Artikel-Schlagworte: „Festwochen jugendFREI“

Three Kingdoms

Samstag, 16. Juni 2012

Der Kopf einer Prostituierten wird aus der Themse gefischt, die zwei Kommissare aus London, die den Fall übernehmen, merken schnell, dass es um weit mehr geht als einen Mord. Ihre Spur führt sie nach Deutschland und dann nach Estland. Kommissar Ignatius Stone gerät immer tiefer in die Welt des Menschenhandels, der Prostitution und Korruption der Polizei bis er Jäger und Gejagter gleichzeitig ist.

Desto weiter sich der Krimi entwickelt, desto bizarrer werden die Dialoge und Handlungen der Charaktere. Am Anfang haben die Personen noch Identitäten und Namen, im Laufe des Stückes haben die Personen nur noch Synonyme und schlussendlich verwischen sich ihre Identitäten immer mehr.
Die Abstraktheit von Masken, Heuballen und kleine Blumen waren sehr prominent in ihrer Symbolik. Allerdings konnte ich nur sehr wenig mit dem Sänger anfangen, der Kostüm, Rolle und Geschlecht immer wieder änderte. Er schien teilweise gar nicht in die Handlung integriert zu sein.

Das Stück war genial. Großartige schauspielerische Darbietung in allen drei Sprachen. Die Wendungen in der Handlung ließen mich immer wieder aufschrecken. Prostitution, Pornographie, Folter wurden kalt, nackt und ehrlich auf der Bühne dargestellt.
Die Handlung kommt zu keinem richtigen Abschluss und die verstörenden Bilder auf der Bühne regen das Publikum zum Nachdenken an.

Für mich eines der besten Stücke dieses Jahr bei den Wiener Festwochen.

Denise Ocampo

Wer hat Vera Petrova getötet?

Samstag, 16. Juni 2012

Wenn das so einfach zu beantworten wäre, hätten wir nicht drei verwirrend- belustigende Stunden im Theater an der Wien verbracht. Three Kingdoms ist nicht nur das fiktive Hirngespinst eines weltfremden Bühnenautors, hinter diesem Skript stehen fünf Jahre Recherche- und Vorbereitungsarbeit über die Thematik, die zwischen philosophisch-psychologischem Versteckspiel und überzeichneten Szenen aus dem Alltag im internationalen Menschenhandel schwankt.

Eine Parabel über den Teufel in jedem von uns, ein Spiegel für das ach-so-vereinte Europa will die Produktion sein, die der dreisprachige Ensemblemix – es sind eine estnische, eine deutsche und eine englische Theatergruppe, die in zweieinhalb Monaten gemeinsam dieses Stück erprobt haben, und man kann sagen: Es gelingt. Wenn auch mit leichten Mängeln.

Die „Story“ der zwei Scotland-Yard-Ermittler, die auf der Suche nach der Wahrheit von den Verhörenden zu den Verhörten, zu den Opfern eines Spiels, dessen Dimensionen sie unterschätzt und dessen Regeln sie nicht verstanden haben, werden, ist guter „Grundstoff“.

Darauf wird teils hervorragend und kunstfertig, teils nachlässig und schlampig aufgebaut. Vielleicht verstehe ich wieder einmal „die große Kunst“ nicht richtig, doch über Gags, die mitten in Passagen über brutale Morde und Zuhälterwesen eingebaut sind, kann ich nicht gut lachen. Die Handlung scheint permanent in Hotelzimmern stattzufinden, was aber durch den nicht vorhandenen Bühnenumbau kaum ersichtlich ist, außerdem geht auf der Reise plötzlich einer der Ermittler verloren und kommt erst zum Verbeugen wieder. Die meisten Wendungen in der Handlung als auch die Charakterentwicklung der Hauptdarsteller waren für mich in keinster Weise nachvollziehbar, wir Kritikerinnen mussten nach dem Schlussapplaus erst einmal noch gemeinsam versuchen, das Gesehene zu rekonstruieren, um einen roten Faden zu finden. Da finden sich derbe Späße neben philosophischen Abhandlungen neben Kampfszenen, ein weißbeanzugter Mann, der dem Unbewussten entsprungen zu sein scheint singt sich mit Playback durch die Vorstellung, während Menschenhändler mit Wolfs- und importierte Prostituierte hinter Rehmasken (eine der wenigen Metaphern übrigens, die ich verstanden habe) über die Bühne hirschen.

Abgesehen von all der Verwirrung gibt es aber ein paar echt gute Momente; Witze, die perfekt an ihren Platz passen, Charaktere, die „normal“ wirken und deren Gedankengängen man folgen kann. Ausdrücklich loben möchte ich an dieser Stelle die musikalische Gestaltung, wie bei einer Soap gibt es bestimmte „Motive“, diese hier sind wohl unter Electro einzuordnen. Ich liebe die dröhnenden Bässe die, stets perfekt zur Situation passend, emotional beim Zuschauer „andocken“ und auf das Kommende vorbereiten.

Doch spätestens ab dem nachgestellten Pornodreh (inklusive Rasierschaumspritzerei, Riesenumschnalldildos und Exkrementen, die an Wände geschmiert werden) wird es ungesund skurril, bis sich die verwirrende Groteske in der Schlussszene gipfelt, als der Traumentsprungene im weißen Anzug der zwischenzeitlich als Transvestit im rosa Tutu aufgetreten ist, mit dem nun verhafteten Ermittler einen Origami-Schwan basteln will und ich nur noch Bahnhof verstehe.

Diana Peutl

Do it yourself Filmlabors

Dienstag, 12. Juni 2012

Eigentlich im Dunkeln erkennt man anhand der Perforierung wie der Film aufgewickelt werden muss.Über mehrere Tage hinweg konnte man bei den Filmlabors von LaborBerlin im Rahmen von “Into the City” mit 8mm-Vintage-Filmkameras eigene Filme aufnehmen und auch beim Entwickeln zusehen. Genau das konnte ich am letzten Tag der Filmlabors erleben: Am Volkertplatz steht ein großer, weißer Bus, eindeutig gekennzeichnet als Teil der Wiener Festwochen, davor Tische mit Schirmen überspannt. Immer wieder tauchen neugierige Kinder auf, während zwei Betreuer uns erklären, wie man einen Film aufwickelt.

Danach wird entwickelt! Dazu werden Filme genommen, die innerhalb der letzten Tage Mit dem Thermometer wird die richtige Temperatur der drei verschiedenen Substanzen überprüft - und ggf. gewärmt oder abgekühlt.aufgenommen wurden. Für die Filmentwicklung muss man den Film in verschieden chemischen Bädern schwimmen lassen. Besonders wichtig ist es, die Zeit für die jeweiligen Bäder genau zu stoppen, schon ein paar Sekunden zu viel oder zu wenig, kann die Farben beeinflussen. Die ersten beiden Schritte müssen außerdem völlig im Dunkeln gemacht werden, damit der Film nicht völlig überblendet wird vom Tageslicht. Die Betreuer erklärten uns und ließen uns auch selber ausprobieren, wie es ist einen "Sieht aus wie Blut!" - eine der Substanzen zum Entwickeln!Film im Dunkeln aufzurollen. Selbst waren wir noch zu unerfahren, um mit dem tatsächlichen Film zu arbeiten. Die zum Teil giftigen Chemikalien wurden sofort rückgefüllt und dann das Material bei einem Trinkbrunnen am Platz abgewaschen, auch hier zeigten sich Kinder interessiert. Sah doch eine Substanz genau wie Blut aus, wie ein ungefähr 10 jähriger Junge feststellte.

Film im WasserbadAm Schluss wird der fertig entwickelte Film dann zum Trocknen mit Kluppen auf Leinen aufgehängt. Jetzt lassen sich schon kleine Bilder erkennen. Schließlich konnten wir uns auch die Ergebnisse der Arbeit ansehen, über einen Projektor im Bus. Ein Super 8 Film ist schon Der entwickelte Film wird zum Trockenen aufgehängt!etwas Einzigartiges, was man digital überhaupt nicht nachstellen kann. Interessant fand ich auch, dass heute viele Filmregisseure diese Art von Kamera verwenden um Rückblick-Szenen zu filmen, damit diese authentischer wirken.

Melanie Balaz

Conte d´Amour – Kellerfamilie und finnischer Love Metal

Montag, 11. Juni 2012

Das skandinavische Theaterstück Conte d´Amour, Sieger des „Impulse“ Festivals 2011, lässt den Zuschauer drei Stunden lang in die Abgründe der Menschheit schauen, um ihn mit der Frage zu entlassen: War es nicht eigentlich Liebe?

Ein weißer Zaun, ein grüner Rasen, dahinter ein Haus. Zwei Stockwerke, ein „normaler Raum“, darunter der mit weißen Planen verhangene Keller. Nur Lichter und Silhouetten zeigen dass sich das Geschehen wirklich dort abspielt, das mit dem Beamer an die Wand darüber projiziert wird. Die nötige Distanz? Nach ungefähr 20 Minuten verlassen die ersten Leute das kleine Theater der Garage X. Nach einer Stunde ist fast die Hälfte der Zuschauer gegangen, der Rest weiß, es wird keine Hoffnungsblicke geben in diesem Stück, keine Atempause. Gnadenlos wird das Schicksal vierer Personen dargestellt, doch sind sie Männer, oder eine Familie? Nichts konkretes, ein gezielter Schockeffekt. Es könnte jeder sein. Da ist „Vati“, er ist die Verbindung zur Außenwelt, führt wahrscheinlich irgendwo da draußen ein normales Leben, wo er Chips einkauft bei Lidl, oder McDonalds Menüs. Das Kind, helles, schrilles Gelächter, ein junger Mann in engen Strumpfhosen. Noch eine Mutter, sie säugt das Kind. Eine ältere Schwester vielleicht, auf der Couch. Vier Männer, die ihre Machtpositionen andauernd wechseln, niemand kann sich selber wirklich entfliehen. Der Keller bietet keine wirkliche Barriere, sie sind nicht wirklich körperlich eingesperrt, es gibt eine Leiter, doch diese Menschen, diese speziellen Menschen sind Gefangene von sich selbst. Es wird zunehmend schwerer alles mit anzusehen, angedeutete Vergewaltigungen, Tränen, ein Kellerraum, der immer kleiner zu werden scheint. Fast schon klaustrophobisch wird man da. Nach der ersten Hälfte lachen ein paar Menschen im Publikum, vielleicht können sie es nicht anders verkraften, das Stück ist eindeutig nicht lustig. Die Musik lässt die Spannung ansteigen, bringt sie auf Höhepunkte, der Gewalt, des Wahnsinns und lässt sie wieder fallen, anders wäre es vielleicht einfach nicht auszuhalten. Trotzdem kommt es einem vor wie Tage, nicht wie drei Stunden, einfach dadurch das man alles sieht, mehr typisch für Live TV als für ein normalerweise in Szenen unterteiltes Theaterstück.

Andauernd versuche ich den Figuren bestimmte Rollen zuzuordnen, versuche etwas Sinn ins Stück zu bringen. Dieser wird einem als Zuschauer nur langsam gefüttert, immer wieder kleine Informationen, dabei wird aber über alles hergezogen, über Religion, über Gesetze, über Familienbilder und Klischees. Alles im Kontext zur Kellersituation. Mit jedem Wort wird die Psyche dieser Menschen etwas aufgedeckt. Inwiefern ist ein Monster ein Monster? Ist es nur ein Monster weil wir es nicht verstehen können, weil es fremd ist, weil es uns Angst macht? Inwiefern ist ein Opfer ein Opfer? Wie unschuldig kann man eigentlich sein, wird man nicht immer ein Teil von dem was über einen dominiert? Inspiriert wurde das Stück ja vom Inzestfall Fritzl.

Conte d´Amour. Photo: Markus Öhrn

Love will tear us apart once again. Es geht um Liebe. Das wird einem im Laufe des Stückes klar. Ist der Versuch Familienrollen anzunehmen, nur ein Weg eine Liebe zu imitieren, die grundsätzlich, angeboren ist? Lieder wie Hello is it me you´re looking for, True Colors und Love will tear us apart, werden zum Besten gegeben, grotesk wirkt ihre Schönheit in Mitten all der Gewalt. “Wie darf man lieben?” fragen die Darsteller, doch für sie ist es klar. Sie lieben wie sie wollen, sie lieben frei, für sich richtig. Für die Gesellschaft keinesfalls. Tabus. Doch ist Liebe, egal in welcher Form, nicht immer schön? Vielleicht gibt es keine Antwort, das Stück gibt einem keine, es lässt es dem Publikum offen darüber nachzudenken.

Die Darsteller filmen sich gegenseitig, stilistisch wurde die Videokamera als „Film“ im Film, oder eben Theater, besonders in den letzten Jahren eher für negative, erschreckende Bilder verwendet. Die Videokamera hat den Vorteil, dass genau das gezeigt werden kann, was gezeigt werden soll, auf eine rucklige, unprofessionelle Art, die einen näher bringt, als ein ruhiger Videoschnitt. Besonders die Anwendung im Theater finde ich sehr interessant, es distanziert einen zwar von den Schauspielern, doch zeigt es einem Sachen, die man sonst vielleicht nicht gesehen hätte.

Gezielt werden in Conte d´Amour unter anderem Porzellanpuppen in Nahaufnahme gezeigt, nervlich kann einen der Anblick eines Porzellanbärs an den Rand eines Zusammenbruchs bringen, wenn die Nerven durch das bisher Gesehene sowieso schon strapaziert sind.

Das Stück endet plötzlich, doch darüber ist niemand enttäuscht, keiner will mehr sehen. Vielleicht wird das Ende etwas unreal, es lässt einen aus der bisherigen kalten Realität aussteigen, als die Darsteller den Keller verlassen und ein Cover von Wicked Game mitsamt E-Gitarre hinlegen. Die persönliche finnische Note. Die wenigen, die noch im Theater geblieben sind, brechen in Beifall aus. Ich verlasse das Theater begeistert, verstört, mit viel Material zum Nachdenken und einem Ohrwurm von Wicked Game.

Melanie Balaz

Zwischen Liebe und Besessenheit

Freitag, 8. Juni 2012

Ein Kellerloch. Drei, vier, fünf Menschen sind eingesperrt. Sind es Frauen, Männer, Kinder?

Ein Junge, eingerollt wie ein Embryo, gibt glucksende Geräusche von sich. Über ein Seil werden Nahrungsmittel nach unten geschafft. Ein Mann steigt von einer Klappleiter zu ihnen herab: Er grinst, scheint die ganze Situation zu genießen. Er ist fast nackt, hat nur Boxershorts an, Socken und einen karierten Bademantel drüber, den er nach seiner ersten Vergewaltigung auszieht. Der kleine weinerliche Junge steht auf und geht auf ihn zu, nennt ihn „Papa“.

Das Loch, in dem sie hausen, ist gerade mal so groß, dass sie vier oder fünf Schritte machen können, bevor sie wieder an einer Wand anstoßen. Mitten im Raum steht eine Stange, rundherum liegt das Essen verstreut am dreckigen Boden, von oben hängen Kabeln in ihre Gesichter.

Auf einem alten Sofa liegt ein Mann, der wie eine Frau gekleidet und geschminkt ist und ab und zu vor sich hin singt. Auf den anderen Betten liegen regungslose Menschen wie Puppen.

Die Geräusche einer ratternden Waschmaschine, Schreie und Trompetenmusik lenken für einige Minuten von den Geschehnissen ab, die sich immer wieder wiederholen. Schläge, sexuelle Handlungen und Macht wechseln ständig Täter und Opfer, all das wird von Kameras aufgezeichnet und live auf eine Leinwand projiziert.

Immer hat man im Kopf, dass das Stück eigentlich von Liebe handelt, von den verschiedensten Arten wie diese ausgeübt werden kann und oft nicht soll. Und dass als Quelle der Inspiration ausgerechnet Josef Fritzl genannt wird, macht es nicht einfacher, Zuschauer zu sein und nicht eingreifen zu können. Die beiden skandinavischen Theatergruppen stellen durch Conte d’amour die Fragen in den Raum: Was ist Liebe? Und wann wird sie zur Besessenheit?

Im Laufe der Zeit wird der Täter plötzlich zum brutal zusammengeschlagenen Opfer, wird vom Kind vergewaltigt und schlägt seinen Kopf gewaltsam gegen eine Wand, er scheint genauso wie seine Opfer aus dieser Situation nicht mehr herauskommen zu können.

Kurz darauf erklärt er den Zuschauern wie man richtig von allen Seiten in Menschen eindringen kann, “It’s not too complicated“, sagt er, während der junge Mann neben ihm verzweifelt beginnt zu weinen.

Die verzerrten Gesichtszüge und die verwackelten, dokumentarfilmähnlichen Aufnahmen lassen den Zuschauer Gefangener werden, mit dem Gefühl, diesem Szenario nie wieder entkommen zu können. Für immer in dieser Härte gefangen zu sein und nie mehr das Licht und das Leben genießen zu können.

Das erste Gebot des Testaments lautet: „Du sollst lieben.“ Aber wen soll man lieben? Und wie darf man lieben? Und wann darf man hassen?

„Mutter, Vater, Tochter, Sohn. Und ein Inzestverbot, mit den dazugehörigen Gefühlen“, sagt der Täter.

Das Stück ist bedrückend. Die nie endende, stimmungssteigernde Musik und die völlig verrückten Darsteller, die Geschichte, die Laute aus den Mündern, das Schlagen und die Erniedrigung verbunden mit dem seltsamen Kichern im Hintergrund.

Alle paar Minuten stehen Zuschauer auf und verlassen den Raum, der anfangs ganz gefüllte Saal ist nach nur einer Stunde nur noch zur Hälfte besetzt. Die restlichen bewegen sich ständig, können kaum ruhig sitzen.

Mein Fazit: Ein absolut verstörendes Stück.

Anastasia Lopez

The Master and Margarita

Donnerstag, 7. Juni 2012

Moskau in den 1930ern, ein Schriftsteller der im Irrenhaus landet, seine Geliebte, die ihre Seele an den Teufel verkauft um ihren Geliebten wiederzusehen, und der Teufel, der erzählt was genau damals auf dem Balkon zwischen Pontius Pilatus und Jeshua Ha-Nozri vorgefallen ist. Der Roman von Michail Bulgakow war nach der Ersterscheinung ausverkauft, die damals zensierten Passagen wurden mit der Hand vervielfältigt. Seit damals zählt er zu den Klassikern und die Handlungsorte des Romans in der Moskauer Innenstadt werden von Bulgakow-Fans besucht. Simon McBurney nahm es auf sich die Kreuzigung Christi und die Straßen Moskaus auf die Bühne zu bringen.

"The Master and Margarita". Bild: Denise Ocampo 2012.

Durch Videoaufnahmen werden einzelne Gesichtsausdrücke, Blutspritzer oder Szenen groß auf die hintere Wand der Bühne projiziert. Wenn es in Moskau einen Schauplatzwechsel gibt, sieht man die Stadt aus der Vogelperspektive. Durch diesen großartigen Effekt bekommt man ein viel besseres Gefühl von der großen kalten Stadt und den Einzelschicksalen – wie das des Ivan Nikolajevich. Oft ist für mich allerdings die Videobegleitung auf der Wand zu viel und ich hätte gerne bei Schlüsselszenen, wie der Kreuzigung, einen Moment Ruhe gehabt um diese besser zu verdauen.

Es ist beeindruckend und effektiv wie mit dem Licht gearbeitet wird. Es werden so ganze Zimmer in Sekundenschnelle geschaffen.

Die schauspielerische Leistung ist grandios. Die zierliche Margarita, gespielt von Sinead Matthews mit ihrer tiefen rauen Stimme geht neben den Männern nicht unter. Die Kostüme sind eher schlicht und unauffällig. Da meist sehr viele Leute auf der Bühne stehen, müssen die Schauspieler mit Stimme überzeugen.

Die Katze Behemoth ist eine Puppe mit roten Augen in Menschengröße, die von Puppenspielern geführt wird. Ich hätte es passender gefunden, wenn die Katze von einem Menschen in einem Kostüm gespielt worden wäre. Die im Roman so lebendige Verkörperung eines kleinen Teufels wurde für mich durch die Puppe nicht zum Leben erweckt.

Die bewegende Geschichte über Mitgefühl von Michail Bulgakow wurde von großartigen Schauspielern präsentiert. Alle Szenen waren atemberaubend – aber mit Musik und Technik manchmal zu viel. Die Reizüberflutung ließ für mich die eine oder andere wichtige Botschaft des Romans über Vergebung, Einsamkeit und die Rolle des Teufels untergehen.

Text und Bild: Denise Ocampo

Wenn Liebe langweilig wird

Montag, 4. Juni 2012

Eine rauchende Frau, ein in Badehose gekleideter Mann: Das ist das erste Bild in “Die schönen Tage von Aranjuez”, das sich den Zuschauern bietet – und bleibt es auch. Zwischen diesen beiden identischen Bildern liegen fast zwei Stunden unermüdliches Reden über das jeweilige Liebesleben.

Die Absicht, die beiden Personen und ihre Verbindung zueinander mysteriös erscheinen zu lassen, gelingt anfangs. Man merkt förmlich, wie interessiert die Zuschauer sind, herauszufinden, was diese so redseligen Menschen miteinander verbindet. Sind es Geschwister, die sich nach einem Familientreffen eine Zigarette gönnen? Oder hatten sie einmal ein Liebesverhältnis? Sind es vielleicht bloß Nachbarn, die an diesem schönen Sommertag ein paar Geschichten austauschen? Oder möglicherweise zwei alte Freunde, die versuchen, das Geheimnis der Liebe zu lüften?

All diese Fragen – und noch einige mehr – lassen die Dialoge unheimlich interessant klingen, immer wieder versetzt man sich in eine andere Situation.

Leider verändert sich während des gesamten Stücks nicht ein Mal das Bühnenbild, selbst die Darsteller machen nur wenige Schritte, meistens sitzen sie neben einem Tisch und reden. Die ersehnte Auflösung, wer die beiden nun sind, bleibt unerfüllt. Auch sonst scheint das Stück nicht mehr zu bieten als zwei Sprecher, die teilweise nur Monologe haben. Ob “Die schönen Tage von Aranjuez” also wirklich so schön waren, wie der Titel verspricht, weiß wahrscheinlich nur Peter Handke in Person.

Auflockerung bieten zwar ein paar Scherze und Slapstick-Einlagen zwischendurch, die Geschichten sind auch nicht ganz uninteressant, ansonsten kann man aber nur sagen: Selbst wenn die letzte halbe Stunde gestrichen worden wäre, wirklich etwas verpasst, hätte man wohl nicht.

Anastasia Lopez

Die Künstler machen Überstunden – Making Of Memory 2

Sonntag, 3. Juni 2012

Nach mehr als vier Stunden ist die Vorstellung, das Gesamtkunstwerk Memory 2: Hunger zu Ende: es ist 22.30 Uhr am Abend. Trotzdem wird noch zu einem Publikumsgespräch mit den Darstellern, Wen Hui und Wu Wenguang geladen, der Semitologe Dr. Felix Wemheuer von der Universität Wien, der auch über „Maos „Großer Sprung“in die Hungersnot“ für das Programmheft schrieb.

(Die Mitwirkenden des Folk Memory Projects sind nicht nur Studenten, es finden sich auch z.B. eine Tänzerin oder eine Hotelangestellte, doch im Folgenden werde ich sie alle der Einfachheit halber als „Studenten“ bezeichnen)

  • VERGLEICH MEMORY1 UND MEMORY2 und ZENSUR
    – Bei Memory2 ist der Live-Anteil viel stärker als bei Memory1
    – bei M2 gab es aber keine Probleme mit der Zensur dieses Tabubruches
    – im Zuschauerraum saß zwar kein „gemischtes Publikum von der Straße“, aber es gab schon einen offenen Kartenverkauf, das Publikum musste nicht geschlossen sein
    – Wu Wenguang sagt, dass das größere Problem als die Zensur sei, dass die Leute sich nichts über Hungersnöte, sondern lieber Soaps im Fernsehen ansehen wollen.
    – 2010 gab es die erste „Rohfassung“ von M2, mit 32 Leuten auf der Bühne
    in der 2012er Version mit nur 17 Leuten fließt mehr von den Studenten, die Interviews geführt haben, und ihre Erfahrungen, in ihr Heimatdorf zurückzukehren, mit ein.

  • REAKTIONEN:
    – bei Älteren war damals immer noch die Angst vor den Kampagnen der Mao-Ära tief sitzend
    – „alte Leute kommen nicht daher uns sagen ungefragt etwas zur Kulturrevolution oder der Hungerkrise“, man muss auf sie zugehen und sie oft überreden, mit einem darüber zu reden
    – ehemalige Kadermitglieder waren nicht bereit, sich interviewen zu lassen
    – ein damaliger Buchhalter, der sich zuerst nicht interviewen lassen wollte, berichtete, dass auch damals Getreide vorenthalten wurde und gestand ein, dass das nicht richtig war

  • HEUTE:
    – bei den Schulbuchausgaben ( verwendet wurden welche aus dem Jahr 2004) hat sich in den letzen 8 Jahren nicht wirklich geändert
    – laut Dr. Wemheuer wird heute aber offiziell die Mitschuld der Regierung eingestanden
    – das auch aktuelle Thema der Schuldenrückzahlung auf dem Rücken der Bevölkerung wird zwar von einem Interviewten erwähnt, ist laut den Produzenten aber kein Grund für die Hungersnot, sondern eben der fatale Abzug von Kräften aus der Landwirtschaft im Rahmen des „Großen Sprung nach Vorne“, die schlechte Koordinierung der Volksküchen und die Übertreibung von Erfolgsergebnissen ( „x Hektar Land bringen y Kilo Getreide“, dabei bringt es in Wirklichkeit höchstens y/10 Kilo Getreide)
    – es wird das Thema zwar auch wissenschaftlich untersucht, ist aber schwer darüber zu veröffentlichen, die Künstler waren über das geringe Angebot von Büchern zu diesem schwerwiegenden Thema sehr enttäuscht
    -heute wird man als Bauer zwar satt, doch um Kinder in die Schule zu schicken oder das Haus zu renovieren braucht es ein Zusatzeinkommen

  • DIE SCHAUSPIELER SELBST:
    – sagen es ist nicht schlimm, 5 Stunden auf der Bühne zu stehen, weil es „real life“ ist (der Mandarinenbauer), halt bis auf den Teil mit dem Am-Boden-Robben
    – für die Studenten ist es toll/beeindruckend, auf der Bühne noch einmal darin „einzutauchen“
    – die Tänzerin wollte früher Tänzerin wie im Fernsehen werden, reich und berühmt, doch damit hat sie jetzt „nützliche Kunst“ für sich entdeckt
    – die emotionale Bindung zu den Leuten im Dorf nahm zu, sie wurden nicht nur einfach zu damals interviewt, sondern ganzheitlich kennen gelernt: „Früher waren es ihre tragischen Erinnerungen die mich bestürzten. Jetzt war es ihre Einsamkeit“

  • DIE TASCHENLAMPEN:
    – mussten in den Dörfern eingesetzt werden, wenn es dunkel wurde
    – es wurde auch im Dunkeln in Schulen geprobt auf Basketballplätzen, und dabei die Taschenlampen eingesetzt
    – es ist auch ein Gegensatz zur 1. Version von M2, bei der viel künstliches Licht verwendet wurde
    – es ist eine Neuerung auf Initiative der Studenten, dass nun jeder „sein eigenes Licht“ selber trägt

  • CHOREOGRAPHIE
    – das Robben und die Pyramide an sich haben keine Bedeutung, bei der Choreographie überhaupt hat nicht alles eine Bedeutung, wichtiger ist, was das Publikum sieht
    – für Wen Hui ist es in ihrer Kunst immer wichtig, ihren eigenen Körper einzubringen, und damit ihren eigenen Standpunkt/Blickwinkel

  • THEMA
    – Dr. Wemheuer meint, dass von der Thematik her M2 der größere Tabubruch ist, da die Hungerkrise weniger bekannt und mehr verschwiegen ist als der Terror der roten Garden
    – laut Schätzungen sind dabei ja 15-45 Millionen Leute gestorben, diese unglaublich große Spanne kommt daher, dass Tote kaum gemeldet wurden, um mehr Rationen zur Verfügung zu haben.

Diana Peutl

„Die vom Wege abgekommene“ – eine 1A-Wiener Festwochenproduktion. Kritik II

Freitag, 1. Juni 2012

Ewige Liebe – das  verbindet Violetta Valery und Alfredo Germont. Unsterblich vereint und einander treu ergeben bis in den Tod – das ist ihre Devise.

Violetta Valery ist eine um 1850 in Paris lebende, an Tuberkulose leidende Nobelprostituierte, die sich ihr verschwenderisches Leben von ihren reichen Kunden, unter anderem von Baron Douphol finanzieren läßt. Eines Tages, während eines ihrer berauschenden Feste, taucht Alfredo Germont auf, der schon seit einem Jahr in sie verliebt ist. Die Beiden kommen einander näher, bis sich auch Violetta, aufgrund der Treuherzigkeit Alfredos zu diesem hingezogen fühlt. Zusammen verbringen die Liebenden drei wundervolle Monate außerhalb von Paris. Durch Annina, Violettas Dienerin erfährt Alfredo, dass seine Geliebte all ihre Besitztümer verkauft hat, um ihrer beider luxuriöses Leben zu finanzieren. Umgehend reist er nach Paris um die Angelegenheiten zu klären und Geld zu beschaffen.

Doch während seiner Abwesenheit bekommt Violetta Besuch von Alfredos Vater, Giorgio Germont. Dieser bittet sie, sich umgehend von seinem Sohn zu trennen, da die Beiden durch ihre unschickliche Beziehung, der zukünftigen Vermählung von Alfredos Schwester im Wege stehen könnten. Verzweifelt geht Violetta auf den Wunsch ein und beschließt nach Paris zurückzukehren. Heimlich und mit schwerem Herzen verlässt sie Alfredo. Dieser denkt sie habe ihn verraten und will sich deshalb an ihr rächen. Er trifft Violetta bei einem Fest wieder und blamiert sie vor allen Gästen, indem er sein gerade gewonnenes Geld quasi als Bezahlung ihrer Liebesdienste vor ihre Füße wirft. Schließlich sinkt Alfredo zu Boden, während Violetta versucht ihm zu erklären, dass sie dies alles nur für ihn tue. Nach einem Duell mit Violettas Mäzen Baron Douphol verläßt er die Gesellschaft. Einige Zeit später, Violetta ist bereits schwer krank, wünscht sie sich nichts mehr im Leben, als Alfredo ein letztes Mal zu sehen und sich mit ihm auszusöhnen. Alfredos Vater hat seinem Sohn bereits von Violettas großem Opfer berichtet. Als die Liebenden  endlich wieder vereint sind, stirbt Violetta.

Giuseppe Verdis, 1853 in Venedig, uraufgeführte Oper ist tragisch, wunderschön und tief berührend. Deborah Warners empfindsame Neuinszenierung  für die Wiener Festwochen wirkt bezaubernd, ergreifend und unendlich traurig. Als Zuschauer begibt man sich auf eine Reise, vorbei an übertriebenen Gebärden und unwirklichen Darstellungen, hin zum wirklichen Erleben und Mitempfinden großer Gefühle.

Irina Lungu singt und spielt Violetta höchst sensibel und ergreifend. Auch wenn ihre Stimme in der Generalprobe zu Beginn noch etwas leise und nervös klang, so veränderte sich dies nach einigen Takten, und heraus kam eine schöne, klangvolle und lebhafte Mademoiselle Valery, die extrem überzeugend auftrat, unterstützt  vom Orchester dirigiert von dem jungen, souveränen Omer Meir Wellber. Genauso wohlklingend und tragend wie Lungus Gesang ist auch Saimir Pirgus Stimme. Dieser spielt Alfredo Germont  auf eine warme und „bärige“  Art, die ihn unweigerlich sympathisch wirken läßt. Auch wenn er nicht die typische Jünglingserscheinung hat, so ist die Besetzung trotzdem ideal. Gabriele Viviani, der Alfredos Vater verkörpert, beeindruckt  durch seine ausdrucksstarke und intensive Stimme. Neben den gesanglichen Leistungen möchte ich auch das höchst interessante und äußerst passende Bühnenbild und die Kostüme erwähnen: im ersten Akt den Salon von Madame Valery, im zweiten Akt, das bequem Wohnzimmer in Alfredos und Violettas Rückzugsort  außerhalb von Paris und den Festsalon von Flora, einer Freundin Violettas, im dritten Akt, ein kahles und kaltes Krankenhauszimmer. Alle Szenen des ersten und zweiten Aktes werden von einem grünen, düsteren Wald überschattet, der sich im Hintergrund des Geschehens ausbreitet. Dieses Wäldchen sieht nicht nur extrem realistisch aus, sondern lässt auch zu mancherlei Gedanken über seine Symbolik aufkommen.

Steht es vielleicht  für das Leben und verschwindet es deshalb, als Violetta bereits sterbenskrank danieder liegt? Diese Idee des Bühnenbildners Jeremy Herbert ist auf jeden Fall Grund für mancherlei Überlegungen. Im zweiten Akt sticht die interessante Bühnengestaltung durch das wirklich „casual“ wirkende Wohnzimmer mit dem Holzkamin und das mit seinen grünen Spieltischen aufregend leuchtende „Freudenzimmer“ hervor. Glücklicherweise ist das Bühnenbild, trotz der Neuinterpretation, nicht wie in so manch anderen moderneren Inszenierungen vollkommen schmucklos und eintönig. Vielmehr verkörpert  es eine angenehme Mischung zwischen neuartiger und archaischer Bühnengestaltung. Genauso ist es mit den Kostümen: Violetta, zu Beginn in ein goldenes, knielanges Cocktailkleid, zwischendurch im langen, rosa Faltenrock und zum Schluss in einem Patientenkittel gehüllt, ist stets eher einfach, aber nicht zu schlicht gekleidet. Im Allgemeinen ist die Kleidung des Arnold-Schönberg Chors und der verschiedenen Einzelakteure, zwar oft recht bunt, aber trotzdem wirklichkeitsgetreu und zur heutigen Zeit passend. Einmal jedoch lässt Kostümbildner Rudy Saboungh, seiner Kreativität freie Bahn. Im zweiten Akt, treten während Floras pompösem Fest, als Zigeunerinnen und spanische „Toreros“ verkleidete, Tänzer auf. Es ist zu vermuten, dass deren verrückte und beinahe exotisch wirkende Kleidung die Exaltiertheit der Gesellschaft unterstreichen soll. Männer, die obskure BHs und dazu schillernde Stierkämpferhosen tragen dominieren diesen eindrucksvollen Auftritt. Passend dazu Kim Brandstrups Choreographie und die Tänzer mit nahezu unglaubwürdiger Beweglichkeit.

Wie auch das Wäldchen auf der Bühne, so lässt auch ein in schwarz gekleideter, umherschweifender Mann Fragen offen. Wer ist er, was tut er? Symbolisiert er vielleicht den Tod, warum sonst sollte er immer dann auftauchen, wenn etwas Unheil verkündendes passiert? Zu guter Letzt läßt sich noch die schauspielerische Leistung der beiden Hauptakteure hervorheben, die ihre Rollen überzeugend spielen und der Inszenierung dadurch ihre mitreißende Wirkung verleihen. Diese Produktion der Wiener Festwochen, verkörpert ein Bühnenerlebnis, auf das man noch später gerne zurückblicken wird. Denn es zeigt, wie eine wahre und gut durchdachte Opernaufführung sein sollte.

Franziska Lamp

La Traviata – Kritik I

Freitag, 1. Juni 2012

Bei der Uraufführung ausgebuht, heute eine der meistgespielten Opern. Ganze 3-4mal täglich wird La Traviata weltweit in verschiedenen Inszenierungen aufgeführt. Für die Wiener Festwochen inszenierte Deborah Warner Verdis Oper neu, auf moderne Art und Weise, jedoch nicht dermaßen übertrieben auf unsere Zeit umgestellt. Irina Lungu, die aus Moldawien stammende, gerade mal 30 Jahre junge Sängerin, stand als Violetta im Theater an der Wien auf der Bühne. Neben ihr, Weltklasse-Tenor Saimir Pirgu als Alfredo und Gabriele Viviani als Vater Alfredos. Begleitet wurden die Sänger vom Radio Symphonieorchester Wien, unter der musikalischen Leitung des israelischen Dirigenten Omer Meir Wellber.

Die Tuberkulosekranke Violetta lebt in Saus und Braus, ein typisches Pariser Leben eben. Von ihrer Krankheit will sie nichts wissen, genauso wenig wie von der Liebe. Als sie endlich auf Alfredo trifft, scheint sie vom Glück geküsst zu sein, doch dieses ist nur von kurzer Dauer. Ihr Traum ist ausgeträumt, auf Drängen von Alfredos Vater muss sie ihre große Liebe verlassen und Alfredo den wahren Grund ihres Fortgangs vorerst verschweigen. Das Faszinierende an La Traviata ist nicht, dass Violetta letztendlich ihrer Krankheit erliegt, es geht eher um ihre Entscheidung, ohne ihren Alfredo zu leben, was für sie ein weit größeres Opfer bedeutet, als ihr eigener Tod.

Violetta und Alfredo, Irina Lungu und Saimir Pirgu, sind wirklich mit großem Lob zu überschütten. Vor allem Violetta lässt einem, mit ihren oft leisen Tönen, die Gänsehaut an den Armen hinaufkriechen. Obwohl sie noch beide sehr jung sind, haben sie großartige, mitreißende Stimmen und wurden vielfach bejubelt. Recht passend besetzt ist auch die Rolle von Alfredos Vater mit Gabriele Viviani, der sehr eintönig singt und deshalb den besorgten Vater mit seinen schlimmen Hintergedanken wirklich authentisch spielt. Ganz zu schweigen von Saimir Pirgu, was soll man da sagen, er hat die Rolle schon ganze 13-mal gesungen, einfach unverbesserlich.

Um der ganzen Bühne einen traurigen, melancholischen Touch zu geben, gestaltete Bühnenbildner Jeremy Herbert einen Wald als hinteren Abschluss der Bühne. Auch die Lichttechnik darf keinesfalls links liegen gelassen werden. Das Krankenhaus wirkte steril, desinfiziert und blank geputzt, wie es eben sein muss, am Bühnenrand fanden sich aber Schatten, die alles unheimlich wirken ließen.

Obwohl ich meist nicht gut mit Modernisierungen zurecht komme, so hat es mir diesmal außerordentlich gut gefallen. Deborah Warner hat keineswegs übertrieben. Beeindruckend und geeignet besetzt waren neben den Hauptrollen auch die Nebenrollen. Man konnte sogar lachen, über den dargestellten Stier und die Zigeunermädchen.

Großartig, dass es nach der Uraufführung 1852 auch Leute gab, die La Traviata als nicht so schlecht bewerteten, wie der größte Teil des Uraufführungs-Publikums und so diese Oper auch für uns heute noch erhalten ist.

Carina Habel