Artikel-Schlagworte: „Jugendliche“

Von Lachsröllchen, Kapitalismus und Identitätssuche

Montag, 2. Juli 2012

„Anders aber Anders“ ist bei der Eigenproduktion des Schauspiel Dortmund unter der Leitung von Sarah Jasinszczak (Regie) und Norina Kindermann (Assistenz) nicht nur Titel, sondern auch Programm der collagenartig zusammengestellten Szenen.


Die elf 15- bis 18-jährigen erwarten das Publikum schon während des Einlasses mit dem einzig schlichten, aber daher auch prägnanten Bild in dem ansonsten durchgehend schrillen Stück: Sie kauern in schwarzen, mit Barcodes bedruckten Tüchern auf dem Boden, dem Publikum abgewendet. Ein fast gar nicht typisches Symbol für eine konsumorientierte Schubladengesellschaft! Dann werfen sie die Barcodes, also ihre Durchschnittlichkeit ab und ich werde von einem Haufen überindividueller Individuen überrumpelt, die uns im Laufe der Vorstellung alle ihre klischeehaften Besonderheiten darstellen werden.

PAM, und wir sind im Thema!


Anders aber anders – Schauspiel Dortmund. Foto: Sara Hoffmann.


Der besonders Besondere, der durch spektakuläre Tanzeinlagen seinen Titel rechtfertigt und dabei den Rest der „minder Besonderen“ abwertet. Die zwei bisexuellen Hippie-Mädchen, die den Leuten durch diverse Rauschmittel mehr „Flowerpower“ nahe bringen möchten. Der Blinde, dessen Wunsch es ist, dass andere auch mal seine „Sicht der Dinge“ wahrnehmen. Die Vitalitäts-Fanatikerin, die sich zwischen Trainingszeiten und Schokoladenregal verliert. Papis Glamour-Girl, das sich tief unterm Pelzmantel in aller Naivität nach dem Weltfrieden sehnt. Und, und, und…


Jede dieser Figuren stellt uns ihre Lebensart dar, Konflikte werden angerissen, Alternativen gesucht. Neben dem „anders Sein“ beschäftigen sich die Akteure aber auch mit Tagträumereien, dem Erwachsen werden und noch mehr Humbug, der sich nun mal besonders gut eignet, um Jugendliche anzusprechen.


Obwohl sich die Szenen inhaltlich also schon unterscheiden, ähneln sie einander fürs Auge sehr. Rund um die Uhr ist ein Großteil der Akteure auf der Bühne. Die abgefahrenen Kostüme (Valerie Gasse) wechseln nur geringfügig, das Bühnenbild ebenso. Das wird dann doch bald anstrengend.

Trotzdem bleibt die Aufmerksamkeit durch die schauspielerische Leistung der Jugendlichen erhalten. Zwar klingen die Texte teils etwas gezwungen-poetisch, aber die laute und deutliche Sprache lässt sie immer gut bei mir als Zuschauer ankommen.
Außerdem hat das Ensemble Wachmacher eingebaut: Es überrascht total positiv mit einigen selbst gesungenen und gespielten Musikeinlagen. Ob chorisch oder solo, nach ihnen bin ich jedes Mal wieder frischer bei der Sache.


Auch wenn mir einige Szenen bzw. Darstellungen durch übertriebene Klischees, Bedeutungsschwangerschaften oder Ähnliches missfallen, finden die jungen SchauspielerInnen eine gesunde Mischung aus Humor und Ernsthaftigkeit.

Ein Fazit (und ich wage zu behaupten, dass es dem Ensemble zumindest während des Arbeitsprozesses wichtig wurde, dieses dem Zuschauer nahezulegen) ziehe jedenfalls sicher nicht nur ich aus „Anders aber Anders“:


Eine Gruppe von Individuen ist auch nichts weiter, als eine Gruppe.

von Shannon L.

Interview mit Kulturministerin Ute Schäfer

Freitag, 29. Juni 2012

Kurze Zwischenmeldung: Es heißt warten – und zwar auf die Freigabe des Interviews mit Kulturministerin Ute Schäfer, die sich gestern spontan Zeit für ein paar Fragen der Kritikerrunde genommen hat! Vielen Dank dafür an die Ministerin, wir sind gespannt darauf und melden uns wieder.

von Camilla L.

Schlusswort

Mittwoch, 20. Juni 2012

Bei den Festwochen habe ich Einiges über Kunst erlebt und gelernt.

Ich habe erlebt, wie es ist, wenn Kunst nicht nur eine mußevolle Abwechslung zum Alltag, sondern ein fester Bestandteil dessen ist. Ich habe gelernt, wie viel – oder auch wie wenig – Aufwand für eine Produktion betrieben werden kann. Ich habe gelernt, dass es Kunst gibt, die ihren Betrachter dort abholt, wo er steht – und Kunst, die vom Zuseher verlangt, einen Köpfler in unbekanntes Gewässer zu machen.

Memory2: Hunger. Bild: Denise Ocampo„Memory 2: Hunger“ oder „Three Kingdoms“ zähle ich zur letzteren Sparte – im Dunkel, abseits der scheinwerfer- beleuchteten Handlung, wurde man mit seinen Ängsten und Erwartungen konfrontiert, um diese gemeinsam mit (sowohl psychischen als auch physischen) Bequemlichkeiten aufzugeben und ganz einzutauchen, das Dargebotene „mit Haut und Haar“ zu erleben. La Traviata - mit Freiwilligen in der Wiener Innenstadt 2012. Photo: Anastasia Lopez.Zu den emotional weniger fordernden Abenden gehörte dann z.B. „La Traviata“, die einfach schön anzuhören und -sehen war, zwar auch eine problematische und tragische Handlung hatte, doch durch die kunstvolle Inszenierung einen Gegenpol des Schönen und Angenehmen hatte.

Was man bei jeder Produktion kann, sobald das Licht ausgeht: Seine eigenen Probleme vergessen, den Alltagstrott hinter sich lassen. Den Unterschied zwischen den Stücken macht bei diesem Punkt aus, wie wohl oder unwohl man sich dabei fühlt – wie stark die emotionale Spannung, die von der Bühne aus aufgebaut wird, ist und mit welchem Erfolg sie bewältigt wird.

The Master and Margarita. Bild: Denise Ocampo.Auch über mich selbst habe ich einiges gelernt – daraus, wie ich die emotionalen Konflikte und Gedanken- windungen, die ich stets mit nach Hause nahm, behandelte. Überrascht hat mich, wie viel länger mich Stücke mit Thematik, von der ich wusste, dass es sich um tatsächlich Geschehenes handelte, wie bei „Le Socle des Vertiges“ oder „Memory 2: Hunger“, beschäftigte als viel schockierendere Inszenierungen mit fiktivem Inhalt wie z.B. „Böse Buben“.

Groß und klein. Photo: Mary Sarsam.Mein Schlusswort zu den Festwochen: Kultur und Kunst ist eben nicht nur für Pensionisten – man muss als Jugendlicher nur die Tür zu seinem Alltag weit aufreißen und etwas Platz schaffen zwischen Abgabeterminen für die Schule und pubertären Problemen. Im Gegenzug erwartet einen eine in großen und kleinen “Kulturinstitutionen“ versteckte Welt, die neues Licht auf Altbekanntes wirft. Manchmal glitzert und funkelt es in diesem neuen Licht, manchmal sieht es dreckiger aus.

Österreicher integriert euch - mit Freiwilligen in der Wiener Innenstadt. Photo: Anastasia Lopez.Glaube Liebe Hoffnung. Photo: Mary Sarsam.Open For Everything - mit Freiwilligen in der Wiener Innenstadt. Photo: Anastasia Lopez.Krizís, trilogía III: A papnö. Photo: Anastasia Lopez.

Text: Diana Peutl

Bilder und Photos zu ausgewählten Inszenierungen: Anastasia Lopez, Mary Sarsam und Denise Ocampo

Drei bedrückende Königreiche

Sonntag, 17. Juni 2012

Ekel, Belustigung, Skurrilität, Tragik und Erschütterung – bei „Three Kingdoms“ gab es gemischte Gefühle. Paradox und seltsam, kompliziert und derb. Diese Inszenierung, zu der abermals Simon Stephens die literarische Vorlage lieferte (2011 war sein Stück „Wastwater“ bei den Wiener Festwochen zu sehen), ist all das und noch vieles mehr. Erbarmungslos schildert sie das Thema Zwangsprostitution und Menschenhandel. Gut und Böse vermischen sich. Das kleinkarierte Muster so mancherlei Kriminalserien löst sich in der dynamischen, von Sebastian Nübling inszenierten Verbrecherjagd durch England, Deutschland und Estland, wie in Luft auf.


Der junge Tommy wird verhört. Eine Tasche. Ein Kopf – mit einer Säge bei lebendigem Leibe abgetrennt. Die Prostituierte Eva wurde gefoltert, ihr Kopf in den Fluss geworfen. Vom wem? Von Tommy. Dadurch wird er auf unabsichtliche Weise in ein Verbrechen verstrickt, das sich auf mehrere Länder ausdehnt. Zwei Polizisten, Detective Sergeant Ignatius Stone (Nick Tennant) und der besonders intellektuelle Kriminalinspektor Charly Lee (Ferdy Roberts) ermitteln. Der leicht cholerische aber gutherzige Detective Stone ist liiert mit einer 15 Jahre jüngeren Frau, die ihm viel Kummer und Sorge bereitet. Der erste Teil des Dramas spielt sich fast ausschließlich zwischen den zwei Londoner Polizisten ab, die sich gegenseitig ergänzen und mit ihren aberwitzigen Dialogen stark im Kontrast zu dem behandelten Thema stehen. Immer weiter dringen sie in die Gewaltszene ein, bis sie in Deutschland den Kriminalpolizisten Dresner (Steven Scharf) antreffen, der ihnen bei ihren Untersuchungen behilflich sein soll. Doch Dresner spricht nicht nur eine andere Sprache als Stone und Lee. Er hat außerdem eine völlig andere Mentalität und – mag die Beatles. Freudig gibt er einige ihrer berühmtesten Songs zum Besten, ganz zum Entsetzten der Londoner, die diese Band verabscheuen. Auch während der Verhöre gibt sich der deutsche Polizist äußerst freizügig und gewalttätig. Zwielichtig, zweigleisig – das trifft seinen Charakter wohl am ehesten.


Im zweiten Teil des Stückes dominiert eben dieser Austausch zwischen den drei Polizisten von denen einer, Detective Stone, kein Wort Deutsch spricht. Sie sind auf der Suche nach „Rebane“, einem der großen Bosse im Handel mit Prostituierten, und „The white bird“. Die Kriminalpolizisten begegnen Frauen, die als Prostituierte arbeiten und von ihren Zuhältern misshandelt und missbraucht werden. Sie sind gefangen in einem Netz aus Gewalt und Drohungen, gestrickt von Perversen, die in dem Stück einige Male mit Wolfsmaske auftreten. Die Untersuchungen gehen bis hin nach Estland. Inspektor Stone begibt sich auf immer gefährlicher werdendes Terrain, während Charley Lee im dritten Teil des Stückes, von der Bühne, ganz und gar verschwindet. Schließlich, wird Stone von einem dort ansässigen, zu der Gang gehörenden Verbrecher ermutigt auf jemanden einzuschlagen. Er fragt auf Druck der anderen Männer eine Prostituierte, ob sie mit ihm aufs Zimmer gehen wolle. Danach fällt diese bewusstlos auf den Boden. Am Ende steht wieder ein Verhör. Doch diesmal ist Stone der Angeklagte. Wer ist „Rebane“? Niemand anderer als Kriminalpolizist Dresner. Der Fall bleibt unaufgeklärt, da Stone dem Clan gar nicht mehr entkommen kann.


Three Kingdoms“ ist eine Koproduktion des Teater NO 99 Tallinn, der Münchner Kammerspiele und des Lyric Hammersmith Theatre London. In Wien wurde das Stück am Theater an der Wien aufgeführt.


Bedrückend wirkt nicht nur der Inhalt des Stückes. Auch die Eintönigkeit des Bühnenbildes (Ene-Liis Semper) spielt da eine große Rolle. Ein Raum mit Betonwänden, durch unterschiedliche Lichtinstallationen von Stephan Mariani in verschiedenen Farben gezeigt, ist einmal Verhörraum des„Scotland Yard“, dann wiederum ein dreckiges Hotelzimmer. Abstruse Pornofilme werden da gedreht. Ob man alles auf Kamera habe, fragt eine der Mitwirkenden. Die sprachliche Vielfalt des Stückes macht das Stück zwar noch komplizierter aber natürlich zugleich auch umso komplexer. Englisch, Deutsch, Estnisch und Russisch – Silben unterschiedlichster Klangform fliegen durch den Raum. Verwirrend, aber zugleich auch extrem interessant. Zum Glück gab es die jeweiligen Übersetzungen!


Doch das alles wäre nichts ohne die musikalische Inszenierung! Düstere Klänge und „La Paloma“ bilden die musikalischen Einlagen. Die „Taube“ gibt der junge, magere Risto Küber in seinem weißen Anzug. Die Performances des akrobatischen Sängers waren zwar sehr ausdrucksstark, jedoch etwas zu häufig. Am Ende hatten sie eine eher einschläfernde Wirkung. Überhaupt hätte das ganze Stück ruhig gekürzt werden können. Mindestens um eine halbe Stunde. So dynamisch und energiegeladen die Schauspieler und Schauspielerinnen auch spielten – und das taten sie in der Tat – so ermüdend wirkte dann gegen Ende aber auch die Komplexität und Undurchschaubarkeit der Handlung.


Schauspielerisch geben Nick Tennant und Ferdy Roberts ein gutes Vorbild ab. Sehr konzentriert und aktiv spielten sie ihren jeweiligen Part. Steven Scharf und Gert Raudsep verkörperten jeweils den unberechenbaren deutschen Kriminalpolizisten und gruseligen Gerichtsmediziner auf unheimlich und zugleich witzige Art. Lediglich die Performance von Çigdem Teke, die die junge Frau des Inspector Stone spielte, war eher enttäuschend. Von den Kostümen (Ene-Liis Semper) und Requisiten her verstörten vor allem Wolfsmasken (Männer), Rehköpfe (Frauen), Plastikgenitalien und der seltsame Gebrauch eines Baseballschlägers.


Nach drei Stunden ist man dann schon froh, wenn das Stück aus ist. Auf jeden Fall gibt „Three Kingdoms“ einem Bilder, die man erst einmal verdauen muss. Entspannung bietet das Stück nicht gerade. Aber das war vermutlich auch nicht der Zweck dieser Inszenierung. Ein echt harter Theaterabend.

Franziska Lamp

Do it yourself Filmlabors

Dienstag, 12. Juni 2012

Eigentlich im Dunkeln erkennt man anhand der Perforierung wie der Film aufgewickelt werden muss.Über mehrere Tage hinweg konnte man bei den Filmlabors von LaborBerlin im Rahmen von “Into the City” mit 8mm-Vintage-Filmkameras eigene Filme aufnehmen und auch beim Entwickeln zusehen. Genau das konnte ich am letzten Tag der Filmlabors erleben: Am Volkertplatz steht ein großer, weißer Bus, eindeutig gekennzeichnet als Teil der Wiener Festwochen, davor Tische mit Schirmen überspannt. Immer wieder tauchen neugierige Kinder auf, während zwei Betreuer uns erklären, wie man einen Film aufwickelt.

Danach wird entwickelt! Dazu werden Filme genommen, die innerhalb der letzten Tage Mit dem Thermometer wird die richtige Temperatur der drei verschiedenen Substanzen überprüft - und ggf. gewärmt oder abgekühlt.aufgenommen wurden. Für die Filmentwicklung muss man den Film in verschieden chemischen Bädern schwimmen lassen. Besonders wichtig ist es, die Zeit für die jeweiligen Bäder genau zu stoppen, schon ein paar Sekunden zu viel oder zu wenig, kann die Farben beeinflussen. Die ersten beiden Schritte müssen außerdem völlig im Dunkeln gemacht werden, damit der Film nicht völlig überblendet wird vom Tageslicht. Die Betreuer erklärten uns und ließen uns auch selber ausprobieren, wie es ist einen "Sieht aus wie Blut!" - eine der Substanzen zum Entwickeln!Film im Dunkeln aufzurollen. Selbst waren wir noch zu unerfahren, um mit dem tatsächlichen Film zu arbeiten. Die zum Teil giftigen Chemikalien wurden sofort rückgefüllt und dann das Material bei einem Trinkbrunnen am Platz abgewaschen, auch hier zeigten sich Kinder interessiert. Sah doch eine Substanz genau wie Blut aus, wie ein ungefähr 10 jähriger Junge feststellte.

Film im WasserbadAm Schluss wird der fertig entwickelte Film dann zum Trocknen mit Kluppen auf Leinen aufgehängt. Jetzt lassen sich schon kleine Bilder erkennen. Schließlich konnten wir uns auch die Ergebnisse der Arbeit ansehen, über einen Projektor im Bus. Ein Super 8 Film ist schon Der entwickelte Film wird zum Trockenen aufgehängt!etwas Einzigartiges, was man digital überhaupt nicht nachstellen kann. Interessant fand ich auch, dass heute viele Filmregisseure diese Art von Kamera verwenden um Rückblick-Szenen zu filmen, damit diese authentischer wirken.

Melanie Balaz

Zwischen Liebe und Besessenheit

Freitag, 8. Juni 2012

Ein Kellerloch. Drei, vier, fünf Menschen sind eingesperrt. Sind es Frauen, Männer, Kinder?

Ein Junge, eingerollt wie ein Embryo, gibt glucksende Geräusche von sich. Über ein Seil werden Nahrungsmittel nach unten geschafft. Ein Mann steigt von einer Klappleiter zu ihnen herab: Er grinst, scheint die ganze Situation zu genießen. Er ist fast nackt, hat nur Boxershorts an, Socken und einen karierten Bademantel drüber, den er nach seiner ersten Vergewaltigung auszieht. Der kleine weinerliche Junge steht auf und geht auf ihn zu, nennt ihn „Papa“.

Das Loch, in dem sie hausen, ist gerade mal so groß, dass sie vier oder fünf Schritte machen können, bevor sie wieder an einer Wand anstoßen. Mitten im Raum steht eine Stange, rundherum liegt das Essen verstreut am dreckigen Boden, von oben hängen Kabeln in ihre Gesichter.

Auf einem alten Sofa liegt ein Mann, der wie eine Frau gekleidet und geschminkt ist und ab und zu vor sich hin singt. Auf den anderen Betten liegen regungslose Menschen wie Puppen.

Die Geräusche einer ratternden Waschmaschine, Schreie und Trompetenmusik lenken für einige Minuten von den Geschehnissen ab, die sich immer wieder wiederholen. Schläge, sexuelle Handlungen und Macht wechseln ständig Täter und Opfer, all das wird von Kameras aufgezeichnet und live auf eine Leinwand projiziert.

Immer hat man im Kopf, dass das Stück eigentlich von Liebe handelt, von den verschiedensten Arten wie diese ausgeübt werden kann und oft nicht soll. Und dass als Quelle der Inspiration ausgerechnet Josef Fritzl genannt wird, macht es nicht einfacher, Zuschauer zu sein und nicht eingreifen zu können. Die beiden skandinavischen Theatergruppen stellen durch Conte d’amour die Fragen in den Raum: Was ist Liebe? Und wann wird sie zur Besessenheit?

Im Laufe der Zeit wird der Täter plötzlich zum brutal zusammengeschlagenen Opfer, wird vom Kind vergewaltigt und schlägt seinen Kopf gewaltsam gegen eine Wand, er scheint genauso wie seine Opfer aus dieser Situation nicht mehr herauskommen zu können.

Kurz darauf erklärt er den Zuschauern wie man richtig von allen Seiten in Menschen eindringen kann, “It’s not too complicated“, sagt er, während der junge Mann neben ihm verzweifelt beginnt zu weinen.

Die verzerrten Gesichtszüge und die verwackelten, dokumentarfilmähnlichen Aufnahmen lassen den Zuschauer Gefangener werden, mit dem Gefühl, diesem Szenario nie wieder entkommen zu können. Für immer in dieser Härte gefangen zu sein und nie mehr das Licht und das Leben genießen zu können.

Das erste Gebot des Testaments lautet: „Du sollst lieben.“ Aber wen soll man lieben? Und wie darf man lieben? Und wann darf man hassen?

„Mutter, Vater, Tochter, Sohn. Und ein Inzestverbot, mit den dazugehörigen Gefühlen“, sagt der Täter.

Das Stück ist bedrückend. Die nie endende, stimmungssteigernde Musik und die völlig verrückten Darsteller, die Geschichte, die Laute aus den Mündern, das Schlagen und die Erniedrigung verbunden mit dem seltsamen Kichern im Hintergrund.

Alle paar Minuten stehen Zuschauer auf und verlassen den Raum, der anfangs ganz gefüllte Saal ist nach nur einer Stunde nur noch zur Hälfte besetzt. Die restlichen bewegen sich ständig, können kaum ruhig sitzen.

Mein Fazit: Ein absolut verstörendes Stück.

Anastasia Lopez

The Master and Margarita

Donnerstag, 7. Juni 2012

Moskau in den 1930ern, ein Schriftsteller der im Irrenhaus landet, seine Geliebte, die ihre Seele an den Teufel verkauft um ihren Geliebten wiederzusehen, und der Teufel, der erzählt was genau damals auf dem Balkon zwischen Pontius Pilatus und Jeshua Ha-Nozri vorgefallen ist. Der Roman von Michail Bulgakow war nach der Ersterscheinung ausverkauft, die damals zensierten Passagen wurden mit der Hand vervielfältigt. Seit damals zählt er zu den Klassikern und die Handlungsorte des Romans in der Moskauer Innenstadt werden von Bulgakow-Fans besucht. Simon McBurney nahm es auf sich die Kreuzigung Christi und die Straßen Moskaus auf die Bühne zu bringen.

"The Master and Margarita". Bild: Denise Ocampo 2012.

Durch Videoaufnahmen werden einzelne Gesichtsausdrücke, Blutspritzer oder Szenen groß auf die hintere Wand der Bühne projiziert. Wenn es in Moskau einen Schauplatzwechsel gibt, sieht man die Stadt aus der Vogelperspektive. Durch diesen großartigen Effekt bekommt man ein viel besseres Gefühl von der großen kalten Stadt und den Einzelschicksalen – wie das des Ivan Nikolajevich. Oft ist für mich allerdings die Videobegleitung auf der Wand zu viel und ich hätte gerne bei Schlüsselszenen, wie der Kreuzigung, einen Moment Ruhe gehabt um diese besser zu verdauen.

Es ist beeindruckend und effektiv wie mit dem Licht gearbeitet wird. Es werden so ganze Zimmer in Sekundenschnelle geschaffen.

Die schauspielerische Leistung ist grandios. Die zierliche Margarita, gespielt von Sinead Matthews mit ihrer tiefen rauen Stimme geht neben den Männern nicht unter. Die Kostüme sind eher schlicht und unauffällig. Da meist sehr viele Leute auf der Bühne stehen, müssen die Schauspieler mit Stimme überzeugen.

Die Katze Behemoth ist eine Puppe mit roten Augen in Menschengröße, die von Puppenspielern geführt wird. Ich hätte es passender gefunden, wenn die Katze von einem Menschen in einem Kostüm gespielt worden wäre. Die im Roman so lebendige Verkörperung eines kleinen Teufels wurde für mich durch die Puppe nicht zum Leben erweckt.

Die bewegende Geschichte über Mitgefühl von Michail Bulgakow wurde von großartigen Schauspielern präsentiert. Alle Szenen waren atemberaubend – aber mit Musik und Technik manchmal zu viel. Die Reizüberflutung ließ für mich die eine oder andere wichtige Botschaft des Romans über Vergebung, Einsamkeit und die Rolle des Teufels untergehen.

Text und Bild: Denise Ocampo

Wenn Liebe langweilig wird

Montag, 4. Juni 2012

Eine rauchende Frau, ein in Badehose gekleideter Mann: Das ist das erste Bild in “Die schönen Tage von Aranjuez”, das sich den Zuschauern bietet – und bleibt es auch. Zwischen diesen beiden identischen Bildern liegen fast zwei Stunden unermüdliches Reden über das jeweilige Liebesleben.

Die Absicht, die beiden Personen und ihre Verbindung zueinander mysteriös erscheinen zu lassen, gelingt anfangs. Man merkt förmlich, wie interessiert die Zuschauer sind, herauszufinden, was diese so redseligen Menschen miteinander verbindet. Sind es Geschwister, die sich nach einem Familientreffen eine Zigarette gönnen? Oder hatten sie einmal ein Liebesverhältnis? Sind es vielleicht bloß Nachbarn, die an diesem schönen Sommertag ein paar Geschichten austauschen? Oder möglicherweise zwei alte Freunde, die versuchen, das Geheimnis der Liebe zu lüften?

All diese Fragen – und noch einige mehr – lassen die Dialoge unheimlich interessant klingen, immer wieder versetzt man sich in eine andere Situation.

Leider verändert sich während des gesamten Stücks nicht ein Mal das Bühnenbild, selbst die Darsteller machen nur wenige Schritte, meistens sitzen sie neben einem Tisch und reden. Die ersehnte Auflösung, wer die beiden nun sind, bleibt unerfüllt. Auch sonst scheint das Stück nicht mehr zu bieten als zwei Sprecher, die teilweise nur Monologe haben. Ob “Die schönen Tage von Aranjuez” also wirklich so schön waren, wie der Titel verspricht, weiß wahrscheinlich nur Peter Handke in Person.

Auflockerung bieten zwar ein paar Scherze und Slapstick-Einlagen zwischendurch, die Geschichten sind auch nicht ganz uninteressant, ansonsten kann man aber nur sagen: Selbst wenn die letzte halbe Stunde gestrichen worden wäre, wirklich etwas verpasst, hätte man wohl nicht.

Anastasia Lopez

Die Künstler machen Überstunden – Making Of Memory 2

Sonntag, 3. Juni 2012

Nach mehr als vier Stunden ist die Vorstellung, das Gesamtkunstwerk Memory 2: Hunger zu Ende: es ist 22.30 Uhr am Abend. Trotzdem wird noch zu einem Publikumsgespräch mit den Darstellern, Wen Hui und Wu Wenguang geladen, der Semitologe Dr. Felix Wemheuer von der Universität Wien, der auch über „Maos „Großer Sprung“in die Hungersnot“ für das Programmheft schrieb.

(Die Mitwirkenden des Folk Memory Projects sind nicht nur Studenten, es finden sich auch z.B. eine Tänzerin oder eine Hotelangestellte, doch im Folgenden werde ich sie alle der Einfachheit halber als „Studenten“ bezeichnen)

  • VERGLEICH MEMORY1 UND MEMORY2 und ZENSUR
    – Bei Memory2 ist der Live-Anteil viel stärker als bei Memory1
    – bei M2 gab es aber keine Probleme mit der Zensur dieses Tabubruches
    – im Zuschauerraum saß zwar kein „gemischtes Publikum von der Straße“, aber es gab schon einen offenen Kartenverkauf, das Publikum musste nicht geschlossen sein
    – Wu Wenguang sagt, dass das größere Problem als die Zensur sei, dass die Leute sich nichts über Hungersnöte, sondern lieber Soaps im Fernsehen ansehen wollen.
    – 2010 gab es die erste „Rohfassung“ von M2, mit 32 Leuten auf der Bühne
    in der 2012er Version mit nur 17 Leuten fließt mehr von den Studenten, die Interviews geführt haben, und ihre Erfahrungen, in ihr Heimatdorf zurückzukehren, mit ein.

  • REAKTIONEN:
    – bei Älteren war damals immer noch die Angst vor den Kampagnen der Mao-Ära tief sitzend
    – „alte Leute kommen nicht daher uns sagen ungefragt etwas zur Kulturrevolution oder der Hungerkrise“, man muss auf sie zugehen und sie oft überreden, mit einem darüber zu reden
    – ehemalige Kadermitglieder waren nicht bereit, sich interviewen zu lassen
    – ein damaliger Buchhalter, der sich zuerst nicht interviewen lassen wollte, berichtete, dass auch damals Getreide vorenthalten wurde und gestand ein, dass das nicht richtig war

  • HEUTE:
    – bei den Schulbuchausgaben ( verwendet wurden welche aus dem Jahr 2004) hat sich in den letzen 8 Jahren nicht wirklich geändert
    – laut Dr. Wemheuer wird heute aber offiziell die Mitschuld der Regierung eingestanden
    – das auch aktuelle Thema der Schuldenrückzahlung auf dem Rücken der Bevölkerung wird zwar von einem Interviewten erwähnt, ist laut den Produzenten aber kein Grund für die Hungersnot, sondern eben der fatale Abzug von Kräften aus der Landwirtschaft im Rahmen des „Großen Sprung nach Vorne“, die schlechte Koordinierung der Volksküchen und die Übertreibung von Erfolgsergebnissen ( „x Hektar Land bringen y Kilo Getreide“, dabei bringt es in Wirklichkeit höchstens y/10 Kilo Getreide)
    – es wird das Thema zwar auch wissenschaftlich untersucht, ist aber schwer darüber zu veröffentlichen, die Künstler waren über das geringe Angebot von Büchern zu diesem schwerwiegenden Thema sehr enttäuscht
    -heute wird man als Bauer zwar satt, doch um Kinder in die Schule zu schicken oder das Haus zu renovieren braucht es ein Zusatzeinkommen

  • DIE SCHAUSPIELER SELBST:
    – sagen es ist nicht schlimm, 5 Stunden auf der Bühne zu stehen, weil es „real life“ ist (der Mandarinenbauer), halt bis auf den Teil mit dem Am-Boden-Robben
    – für die Studenten ist es toll/beeindruckend, auf der Bühne noch einmal darin „einzutauchen“
    – die Tänzerin wollte früher Tänzerin wie im Fernsehen werden, reich und berühmt, doch damit hat sie jetzt „nützliche Kunst“ für sich entdeckt
    – die emotionale Bindung zu den Leuten im Dorf nahm zu, sie wurden nicht nur einfach zu damals interviewt, sondern ganzheitlich kennen gelernt: „Früher waren es ihre tragischen Erinnerungen die mich bestürzten. Jetzt war es ihre Einsamkeit“

  • DIE TASCHENLAMPEN:
    – mussten in den Dörfern eingesetzt werden, wenn es dunkel wurde
    – es wurde auch im Dunkeln in Schulen geprobt auf Basketballplätzen, und dabei die Taschenlampen eingesetzt
    – es ist auch ein Gegensatz zur 1. Version von M2, bei der viel künstliches Licht verwendet wurde
    – es ist eine Neuerung auf Initiative der Studenten, dass nun jeder „sein eigenes Licht“ selber trägt

  • CHOREOGRAPHIE
    – das Robben und die Pyramide an sich haben keine Bedeutung, bei der Choreographie überhaupt hat nicht alles eine Bedeutung, wichtiger ist, was das Publikum sieht
    – für Wen Hui ist es in ihrer Kunst immer wichtig, ihren eigenen Körper einzubringen, und damit ihren eigenen Standpunkt/Blickwinkel

  • THEMA
    – Dr. Wemheuer meint, dass von der Thematik her M2 der größere Tabubruch ist, da die Hungerkrise weniger bekannt und mehr verschwiegen ist als der Terror der roten Garden
    – laut Schätzungen sind dabei ja 15-45 Millionen Leute gestorben, diese unglaublich große Spanne kommt daher, dass Tote kaum gemeldet wurden, um mehr Rationen zur Verfügung zu haben.

Diana Peutl

Schätze deinen Kühlschrank oder: Heut wird’s etwas länger dauern

Sonntag, 3. Juni 2012

Ein mehr Stunden dauerndes Gesamtkunstwerk thematisiert die lange nach außen verschwiegene Hungerkrise in China in den Jahren von 1959 bis 1961. Dass dies nicht ganz einfach zu verarbeiten wird, ist schon beim Betreten des Schauspielhauses absehbar: das Programmheft spricht von Kannibalismus und Kinderverkauf.

Collage zur Produktion "Memory2: Hunger". Collage: Diana Peutl

Ungefähr in der Mitte der Aufführung fällt mir ein, dass ich wohl Notizen machen sollte. Schätzungsweise 2.5 Stunden später habe ich 8 Quart-Seiten eng und fast unlesbar bekritzelt. Aber das ist nichts gegen „Großvater Ren“, der seine Memoiren über sein Leben in Mao-Zeiten in 10 Schreibheften für Volksschüler festgehalten hat. Die „Erinnerungen an eine erbarmungslose Welt“, unter seinem Bett versteckt aufbewahrt, waren eigentlich nur für seine Kinder gedacht, schlussendlich ließ er sich aber doch dazu überreden, sie dem Dokumentarfilmer vom Folk Memory Project, der vor mir auf der Bühne steht, und die von ihm aufgenommenen Interviews kommentiert.

Die Leinwand, auf die mit den Videointerviews und Fotos aus der Zeit der Hungerkrise praktischerweise auch gleich die deutschen Übertitel mit projiziert werden, dominiert vom Hintergrund aus das Bühnenbild. Bemerkenswert sind auch die Taschenlampen, meist in den Händen der Künstler, manchmal aber auch am Boden stehend, umkreist, als wären sie die Antworten auf die Fragen, die in den Raum geflüstert oder auch gebrüllt werden. Neben dem Videoprojektor sind sie die einzige Lichtquelle im Saal.

Anfangs kommen sie von allen Seiten. Vollkommen in Schwarz gekleidet, richten 8 Menschen ihre Taschenlampe auf den Boden vor sich, blicken konzentriert auf den beleuchteten Punkt, als würden sie etwas suchen. Ist es die Wahrheit, die sie suchen? Die Antwort auf die Frage, was in den drei Jahren des Hungers wirklich geschah?

Tränen im Schein der Taschenlampen

Auf der Bühne angekommen, bewegen sie sich wie ein einziges, nervös trappelndes Lebewesen. Als erstes, man ist ja höflich, stellt sich jeder vor, hauptsächlich Studenten der bildenden Kunst sind es, die hier performen. Ein starker Moment ist sicherlich der, als sie uns, in einer Reihe am Bühnenrand stehend, mit immer lauter werdender Stimme aus chinesischen Schulbüchern, in denen die damalige Hungerkatastrophe nur am Rande und als von Naturkatastrophen verursacht erwähnt wird, vorlesen. Allmählich überschreien sie sich gegenseitig, einer nach dem anderen gibt auf, bis schließlich nur noch ein schon heiseres Stimmchen „überbleibt“.

Als „Einstimmung“ zu den Interviews erleben wir einen Live-Bericht: der einzige Performer jenseits der 50, der Mandarinenbauer, der uns bei unserem Workshop 2 Tage zuvor noch neugierig gefragt hat, wie wir das finden, dass er auf der Bühne anfängt zu weinen, und in seiner „Freizeit“; wenn er nicht auf der Bühne steht, alles, was um ihn herum geschieht (z.B. unser Workshop oder das Publikumsgespräch) mitfilmt, ist jetzt ganz ernst. Er teilt die Erinnerungen seines 9 bis 10-jährigen Ichs mit uns, daran, wie seine kleine Schwester und sein einjähriger Bruder unter den Händen seiner machtlosen Mutter verhungerten, daran, wie er Baumrindenbrei essen musste, als es sonst nichts gab.

Es folgen Schwarzweißbilder von Bauern auf Feldern, von unglücklich dreinblickenden und ungesund dünnen Kindern, von Postern mit Slogans der Mao-Kampagnen, so wie „In 15 Jahren haben wir England eingeholt, in 20 die USA“.

Per Video wurden alle Interviews aufgezeichnet, der schwerhörige Großvater, den die Enkelin unbedingt interviewen wollte, auch wenn ihm jede Frage drei Mal ins Ohr gebrüllt werden muss zum Beispiel ist eine der wenigen Stellen, an denen man sich mit feuchten Augen vielleicht zum Schmunzeln durchringen kann, komische Situationen durch Altersschwerhörigkeit, ein wohlbekanntes Szenario auch in Österreich. Kurz eine wohltuende Pause von den erschütternden Berichten von Verhungernden, fatalen Verstopfungen, von Kindern, die ihren Müttern sagen, dass sie nicht weinen sollen, wenn sie sterben, von „Kritiksitzungen“, bei denen „Essensdiebe“ dem gesamten Dorf ausgesetzt wurden und von Selbstmorden, die aus Angst vor ebendiesen verübt wurden.

Videoschleife des Schreckens

Unter den abenteuerlichsten Verrenkungen und den faszinierendsten Verwendungen der allgegenwärtigen Taschenlampen führen uns die Performer durch diese Stunden, während denen ich es nicht über mich bringe, nach draußen zu gehen, um zu verschnaufen, zu gebannt bin ich von jedem Wort, das gesagt wird, jeder Bewegung, die vor meinen Augen Verstörendes, aber auch Herzergreifendes ausdrückt.

Dauernd wird wiederholt, zum Beispiel die Namen der Interviewten gegen Ende der Vorstellung; dieses ist überhaupt ein eindrucksvoller, würdiger „Schlusspunkt“ für die sich in meiner Erinnerung schon zu einem großen, verwirrend – verschwommenen Wirbel verstrickenden mehr als vier Stunden. In einer Reihe, Schulter an Schulter, legen sich die Künstler vor die Leinwand, auf welche die Bilder und Lebensdaten der Interviewten in rascher Folge projiziert werden. Die Namen der Gezeigten schreiend, robben sie zum Vorderrand der Bühne. Dort angekommen, rollen sie sich aufeinander, werden zu Einem, ein schnaufender, unverständlich durcheinander rufender Menschenhaufen. Die unten liegenden klingen schon ziemlich heiser und atemlos, und sehen auch etwas platt aus, als das Licht ausgeht und das Publikum zögerlich beginnt zu klatschen.

Hemmungen

Sowohl die Interviewten als auch Dorfkinder, denen die Dokumentarfilme, welche aus dem Aufgenommenen entstanden, gezeigt wurden, fanden es gut und richtig, dass die beinahe vergessene Hungersnot der Bauern auf diese Weise erinnert wird. Im Ausland sollte es aber besser nicht gezeigt werden, „damit die Menschen im Ausland China nicht auslachen“ formuliert eine Achtjährige. Die Scham über das Versagen des Kommunismus sitzt tief in allen Generationen. Gut, dass Memory2: Hunger trotz der Zweifel im Ausland gezeigt wurde und, ich kann versichern: Ich habe nicht gelacht.

Gut auch, dass das Projekt nicht an den Zeitzeugen scheiterte, von denen manche sich mit den Argumenten entzogen, sie könnten sich nicht erinnern oder seien zu alt und hässlich für so ein Interview. Vielen erschien es auch heute zu gefährlich, das damalige Regime zu kritisieren; meine Lieblingssequenz ist, als man den Interviewer hinter der Kamera auf den Einwand „Es könnte doch jemand vor den Kopf gestoßen werden“ den besorgten alten Mann beschwichtigen hört: „Das erlaubt die Regierung jetzt“.

Diana Peutl

Wer bis hierhin durchgehalten hat – und noch mehr wissen möchte: hier geht´s zu den Notizen aus dem Publikumsgespräch!