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Ein Stückchen Stück kurz vor Probenbeginn

Donnerstag, 12. Januar 2012

Nach jedem Workshop hat Autor Lutz Hübner das entstanden Material zu einer Textvorlage für die Proben verarbeitet. Jeder Workshop hatte ein Thema, eine Richtung, in die wir improvisiert und diskutiert haben. So entstand nach und nach eine Art Libretto in drei Teilen, das als Grundlage für die Proben dient. Ein Stücktext mit viel Offenheit für Improvisationen, Änderungen, Weiterentwicklung in den Proben. In einer Form, der die Geschichten und Dialoge aus den Workshops verdichtet, strukturiert, Figuren und Konstellationen entstehen lässt und neue Spielebenen eröffnet - irgendwo zwischen (Theater-)Spiel und Leben.

Letzten Montag haben Autor, Regisseurin Martina van Boxen und Dramaturgie sich noch einmal intensiv über die erste vollständige Fassung gebeugt und kommenden Montag, am 16.1.2012 ist es dann endlich soweit. Mit einer Konzeptionsprobe beginnt die “richtige” Probenzeit, ab dann heißt es täglich: Studierende + Hübner + van Boxen + X = SPIEL DES LEBENS. (X heißt natürlich:mehr als die Summe der einzelnen Teile!)

Als kleiner Vorgeschmack kurz vor Probenbeginn hier eine Szene, die wir schon zur Trailershow beim Eröffnungsfest im September aus den Entwürfen zum ersten Teil collagiert hatten und allen Beteiligten und dem Publikum Vorfreude auf die Premiere am 16. März 2012 machte:

Alle kommen nach vorne auf die Bühne gestürmt, in einer Reihe.

Mechthild: Meine sehr verehrten Damen und Herren,
Bernhard: Wir begrüßen Sie herzlich zu
Zusammen: Spiel des Lebens!
Zora: Wir wollen Sie in den nächsten (ein gemeinsamer Blick auf die Armbanduhr)
Zusammen: 90 Minuten
Joachim: unterhalten,
Mechthild: wir wollen uns vorstellen.
Charles: Wir, das sind die Studenten der Folkwang-Universität der Künste.
Amanda: Wir wollen,
Lisa: dass Sie uns kennen lernen
Julia: Wir wollen Ihnen Geschichten erzählen,
André: wollen Sie unterhalten…
Joachim: Das habe ich schon gesagt
Amanda: …wollen Ihnen einen wunderbaren Abend ermöglichen
Bernhard: Wir sind da,
Damir: hier,
Joachim: für Sie,
André: so, wie wir sind
Damir: und jetzt:
Zusammen: Musik!!

Sie stehen nebeneinander, beginnen, A-capella ein Lied zu singen, das Lied wird in der folgenden Vorstellungsrunde weiter gesungen (bis der Streit beginnt). Sie kommen in eine Reihe, der Vorgestellte geht jeweils einen Schritt vor

Charles: Das ist Zora, sie ist unsere Tragödienspezialistin, kann aber auch singen und Kunststücke.
Zora: Das ist Julia sie spielt drei Instrumente, ist unsere begabteste Tänzerin, kann aber auch drei Sprachen.
Julia: Das ist Amanda, unser Dialektspezialist, hat Filmerfahrung und beherrscht einige atemberaubende Stunts
(Amanda will sofort einen Stunt zeigen, wird von den anderen zurückgepfiffen. Tritt vor.)
Julia: Nein, nicht jetzt, später vielleicht, okay?
Amanda: Das ist Bernhard, der Klügste von allen, stemmt locker die härtesten postdramatischen Texte und singt. Manchmal sogar gleichzeitig.
Bernhard: Das ist Damir, er ist unser Komiker und kann zaubern.
Damir: Das ist Mechthild, unsere Tragödin, spielt wunderbar Maultrommel und macht erstklassige Nudelsalate.
Mechthild: Das ist Joachim, er kann Pfannkuchen und Crepes im Flug wenden, hat ein gutes Gefühl für klassische Texte und legt bei unsren Partys auf.
Joachim: Das ist André, unser zweites komisches Talent und ein gesuchter Typ, das sagen alle Lehrer, ein Filmgesicht.

Joachim hat Lisa, die neben ihm steht, übersprungen. Sie sieht ihn irritiert an.

Lisa: Warum hast du mich nicht vorgestellt?
Joachim: Ich hatte in den Proben immer ihn (deutet auf den Letzten)
Lisa: Ja, aber das ist doch egal, du weißt doch wer ich bin.
Joachim: Stell dich doch einfach selber vor. (zu André) Oder willst du sie vorstellen? (dieser schüttelt den Kopf)
Lisa: Nein, ich will, dass du das machst.
Joachim: Das will ich aber nicht.
Lisa: Und warum?
Joachim: Will ich eben nicht.

Kurze peinliche Pause, alle verfolgen angespannt den Streit mit.

Lisa: Ich habe ein Recht darauf, vorgestellt zu werden. Jeder hat hier neun Minuten.
Joachim: Ja, aber dadurch, dass ich dich nicht vorgestellt habe, haben die Leute doch auch einen Eindruck von dir, oder?
Lisa: Ja! Aber was für einen!
Joachim: Okay, das ist das Mädchen, das in allen Rollen leidet, egal, was sie spielt, immer leidet sie, bis über jede Schmerz- und Geschmacksgrenze.
Lisa: Das stimmt doch gar nicht!
Joachim: Jetzt leidest du doch schon wieder.
Lisa: Ja, aber wegen dir.
Joachim: Klar, irgendjemand ist immer Schuld.
Lisa: Du bist so ein Arschloch!
Joachim: Jetzt hast du bestimmt schon drei Minuten von deinen neun verbraucht.
Lisa: Das war deine Zeit.
Joachim: Ich? Ich habe doch gar nichts gesagt. Du bist dran, deine Zeit läuft.
Lisa: Okay, dann bin ich jetzt dran.

Amanda blickt zu den Streitenden.

Amanda: Ich könnte einen Stunt zeigen und in der Zeit könnt ihr euer Ding klären.
Lisa: Nein! Wenn ich dran bin, bin ich dran.

Lisa beginnt “I will survive“ zu singen, sehr engagiert, sehr laut und wütend.

Jetzt greifen die Anderen ein, versuchen die Situation zu beruhigen, das wirft doch jetzt ein schlechtes Licht auf die Gruppe, so stehen doch alle schlecht da und das kostet Zeit. Schließlich gehen alle nach vorn, Blick ins Publikum. Lisa bleibt zurück, singt leise ihr Lied weiter.

Chor: Wollen Sie etwas Komisches sehen?

Sie holen alle einen Neckrüssel heraus, blasen hinein und stecken ihn wieder ein.

Chor: Oder etwas Tragisches?

Sie holen alle einen Neckrüssel heraus, blasen hinein und stecken ihn wieder ein.

Chor: Oder etwas Komisches, das unversehens ins Tragische kippt?

Sie holen alle einen Neckrüssel – insgesamt 10 Stück – heraus, blasen hinein und stecken ihn wieder ein, gehen ab. Lisa singt allein weiter ihr Lied, erkennt die Chance sich zu präsentieren. Bernhard kommt zurück auf die Bühne, nimmt sie über die Schulter und geht ab.

Beitrag von: Sascha Kölzow

Dramoletti

Samstag, 10. Dezember 2011

Ein Auszug aus Lutz Hübners “Dramoletti. Ein Kabarett”, den der Autor heute in seiner Impuls-Inspirations-Einführung zum dritten Workshop zum “Spiel des Lebens”-Material machte:

Gitti hat erst ein Jahr nichts gemacht und dann einen Stückvertrag an der Komödie Kassel. Da ging’s dann aber nicht weiter für sie, deshalb ist sie nach Berlin gezogen, hat mit Logopädie angefangen, wieder geschmissen und macht jetzt als ABM mit ihrem Freund so ein Clownsspiel für Grundschulen über Verkehrserziehung und das läuft wohl ganz gut.
Horst hat ja direkt eine große Rolle in einer neuen Serie bekommen und ist nach Köln gezogen. Dann haben sie aber wohl nur den Piloten gedreht und der wurde nicht gesendet. Er hat dann im Scharazan gejobbt, noch ein paar Drehtage bei ‚Verbotene Liebe’ gehabt und ist jetzt wohl Miteigentümer von der Bar. Sein Freund hat mehrere Häuser in der Südstadt.
Günther war als Anfänger in Trier, wurde aber nach dem zweiten Jahr nicht übernommen, dann kam eine Tournee mit irgendeinem alten Fernsehstar und danach hatte er die Schnauze voll. Er hat dann mit Freunden eine Kulturscheune in Mendig gegründet. Das ist da bei Koblenz. So Ausstellungen und Malkurse und im Sommer immer ein Kleinkunstfestival.
Da macht er manchmal noch seinen Boris Vian Abend.
Katharina ist immer noch in Neuss, macht jetzt aber nur noch zwei Stücke pro Spielzeit wegen der Zwillinge, ihre Mutter wohnt jetzt bei ihr.
Kiki hat in dieser Comedyserie mitgespielt, hat dann geschmissen und ist nach Berlin, hat da aber praktisch nicht gearbeitet, ist dann wieder nach Leipzig und versucht da wohl eine Casting Agentur aufzubauen. Säuft wohl immer noch wie ein Eimer.
Ulla hat voll die Karriere hingelegt.
(Stille)
Naja, die war ja schon immer so. Ich glaube, mit der hat keiner mehr richtig Kontakt.
Andi ist an drei Theater hintereinander immer beim Intendantenwechsel raus geflogen. Er ist gerade in Berlin und versucht ein Drehbuch los zu werden, das scheint aber nicht so gut zu laufen. Ich habe ihn beim Workshop kurz gesprochen. Der ist jetzt schon auf Stütze. Auch gruselig, oder? Ich hab noch ein halbes Jahr, dann muss ich mir auch was überlegen.
Ach ja, Stefan war Regieassistent in Bielefeld, sechs Jahre, dann haben sie ihm eine Studioinszenierung gegeben, Philoktet, aber da haben ihn die Schauspieler nach zwei Wochen abgesägt.
Der hat jetzt einen Bioladen in Münster.
Und das läuft wohl ganz gut.
Ich meine, wir zappeln uns hier ab und der macht einen auf Bio. Echt.
Das ist doch nur schräg, oder?
Ein Bioladen.
Ich weiß echt nicht, als ausgebildeter Schauspieler einen Bioladen?
Das ist doch irgendwie, wie wenn man als…okay, ich weiß nicht, aber ich fand das schon sehr, sehr schräg.