„Virtueller Wahnsinn – Mein Leben im Internet“, eine Eigenproduktion des Kinder- und Jugendtheater Dortmunds unter der Leitung David Beyer (Regie) und Christine Köck (Pädagogik), setzt sich kritisch mit dem Umgang von Jugendlichen mit dem Web 2.0 auseinander.

Getragen wird das Stück von den 17 SchauspielerInnen zwischen 15 und 17 Jahren, die sich schon während des Einlasses auf der Bühne befinden. Mit dem typischen DÜMDÜMDÜDÜM eines hochfahrenden Computers erwachen diese aus ihrem Freeze und beginnen ihr Spiel.
Um hier am Anfang direkt mal auf das Ende zu kommen: So besiegeln die KJTler ihr Stück auch mit einem zweiten DÜMDÜMDÜDÜM, wenn alle Akteure wieder in ihrer Ausgangsposition ankommen sind. Der Computer ist so zu sagen wieder heruntergefahren, der „Virtuelle Wahnsinn“ erstmal vorbei.
Das an eine große Leinwand geworfene Bild eines leeren Desktops, auf dem sich im Laufe des Stücks einiges abspielen wird, und genau jenes Geräusch führen uns schon in den ersten Sekunden in das Thema ein.
Ich als Zuschauer werde geradezu mit collagenartig zusammengefügten Szenen bombardiert, die jede für sich so prägnant sind, dass mein Gehirn es nicht schafft, sie alle zu verarbeiten. Auch wenn ich das gern so hätte. Das eher schlicht gehaltene Bühnenbild (eine große Leinwand, die im Laufe des Stücks jedoch viele Möglichkeiten offenbart, einige Sitzgelegenheiten an den Flügeln der Bühne) betont das Spiel der Akteure.
Mal scheint das Publikum nur eine typische Handlung der entsprechenden Person zu beobachten.
Während zwei Jugendliche so zum Beispiel rechts und links von der Bühne voneinander entfernt sitzen und ihre Chat-Konversation laut mitlesen, tanzen zwischen ihnen zwei weitere. Sie verbildlichen das Spiel des „online Kennenlernens“, indem sie die Chattenden verkörpern und in ihrem „Balztanz“ auf das Gespräch eingehen. Der Zuschauer jedoch erkennt, dass das fiktive Treffen wohl niemals Realität werden wird. Die Figuren auf der Bühne stellen sich sehr idealisiert dar, wodurch die Jugendlichen das Problem der Identitätssuche im Internet sehr klar aufgreifen.
Besonders durch solche Szenen (und dadurch, dass die Szenenblöcke durch immer wiederkehrende Musik und Choreographien für den Zuschauer sichtlich getrennt werden) erscheint das Stück im Nachhinein sehr körperbetont.
Zugleich sprechen einige der gezeigten Figuren in mehreren Szenen ihren eigenen Monolog vor dem Publikum, in dem sie bewusst einen Aspekt zum „virtuellen Wahnsinn“ beschreiben. Diese Monologe geben dem Stück trotz Situationskomik seinen ernsthaften Kern. In ihnen greifen die Jugendlichen immer wiederkehrende Motive und Themen wie Einsamkeit, Sehnsucht oder die Suche nach Identität auf. „Hier bin ich jemand“, „Hier bringt man mir endlich Verständnis entgegen“ oder „Hier wird MIR mal zugehört.“
Diese ruhigen Szenen bilden einen krassen Kontrast zu den aufregenden Bildern und Tänzen. Die Gruppe des Dortmunder KJTs schafft es, einen gelungen Ausgleich zu finden, der es mir weder schwer macht, bewusst auf die Texte zu hören, noch meine Wahrnehmung zu überlasten scheint.
Die Gefangenheit der Figuren in der Digitalen Welt wird durch ein für das Stück entscheidendes Bild dargestellt. Es kehrt immer wieder zurück, wird variiert und gibt der Collage einen leitenden Faden.
Wann immer von „Vernetzung“ die Rede ist, zaubern die Akteure einige Rollen Frischhaltefolie auf die Bühne. Zum Anfang des Stücks sehen wir, wie beinahe alle durch Telefonate oder SMS, ohne es zu realisieren miteinander verbunden (also von Frischhaltefolie umwickelt) werden. Während diese Personen durch ihr normales Handeln, ob gewollt oder nicht, eingewickelt (also verbunden, also gefangen) werden, wickelt sich später eine der Akteurinnen während ihres Monologes bewusst in eine ganze Rolle Folie ein und unterstreicht somit die Kernaussage des Textes ihrer Figur: Ich will das so, weil es mir Halt gibt.
Diese bewusste „Flucht“ wird noch einmal in einer eher abstrakten Szene aufgegriffen, die mir persönlich mit am besten gefallen hat: An die Leinwand wird ein übergroßes Lagerfeuer projiziert und langsam kriechen die DarstellerInnen dem Feuer (hier als Symbol für die virtuelle Welt) mit ihren umklammerten Handys entgegen, um sich, mal dramatisch ausgedrückt, in ihrer Verlassenheit an eben dieser zu wärmen und zu trösten.
In anderen Momenten versuchen sie aus den Fängen der Vernetzung zu entfliehen, schaffen es jedoch nicht. Sie bleiben umwickelt. Wir, das Publikum, ebenso.
Das Ensemble beschäftigt sich allerdings nicht nur mit dem Verschwinden in der Virtualität. Durch verschiedene Szenen zeigt es uns, wie die digitale Welt auch in unser reales Leben eindringen kann.
So stellen die jungen SchauspielerInnen dar, wie aus Cyber-Mobbing physische Gewalt und aus Facebook-Stalking eine Besessenheit wird, die bis hin zur Entführung reicht.
Besonders diese Szenen erinnerten stark an Mamas Worte, die wir doch alle kennen: „Kind, das Internet ist gefährlich und böse!“ Jetzt kommt doch wieder ein wenig heraus, dass wir uns hier schon mit einem typischen pädagogischem Thema befassen, das schon in jeglicher Weise durchgekaut und überdramatisiert wurde und in mir persönlich ein lautes „O Gott, nicht schon wieder!“ auslöst.
Dass ich genau solche Vorbedenken bis zu diesen Szenen komplett über den Haufen geworfen hatte, macht diesen Moment jedoch zum must-have eines jeden Stücks, in dessen Arbeitsprozess sich ein schlaues Köpchen überlegt hat, ein Thema zu wählen, was uns allen ja eigentlich schon zum Hals raus hängt.
Der Kniff liegt darin, dieses must-have auf ein Minimum zu beschränken, es nicht zur Grundstimmung mutieren zu lassen. Und meiner Meinung nach ist Beyer und Köck (und den SchauspielerInnen natürlich) das ganz klar gelungen.
Die letzte Spalte, in die man die Szenen meinem Empfinden nach einordnen kann, befasst sich mit waschechter Kritik.
Das Ensemble wagt beispielsweise einen sehr pessimistischen Blick in die Zukunft. Aus dieser warnt uns eine gekrümmte und verbuckelte Person auf der Leinwand davor, dass ihre Generation den Absprung von der virtuellen Welt nicht geschafft hat.
Andererseits machen die Akteure mir mit eindeutigen Bildern auf der Bühne sehr klar, was sie von dem Staat zu scheinen halten, oder zumindest von den Vorteilen, die dieser aus dem „virtuellen Wahnsinn“ ziehen mag. So treten die jungen SchauspielerInnen einerseits mit Guy Fawkes Masken auf und erklären uns zu Opfern eines virtuellen Überwachungsstaates, andererseits machen sie einen ihrer Mitspieler wortwörtlich zur Marionette.
„Every breath you take, every move you make, I’ll be watching you!” scheint eine Mitteilung zu sein, die den 17 Jugendlichen wichtig ist, denn zum Ende hin hören wir diesen Satz immer und immer wieder.
Allumfassend betrachtet fällt mir gleich der eher negativ belastete Umgang mit dem Thema auf. Aber das gefällt mir. Die KJTler scheinen sich nicht gezwungen zu haben, ein ausgeglichenes Pro- und Kontrasystem hervor zu bringen.
Interessant bleibt dann die Frage, wie es kommt, dass einen so pessimistischen Blick wagen, wenn sie doch trotzdem total in der digitalen Welt gefangen sind. Oder können sie diesen Blick nur haben, eben weil sie drin sind?
Das Stück wirft also mehr Fragen auf als es Antworten gibt, was für den ein oder anderen sicherlich Kritikpunkte hergibt. Ich finde das völlig ausreichend. Auch nach dem „Herunterfahren des Computers“ werden sich einige Zuschauer sicherlich Gedanken über ihren Umgang mit der virtuellen Welt und den Auswirkungen auf sich selbst machen. Mehr kann man doch wirklich nicht erwarten.
- Shannon