Das skandinavische Theaterstück Conte d´Amour, Sieger des „Impulse“ Festivals 2011, lässt den Zuschauer drei Stunden lang in die Abgründe der Menschheit schauen, um ihn mit der Frage zu entlassen: War es nicht eigentlich Liebe?
Ein weißer Zaun, ein grüner Rasen, dahinter ein Haus. Zwei Stockwerke, ein „normaler Raum“, darunter der mit weißen Planen verhangene Keller. Nur Lichter und Silhouetten zeigen dass sich das Geschehen wirklich dort abspielt, das mit dem Beamer an die Wand darüber projiziert wird. Die nötige Distanz? Nach ungefähr 20 Minuten verlassen die ersten Leute das kleine Theater der Garage X. Nach einer Stunde ist fast die Hälfte der Zuschauer gegangen, der Rest weiß, es wird keine Hoffnungsblicke geben in diesem Stück, keine Atempause. Gnadenlos wird das Schicksal vierer Personen dargestellt, doch sind sie Männer, oder eine Familie? Nichts konkretes, ein gezielter Schockeffekt. Es könnte jeder sein. Da ist „Vati“, er ist die Verbindung zur Außenwelt, führt wahrscheinlich irgendwo da draußen ein normales Leben, wo er Chips einkauft bei Lidl, oder McDonalds Menüs. Das Kind, helles, schrilles Gelächter, ein junger Mann in engen Strumpfhosen. Noch eine Mutter, sie säugt das Kind. Eine ältere Schwester vielleicht, auf der Couch. Vier Männer, die ihre Machtpositionen andauernd wechseln, niemand kann sich selber wirklich entfliehen. Der Keller bietet keine wirkliche Barriere, sie sind nicht wirklich körperlich eingesperrt, es gibt eine Leiter, doch diese Menschen, diese speziellen Menschen sind Gefangene von sich selbst. Es wird zunehmend schwerer alles mit anzusehen, angedeutete Vergewaltigungen, Tränen, ein Kellerraum, der immer kleiner zu werden scheint. Fast schon klaustrophobisch wird man da. Nach der ersten Hälfte lachen ein paar Menschen im Publikum, vielleicht können sie es nicht anders verkraften, das Stück ist eindeutig nicht lustig. Die Musik lässt die Spannung ansteigen, bringt sie auf Höhepunkte, der Gewalt, des Wahnsinns und lässt sie wieder fallen, anders wäre es vielleicht einfach nicht auszuhalten. Trotzdem kommt es einem vor wie Tage, nicht wie drei Stunden, einfach dadurch das man alles sieht, mehr typisch für Live TV als für ein normalerweise in Szenen unterteiltes Theaterstück.
Andauernd versuche ich den Figuren bestimmte Rollen zuzuordnen, versuche etwas Sinn ins Stück zu bringen. Dieser wird einem als Zuschauer nur langsam gefüttert, immer wieder kleine Informationen, dabei wird aber über alles hergezogen, über Religion, über Gesetze, über Familienbilder und Klischees. Alles im Kontext zur Kellersituation. Mit jedem Wort wird die Psyche dieser Menschen etwas aufgedeckt. Inwiefern ist ein Monster ein Monster? Ist es nur ein Monster weil wir es nicht verstehen können, weil es fremd ist, weil es uns Angst macht? Inwiefern ist ein Opfer ein Opfer? Wie unschuldig kann man eigentlich sein, wird man nicht immer ein Teil von dem was über einen dominiert? Inspiriert wurde das Stück ja vom Inzestfall Fritzl.

Love will tear us apart once again. Es geht um Liebe. Das wird einem im Laufe des Stückes klar. Ist der Versuch Familienrollen anzunehmen, nur ein Weg eine Liebe zu imitieren, die grundsätzlich, angeboren ist? Lieder wie Hello is it me you´re looking for, True Colors und Love will tear us apart, werden zum Besten gegeben, grotesk wirkt ihre Schönheit in Mitten all der Gewalt. “Wie darf man lieben?” fragen die Darsteller, doch für sie ist es klar. Sie lieben wie sie wollen, sie lieben frei, für sich richtig. Für die Gesellschaft keinesfalls. Tabus. Doch ist Liebe, egal in welcher Form, nicht immer schön? Vielleicht gibt es keine Antwort, das Stück gibt einem keine, es lässt es dem Publikum offen darüber nachzudenken.
Die Darsteller filmen sich gegenseitig, stilistisch wurde die Videokamera als „Film“ im Film, oder eben Theater, besonders in den letzten Jahren eher für negative, erschreckende Bilder verwendet. Die Videokamera hat den Vorteil, dass genau das gezeigt werden kann, was gezeigt werden soll, auf eine rucklige, unprofessionelle Art, die einen näher bringt, als ein ruhiger Videoschnitt. Besonders die Anwendung im Theater finde ich sehr interessant, es distanziert einen zwar von den Schauspielern, doch zeigt es einem Sachen, die man sonst vielleicht nicht gesehen hätte.
Gezielt werden in Conte d´Amour unter anderem Porzellanpuppen in Nahaufnahme gezeigt, nervlich kann einen der Anblick eines Porzellanbärs an den Rand eines Zusammenbruchs bringen, wenn die Nerven durch das bisher Gesehene sowieso schon strapaziert sind.
Das Stück endet plötzlich, doch darüber ist niemand enttäuscht, keiner will mehr sehen. Vielleicht wird das Ende etwas unreal, es lässt einen aus der bisherigen kalten Realität aussteigen, als die Darsteller den Keller verlassen und ein Cover von Wicked Game mitsamt E-Gitarre hinlegen. Die persönliche finnische Note. Die wenigen, die noch im Theater geblieben sind, brechen in Beifall aus. Ich verlasse das Theater begeistert, verstört, mit viel Material zum Nachdenken und einem Ohrwurm von Wicked Game.
Melanie Balaz