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Tuberkulose im waldigen Traumland

Freitag, 1. Juni 2012

Jeremy Herbert, der sympathische Multi-Media Künstler und Bühnenbildner aus London ist zurzeit in Wien. Er gestaltete die Bühne für Verdis La Traviata, die im Rahmen der Wiener Festwochen im Theater an der Wien von Deborah Warner inszeniert wird. Für die Kritikerrunde nahm er sich Zeit für ein Interview.

Obwohl er Politik, Psychologie und Biologie studierte, driftete er nach einiger Zeit von den Wissenschaften ab und wandte sich der Literatur, der Kunst und dem Theater zu. Nach einem Grundkurs in Bühnengestaltung war für ihn klar, was er machen wollte.

Der Versuch Jeremy Herberts Bühne "nachzuzeichnen". Grafik: Fiana Peutl,

Theater an der Wien: Die Generalprobe für La Traviata – gespannt wartet alles darauf, dass sich die Vorhänge heben. Wir auch. Doch was uns gerade noch mehr interessiert, als dass die Sänger heute aussingen werden, ist das Bühnenbild. Gerade eben haben wir mit Jeremy Herbert, dem Bühnenbildner dieser Produktion gesprochen.

Irgendwo im Publikum muss er gerade auch sitzen, ganz gespannt auf die Reaktion des Publikums, denn, das hat er uns zuvor gestanden, bei der Generalprobe ist er immer aufgeregt, weil sein Bühnenbild, sein „Baby“, das erste Mal von „fremden Leuten“ gesehen wird. Jetzt kann auch nichts mehr geändert werden, denn so knapp sollten sich die Schauspieler nicht umstellen müssen – eine einzige Flasche, die irgendwo anders steht, kann den ganzen Ablauf gefährden! Dies ist die erste „richtige Oper“, für die er das Bühnenbild gemacht hat, sonst hat Herbert Opernerfahrung mit der zeitgenössischen Oper „Death in Venice“, 2009 in Hamburg, und mit Projekten, die schon so lange her sind, dass er sich selbst nicht erinnern kann, wann genau er daran mitgearbeitet hat, gesammelt.

His first „proper Opera“

Als letzten September – was für eine Oper sehr kurzfristig ist, denn normalerweise haben diese Vorlaufzeiten von zwei bis drei Jahren – feststand, dass er für das Bühnenbild der Wiener Festwochen-La Traviata Verantwortung tragen würde, begann Herbert seine Arbeit damit, Dumas’ Die Kareliendame zu lesen, um dem Original näher zu kommen und die Musik zu hören. Andere Traviata-Bühnenbilder hat er ganz bewusst von sich ferngehalten um ja nicht beeinflusst zu werden. Dass dieser Stoff schon tausende Male interpretiert wurde, 3-4 Mal am Tag wird diese Oper auf der Welt aufgeführt, Saimir Pirgu, der Alfredo, hat diese Rolle trotz seines jungen Alters schon dreizehn(!) Mal gesungen, bildete die Schwierigkeit für ihn und Deborah Warner, die Regisseurin. Denn wie will man etwas Einzigartiges schaffen, wenn schon alles gemacht wurde? Sie entschlossen sich La Traviata, deren Bühnenbild meistens im 19. Jahrhundert bleibt, aus seiner Ur-Epoche herauszureißen und in unsere Zeit einzubetten. So stirbt Violetta nicht – was für das heutige Publikum ja relativ schwer im eigenen Alltag vorstellbar ist – langsam auf einem Sofa in ihrer Wohnung, sondern in einem Krankenhaus. Anfängliche Zweifel, dass manches in einer Umgebung der Zeiten von Emails und Penicillin unlogisch und lächerlich wirkt, wurden bald beiseite geräumt, man will den Stoff auf diese Weise ja näher ans Herz, nicht das Hirn des Zuschauers bringen.

Seit drei Wochen nun ist der Bühnenbildner, der auch schon mit Madonna zusammen gearbeitet hat, in Wien, wo er von einem immer geschlossenen Lokal namens „Traumland“ auf dem Weg zu seinem Appartement fasziniert wird und die finalen Arbeiten, das Bühnenbild kann ja erst wenige Tage vor der Premiere „installiert“ werden, überwacht. Für jedes Projekt ist genaue Planung von Nöten – zum Beispiel gibt es fast keine Bühne, an deren Eigenheiten man sich nicht anpassen muss– im Fall des Theaters an der Wien, dass auf den Seiten der Bühne kaum Raum ist und deswegen zum Beispiel nicht viel von dort „hineingeschoben“ werden kann. Auch schon früher im Entstehungs- und Planungsprozess kam Herbert deswegen mehrmals zu Meetings mit den Produzenten und der Regisseurin in die Stadt, oder auch um den Fortschritt und die Herstellung des Bühnenbildes – er macht nur die Modelle dafür – zu überwachen.

Alles spiegelt

Endlich heben sich die Vorhänge, die ersten Blicke auf die Bühne können erhascht werden und – tatsächlich! –da ist ein Krankenhaus! Die Wände zwischen den Seiteneingängen zur Bühne spiegeln diffus, Boden und Bühnenhintergrund glänzen steril – in der Mitte ein Krankenbett, superfunktional, mit verstellbaren Höhenlagen und anderem Krankenpflege-Schnickschnack. Nachdem der Leichensack von ebendiesem Bett gehoben und auf einem medizinischen Rolltransportdings abtransportiert wurde, beginnt die Party erst.

Und zwar in Violettas Haus.

Akt 1

Der Krankenhaus –Hintergrund hat sich gehoben, nun erkennt man ein Stückchen Wald zwischen zwei hohen schwarzen Wänden, die den Abschluss des Raumes nach hinten bilden. Unmittelbar vor diesen zwei, drei Stufen hinab zu einem über und über mit prächtigen Blumen geschmückten Flügel. Die geladene Gesellschaft- also das Partyvolk – strömt durch die Seiteneingänge herein, Sofateile vor sich herschiebend, die teilweise zu größeren „Sitzlandschaften“ zusammengestellt werden. Dies ist also Violettas Wohnung, in der sie das erste Mal Alfredo begegnet und, „Sempre libera“ schmetternd, über die Sofarückenlehnen balanciert.

Akt 2

Das Anwesen außerhalb der Stadt mit dem weitläufigen Garten, in den sich die frisch Verliebten zurückziehen, wird bei Herbert zu einem Haus am Rande des Waldes. Im Vordergrund sind ein riesiger kuscheliger Teppich mit Unmengen an Polstern zu sehen, dahinter ein Ofen mit loderndem Feuer, dessen hoch aufragendes Kaminrohr den „Luftraum“ der Bühne genau in der Mitte teilt. Im Hintergrund nun endlich der traumlandartige Wald in seiner vollen Pracht – ein paar künstliche Stämme ragen im Vordergrund auf, projizierte unendliche Weiten voll kahler Bäume vervollständigen die Illusion. Der perfekte letzte Schliff dieser romantischen Kissen- und Waldlandschaft: Es schneit! Kleine weiße Flocken, woraus auch immer sie sein mögen, tänzeln grazil vom oberen Bühnenrand dem Boden entgegen.

Doch das Glück hält, wie wir wissen, nur kurz und allzu bald finden wir uns in Flora Bervoix’ Salon wieder, der die Stimmung des letzten Teils des zweiten Aktes perfekt wiedergibt: Streng symmetrisch eingeteilt haben wir hier vier Billardtische über denen jeweils eine passende, stilvolle und doch kalte quaderförmige Lampe hängt. Vorherrschend ist schwarz mit grünen Akzenten: die Kanten der Billardtische leuchten grün, in ebendieser Farbe ist auch die Hängebeleuchtung gehalten. Der vorherige Wald ist nun wohl der Garten des Hauses, wie durch eine riesige Terrassentür bewegt sich die Gesellschaft zwischen den hohen schwarzen Wänden mit nach hinten begrenzender Funktion.

Akt 3

Das tragische Finale bricht an. Wieder, diesmal noch lebend, sehen wir Violetta in ihrem hyperfunktionalen, technisch ausgeklügelten Krankenbett, neben ihr ein Ständer mit Infusionen. Rechts vor dem Hintergrund, der jetzt in einem krankenhaustypisch-beruhigend und allein deswegen schon beunruhigenden Gelbton milchig beleuchtet ist, ein Rollwagen mit Flaschen und medizinischen Gerätschaften, an denen das Medizinpersonal von Zeit zu Zeit geschäftig herumwerkelt. Ein paar Besucherstühle, in der Gegend verteilt, erwecken gemeinsam mit dem hintergründigen Gelbton einen freundlichen, es-ist-noch-nicht-zu-spät- Charakter.

Fazit – Diana

Ich bin begeistert! Bin ich doch nicht gerade der größte Opernfan, so lenkt mich hier das schöne Bühnenbild von den allzu lauten Tönen (Spaß, hier haben mir sogar die stimmlichen Leistungen gut gefallen) ab. Die Umsetzung in „unserer Zeit“ gefällt mir, auch finde ich gut, dass nicht auf total minimalistisch gemacht wurde. So ist es gerade richtig; neu und unkonventionell, aber schon auch so, dass man etwas damit anfangen kann und sich nicht die gesamte Umgebung dazudenken muss.

Fazit – Carina

Jeremy Herbert hat echt nicht zu viel versprochen. Obwohl ich mir im Vorherein nicht wirklich vorstellen konnte, wie der Wald auf der Bühne aussehen sollte und ob das überhaupt passt, so war ich fasziniert davon. Wirklich, einerseits wird man in düstere Stimmung versetzt, aber wenn es zu schneien beginnt, wirkt alles so friedlich. Dass die Inszenierung so modern war, hat mich zwar anfangs etwas irritiert, aber zum Glück war nichts übertrieben dargestellt. Jeremy Herbert versteht es wirklich, das Publikum nicht nur vom Inhalt des Stückes, sondern auch von der Bühne selbst zu begeistern.

Was uns Jeremy Herbert verraten hat über…

… das Zustandekommen seiner Ideen

„Die ersten Eindrücke, die ersten Ideen sind immer die wichtigsten, bei denen bleibt man dann meist auch“, erzählt er. Beim Lesen oder Musik hören entstehen Assoziationen im Kopf, er verbindet das Gelesene oder Gehörte einfach mit anderen Dingen und so entstehen bestimmte Bilder für ihn.
Schwierig ist es, Ideen für die Bühnengestaltung zu finden, wenn man schon andere Inszenierungen davor gesehen hat, da man stark beeinflusst wird.

… sein Lieblingsstück

Im Grunde sind seine Lieblingsstücke die, bei denen man viel Platz auf der Bühne hat, ansonsten können manche Ideen leider nicht untergebracht werden. Es gibt auch Dinge, Tiere oder eine Blumenwiese zum Beispiel, die man nur schlecht auf der Bühne lebensecht nachmachen kann. Auch wenn man kein so großes Budget zur Verfügung hat, muss man andere Wege suchen, etwas erfinden, muss clever und kreativ sein, das ist das Interessante an seinem Job.

Auf die Frage nach seinen Auszeichnungen reagiert er sehr bescheiden. Immer wieder erwähnt er die leider bereits verstorbene Autorin Sarah Kane. Für die Uraufführung ihres Stückes „4.48 Psychose“ erhielt er den Barclays Award für das beste Bühnenbild. Man merkt, dass er sehr große Stücke auf Sarah Kane hält, die Arbeit an ihren Stücken beschreibt er als sehr interessant und aufregend. Da hält nicht mal die Queen of Pop Madonna mit, mit der er ebenfalls schon zusammengearbeitet hat.

Aber jedes der Stücke, in denen er mitgearbeitet hat, ist mit der Zeit sein Lieblingsstück geworden, da ihm im Laufe der Arbeit jedes ans Herz wächst, jede Produktion ist anders.

… die verrückteste Sache, die er gestaltet hat

Er sollte ein typisches New Yorker Appartement darstellen, eine schwierige Sache, wenn man sich nicht vorstellen kann, wie ein solches aussieht und noch dazu keine Zeit hat, selbst nach New York zu fliegen. Da es aber so realitätsnah wie möglich sein sollte, fragte er einen befreundeten Lichttechniker aus New York. Dieser nannte ihm nichtsahnend die Maße und Einrichtung seiner Wohnung, schickte ihm Fotos seines Appartements. Auf der Bühne bildete er die Wohnung seines Freundes detailgetreu nach, wer wäre da nicht erschrocken, wenn sein eigenes Heim exakt nachgebaut auf der Bühne steht?

…das Gefühl seine Arbeit fertiggestellt zu haben

Klar, es ist ein großartiges Gefühl, aber trotzdem überwiegt der traurige Teil darin. Man hat sehr viel Mühe, Arbeit, Geduld und Zeit hineingesteckt, man vermisst die Arbeit. Es ergeht ihm ähnlich wie einem Architekten, der sein Gebäude fertiggestellt hat oder einem Filmregisseur bei der letzten Klappe. Er hat den Tick jede seiner Arbeiten zu fotografieren, aber leider werden die Fotos nie so gut und im Nachhinein kann man sich nur wenig darunter vorstellen. Aber die Bühne ist da, um gelebt und erlebt, nicht um für später konserviert zu werden.

…seine Zukunft

Jeremy Herbert liebt die Musik und hofft deshalb in Zukunft auch die Bühnenbilder anderer Opern gestalten zu dürfen. Nach La Traviata kehrt er zurück nach London, wo er für eine kleinere Produktion als Lichtdesigner arbeitet, worauf er sich bereits sehr freut, denn diese Arbeit findet er sehr interessant und wollte sie immer schon mal ausprobieren.

Diana Peutl und Carina Habel

Die Kritikerrunde macht sich startklar – Teil I: “Interviews”

Freitag, 11. Mai 2012

Zum Start in die Kritikerrunde beschäftigten wir uns bereits Ende April in einem Workshop mit Mona Moore – landesweit bekannt für ihre Interviews und ihre raue Stimme -  eingehend mit… „Interviews”.

Auf geht´s! Nach den Einzelinterviews mit der ganzen Runde.

Zuerst wurden wir einzeln in den Seminarraum gebeten, ohne jegliche Vorbereitung oder Ahnung, was darin passieren würde. Mona Moore saß alleine an einem Tisch, bat mich mich zu setzen, schaltete ihr Aufnahmegerät ein und fing an Fragen zu stellen. Diese Übung vermittelte sofort das Gefühl eines Interviewten. Für Manche vielleicht positiv aber für mich ein definitiv negatives Erlebnis. Zuerst war ich nervös, weil ich nicht wusste, was passieren würde und dann, als sie anfing Fragen zu stellen, wurde ich panisch, dass ich hoffentlich eine Antwort auf alle Fragen hätte. Schließlich wird alles, was man sagt, aufgenommen und wenn ich nervös werde, fange ich an zu plappern, also hatte ich Angst, dass ich etwas falsches sagen würde.

Danach fing es richtig an. Mona Moore erzählte von ihrem Leben, ihren Erlebnissen und Erfahrungen mit Interviews. Sie erklärte uns zum Beispiel, dass “Off The Record” inoffizielle aufgenommene Details sind, die aber aus privaten Respektgründen unter keinen Umständen veröffentlicht werden dürfen. Mona machte uns auch darauf aufmerksam, dass man schauen sollte, dass die Antworten immer länger als die Fragen sind und dass man keine zu langen und komplizierten Fragen stellt, da der Künstler im Vordergrund steht und nicht der Interviewer. Interessant fand ich auch, als sie uns erklärte, was eine „Gretchenfrage” ist, nämlich eine Frage, die dem Gefragten meist unangenehm ist, da sie direkt ist und von dem Gefragten eine bisher versteckte Absicht entlarvt.

Hier sind die wichtigsten Punkte, die ich aus dem Workshop zusammenfassen konnte:

  • Hintergrundinfos und gezieltes Vorbereiten sind die Grundvoraussetzung eines gelungenen Interviews – Nichts ist peinlicher, als wenn ein befragter Autor darauf kommt, dass der Interviewer sein Buch nicht genau kennt.
  • Sicher sein, dass die Technik passt – Ein ganzes Interview umsonst, weil die Batterie des Aufnahmegeräts leer war, kann vermieden werden.
  • Gute Fragen stellen und keine Standardfragen – Der Fragende, Gefragte und das Publikum sollten daran interessiert sein und man sollte originelle Fragen stellen und definitiv Keine, deren Antworten nach einer Suche im Internet sofort herausgefunden werden können.
  • Spontan auf Antworten reagieren – Damit ein Fluss entsteht, sollte man keine “Ja oder Nein” Fragen stellen und auf alle Antworten spontan reagieren. Man sollte auch die Antworten mit den nächsten Fragen inhaltlich verbinden, so bekommt man das Meiste aus dem Gespräch raus.
  • Körpersprache beachten – Wenn zu dem Gefragten kein Augenkontakt besteht, gibt es keinen Anhaltspunkt und somit fühlt sich der Gefragte distanziert und nicht respektiert.

Die Notizblätter füllen sich!

Obwohl der Einstieg in den Workshop mich abgeschreckt und verunsichert hat, gab er mir einen guten Einblick in das Gefühl des Interviewten. Mona Moore vermittelte uns außerdem ein Fingerspitzengefühl für Interviews in ihrem sehr informativen Workshop.

Mary Sarsam und Anastasia Lopez

PTSdT(2.1) >> “Avanti Infantilitanti” zzgl. Interview

Mittwoch, 25. April 2012

Performance-Theater-Stücke des Tages – Special zum Teil 2


“Avanti Infantilitanti” (Marc Becker, Deutschland)

“Avanti” wurde vom Oldenburger Hausautor und -regisseur Marc Becker speziell als Eröffnungsstück für das PAZZ-Festival geschrieben und inszeniert. Das merkt man – meine ich zumindest. Ich kenne das Staatstheater Oldenburg leider nicht gut genug, um es mit 100 prozentiger Sicherheit sagen zu können; aber sagen wir mal so: Hätte ich es in Zwickau, an meinem Haustheater gesehen, hätte ich gedacht, man verrät sich selber.
Das Stück ist das Paradebeispiel erster Schritte Richtung Postdramatik und Performativität an den derzeitigen Stadt- und Staatstheaterlandschaft Deutschlands. Das was vor Jahren in der freien Szene begonnen hat, nimmt nun (endlich) Platz auf den “großen” Theaterbühnen ein. Natürlich ist es genau das Richtige Stück für das PAZZ, nur wirkt es in meinen Augen leider etwas “platt”.

Rester einer performativen Vorstellung...

Rester einer performativen Vorstellung...

Aber erst einmal zum Stück: Und entschuldigt das, was man als meckern verstehen könnte. Es war das Gefühl was mich nach dem Stück noch im Stuhl sitzen ließ. Doch die Minuten davor waren toll. Zu aller erst: Ich liebe das Bühnenbild. Das “Problem”: Ich habe das Stück leider nicht Open-Air gesehen, sondern im Theater Wrede nahe des Bahnhofes. Ich glaube das hat ganz viel vom eigentlichen Konzept “verschluckt” – leider. Dennoch: Ein überproportionaler Tisch mit vier Stühlen und speziell gefertigten Hütchen vermittelten dem Publikum das die erwachsenen Darsteller gerade einmal einen Meter groß sind. Im Hintergrund ein Podest (im Original der weiße Container) mit einer Zwei-Mann-Band. Aus dem Off: Die Stimme dieses jungen Mädchens – auf deutsch und englisch! Und überall überproportionales Spielzeug – zum Großteil extra für “Avanti” angefertigt. Im Hintergrund ein kuschliger Berg aus Fell. Fertig ist das Setting.

Die Off-Stimme aus "Avanti" inspiziert (oder eher durchsucht) nach der Vorstellung das Bühnenbild nach essbaren Resten - soooo süß!

Die Off-Stimme aus "Avanti" inspiziert (oder eher durchsucht) nach der Vorstellung das Bühnenbild nach essbaren Resten - soooo süß!

Los geht es: Während man den Zuschauerraum betritt, spielt die Band plus vier weitere Personen ein sehr amüsantes Musikstück. Alle sitzten; während der erste Schauspieler vom Podest auf die Bühne tritt die Off-Stimme: “Das ist (ichhabemirdienamenleidernichtgemerkt-imsorry). Er feiert heute seinen Geburtstag. (Pause) This is N.N. He celebrates his birthday today.” und das Spiel geht los. Er schießt sich den Weg auf der Bühne frei, klettert und macht, was eben ein Junge allein so macht. Dann wieder die Off-Stimme und die einzige Schauspielerin betritt die Bühne – mit Geschenk. Es ist ein Sektkorken. Unser Geburtstagskind freut sich und benutzt es als Waffe – das Mädchen bleibt links liegen. Der dritte Gast und der vierte Gast. Wieder Sektkorken – beides Jungs – was passiert? Sie jagen und erschießen sich – das Mädchen bleibt links liegen.
Es ist einfach köstlich anzusehen, mit welchem Spieltrieb die vier Darsteller das Ganze auf die Bühne bringen. Emotional tief verwurzelt in uns allen selber erinnert man sich an die eigene Kindheit. Gesichtsausdrücke, also Mimik, und Gestik sind niemals übertrieben, sondern man sieht immer ein 4-5jähriges Kind am überdimensionalen Tisch sitzen. Dabei eine ganz tolle Szene: Es geht ans Essen des Geburtstagskuchen und die vier müssen auf die Stühle klettern: Ein Traum! Der eine über Kopf, der andere springt, sie zieht sich irgendwie hoch und der andere hängt wie ein nasser Sack über der Sitzfläche.
Und so werde immer wieder kleine Geschichten erzählt. Urkomisch. Zwischendurch eine kleine direkte Sozialkritik – habe ich aber überhört. Am Ende wird aus dem Fellberg rechts hinten ein gigantischer Teddybär und das Bühnenbild gleicht einem Schlachtfeld. Dazwischen musikalische Einlagen und wunderbare Beispiele tiefen menschlichen Verhaltens – nicht wie das Tier in uns, sondern das Kind in uns.

Bravo! Ich will nochmal. Nochmal teilhaben und sich wie in Kind fühlen – denn das geht hier wunderbar.

Und jetzt: Es werde Licht... Clemens im (für die Nacht und gegen das Wetter) abgebaute und -deckte Bühnenbild von "Avanti".

Und jetzt: Es werde Licht... Clemens im (für die Nacht und gegen das Wetter) abgebaute und -deckte Bühnenbild von "Avanti".

Das “Special”: Interview mit dem Regiehospitanten Clemens Kellner

Junge Bühne: Hallo Regiehospitant!
Regiehospitant: Hallo Junge Bühne!
JB: Regiehospitant – wer bist du denn eigentlich?
Rh: Also, ich bin Clemens Kellner, 23 Jahre alt, wohne in Hildesheim, komme aber ursprünglich aus Hannover.

Clemens im Interview während eines Soundchecks im Festivalzentrum

Clemens im Interview während eines Soundchecks im Festivalzentrum

JB: Ahh, Clemens! Schön deinen Namen zu kennen. Aber was machst du so, wenn du nicht gerade auf dem PAZZ unterwegs bist?
Clemens: Hauptsächlich studiere ich Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis mit den Fächern Theater und Medien im vierten Semester. Neben dem Studium moderiere ich beim Radio und eine Konzertreihe in Hildesheim. Was das Theater betrifft bin ich bei “Kontraproduktion.plus” und spiele im Improvisationstheater “Mischpoke” mit.
JB: Interessant. Und wie kamst du jetzt zum PAZZ?
C: Ich habe mich am Oldenburger Staatstheater für ein Praktikum in der Dramaturgie beworben. Eine schnelle und nette Antwort kam und ich wurde zur Konzeption von “Avanti” eingeladen. Da der Dramaturg aber sehr beschäftigt war, wurde ich Hospitant für die Regie bzw. -assistenz, was mir mehr Möglichkeiten vor Ort gegeben hat.
JB: Du kanntest das PAZZ also zuvor nicht?
C: Leider nein. Erst als ich erfuhr das “Avanti” das Eröffnungsstück für das Festival wird, kam ich mit dem PAZZ in Berührung. Ich bin also durch einen glücklichen Zufall zum PAZZ gekommen.
JB: Kennst du denn andere Festivals?
C: Ich war bisher nur auf Musikfestivals, wie z.B. das Melt! oder Boot Boo Hook, aber das PAZZ ist meine Theaterfestival-Premiere.
JB: Und wie ist es so?
C: Alles ganz neu. Frisch und interessant.
JB: Aber zurück zu “Avanti”. Was genau ist deine Aufgabe?
C: Als Hospitant unterstütze ich die Produktion und helfe dem Regieteam. Ich kläre Organisationsfragen, räume die Bühne auf, mache sauber – alles theatral – aber natürlich habe ich auch Kaffee gekocht. Bei Entstehungsprozessen des Stückes war ich eher Zuschauer: Nicht teilnehmen, aber teilhaben. Und das hilft für das Studium ungemein.
JB: Von Hildesheim sind es zwei bis drei Stunden Zugfahrt – du bist also sicherlich hergezogen?
C: Ich habe für zwei Monate in einer WG eine Zwischenmiete bekommen. Sehr schön da.
JB: …und Oldenburg?
C: …ist eine kleine, schöne und überschaubare Stadt. Schönes Theater, schöne Vorstadt, die man gut zum Sport machen nutzen kann, u.a. zum laufen und joggen.
JB: Laufen. Wohin willst du mal laufen? Wo soll dein Weg mal hingehen?
C: Früher, vor dem Studium, wollte ich Schauspieler werden. Aber durch eigene Erfahrung und Gespräche merkte ich, das ich mehr will. Auch hinter den Kulissen etwas tun. Regie, Dramaturgie – oder auch Journalismus. Jetzt, u.a. durch das Praktikum oder das Studium weiß ich, das es so viele Facetten gibt. Momentan geht es vor allem in die Medien oder Theaterrichtung. Im Sommer werde ich noch ein Praktikum bei ‘ffn’ absolvieren um mir beide Richtungen offenzuhalten. Danach weiß ich sicher mehr.
JB: Was nimmst du dabei speziell aus dem Praktikum hier in Oldenburg mit? Vielleicht etwas, was du auch unseren Lesern mitgeben möchtest?
C: Man sollte sich Raum und Zeit für sich selbst nehmen. Theater ist Zeit- und Arbeitsintensiv, vor allem im Rahmen eines solchen Festivals. Man freut sich da über Ruhepausen, denn geregelte Arbeitszeiten wie in Medienbereichen wie Radio und Fernsehen wo man auch einmal fertig ist, gibt es nicht; im Theater entsteht immer wieder etwas Neues. Und so auch neue Arbeit. (überlegt)
JB: Ja?
C: Oldenburg war eine wunderbare Erfahrung. Nicht immer einfach, aber genau daran bin ich gewachsen. Ich kann es nur jedem empfehlen. Und man sollte keine Scheu haben; man wächst an den Aufgaben und kann sich erst durch solche Prozesse im künstlerischen Bereich verorten – was ich auch selbst bemerkt habe.
JB: Vielen Dank für das Interview und alles gute für deinen Weg!

Clemens klebt! - Abschluss mit einem Spaßbild aus der Kategorie "Schnappschüsse": Denn diesen Berg an Gaffa hat Clemens zum Schutz der Darsteller von "Avanti" an die Beine des Containers geklebt.

Clemens klebt! - Abschluss mit einem Spaßbild aus der Kategorie "Schnappschüsse": Denn diesen Berg an Gaffa hat Clemens zum Schutz der Darsteller von "Avanti" an die Beine des Containers geklebt.


Tag 1. Oder 0?!

Samstag, 21. April 2012

Tag eins oder null. Das ist hier die Frage.
Heute wurde das PAZZ-Festival in Oldenburg eröffnet. Leider ohne mich. Denn ich bin momentan noch in Hildesheim da ich morgen am Samstag um 12 noch eine Vorstellung habe. Damit ihr dennoch was zu lesen habt, habe ich mit Felix Worpenberg geredet der mit mir studiert und eine Assistenz beim PAZZ-Festival macht. Und im Anschluss gibt es noch einige Infos (zum freiwilligen lesen), falls ihr wissen wollt, wer ich bin und was ich so mache – wenn ich nicht gerade Festivalsblogs schreibe ;-)

Tag Eins. Ein Gespräch mit Felix


Ich habe für euch Felix, einen Freund von mir aus Hildesheim, kurz beiseite genommen und ihm schnell eine Hand-voll Fragen gestellt – und so schnell er da war, war er wieder weg. Denn in Oldenburg gibt es viel zu tun:

Junge Bühne: Hallo Felix, zu Beginn: Wer bist du?
Felix: Hallo liebe Blog-Leser. Ich bin Felix, 24 Jahre alt und studiere in Hildesheim an der Universität Szenische Künste mit den Fächern Theater, Medien und Kunst.
JB: Wie kamst du zum PAZZ-Festival?
F: Das Festival, welches ja in Oldenburg stattfindet, liegt nicht weit entfernt von Hildesheim. Außerdem ist es im Studium wichtig neben der Theorie die Praxis kennen zu lernen, sowie Netzwerkarbeit – so habe ich auch vom PAZZ erfahren und mich hier beworben.
JB: Und was genau machst du jetzt hier in Oldenburg?
F: Ich mache für die englische Gruppe blast theory mit ihrer Produktion “A Machine To See With” eine Künstlerassistenz.
JB: Hast du zuvor schon auf anderen Festivals gearbeitet oder ist das Neuland für dich?
F: Ich habe unter anderem letztes Jahr in Hildesheim das Diskursfestival State of the Art mit organisiert. Weiterhin bin ich im Großteam des transeuropa-Festivals.
JB: Was hebt das PAZZ von anderen Festivals ab?
F: Mir fallen da spontan zwei große Punkte ein. Zum ersten der sehr direkte Kontakt den alle, also die Künstler und das Publikum, haben, sowie zum zweiten das große site-specific-Programm.
JB: À-propos site-specific. Wie ich gehört habe, bist du dafür extra nach Oldenburg gezogen. Wie gefällt dir die Stadt?
F: Nordisch devot.
JB: Wenn das mal kein Schlusswort war! Vielen Dank für das Interview und ein herzliches “Toi-toi-toi.” für morgen.

Wer noch mehr wissen möchte, hier Links zu einigen Schlagworten aus dem Interview:
PAZZ >> http://pazzfestival.de/
Oldenburg >> http://de.wikipedia.org/wiki/Oldenburg_%28Oldenburg%29
Felix Produktion >> http://pazzfestival.de/a-machine-to-see-with-blast-theory/
State of the Art >> http://www.uni-hildesheim.de/stateoftheart/
transeuropa >> http://www.transeuropa-festival.de/2012/
site-specific >> http://de.wikipedia.org/wiki/Ortsspezifisch
Szenische Künste >> http://www.uni-hildesheim.de/index.php?id=1559

Felix W. zum Interview in der PAZZ-Container-City

Felix W. zum Interview in der PAZZ-Container-City

Tag Null. Ich (ohne Freud).


So, jetzt noch einmal ein herzliches “Hallo!” von mir. Ich bin Eric, 22 Jahre alt und studiere wie Felix Szenische Künste in Hildesheim. Ich komme ursprünglich aus Zwickau in Sachsen. Dort habe ich jahrelang im Jugendclub gespielt und später dann auch auf der Großen Bühne des Theater-Plauen-Zwickau. 2010 habe ich das erste Mal selbstständig inszeniert: die Uraufführung von “1/4 Leben” (>> www.einviertelleben.de) – und das Ganze neben meinem Zivildienst. Danach habe ich ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Kultur – kurz: FSJ-Kultur – in der TheaterFABRIK Gera (>> www.theaterfabrik-gera.de) absolviert und im Rahmen dessen mein zweites Stück auf die Bühne gebracht. “Klaviatur/Fragment” wurde dann sogar mit dem “tatort Kultur”-Preis der Sparkassenkulturstiftung ausgezeichnet. Im Oktober 2011 bin ich dann nach Hildesheim gezogen und habe mein Studium begonnen.
Ansonsten liebe ich Achterbahnen und Freizeitparks, mixe selber Cocktails, bin mir Freunden unterwegs und genieße das Leben. Ich koche oft und gern, habe Fische und eine kleine “Firma”, mit der ich aber kein Geld verdiene, sondern ehrenamtlich arbeite und helfe. Wenn ihr Fragen zu mir habt, schreibt einfach: pazz@coasteric.de – und wieso es diese Mailadresse gibt, erfahrt ihr morgen genau(er).

Also bleibt dran am Festivalblog zu “PAZZ” 2012 in Oldenburg.

Herzlichst, euer Eric.

PS.: Morgen wird alles auch bunter, denn dann gibt es (vielleicht sogar bewegte) Bilder!