeit wird das Tonstudio zu einer stummen Kammer. Petras zaubert wunderschöne Bilder, die man aus dem Theater heraus weiter mit sich trägt.

(Janine Wahrendorf)

CAR MEN & BIRTH DAY

Montag, 22. Juni 2009

birthday2

Der tschechische Choreograph Jiří Kylián brachte zusammen mit der niederländischen Tanztruppe PARADOX gleich zwei seiner Werke in die Kammerspiele in Bochum.
Begonnen wurde mit einem halbstündigen Stummfilm, angelegt an die Oper „Carmen“. Während man nur an einigen kurzen Momenten Musikfetzen aus dem Original wieder finden konnte, waren die vier Hauptfiguren kaum verändert.
So gab es also die Verführerin Carmen welche von Don Jose verehrt wird. Dessen einfache aber herzensgute Schwester Micaela und den Frauenhelden Escamilio.
Das Werk ist angefüllt mit schrägen Soundeffekten, verzogenen Grimassen schnellen Bewegungen und durchgeplanten Choreografien– also eine Hommage an den Stummfilm.
Die Personen bewegen sich in einer offenen Kohlemiene, welche zeitgleich als Schrotthalde zu funktionieren scheint. Das Setting also ist surreal und die Handlung ebenso, wenn man überhaupt von Handlung sprechen mag. Da werden zum Beispiel verschiedene Rad ähnliche Schrottteile wild durch die verstaubte Gegend gerollt und dabei herum gesprungen.
Anders aber als bei Salvador Dalis surrealistischem Werk „Ein andalusischer Hund“ fehlt CAR MEN der subtile Humor. Es ist regelrecht anstrengend dem albernen Rumgehüpfe zu zusehen. Noch viel schlimmer allerdings war die danach folgende dreißigminütige Pause. Das hauptsächlich ältere Publikum wurde deutlich ungeduldig und betonte nach etwa zwanzig Minuten schon „Es kann jetzt weiter gehen!“
Und das tat es dann auch endlich. Die Protagonisten des Filmes (mit 2 Abweichungen) betrat die Bühne in barocken Gewändern, um an einem Tisch Platz zu nehmen. Begleitet wurden sie in „Birth Day“ von klassischer Musik von Mozart.
Es wurde eine Choreographie mit Fächern gezeigt, die aber leider zu häufig wiederholt schien und sich mit der Zeit abnutzte.
Während einige der Tänzer immer mal wieder abgingen, konnte man durch eine Beamer Projektion am Geschehen in den anderen Räumen des Hauses teilnehmen.
Laut Programmheft sollte es um die vielen Seiten des eigenen Geburtstags gehen. Das Leben, der Tod und die Zeit dazwischen; ein melancholischer Tag voller verschiedener Aufladungen. Was sich zuerst einmal spannend anhört wurde aber leider nur durch Singen eines Geburtstagsliedes und einer Torte wieder aufgegriffen.
Der Abend schien allzu unzusammenhängend. Es fehlte an Bewegung und Körperlichkeit – und dennoch: man sah den Tänzern ihren Spaß und ihr Engagement an und das Publikum schien zufrieden. Vielleicht hatte also nur ich andere Vorstellungen von diesem „Tanzabend“.

(Janine Wahrendorf)

Sein oder Nichtsein - Noch ist Polen nicht verloren

Sonntag, 21. Juni 2009

Den Auftakt im großen Haus machte die Eigenproduktion des Bochumer Schauspielhauses „Sein oder Nichtsein. Der Stoff basiert auf einem amerikanischen Kinofilm von Ernst Lubitsch aus dem Jahre 1942 der wiederum den Text von Mechior Lengyel zum Vorbild hatte. Daher rührt auch der Untertitel des Stückes „Noch ist Polen nicht verloren“.
Wir befinden uns in Warschau kurz vor dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges. Eine polnische Theatertruppe um den Schauspieler Joseph Tura probt eine antifaschistische Komödie Namens „Gestapo“, sowie den alten Klassiker „Hamlet“. Schon hier zeigt sich der Gegensatz von zeitgenössischer Kunst und dem altbewährten. Während sich besonders die jüngeren Schauspieler etwas von dem aktuellen Stück verhoffen, gibt sich der eitle Starschauspieler Tura gelangweilt und unterfordert. Ständig betont er, wie unwiderstehlich gut er sei und dennoch – während seines „Sein oder Nichtsein“ Monologes schleicht sich ein junger Soldat wiederholt in die Garderobe seiner Frau Maria.
Die Uraufführung von „Gestapo“ wird schließlich verboten und der Krieg bricht während einer „Hamlet“ Aufführung aus. Ab diesem Zeitpunkt beginnt ein heiteres Verwechselspiel, welches nicht selten an Komödien von Shakespeare erinnert. Das Tempo ist rasant und geprägt von den vielen Auf und Abgängen durch die zahlreichen Türen auf der, sich ständig bewegenden Drehbühne.
Der Spitzel Siletsky tritt auf, welcher Maria für sich und die nationalsozialistische Sache gewinnen möchte. Es gilt also, ihn ruhig zu stellen, den polnischen Untergrund zu stärken und das Theater zu entasten.
Joseph Tura begibt sich in die Rolle des Gruppenführer Erhardt um Siletsky zu täuschen, bis er später auch in dessen Rolle schlüpfen muss um dann eben vor Erhardt zu stehen. Ein Spiel der Verkleidungen und falschen Bärte beginnt bei dem es letztendlich auf die Rettung der gesamten Theatertruppe ankommt.
Die Nazis sind in „Sein oder Nichtsein“ eine dümmliche, aber skrupellose Gruppe von Marionetten, die alle angsterfüllt sind. Entweder vor Gruppenführer Erhardt oder, wie in seinem Fall, vor Hitler selbst.

Die Inszenierung von Henner Kallmeyer hat sicherlich seine guten Seiten. Als allererstes wäre hier das gesamte Ensemble zu nennen, welches durch die Bank weg überzeugt. Besonders Bernd Rademacher als Joseph Tura und Henning Hartmann als Gruppenführer Erhardt verhalfen ihren Rollen zu Komik und Agilität.
Einige Szenen bestechen durch gutgetimte Komik und ernteten schallendes Gelächter aus dem gut besuchten Zuschauerraum. Doch neben dem lachenden Großteil des Publikums, gab es auch immer wieder vereinzelte, verärgerte Menschen, die den Saal schon früher verließen und das Stück als “Unverschämtheit“ und „Farce“ beschrieben.
Nun sollte „Sein oder Nichtsein“ ja genau das sein – eine Farce. Doch auch wenn die Nazis gekonnt zu albernen Puppen und die Zuschauer zu freudigen Mitwissern gemacht werden – die flachen Slapstick Einlagen Ähnlichkeiten mit den Indiana Jones Filmen (das Bühnenbild als augenscheinlichstes Beispiel) die Kallmeyer auch musikalisch zitierte. Der melodramatische Anteil der Geschichte kommt leider zu kurz. Sicherlich ist die ernste Seite der Thematik unanfechtbar und wenn diese Szenen dann auch mit der passenden Ernsthaftigkeit dargestellt wären, hätte sich eine beklemmende Atmosphäre entfalten können, die durch die gut getimte Komik gebrochen worden wäre.
So aber versinkt man in einem Meer von Blödelwitzen und kann niemanden ernst nehmen. Tura, der Held wider Willen, bleibt ein Abziehbild vom narzisstischen Starschauspieler und kann nur sehr selten seine mutige und aufopfernde Seite zeigen.
Und dennoch, „Sein oder Nichtsein“ scheint gut unterhalten zu haben, denn das Groß der Zuschauer verließ den Theatersaal mit einem lachenden Gesicht.
Simpler Nazi Humor kommt in „Sein oder Nichtsein“ also noch immer gut an. Schön wäre es jedoch wenn er über Slapstick Einlagen hinauskommen könnte und sein eigenes Momentum entwickeln könnte, anstatt von anderen Werken abzukupfern.

(Janine Wahrendorf)