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Anstatt Schule und Stadt als Bühne – Ein Protokoll zu einem Experiment

Sonntag, 1. Juli 2012

 

Am Anfang treffen sich alle jungen Schauspieler des Ruhrgebietes in der Casa. Das ist vielleicht ein Gewusel. Überall stehen und sitzen junge Menschen, die eines gemeinsam haben: Sie spielen dieses Wochenende alle Theater. Ihre, meist eigenen Produktionen, werden in Essen auf die Bühne gebracht.

Doch was kann man eigentlich erst einmal machen, damit sich die jungen Erwachsenen aus dem ganzen Ruhrgebiet kennenlernen?

Stadt als Bühne - Aktion 8. Foto: Sara Hoffmann.Stadt als Bühne - Aktion 6. Foto: Sara Hoffmann.Stadt als Bühne - Aktion 5. Foto: Sara Hoffmann.

Während des Unruhr Festivals wird ein Experiment durchgeführt: „Anstatt Schule“. Denn die Jugendlichen sind schließlich nicht in der Schule, sondern verbringen vier Tage lang im Theater.

Als erstes stellt man sich in Kleingruppen vor, redet über Arbeitsweisen und die Arten, in denen Projekte entstanden sind, über die Planung und die Inszenierung. Manch eine Gruppe übt drei Monate für ihr Stück, eine andere setzt sich sieben Monate lang mit ihrem Stück auseinander.

Es entsteht ein reger Austausch zwischen den Schauspielern zu Fragen wie: Wer schreibt die Texte, was soll das Stück bewirken, wie liefen die Proben ab und was macht man, wenn Leute krank werden.

 

Stadt als Bühne - Aktion 4. Foto: Sara Hoffmann.Stadt als Bühne - Aktion 3. Foto: Sara Hoffmann.Stadt als Bühne - Aktion 2. Foto: Sara Hoffmann.

 

Außerdem sollen sich die jungen Schauspieler eine Performance oder eine Interaktion mit Passanten ausdenken, die zeigt, wie man Arbeitsweisen aus den Proben auf den Schulunterricht adaptieren kann, um ein besseres Lernklima zu erschaffen.

Nach dem Zusammentragen der verschiedenen Ideen wird noch angeregt über das Schulssystem diskutiert. Noten und Leistung seien heutzutage sehr wichtig, so würde viel Druck auf die Schüler erzeugt. Dieser sei eher unproduktiv und würde sich negativ auf einen auswirken.

 

Am darauffolgenden Tag ist es Aufgabe, die am Tag zuvor entstandenen Ideen in einer Performance in der Essener Innenstadt zu präsentieren.

Interviews zu den Ideen für Stadt als Bühne

 

Man läuft in Zweierreihen durch die Fußgängerzone und singt zu „Aus den Blauen Bergen kommen wir, unser Lehrer ist genauso dumm wie wir….“ seine selbst weitergetexteten Strophen. So entstehen lauthals vorgesungene Strophen wie „mit dem Pickel auf dem Zinken, sieht er aus wie`n roher Schinken“ oder „mit List und Tücke schreiben die ne vier, wir Schüler sind ja klüger mit dem Spickertrickbetrüger“.

 

Stadt als Bühne - Aktion 1. Foto: Sara Hoffmann.Stadt als Bühne - Aktion 9. Foto: Sara Hoffmann.Stadt als Bühne - Aktion 7. Foto: Sara Hoffmann.

 

Von einem Präsentationsort geht es zum Nächsten. Mit bunter Kreide wird der Boden des Willy Brandt Platzes mit Assoziationen zu Schule und Theater bemalt, es werden Menschenpyramiden gebaut, die Liedtexte währenddessen vorgetragen und Schulszenen nachgespielt.

In diesen zwei Tagen ist eindeutig klar geworden, dass man das schulische Arbeiten der Lehrer nicht auf die Erarbeitung einer Theaterproduktion anwenden kann.

 

Erst wenn der Lehrer von seiner steifen, verschulten Methode absieht und beginnt, mit den Jugendlichen auf einer Ebene zu arbeiten, kann ein Lern- und Übungsprozess beginnen.

Ein Geben und Nehmen von Ideen und Methoden seitens des Lehrers und des Jugendlichen ist wichtig.

Erst, wenn eine Harmonie zwischen beiden entsteht, wenn man sich auf Augenhöhe begegnet, ist es möglich, produktiv und effizient zu arbeiten.

 

Shannon hat die AkteurInnen im Anschluss nach ihren Eindrücken und Erfahrungen befragt:

Wie war´s?

Camilla L.

Ein wahnsinnig virtuelles Treiben

Samstag, 30. Juni 2012

„Virtueller Wahnsinn – Mein Leben im Internet“, eine Eigenproduktion des Kinder- und Jugendtheater Dortmunds unter der Leitung David Beyer (Regie) und Christine Köck (Pädagogik), setzt sich kritisch mit dem Umgang von Jugendlichen mit dem Web 2.0 auseinander.

"Virtueller Wahnsinn - Mein Leben im Internet". KJT Dortmund. Foto: Sara Hoffmann.

Getragen wird das Stück von den 17 SchauspielerInnen zwischen 15 und 17 Jahren, die sich schon während des Einlasses auf der Bühne befinden. Mit dem typischen DÜMDÜMDÜDÜM eines hochfahrenden Computers erwachen diese aus ihrem Freeze und beginnen ihr Spiel.

Um hier am Anfang direkt mal auf das Ende zu kommen: So besiegeln die KJTler ihr Stück auch mit einem zweiten DÜMDÜMDÜDÜM, wenn alle Akteure wieder in ihrer Ausgangsposition ankommen sind. Der Computer ist so zu sagen wieder heruntergefahren, der „Virtuelle Wahnsinn“ erstmal vorbei.
Das an eine große Leinwand geworfene Bild eines leeren Desktops, auf dem sich im Laufe des Stücks einiges abspielen wird, und genau jenes Geräusch führen uns schon in den ersten Sekunden in das Thema ein.

Ich als Zuschauer werde geradezu mit collagenartig zusammengefügten Szenen bombardiert, die jede für sich so prägnant sind, dass mein Gehirn es nicht schafft, sie alle zu verarbeiten. Auch wenn ich das gern so hätte. Das eher schlicht gehaltene Bühnenbild (eine große Leinwand, die im Laufe des Stücks jedoch viele Möglichkeiten offenbart, einige Sitzgelegenheiten an den Flügeln der Bühne) betont das Spiel der Akteure.

Mal scheint das Publikum nur eine typische Handlung der entsprechenden Person zu beobachten.
Während zwei Jugendliche so zum Beispiel rechts und links von der Bühne voneinander entfernt sitzen und ihre Chat-Konversation laut mitlesen, tanzen zwischen ihnen zwei weitere. Sie verbildlichen das Spiel des „online Kennenlernens“, indem sie die Chattenden verkörpern und in ihrem „Balztanz“ auf das Gespräch eingehen. Der Zuschauer jedoch erkennt, dass das fiktive Treffen wohl niemals Realität werden wird. Die Figuren auf der Bühne stellen sich sehr idealisiert dar, wodurch die Jugendlichen das Problem der Identitätssuche im Internet sehr klar aufgreifen.

Besonders durch solche Szenen (und dadurch, dass die Szenenblöcke durch immer wiederkehrende Musik und Choreographien für den Zuschauer sichtlich getrennt werden) erscheint das Stück im Nachhinein sehr körperbetont.
Zugleich sprechen einige der gezeigten Figuren in mehreren Szenen ihren eigenen Monolog vor dem Publikum, in dem sie bewusst einen Aspekt zum „virtuellen Wahnsinn“ beschreiben. Diese Monologe geben dem Stück trotz Situationskomik seinen ernsthaften Kern. In ihnen greifen die Jugendlichen immer wiederkehrende Motive und Themen wie Einsamkeit, Sehnsucht oder die Suche nach Identität auf. „Hier bin ich jemand“, „Hier bringt man mir endlich Verständnis entgegen“ oder „Hier wird MIR mal zugehört.“
Diese ruhigen Szenen bilden einen krassen Kontrast zu den aufregenden Bildern und Tänzen. Die Gruppe des Dortmunder KJTs schafft es, einen gelungen Ausgleich zu finden, der es mir weder schwer macht, bewusst auf die Texte zu hören, noch meine Wahrnehmung zu überlasten scheint.

Die Gefangenheit der Figuren in der Digitalen Welt wird durch ein für das Stück entscheidendes Bild dargestellt. Es kehrt immer wieder zurück, wird variiert und gibt der Collage einen leitenden Faden.
Wann immer von „Vernetzung“ die Rede ist, zaubern die Akteure einige Rollen Frischhaltefolie auf die Bühne. Zum Anfang des Stücks sehen wir, wie beinahe alle durch Telefonate oder SMS, ohne es zu realisieren miteinander verbunden (also von Frischhaltefolie umwickelt) werden. Während diese Personen durch ihr normales Handeln, ob gewollt oder nicht, eingewickelt (also verbunden, also gefangen) werden, wickelt sich später eine der Akteurinnen während ihres Monologes bewusst in eine ganze Rolle Folie ein und unterstreicht somit die Kernaussage des Textes ihrer Figur: Ich will das so, weil es mir Halt gibt.
Diese bewusste „Flucht“ wird noch einmal in einer eher abstrakten Szene aufgegriffen, die mir persönlich mit am besten gefallen hat: An die Leinwand wird ein übergroßes Lagerfeuer projiziert und langsam kriechen die DarstellerInnen dem Feuer (hier als Symbol für die virtuelle Welt) mit ihren umklammerten Handys entgegen, um sich, mal dramatisch ausgedrückt, in ihrer Verlassenheit an eben dieser zu wärmen und zu trösten.
In anderen Momenten versuchen sie aus den Fängen der Vernetzung zu entfliehen, schaffen es jedoch nicht. Sie bleiben umwickelt. Wir, das Publikum, ebenso.

Das Ensemble beschäftigt sich allerdings nicht nur mit dem Verschwinden in der Virtualität. Durch verschiedene Szenen zeigt es uns, wie die digitale Welt auch in unser reales Leben eindringen kann.
So stellen die jungen SchauspielerInnen dar, wie aus Cyber-Mobbing physische Gewalt und aus Facebook-Stalking eine Besessenheit wird, die bis hin zur Entführung reicht.
Besonders diese Szenen erinnerten stark an Mamas Worte, die wir doch alle kennen: „Kind, das Internet ist gefährlich und böse!“ Jetzt kommt doch wieder ein wenig heraus, dass wir uns hier schon mit einem typischen pädagogischem Thema befassen, das schon in jeglicher Weise durchgekaut und überdramatisiert wurde und in mir persönlich ein lautes „O Gott, nicht schon wieder!“ auslöst.
Dass ich genau solche Vorbedenken bis zu diesen Szenen komplett über den Haufen geworfen hatte, macht diesen Moment jedoch zum must-have eines jeden Stücks, in dessen Arbeitsprozess sich ein schlaues Köpchen überlegt hat, ein Thema zu wählen, was uns allen ja eigentlich schon zum Hals raus hängt.
Der Kniff liegt darin, dieses must-have auf ein Minimum zu beschränken, es nicht zur Grundstimmung mutieren zu lassen. Und meiner Meinung nach ist Beyer und Köck (und den SchauspielerInnen natürlich) das ganz klar gelungen.

Die letzte Spalte, in die man die Szenen meinem Empfinden nach einordnen kann, befasst sich mit waschechter Kritik.
Das Ensemble wagt beispielsweise einen sehr pessimistischen Blick in die Zukunft. Aus dieser warnt uns eine gekrümmte und verbuckelte Person auf der Leinwand davor, dass ihre Generation den Absprung von der virtuellen Welt nicht geschafft hat.
Andererseits machen die Akteure mir mit eindeutigen Bildern auf der Bühne sehr klar, was sie von dem Staat zu scheinen halten, oder zumindest von den Vorteilen, die dieser aus dem „virtuellen Wahnsinn“ ziehen mag. So treten die jungen SchauspielerInnen einerseits mit Guy Fawkes Masken auf und erklären uns zu Opfern eines virtuellen Überwachungsstaates, andererseits machen sie einen ihrer Mitspieler wortwörtlich zur Marionette.
„Every breath you take, every move you make, I’ll be watching you!” scheint eine Mitteilung zu sein, die den 17 Jugendlichen wichtig ist, denn zum Ende hin hören wir diesen Satz immer und immer wieder.

Allumfassend betrachtet fällt mir gleich der eher negativ belastete Umgang mit dem Thema auf. Aber das gefällt mir. Die KJTler scheinen sich nicht gezwungen zu haben, ein ausgeglichenes Pro- und Kontrasystem hervor zu bringen.
Interessant bleibt dann die Frage, wie es kommt, dass einen so pessimistischen Blick wagen, wenn sie doch trotzdem total in der digitalen Welt gefangen sind. Oder können sie diesen Blick nur haben, eben weil sie drin sind?
Das Stück wirft also mehr Fragen auf als es Antworten gibt, was für den ein oder anderen sicherlich Kritikpunkte hergibt. Ich finde das völlig ausreichend. Auch nach dem „Herunterfahren des Computers“ werden sich einige Zuschauer sicherlich Gedanken über ihren Umgang mit der virtuellen Welt und den Auswirkungen auf sich selbst machen. Mehr kann man doch wirklich nicht erwarten.

- Shannon

Willkommen

Donnerstag, 28. Juni 2012

Noch knapp zwei Stunden, dann kommt Unruh®, …

Unruhr2012. Tag 1. Fühlt euch wie zuhause. Photo: Sascha Westphal.

Willkommen im Grillo

Du bist neu hier?

Du fühlst dich fremd?

Einsam?

Unsicher?

Wieso? Weshalb? Warum?

Du bist in Essen

Du bist im Grillo

Du wirst herzlich aufgenommen

Du wirst schnell alles kennenlernen

Du wirst nette Leute treffen

Fremd hier?

Nein, denn alle heißen dich willkommen.

In Essen

Im Grillo

Im Sommer

Im Stehen

Im Sitzen

Im Schweigen

Im Reden

Im Rennen

Im Regen

Fühl dich wie zu Hause,

geh in die Cafeteria,

Ins Foyer,

geh in die Box,

spiel dein Spiel.

Hab Spaß und fühl dich herzlich willkommen.

Denn wir wollten, dass du kommst und nun bist du gekommen

zum willkommenen Willkommen.

Wir heißen dich herzlich willkommen zu deinem gewollten Kommen und

freuen uns, dass du hier bist.

Alles kann beginnen.

Hier

Jetzt

…. Und Spiel….

Von Camilla L.

Unruh®-Festival

Dienstag, 26. Juni 2012

Am Donnerstag geht es hier los mit einem Blog zum Unruh®-Festival 2012 am Schauspiel Essen. Junge KritikerInnen werden für euch berichten. Viel Spaß wünscht die Redaktion der “jungen bühne”!

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