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Ist das Theater oder kann das weg ?- wenn bildende Künstler inszenieren

Freitag, 20. Juli 2012

Dass Theater in die Situation kommen würde als Medium nicht mehr eindeutig definierbar zu sein, hat vor ein paar Jahren wohl kaum einer gedacht. Klar, die grossen Häuser in Deutschland , allen voran wahrscheinlich die Volksbühne, integrieren seit langem verschiedenste Medien in ihre Inszenierungen , der Einsatz einer Video-Kamera ist ebenso selbstverständlich wie Musik oder Tanz. Es ist aber gerade das institutionalisierte Theater Deutschlands , das einem relativ homogenen Ansatz von Regie-Theater folgt, freie Kollektive , selbst geschriebene Stücke oder performative Ansätze sind eher in der Minderheit .

Die auf dem Festival eingeladenen Inszenierungen von Romeo Castelluci und Marcus Cöhen könnten nicht unterschiedlicher sein, der eine entwickelt seit 30 Jahren eine eigene Theaterästhetik , der andere inszeniert zum ersten Mal, doch wird bei beiden Theater aus Perspektive der bildenden Kunst neu gedacht.

Der 40-jährige bildende Künstler Marcus Öhrn entwickelt in « Conte d’amour » (Liebesgeschichte) aus der Geschichte von Josef Fritzl, dem Österreicher, der seine Tochter 20 Jahre lang gefangen gehalten hielt und 7 Kinder mit ihr hatte, ein 3-stündiges Werk, dass Phänomene wie Liebe, Perversion, Gewalt und familiäre Idyllen in ihrer stereotypen Definition brutal seziert und in Frage stellt.

Copyright@Christophe Raynaud de Lage

Copyright@Christophe Raynaud de Lage

Elmer Bäck, der den Vater spielt, trohnt in der 1. Etage eines Rohbaus im Bademantel auf einem Sofa, eine Gummipalme neben sich, der weisse Miniatur-Gartenzaun fungiert als Schlossmauer. Rechts auf die Leinwand ist ein Loop aus Beton-Mixer, Spachteln und dem Errichten einer Mauer zu sehen, die Suggestion des patriarchalischen Eigenbauheims ist perfekt. Auf seinem Schoss hat er 4 Puppen, die er statisch streichelt, liebkost und penetriert, fast wie eine Zeremonie, ganz friedlich. Er füttert die Pupppen mit Chips und Cola, zerdrückt die Chips in ihrem Gesicht, schüttet die Cola über sie, bevor er alle Puppen in den Arm nimmt, sie wieder penetriert. Ein harmonisches Bild der sorglosen Instinktbefriedigung und Fürsorge, bevor sich Elmer Bäck durch einen Durchgang im Schrank und eine Luke in den Keller hinablässt und die Schauspieler die nächsten 3 Stunden hinter einer Plane im Verborgenen agieren, nur über 2 grosse Bildschirme zu sehen sind. Was Marcus Öhrn dann mit seinen 4 männlichen Schauspielern entwickelt hat, wiederstrebt so jeglicher Konvention des Theaters, der Struktur und Sehgewohnheiten, dass am Ende 50% gegangen sein werden und die anderen 50% mit standing ovations jubeln.

Zwischen Marilyn Monroes « Teach me Tiger », Schönheit, Erotik und purer Vergewaltigung, Sex-Spielen wie «Thailänderin », « Afrikaner »und Wrestling-Masken, zwischen Lidl-Tüten und Mc-Donalds Bürgern lösen sich die Halt gebenden Grenzen des Bösen auf. Anarchischer Trash neben komplexen intelektuellen Fragestellungen, die Vergleichbarkeit der Perversion globaler Phänomene wie dem Kolonialismus oder Sex-Tourismus ist ebenso Thema wie die Frage nach Sprache, Widerstand, Opfern, dem religiösen Inzest-Tabu, sexuellen Stereotpen und Gender-Rollen, Glück und Liebe. Es entsteht eine eigene Welt innerhalb dieses Kellers, aber die Perversion dieses Kellers fungiert auch als Abbild der Welt. Aus diesem vielschichtigen, mal wilden mal erdrückend langsamen Spiel kehrt das Stück immer wieder zur brutalen Vergewaltigung zurück, in einer unglaublichen physischen Leistung der Schauspieler, die verhindert, dass der faktische Schrecken der Situation verharmlost wird. Das ostinate « You have to see it from a more global perspective » sowie die Thematisierung des medialen Interesses an der schlichten Opferrolle karikiert die einerseits intellektualisierte und andererseits banalisierte Rhetorik im Umgang mit politischen Problemen, wie sowieso Jegliches in diesen 3 Stunden aufgegriffen wird, was man mit dieser schrecklichen Geschichte assoziieren könnte, denn Marcus Öhrn wollte definitiv alles, ausser das Publikum mit einem angenehmen Schauer zu unterhalten. Diese Nicht-Beschränkung, Nicht-Linearität, die Lust an multiperspektivischen und gleichzeitigen Gedanken sowie das Desinteresse an einer Theater-Tradition ermöglicht ein wahnsinnig dynamisches, innovatives Theater.

Ganz anders, aber ebenso unkonventionell arbeitet Romeo-Castellucci, 2008 artiste associé des Festivals, vielfach ausgezeichnet, ein grosser Denker, Autor und Künstler, der Malerei und Szenographie studiert hat, bevor er seit 1981 mit seiner eigenen Kompanie « la Socìetas Raffaello Sanzio » ein neues, interdisziplinäres Theater entwickelt hat.

Foto von Christophe Raynaud de Lage

Foto von Christophe Raynaud de Lage

Four Seasons Restaurant ist ein ästhetischer Diskurs über die Gravitation des Unbekannten, die Auflösung des Bildes, sich auf 3 verschiedene Werke beziehend: Das unvollendete Drama Hölderlins “Tod des Empedokles”, Hawthornes Novelle “Des Pfarrers schwarzer Schleier” und auf das Werk Rothkos. So wie sich diese 3 Werke um das Thema Nicht-Sagen, Nicht-Abbilden, Sehnsucht und Verschwinden drehen, so repräsentiert das Theater nichts im tradierten Sinne, die Präsenz der Schauspieler löst sich mehr und mehr auf, bis nur noch mit  dem Bühnenbild, Dunkelheit, Sound und einem ausgestopften Pferd gearbeitet wird.

Aber langsam und von vorne: Was will mir das sagen, wenn sich 15 junge schöne Frauen im grossen Gestus einer antiken Formsprache ihre Zungen abschneiden und sich im Kreis zusammenfinden, umgeben von einer faschistischen Turnhallen- Ästhetik? Und dann zwei Hunde, die gierigen, die im dunklen Licht auf die Bühne kommen und diese als Zungen getarnten Knet-Lekkerlies auffressen. Und dann das kultische Spiel von Hölderlins Tod des Empedokles, das an Renaissance-Gemälde erinnert, bis ins Detail durchdachte Gemälde aus Schauspielern. Und dann liegt da nur noch ein ausgestopftes Pferd, das hinter einem sich selbst bewegenden blauen Vorhang auftaucht, und dann schwarze Kugeln und vorher nackte Frauen, die sich aus einer verwobenen Figur gebären. Und dann ist die Bühne weiss und ein schwarzer Stoff rollt sich über die gesamte Fläche, bevor im Ursturm eines wild zirkulierenden Federmeers und Soundozeans in einem die gesamte Bühnenvorderseite einnehmenden Plexiglaskasten  eine umhüllte Figur eine schwarze Fahne schwenkt: Ende. Puh! Wow! Schön! Klug! Schwierig! And now? Kann ich wieder zurück in die Banalität der Realität eines Cafés und Baguettes, auf das ich doch so grosse Lust habe? Und wenn ich wie wahrscheinlich 99% der Zuschauer das Gefühl habe, das Stück nicht fassen, begreifen zu können, ist das dann trotzdem okay, dass ich so begeistert bin von dieser irrationalen Grösse? Von der physischen Macht dieser Bilder,des Nicht-Theaters, das gleichzeitig nicht-ironisches Theater wieder möglich macht. Castellucci kann man nicht konsumieren und nicht hinnehmen und vor allen Dingen kann man danach wieder an eine Zukunft von neu gedachten Theater glauben.

Lennart Boyd

Schlusswort

Mittwoch, 20. Juni 2012

Bei den Festwochen habe ich Einiges über Kunst erlebt und gelernt.

Ich habe erlebt, wie es ist, wenn Kunst nicht nur eine mußevolle Abwechslung zum Alltag, sondern ein fester Bestandteil dessen ist. Ich habe gelernt, wie viel – oder auch wie wenig – Aufwand für eine Produktion betrieben werden kann. Ich habe gelernt, dass es Kunst gibt, die ihren Betrachter dort abholt, wo er steht – und Kunst, die vom Zuseher verlangt, einen Köpfler in unbekanntes Gewässer zu machen.

Memory2: Hunger. Bild: Denise Ocampo„Memory 2: Hunger“ oder „Three Kingdoms“ zähle ich zur letzteren Sparte – im Dunkel, abseits der scheinwerfer- beleuchteten Handlung, wurde man mit seinen Ängsten und Erwartungen konfrontiert, um diese gemeinsam mit (sowohl psychischen als auch physischen) Bequemlichkeiten aufzugeben und ganz einzutauchen, das Dargebotene „mit Haut und Haar“ zu erleben. La Traviata - mit Freiwilligen in der Wiener Innenstadt 2012. Photo: Anastasia Lopez.Zu den emotional weniger fordernden Abenden gehörte dann z.B. „La Traviata“, die einfach schön anzuhören und -sehen war, zwar auch eine problematische und tragische Handlung hatte, doch durch die kunstvolle Inszenierung einen Gegenpol des Schönen und Angenehmen hatte.

Was man bei jeder Produktion kann, sobald das Licht ausgeht: Seine eigenen Probleme vergessen, den Alltagstrott hinter sich lassen. Den Unterschied zwischen den Stücken macht bei diesem Punkt aus, wie wohl oder unwohl man sich dabei fühlt – wie stark die emotionale Spannung, die von der Bühne aus aufgebaut wird, ist und mit welchem Erfolg sie bewältigt wird.

The Master and Margarita. Bild: Denise Ocampo.Auch über mich selbst habe ich einiges gelernt – daraus, wie ich die emotionalen Konflikte und Gedanken- windungen, die ich stets mit nach Hause nahm, behandelte. Überrascht hat mich, wie viel länger mich Stücke mit Thematik, von der ich wusste, dass es sich um tatsächlich Geschehenes handelte, wie bei „Le Socle des Vertiges“ oder „Memory 2: Hunger“, beschäftigte als viel schockierendere Inszenierungen mit fiktivem Inhalt wie z.B. „Böse Buben“.

Groß und klein. Photo: Mary Sarsam.Mein Schlusswort zu den Festwochen: Kultur und Kunst ist eben nicht nur für Pensionisten – man muss als Jugendlicher nur die Tür zu seinem Alltag weit aufreißen und etwas Platz schaffen zwischen Abgabeterminen für die Schule und pubertären Problemen. Im Gegenzug erwartet einen eine in großen und kleinen “Kulturinstitutionen“ versteckte Welt, die neues Licht auf Altbekanntes wirft. Manchmal glitzert und funkelt es in diesem neuen Licht, manchmal sieht es dreckiger aus.

Österreicher integriert euch - mit Freiwilligen in der Wiener Innenstadt. Photo: Anastasia Lopez.Glaube Liebe Hoffnung. Photo: Mary Sarsam.Open For Everything - mit Freiwilligen in der Wiener Innenstadt. Photo: Anastasia Lopez.Krizís, trilogía III: A papnö. Photo: Anastasia Lopez.

Text: Diana Peutl

Bilder und Photos zu ausgewählten Inszenierungen: Anastasia Lopez, Mary Sarsam und Denise Ocampo

PTSdT(1) >> “Leo” und “White Rabbit / Red Rabbit” (Vol. 1)

Montag, 23. April 2012

PTSdT* Teil 1: Samstag, den 21. April 2012

“Leo” (Circle of Eleven, Schottland/Deutschland)

Leo war lustig.
Leo war neu.
Leo war besonders.
Leo war bunt.
Leo war kreativ.
Leo war suspekt.
Leo war unglaublich.
Leo war einprägend.
Leo war all dies und vieles mehr!

Stellt eine Kamera auf und schließt sie an den Beamer an. Dreht den Beamer um 90° nach (ob links oder rechts hängt von eurer Raumsituation ab), so dass das Bild “senkrecht” steht. Stellt die Kamera so auf, das das Beamerbild nicht zu sehen ist, aber  man Boden und mindestens zwei Wände sehen kann.
Jetzt legt euch auf den Boden, rutscht mit den Füßen an die Wand. Wenn der Beamer jetzt richtig herum gedreht ist, “steht” ihr auf dem Beamerbild an der Wand die durch die Drehung zum Fußboden wird – wenn nicht, einfach den Beamer um 180° drehen ;-)
Jetzt hebe langsam deine Beine an. Und tata! DU SCHWEBST! Richtig gehört. Und das ist die Grundidee von “Leo”.

LEO liebt Oldenburg!

LEO liebt Oldenburg!

Anfangs weiß Leo von nichts. Er kommt auf die Bühne: Diese besteht aus zwei dunkelblauen Wänden (hinten und links), einer roten Wand (rechts) und einem hellblauen Fußboden (unten – kleiner Spaß!) – doch im Video ist die rote Wand der Fußboden (kein Spaß!). Bedeutet: Der Koffer an der Wand auf der Bühne liegt in der Videoprojektion auf dem Fußboden.
Wie gesagt: Am Anfang weiß Leo nichts. Der Witz entsteht durch (natürlich) gesetzten Zufall. Er überschlägt die Beine kurz ohne den Boden zu berühren und “fällt” nicht. Urkomisch! Als nächstes “denkt” er die hellblaue Wand wäre eine Art Kraftfeld. Herrlich! Dann kommt aus seinem Koffer Musik zu der er tanzt und akrobatische Einlagen bietet. Grandios! Und so könnte ich weiter machen. Seinen Hochpunkt erlebt das Stück mit einem einfachen Stück Kreide. Ein Stuhl, ein Tisch. Dann eine Katze die nicht reagieren will – wie auch? Als Gegenpart ein Fischglas und ein Papagei, der im realistischen Fenster sitzt. Ein Traum – und wunderschön gezeichnet an die hintere Wand (auf der Bühne und im Video, die bleibt hinten ;-) ); und ja, er zeichnet um 90° gedreht! Eine Kunst. Dann das große Finale: Durch Videoanimation und überlagerte Bilder erweckt das Geschehen zum Leben…aber ich möchte nicht alles verraten, falls es noch jemand sehen will.
Zwischendurch fiel mir noch etwas auf. Anfangs versuchte ich immer beides im Blick zu haben. Bühne und Projektion. Doch dadurch das der “Witz” des Stückes erst durch die Projektion Sinn ergab, blieb man mit dem Blick dann doch dort hängen. Dennoch lohnt sich der Blick in den “Bühnenraum” durchaus auch immer mal, denn wenn Leo im Video “entspannt” an der Wand lehnt, so hat der Schauspieler die Aufgabe sich nur mit dem Arm vom Fußboden weg zudrücken und zu hoffen das die Schuhe rutsch-fest sind. Probiert es einfach mal aus ;-)
Fazit: Leo ist mit 70 Minuten Länge einfach perfekt. Das Stück bewegt sich zwischen Theater, Zirkus und “Zauber”-show und kann von 4- bis 104-jährige Zuschauer alle begeistern. Es ist einzigartig, erfindet sich alle zehn Minuten komplett neu und wird nie langweilig oder langatmig. Dem Produktionsteam ist eine wunderbare Inszenierung gelungen die wirklich neu und in keinster Weise vorhersehbar ist. Eric: Applaus, stehend; Bravo rufend!

"Leo"s Zugabe - Spontan und Witzig

"Leo"s Zugabe - Spontan und Witzig

“White Rabbit / Red Rabbit” (Nassim Soleimanpour, Iran)


“Rabbit” (ich werde den Stückname ab jetzt so abkürzen) ist bewegend und aufwühlend. Es ist die spannendste Lesung gewesen die ich je gesehen und gehört habe. Aber genau aus diesem Grund schreibe ich dazu heute noch nichts – bzw. nicht viel. Weil sie jedes Mal anders ist:
Das Stück wurde von Nassim, einem damals 29jährigen Iraner am 25. April 2010 geschrieben – zumindest eine bestimmte Textstelle. Die “Inszenierung”, oder besser gesagt das Konzept sieht vor, das der Leser, der Schauspieler, das Stück zuvor nicht lesen darf und nichts darüber weiß. Er öffnet nach Beginn der Vorstellung einen Umschlag und wird vom Autor begrüßt. Und ab diesem Moment ist jede Lesung anders. Zum einen wird das Publikum durch bzw. über den Schauspieler vom Autor aus aufgefordert Dinge zu tun oder der Schauspieler selbst wird zum “Objekt” für den Autor. Und was, schreibe ich euch nachdem ich alle fünf Lesungen gesehen habe und so berichten kann, was jede Lesung ausgemacht hat. Wo steckt der Witz, welche Sprache funktioniert besser, wie unterschiedlich reagiert das Publikum, welche Darsteller geben was wie wieder?

Rabbit (Vol. 1) - Das Ende

Rabbit (Vol. 1) - Das Ende

Damit ihr dennoch wisst, wann ich “das Stück” gesehen habe, poste ich Bilder der ja jedes mal anders laufenden Lesung. Ein Beispiel ist unter anderem das es eine Szene gibt, in der fünf Leute aus dem Publikum ausgesucht werden – für was, erfahrt ihr später – die dann fotografiert werden sollen. Hier das Bild von heute (und ich verspreche mich morgen weiter nach vorn zu setzen). Gelesen hat für das erste mal übrigens Gregor Weber, “Tatort”-Kommissar und selbst auch Autor (ganz links im Bild).

Rabbit (Vol. 1) - Die Gruppe

Rabbit (Vol. 1) - Die Gruppe

So, das war es dann für heute. Oder besser gestern.
Beste Grüße aus Oldenburg, Eric…

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*) PTSdT = Performance-Theater-Stücke des Tages

europoly

Freitag, 28. Mai 2010

gestern habe ich bei einem jugendFREI-workshop zur installation “europoly” vorbeigeguckt: dejan kaludjerović ist der künstler, 1972 in belgrad geboren. zu beginn erklärt er allen die spielregeln, auf englisch. die beiden mitarbeiterinnen magdalena und melika erklären noch mal auf deutsch, es soll nichts schief gehen. für die gymnasiasten ist der installationsbesuch der fächerübergreifende abschluss (deutsch, ethik, psychologie) des themas “integration”. nach dem spiel soll auch noch diskutiert werden.

Photo: Dejan Kaludjerović

Photo: Dejan Kaludjerović

der künstler hat die monolopy-prinzipien auf die situation von immigranten übertragen, die in der eu leben wollen. – dejan kaludjerović zur “marke” von europa:

dejan kaludjerović erzählt, wie es ihn nach wien verschlagen hat:


wer das spiel gewinnen will, muss (auf den enstprechenden feldern) erwerben, was man an papieren braucht: zum beispiel meldezettel, versicherung, qualifikationen und sprachenzertifikat. der gewinn am ende ist ein “europoly-passport”, und natürlich muss man in der ganzen zeit auch geld verdienen. straßen und häuser kann man nicht erwerben, sondern berufe. – dejan kaludjerović:

die berufe reichen von der prostituierten/dem drogenhändler (die beiden dunkellilanen am anfang) bis zum politiker (sozusagen die “schlossallee”) – was bei der spielfeldanordnung impliziert, dass der politiker der prostituierten, wie soll man sagen: nahe steht…? (siehe bild) – möchte der künstler damit etwas ausdrücken?

bis auf die beiden illegalen berufe gibt’s für alles arbeitsverträge. dann soll man auch alle berufe einer farbgruppe besitzen. die grünen berufe sind: künstler, model und sportler. auf dem weg dahin kommt man auch über den “scientist”. statt der grünen häuser kann man “yugo-taschen” stapeln, in österreich nennt man sie “tschuschenkoffer”, jedenfalls haben sie wohl überall abfällige bezeichnungen, meint dejan kaludjerović. gegen fünf “tschuschenkoffer” und 500 euro kann man eine designertasche tauschen. und wer dann auf das entsprechende feld tritt, muss für die dienstleistung viel geld hinlegen. das, was sonst die miete ist.

die schüler werden in vier gruppen aufgeteilt und übernehmen innerhalb der gruppen unterschiedliche aufgaben, zwischendurch kann auch getauscht werden. einer übernimmt, “spielfigur” auf dem begehbaren brett zu sein.

gestern kommen sie etwas schwer in gang, jeder zug braucht auch seine zeit mit den schaumstoffwürfeln, für die jeder auf seite springen muss. bei der sache sind sie, nur eben nicht euphorisch. auf taktisches vorgehen wird von der spielleitung zu anfang hingewiesen, und tatsächlich hat die blaue gruppe nach ca. einer stunde auch ziemlich viel in der hand: zuerst wollte niemand die beiden anrüchigen billig-berufe haben – jetzt gehören sie den “blauen” und sind hoch dekoriert, mit jeweils einer designer-bag. 1300 euro haben sie in der kasse, außerdem besitzen sie noch einzelne berufe aus anderen gruppen, z.b. den waiter und den scientist. alexander (18) und tamara (17) geben sich taktisch und selbstbewusst…

die gelben sind gerade übers “go”-feld gekommen, was sie gerettet hat: 400 euro zuschuss holen sie aus der beinahe-pleite. sie haben karten von berufen aus verschiedenen farbgruppen, deswegen kommen sie nicht weiter, und jetzt geben sie auch noch ein interview, das vom spiel ablenkt – merym (gerade 18 geworden) ganz diplomatisch und ohne vorwurf:

… ich geh dann mal lieber…

im programmbuch steht, dass dejan kaludjerović seit sechs jahren in wien lebt. deswegen möchte ich am schluss doch noch wissen, ob er jemals versucht hat, deutsch zu lernen… – warum möchte er (z.B. im interview) kein deutsch sprechen?:

danke für die interviews!

christiane enkeler