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Die Künstler machen Überstunden – Making Of Memory 2

Sonntag, 3. Juni 2012

Nach mehr als vier Stunden ist die Vorstellung, das Gesamtkunstwerk Memory 2: Hunger zu Ende: es ist 22.30 Uhr am Abend. Trotzdem wird noch zu einem Publikumsgespräch mit den Darstellern, Wen Hui und Wu Wenguang geladen, der Semitologe Dr. Felix Wemheuer von der Universität Wien, der auch über „Maos „Großer Sprung“in die Hungersnot“ für das Programmheft schrieb.

(Die Mitwirkenden des Folk Memory Projects sind nicht nur Studenten, es finden sich auch z.B. eine Tänzerin oder eine Hotelangestellte, doch im Folgenden werde ich sie alle der Einfachheit halber als „Studenten“ bezeichnen)

  • VERGLEICH MEMORY1 UND MEMORY2 und ZENSUR
    – Bei Memory2 ist der Live-Anteil viel stärker als bei Memory1
    – bei M2 gab es aber keine Probleme mit der Zensur dieses Tabubruches
    – im Zuschauerraum saß zwar kein „gemischtes Publikum von der Straße“, aber es gab schon einen offenen Kartenverkauf, das Publikum musste nicht geschlossen sein
    – Wu Wenguang sagt, dass das größere Problem als die Zensur sei, dass die Leute sich nichts über Hungersnöte, sondern lieber Soaps im Fernsehen ansehen wollen.
    – 2010 gab es die erste „Rohfassung“ von M2, mit 32 Leuten auf der Bühne
    in der 2012er Version mit nur 17 Leuten fließt mehr von den Studenten, die Interviews geführt haben, und ihre Erfahrungen, in ihr Heimatdorf zurückzukehren, mit ein.

  • REAKTIONEN:
    – bei Älteren war damals immer noch die Angst vor den Kampagnen der Mao-Ära tief sitzend
    – „alte Leute kommen nicht daher uns sagen ungefragt etwas zur Kulturrevolution oder der Hungerkrise“, man muss auf sie zugehen und sie oft überreden, mit einem darüber zu reden
    – ehemalige Kadermitglieder waren nicht bereit, sich interviewen zu lassen
    – ein damaliger Buchhalter, der sich zuerst nicht interviewen lassen wollte, berichtete, dass auch damals Getreide vorenthalten wurde und gestand ein, dass das nicht richtig war

  • HEUTE:
    – bei den Schulbuchausgaben ( verwendet wurden welche aus dem Jahr 2004) hat sich in den letzen 8 Jahren nicht wirklich geändert
    – laut Dr. Wemheuer wird heute aber offiziell die Mitschuld der Regierung eingestanden
    – das auch aktuelle Thema der Schuldenrückzahlung auf dem Rücken der Bevölkerung wird zwar von einem Interviewten erwähnt, ist laut den Produzenten aber kein Grund für die Hungersnot, sondern eben der fatale Abzug von Kräften aus der Landwirtschaft im Rahmen des „Großen Sprung nach Vorne“, die schlechte Koordinierung der Volksküchen und die Übertreibung von Erfolgsergebnissen ( „x Hektar Land bringen y Kilo Getreide“, dabei bringt es in Wirklichkeit höchstens y/10 Kilo Getreide)
    – es wird das Thema zwar auch wissenschaftlich untersucht, ist aber schwer darüber zu veröffentlichen, die Künstler waren über das geringe Angebot von Büchern zu diesem schwerwiegenden Thema sehr enttäuscht
    -heute wird man als Bauer zwar satt, doch um Kinder in die Schule zu schicken oder das Haus zu renovieren braucht es ein Zusatzeinkommen

  • DIE SCHAUSPIELER SELBST:
    – sagen es ist nicht schlimm, 5 Stunden auf der Bühne zu stehen, weil es „real life“ ist (der Mandarinenbauer), halt bis auf den Teil mit dem Am-Boden-Robben
    – für die Studenten ist es toll/beeindruckend, auf der Bühne noch einmal darin „einzutauchen“
    – die Tänzerin wollte früher Tänzerin wie im Fernsehen werden, reich und berühmt, doch damit hat sie jetzt „nützliche Kunst“ für sich entdeckt
    – die emotionale Bindung zu den Leuten im Dorf nahm zu, sie wurden nicht nur einfach zu damals interviewt, sondern ganzheitlich kennen gelernt: „Früher waren es ihre tragischen Erinnerungen die mich bestürzten. Jetzt war es ihre Einsamkeit“

  • DIE TASCHENLAMPEN:
    – mussten in den Dörfern eingesetzt werden, wenn es dunkel wurde
    – es wurde auch im Dunkeln in Schulen geprobt auf Basketballplätzen, und dabei die Taschenlampen eingesetzt
    – es ist auch ein Gegensatz zur 1. Version von M2, bei der viel künstliches Licht verwendet wurde
    – es ist eine Neuerung auf Initiative der Studenten, dass nun jeder „sein eigenes Licht“ selber trägt

  • CHOREOGRAPHIE
    – das Robben und die Pyramide an sich haben keine Bedeutung, bei der Choreographie überhaupt hat nicht alles eine Bedeutung, wichtiger ist, was das Publikum sieht
    – für Wen Hui ist es in ihrer Kunst immer wichtig, ihren eigenen Körper einzubringen, und damit ihren eigenen Standpunkt/Blickwinkel

  • THEMA
    – Dr. Wemheuer meint, dass von der Thematik her M2 der größere Tabubruch ist, da die Hungerkrise weniger bekannt und mehr verschwiegen ist als der Terror der roten Garden
    – laut Schätzungen sind dabei ja 15-45 Millionen Leute gestorben, diese unglaublich große Spanne kommt daher, dass Tote kaum gemeldet wurden, um mehr Rationen zur Verfügung zu haben.

Diana Peutl

Schätze deinen Kühlschrank oder: Heut wird’s etwas länger dauern

Sonntag, 3. Juni 2012

Ein mehr Stunden dauerndes Gesamtkunstwerk thematisiert die lange nach außen verschwiegene Hungerkrise in China in den Jahren von 1959 bis 1961. Dass dies nicht ganz einfach zu verarbeiten wird, ist schon beim Betreten des Schauspielhauses absehbar: das Programmheft spricht von Kannibalismus und Kinderverkauf.

Collage zur Produktion "Memory2: Hunger". Collage: Diana Peutl

Ungefähr in der Mitte der Aufführung fällt mir ein, dass ich wohl Notizen machen sollte. Schätzungsweise 2.5 Stunden später habe ich 8 Quart-Seiten eng und fast unlesbar bekritzelt. Aber das ist nichts gegen „Großvater Ren“, der seine Memoiren über sein Leben in Mao-Zeiten in 10 Schreibheften für Volksschüler festgehalten hat. Die „Erinnerungen an eine erbarmungslose Welt“, unter seinem Bett versteckt aufbewahrt, waren eigentlich nur für seine Kinder gedacht, schlussendlich ließ er sich aber doch dazu überreden, sie dem Dokumentarfilmer vom Folk Memory Project, der vor mir auf der Bühne steht, und die von ihm aufgenommenen Interviews kommentiert.

Die Leinwand, auf die mit den Videointerviews und Fotos aus der Zeit der Hungerkrise praktischerweise auch gleich die deutschen Übertitel mit projiziert werden, dominiert vom Hintergrund aus das Bühnenbild. Bemerkenswert sind auch die Taschenlampen, meist in den Händen der Künstler, manchmal aber auch am Boden stehend, umkreist, als wären sie die Antworten auf die Fragen, die in den Raum geflüstert oder auch gebrüllt werden. Neben dem Videoprojektor sind sie die einzige Lichtquelle im Saal.

Anfangs kommen sie von allen Seiten. Vollkommen in Schwarz gekleidet, richten 8 Menschen ihre Taschenlampe auf den Boden vor sich, blicken konzentriert auf den beleuchteten Punkt, als würden sie etwas suchen. Ist es die Wahrheit, die sie suchen? Die Antwort auf die Frage, was in den drei Jahren des Hungers wirklich geschah?

Tränen im Schein der Taschenlampen

Auf der Bühne angekommen, bewegen sie sich wie ein einziges, nervös trappelndes Lebewesen. Als erstes, man ist ja höflich, stellt sich jeder vor, hauptsächlich Studenten der bildenden Kunst sind es, die hier performen. Ein starker Moment ist sicherlich der, als sie uns, in einer Reihe am Bühnenrand stehend, mit immer lauter werdender Stimme aus chinesischen Schulbüchern, in denen die damalige Hungerkatastrophe nur am Rande und als von Naturkatastrophen verursacht erwähnt wird, vorlesen. Allmählich überschreien sie sich gegenseitig, einer nach dem anderen gibt auf, bis schließlich nur noch ein schon heiseres Stimmchen „überbleibt“.

Als „Einstimmung“ zu den Interviews erleben wir einen Live-Bericht: der einzige Performer jenseits der 50, der Mandarinenbauer, der uns bei unserem Workshop 2 Tage zuvor noch neugierig gefragt hat, wie wir das finden, dass er auf der Bühne anfängt zu weinen, und in seiner „Freizeit“; wenn er nicht auf der Bühne steht, alles, was um ihn herum geschieht (z.B. unser Workshop oder das Publikumsgespräch) mitfilmt, ist jetzt ganz ernst. Er teilt die Erinnerungen seines 9 bis 10-jährigen Ichs mit uns, daran, wie seine kleine Schwester und sein einjähriger Bruder unter den Händen seiner machtlosen Mutter verhungerten, daran, wie er Baumrindenbrei essen musste, als es sonst nichts gab.

Es folgen Schwarzweißbilder von Bauern auf Feldern, von unglücklich dreinblickenden und ungesund dünnen Kindern, von Postern mit Slogans der Mao-Kampagnen, so wie „In 15 Jahren haben wir England eingeholt, in 20 die USA“.

Per Video wurden alle Interviews aufgezeichnet, der schwerhörige Großvater, den die Enkelin unbedingt interviewen wollte, auch wenn ihm jede Frage drei Mal ins Ohr gebrüllt werden muss zum Beispiel ist eine der wenigen Stellen, an denen man sich mit feuchten Augen vielleicht zum Schmunzeln durchringen kann, komische Situationen durch Altersschwerhörigkeit, ein wohlbekanntes Szenario auch in Österreich. Kurz eine wohltuende Pause von den erschütternden Berichten von Verhungernden, fatalen Verstopfungen, von Kindern, die ihren Müttern sagen, dass sie nicht weinen sollen, wenn sie sterben, von „Kritiksitzungen“, bei denen „Essensdiebe“ dem gesamten Dorf ausgesetzt wurden und von Selbstmorden, die aus Angst vor ebendiesen verübt wurden.

Videoschleife des Schreckens

Unter den abenteuerlichsten Verrenkungen und den faszinierendsten Verwendungen der allgegenwärtigen Taschenlampen führen uns die Performer durch diese Stunden, während denen ich es nicht über mich bringe, nach draußen zu gehen, um zu verschnaufen, zu gebannt bin ich von jedem Wort, das gesagt wird, jeder Bewegung, die vor meinen Augen Verstörendes, aber auch Herzergreifendes ausdrückt.

Dauernd wird wiederholt, zum Beispiel die Namen der Interviewten gegen Ende der Vorstellung; dieses ist überhaupt ein eindrucksvoller, würdiger „Schlusspunkt“ für die sich in meiner Erinnerung schon zu einem großen, verwirrend – verschwommenen Wirbel verstrickenden mehr als vier Stunden. In einer Reihe, Schulter an Schulter, legen sich die Künstler vor die Leinwand, auf welche die Bilder und Lebensdaten der Interviewten in rascher Folge projiziert werden. Die Namen der Gezeigten schreiend, robben sie zum Vorderrand der Bühne. Dort angekommen, rollen sie sich aufeinander, werden zu Einem, ein schnaufender, unverständlich durcheinander rufender Menschenhaufen. Die unten liegenden klingen schon ziemlich heiser und atemlos, und sehen auch etwas platt aus, als das Licht ausgeht und das Publikum zögerlich beginnt zu klatschen.

Hemmungen

Sowohl die Interviewten als auch Dorfkinder, denen die Dokumentarfilme, welche aus dem Aufgenommenen entstanden, gezeigt wurden, fanden es gut und richtig, dass die beinahe vergessene Hungersnot der Bauern auf diese Weise erinnert wird. Im Ausland sollte es aber besser nicht gezeigt werden, „damit die Menschen im Ausland China nicht auslachen“ formuliert eine Achtjährige. Die Scham über das Versagen des Kommunismus sitzt tief in allen Generationen. Gut, dass Memory2: Hunger trotz der Zweifel im Ausland gezeigt wurde und, ich kann versichern: Ich habe nicht gelacht.

Gut auch, dass das Projekt nicht an den Zeitzeugen scheiterte, von denen manche sich mit den Argumenten entzogen, sie könnten sich nicht erinnern oder seien zu alt und hässlich für so ein Interview. Vielen erschien es auch heute zu gefährlich, das damalige Regime zu kritisieren; meine Lieblingssequenz ist, als man den Interviewer hinter der Kamera auf den Einwand „Es könnte doch jemand vor den Kopf gestoßen werden“ den besorgten alten Mann beschwichtigen hört: „Das erlaubt die Regierung jetzt“.

Diana Peutl

Wer bis hierhin durchgehalten hat – und noch mehr wissen möchte: hier geht´s zu den Notizen aus dem Publikumsgespräch!