Ein mehr Stunden dauerndes Gesamtkunstwerk thematisiert die lange nach außen verschwiegene Hungerkrise in China in den Jahren von 1959 bis 1961. Dass dies nicht ganz einfach zu verarbeiten wird, ist schon beim Betreten des Schauspielhauses absehbar: das Programmheft spricht von Kannibalismus und Kinderverkauf.

Ungefähr in der Mitte der Aufführung fällt mir ein, dass ich wohl Notizen machen sollte. Schätzungsweise 2.5 Stunden später habe ich 8 Quart-Seiten eng und fast unlesbar bekritzelt. Aber das ist nichts gegen „Großvater Ren“, der seine Memoiren über sein Leben in Mao-Zeiten in 10 Schreibheften für Volksschüler festgehalten hat. Die „Erinnerungen an eine erbarmungslose Welt“, unter seinem Bett versteckt aufbewahrt, waren eigentlich nur für seine Kinder gedacht, schlussendlich ließ er sich aber doch dazu überreden, sie dem Dokumentarfilmer vom Folk Memory Project, der vor mir auf der Bühne steht, und die von ihm aufgenommenen Interviews kommentiert.
Die Leinwand, auf die mit den Videointerviews und Fotos aus der Zeit der Hungerkrise praktischerweise auch gleich die deutschen Übertitel mit projiziert werden, dominiert vom Hintergrund aus das Bühnenbild. Bemerkenswert sind auch die Taschenlampen, meist in den Händen der Künstler, manchmal aber auch am Boden stehend, umkreist, als wären sie die Antworten auf die Fragen, die in den Raum geflüstert oder auch gebrüllt werden. Neben dem Videoprojektor sind sie die einzige Lichtquelle im Saal.
Anfangs kommen sie von allen Seiten. Vollkommen in Schwarz gekleidet, richten 8 Menschen ihre Taschenlampe auf den Boden vor sich, blicken konzentriert auf den beleuchteten Punkt, als würden sie etwas suchen. Ist es die Wahrheit, die sie suchen? Die Antwort auf die Frage, was in den drei Jahren des Hungers wirklich geschah?
Tränen im Schein der Taschenlampen
Auf der Bühne angekommen, bewegen sie sich wie ein einziges, nervös trappelndes Lebewesen. Als erstes, man ist ja höflich, stellt sich jeder vor, hauptsächlich Studenten der bildenden Kunst sind es, die hier performen. Ein starker Moment ist sicherlich der, als sie uns, in einer Reihe am Bühnenrand stehend, mit immer lauter werdender Stimme aus chinesischen Schulbüchern, in denen die damalige Hungerkatastrophe nur am Rande und als von Naturkatastrophen verursacht erwähnt wird, vorlesen. Allmählich überschreien sie sich gegenseitig, einer nach dem anderen gibt auf, bis schließlich nur noch ein schon heiseres Stimmchen „überbleibt“.
Als „Einstimmung“ zu den Interviews erleben wir einen Live-Bericht: der einzige Performer jenseits der 50, der Mandarinenbauer, der uns bei unserem Workshop 2 Tage zuvor noch neugierig gefragt hat, wie wir das finden, dass er auf der Bühne anfängt zu weinen, und in seiner „Freizeit“; wenn er nicht auf der Bühne steht, alles, was um ihn herum geschieht (z.B. unser Workshop oder das Publikumsgespräch) mitfilmt, ist jetzt ganz ernst. Er teilt die Erinnerungen seines 9 bis 10-jährigen Ichs mit uns, daran, wie seine kleine Schwester und sein einjähriger Bruder unter den Händen seiner machtlosen Mutter verhungerten, daran, wie er Baumrindenbrei essen musste, als es sonst nichts gab.
Es folgen Schwarzweißbilder von Bauern auf Feldern, von unglücklich dreinblickenden und ungesund dünnen Kindern, von Postern mit Slogans der Mao-Kampagnen, so wie „In 15 Jahren haben wir England eingeholt, in 20 die USA“.
Per Video wurden alle Interviews aufgezeichnet, der schwerhörige Großvater, den die Enkelin unbedingt interviewen wollte, auch wenn ihm jede Frage drei Mal ins Ohr gebrüllt werden muss zum Beispiel ist eine der wenigen Stellen, an denen man sich mit feuchten Augen vielleicht zum Schmunzeln durchringen kann, komische Situationen durch Altersschwerhörigkeit, ein wohlbekanntes Szenario auch in Österreich. Kurz eine wohltuende Pause von den erschütternden Berichten von Verhungernden, fatalen Verstopfungen, von Kindern, die ihren Müttern sagen, dass sie nicht weinen sollen, wenn sie sterben, von „Kritiksitzungen“, bei denen „Essensdiebe“ dem gesamten Dorf ausgesetzt wurden und von Selbstmorden, die aus Angst vor ebendiesen verübt wurden.
Videoschleife des Schreckens
Unter den abenteuerlichsten Verrenkungen und den faszinierendsten Verwendungen der allgegenwärtigen Taschenlampen führen uns die Performer durch diese Stunden, während denen ich es nicht über mich bringe, nach draußen zu gehen, um zu verschnaufen, zu gebannt bin ich von jedem Wort, das gesagt wird, jeder Bewegung, die vor meinen Augen Verstörendes, aber auch Herzergreifendes ausdrückt.
Dauernd wird wiederholt, zum Beispiel die Namen der Interviewten gegen Ende der Vorstellung; dieses ist überhaupt ein eindrucksvoller, würdiger „Schlusspunkt“ für die sich in meiner Erinnerung schon zu einem großen, verwirrend – verschwommenen Wirbel verstrickenden mehr als vier Stunden. In einer Reihe, Schulter an Schulter, legen sich die Künstler vor die Leinwand, auf welche die Bilder und Lebensdaten der Interviewten in rascher Folge projiziert werden. Die Namen der Gezeigten schreiend, robben sie zum Vorderrand der Bühne. Dort angekommen, rollen sie sich aufeinander, werden zu Einem, ein schnaufender, unverständlich durcheinander rufender Menschenhaufen. Die unten liegenden klingen schon ziemlich heiser und atemlos, und sehen auch etwas platt aus, als das Licht ausgeht und das Publikum zögerlich beginnt zu klatschen.
Hemmungen
Sowohl die Interviewten als auch Dorfkinder, denen die Dokumentarfilme, welche aus dem Aufgenommenen entstanden, gezeigt wurden, fanden es gut und richtig, dass die beinahe vergessene Hungersnot der Bauern auf diese Weise erinnert wird. Im Ausland sollte es aber besser nicht gezeigt werden, „damit die Menschen im Ausland China nicht auslachen“ formuliert eine Achtjährige. Die Scham über das Versagen des Kommunismus sitzt tief in allen Generationen. Gut, dass Memory2: Hunger trotz der Zweifel im Ausland gezeigt wurde und, ich kann versichern: Ich habe nicht gelacht.
Gut auch, dass das Projekt nicht an den Zeitzeugen scheiterte, von denen manche sich mit den Argumenten entzogen, sie könnten sich nicht erinnern oder seien zu alt und hässlich für so ein Interview. Vielen erschien es auch heute zu gefährlich, das damalige Regime zu kritisieren; meine Lieblingssequenz ist, als man den Interviewer hinter der Kamera auf den Einwand „Es könnte doch jemand vor den Kopf gestoßen werden“ den besorgten alten Mann beschwichtigen hört: „Das erlaubt die Regierung jetzt“.
Diana Peutl
Wer bis hierhin durchgehalten hat – und noch mehr wissen möchte: hier geht´s zu den Notizen aus dem Publikumsgespräch!