Jeremy Herbert, der sympathische Multi-Media Künstler und Bühnenbildner aus London ist zurzeit in Wien. Er gestaltete die Bühne für Verdis La Traviata, die im Rahmen der Wiener Festwochen im Theater an der Wien von Deborah Warner inszeniert wird. Für die Kritikerrunde nahm er sich Zeit für ein Interview.
Obwohl er Politik, Psychologie und Biologie studierte, driftete er nach einiger Zeit von den Wissenschaften ab und wandte sich der Literatur, der Kunst und dem Theater zu. Nach einem Grundkurs in Bühnengestaltung war für ihn klar, was er machen wollte.
Theater an der Wien: Die Generalprobe für La Traviata – gespannt wartet alles darauf, dass sich die Vorhänge heben. Wir auch. Doch was uns gerade noch mehr interessiert, als dass die Sänger heute aussingen werden, ist das Bühnenbild. Gerade eben haben wir mit Jeremy Herbert, dem Bühnenbildner dieser Produktion gesprochen.
Irgendwo im Publikum muss er gerade auch sitzen, ganz gespannt auf die Reaktion des Publikums, denn, das hat er uns zuvor gestanden, bei der Generalprobe ist er immer aufgeregt, weil sein Bühnenbild, sein „Baby“, das erste Mal von „fremden Leuten“ gesehen wird. Jetzt kann auch nichts mehr geändert werden, denn so knapp sollten sich die Schauspieler nicht umstellen müssen – eine einzige Flasche, die irgendwo anders steht, kann den ganzen Ablauf gefährden! Dies ist die erste „richtige Oper“, für die er das Bühnenbild gemacht hat, sonst hat Herbert Opernerfahrung mit der zeitgenössischen Oper „Death in Venice“, 2009 in Hamburg, und mit Projekten, die schon so lange her sind, dass er sich selbst nicht erinnern kann, wann genau er daran mitgearbeitet hat, gesammelt.
His first „proper Opera“
Als letzten September – was für eine Oper sehr kurzfristig ist, denn normalerweise haben diese Vorlaufzeiten von zwei bis drei Jahren – feststand, dass er für das Bühnenbild der Wiener Festwochen-La Traviata Verantwortung tragen würde, begann Herbert seine Arbeit damit, Dumas’ Die Kareliendame zu lesen, um dem Original näher zu kommen und die Musik zu hören. Andere Traviata-Bühnenbilder hat er ganz bewusst von sich ferngehalten um ja nicht beeinflusst zu werden. Dass dieser Stoff schon tausende Male interpretiert wurde, 3-4 Mal am Tag wird diese Oper auf der Welt aufgeführt, Saimir Pirgu, der Alfredo, hat diese Rolle trotz seines jungen Alters schon dreizehn(!) Mal gesungen, bildete die Schwierigkeit für ihn und Deborah Warner, die Regisseurin. Denn wie will man etwas Einzigartiges schaffen, wenn schon alles gemacht wurde? Sie entschlossen sich La Traviata, deren Bühnenbild meistens im 19. Jahrhundert bleibt, aus seiner Ur-Epoche herauszureißen und in unsere Zeit einzubetten. So stirbt Violetta nicht – was für das heutige Publikum ja relativ schwer im eigenen Alltag vorstellbar ist – langsam auf einem Sofa in ihrer Wohnung, sondern in einem Krankenhaus. Anfängliche Zweifel, dass manches in einer Umgebung der Zeiten von Emails und Penicillin unlogisch und lächerlich wirkt, wurden bald beiseite geräumt, man will den Stoff auf diese Weise ja näher ans Herz, nicht das Hirn des Zuschauers bringen.
Seit drei Wochen nun ist der Bühnenbildner, der auch schon mit Madonna zusammen gearbeitet hat, in Wien, wo er von einem immer geschlossenen Lokal namens „Traumland“ auf dem Weg zu seinem Appartement fasziniert wird und die finalen Arbeiten, das Bühnenbild kann ja erst wenige Tage vor der Premiere „installiert“ werden, überwacht. Für jedes Projekt ist genaue Planung von Nöten – zum Beispiel gibt es fast keine Bühne, an deren Eigenheiten man sich nicht anpassen muss– im Fall des Theaters an der Wien, dass auf den Seiten der Bühne kaum Raum ist und deswegen zum Beispiel nicht viel von dort „hineingeschoben“ werden kann. Auch schon früher im Entstehungs- und Planungsprozess kam Herbert deswegen mehrmals zu Meetings mit den Produzenten und der Regisseurin in die Stadt, oder auch um den Fortschritt und die Herstellung des Bühnenbildes – er macht nur die Modelle dafür – zu überwachen.
Alles spiegelt
Endlich heben sich die Vorhänge, die ersten Blicke auf die Bühne können erhascht werden und – tatsächlich! –da ist ein Krankenhaus! Die Wände zwischen den Seiteneingängen zur Bühne spiegeln diffus, Boden und Bühnenhintergrund glänzen steril – in der Mitte ein Krankenbett, superfunktional, mit verstellbaren Höhenlagen und anderem Krankenpflege-Schnickschnack. Nachdem der Leichensack von ebendiesem Bett gehoben und auf einem medizinischen Rolltransportdings abtransportiert wurde, beginnt die Party erst.
Und zwar in Violettas Haus.
Akt 1
Der Krankenhaus –Hintergrund hat sich gehoben, nun erkennt man ein Stückchen Wald zwischen zwei hohen schwarzen Wänden, die den Abschluss des Raumes nach hinten bilden. Unmittelbar vor diesen zwei, drei Stufen hinab zu einem über und über mit prächtigen Blumen geschmückten Flügel. Die geladene Gesellschaft- also das Partyvolk – strömt durch die Seiteneingänge herein, Sofateile vor sich herschiebend, die teilweise zu größeren „Sitzlandschaften“ zusammengestellt werden. Dies ist also Violettas Wohnung, in der sie das erste Mal Alfredo begegnet und, „Sempre libera“ schmetternd, über die Sofarückenlehnen balanciert.
Akt 2
Das Anwesen außerhalb der Stadt mit dem weitläufigen Garten, in den sich die frisch Verliebten zurückziehen, wird bei Herbert zu einem Haus am Rande des Waldes. Im Vordergrund sind ein riesiger kuscheliger Teppich mit Unmengen an Polstern zu sehen, dahinter ein Ofen mit loderndem Feuer, dessen hoch aufragendes Kaminrohr den „Luftraum“ der Bühne genau in der Mitte teilt. Im Hintergrund nun endlich der traumlandartige Wald in seiner vollen Pracht – ein paar künstliche Stämme ragen im Vordergrund auf, projizierte unendliche Weiten voll kahler Bäume vervollständigen die Illusion. Der perfekte letzte Schliff dieser romantischen Kissen- und Waldlandschaft: Es schneit! Kleine weiße Flocken, woraus auch immer sie sein mögen, tänzeln grazil vom oberen Bühnenrand dem Boden entgegen.
Doch das Glück hält, wie wir wissen, nur kurz und allzu bald finden wir uns in Flora Bervoix’ Salon wieder, der die Stimmung des letzten Teils des zweiten Aktes perfekt wiedergibt: Streng symmetrisch eingeteilt haben wir hier vier Billardtische über denen jeweils eine passende, stilvolle und doch kalte quaderförmige Lampe hängt. Vorherrschend ist schwarz mit grünen Akzenten: die Kanten der Billardtische leuchten grün, in ebendieser Farbe ist auch die Hängebeleuchtung gehalten. Der vorherige Wald ist nun wohl der Garten des Hauses, wie durch eine riesige Terrassentür bewegt sich die Gesellschaft zwischen den hohen schwarzen Wänden mit nach hinten begrenzender Funktion.
Akt 3
Das tragische Finale bricht an. Wieder, diesmal noch lebend, sehen wir Violetta in ihrem hyperfunktionalen, technisch ausgeklügelten Krankenbett, neben ihr ein Ständer mit Infusionen. Rechts vor dem Hintergrund, der jetzt in einem krankenhaustypisch-beruhigend und allein deswegen schon beunruhigenden Gelbton milchig beleuchtet ist, ein Rollwagen mit Flaschen und medizinischen Gerätschaften, an denen das Medizinpersonal von Zeit zu Zeit geschäftig herumwerkelt. Ein paar Besucherstühle, in der Gegend verteilt, erwecken gemeinsam mit dem hintergründigen Gelbton einen freundlichen, es-ist-noch-nicht-zu-spät- Charakter.
Fazit – Diana
Ich bin begeistert! Bin ich doch nicht gerade der größte Opernfan, so lenkt mich hier das schöne Bühnenbild von den allzu lauten Tönen (Spaß, hier haben mir sogar die stimmlichen Leistungen gut gefallen) ab. Die Umsetzung in „unserer Zeit“ gefällt mir, auch finde ich gut, dass nicht auf total minimalistisch gemacht wurde. So ist es gerade richtig; neu und unkonventionell, aber schon auch so, dass man etwas damit anfangen kann und sich nicht die gesamte Umgebung dazudenken muss.
Fazit – Carina
Jeremy Herbert hat echt nicht zu viel versprochen. Obwohl ich mir im Vorherein nicht wirklich vorstellen konnte, wie der Wald auf der Bühne aussehen sollte und ob das überhaupt passt, so war ich fasziniert davon. Wirklich, einerseits wird man in düstere Stimmung versetzt, aber wenn es zu schneien beginnt, wirkt alles so friedlich. Dass die Inszenierung so modern war, hat mich zwar anfangs etwas irritiert, aber zum Glück war nichts übertrieben dargestellt. Jeremy Herbert versteht es wirklich, das Publikum nicht nur vom Inhalt des Stückes, sondern auch von der Bühne selbst zu begeistern.
Was uns Jeremy Herbert verraten hat über…
… das Zustandekommen seiner Ideen
„Die ersten Eindrücke, die ersten Ideen sind immer die wichtigsten, bei denen bleibt man dann meist auch“, erzählt er. Beim Lesen oder Musik hören entstehen Assoziationen im Kopf, er verbindet das Gelesene oder Gehörte einfach mit anderen Dingen und so entstehen bestimmte Bilder für ihn.
Schwierig ist es, Ideen für die Bühnengestaltung zu finden, wenn man schon andere Inszenierungen davor gesehen hat, da man stark beeinflusst wird.
… sein Lieblingsstück
Im Grunde sind seine Lieblingsstücke die, bei denen man viel Platz auf der Bühne hat, ansonsten können manche Ideen leider nicht untergebracht werden. Es gibt auch Dinge, Tiere oder eine Blumenwiese zum Beispiel, die man nur schlecht auf der Bühne lebensecht nachmachen kann. Auch wenn man kein so großes Budget zur Verfügung hat, muss man andere Wege suchen, etwas erfinden, muss clever und kreativ sein, das ist das Interessante an seinem Job.
Auf die Frage nach seinen Auszeichnungen reagiert er sehr bescheiden. Immer wieder erwähnt er die leider bereits verstorbene Autorin Sarah Kane. Für die Uraufführung ihres Stückes „4.48 Psychose“ erhielt er den Barclays Award für das beste Bühnenbild. Man merkt, dass er sehr große Stücke auf Sarah Kane hält, die Arbeit an ihren Stücken beschreibt er als sehr interessant und aufregend. Da hält nicht mal die Queen of Pop Madonna mit, mit der er ebenfalls schon zusammengearbeitet hat.
Aber jedes der Stücke, in denen er mitgearbeitet hat, ist mit der Zeit sein Lieblingsstück geworden, da ihm im Laufe der Arbeit jedes ans Herz wächst, jede Produktion ist anders.
… die verrückteste Sache, die er gestaltet hat
Er sollte ein typisches New Yorker Appartement darstellen, eine schwierige Sache, wenn man sich nicht vorstellen kann, wie ein solches aussieht und noch dazu keine Zeit hat, selbst nach New York zu fliegen. Da es aber so realitätsnah wie möglich sein sollte, fragte er einen befreundeten Lichttechniker aus New York. Dieser nannte ihm nichtsahnend die Maße und Einrichtung seiner Wohnung, schickte ihm Fotos seines Appartements. Auf der Bühne bildete er die Wohnung seines Freundes detailgetreu nach, wer wäre da nicht erschrocken, wenn sein eigenes Heim exakt nachgebaut auf der Bühne steht?
…das Gefühl seine Arbeit fertiggestellt zu haben
Klar, es ist ein großartiges Gefühl, aber trotzdem überwiegt der traurige Teil darin. Man hat sehr viel Mühe, Arbeit, Geduld und Zeit hineingesteckt, man vermisst die Arbeit. Es ergeht ihm ähnlich wie einem Architekten, der sein Gebäude fertiggestellt hat oder einem Filmregisseur bei der letzten Klappe. Er hat den Tick jede seiner Arbeiten zu fotografieren, aber leider werden die Fotos nie so gut und im Nachhinein kann man sich nur wenig darunter vorstellen. Aber die Bühne ist da, um gelebt und erlebt, nicht um für später konserviert zu werden.
…seine Zukunft
Jeremy Herbert liebt die Musik und hofft deshalb in Zukunft auch die Bühnenbilder anderer Opern gestalten zu dürfen. Nach La Traviata kehrt er zurück nach London, wo er für eine kleinere Produktion als Lichtdesigner arbeitet, worauf er sich bereits sehr freut, denn diese Arbeit findet er sehr interessant und wollte sie immer schon mal ausprobieren.
Diana Peutl und Carina Habel









