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Alles nur zum Spaß – Welchen Zweck hat das Spiel?

Montag, 22. Juni 2009

Die Schillertage sind ein multimedialer Event geworden, bei dem alle mitspielen können.

Von Anne Richter

Am dritten Tag der Schillertage war wirklich alles im Spielen: Im Jobcenter hinter dem Nationaltheater hat der Berliner Künstler Ulf Aminde eine begehbare Installation mit Mitarbeitern und „Kunden“ des Jobcenters entwickelt. Der SWR2 sendet aus dem Theaterfoyer das erste Gesprächsforum seiner fünfteiligen Reihe „Schiller on Air“. Die letzte Schlacht um die letzte Karten für „Am Arsch, DIE RÄUBER“ war ausgetragen. Das Gastspiel „Kabale und Liebe“ vom Deutschen Schauspielhaus im NT und die Premiere von „Elisabeth Tudor – Homo Ludens – eine Rehabilitation“ in der Herz Jesu Kirche begannen pünktlich.

Und überall gibt es kleine Zwischenspiele:
Die britische Schauspielerin Lucy Ellinson, eine der Spielerinnen in „Homo Ludens“ steht im Tig7-Innenhof plötzlich mit einem Würfelbecher vor mir und möchte mir eine persönliche Erinnerung schenken. Ich würfle die Zwei und bekomme eine liebenswerte Begebenheit berichtet.
Kurz darauf am zentralen Schiller-Sandkasten stehen zwei junge Frauen vor mir und bitten um einen Geschichtsausdruck zum Gefühl Neid. Das Foto ist schnell gemacht und stehe ab morgen auf www.raeuberevent.de, sagen sie noch bevor sie sich dem nächsten Gefühlsspieler zuwenden.
Der riesige Schiller-Sandkasten vorm Nationaltheater ist durch den Regen gerade leer gefegt. Bis zum Regenguss wurde er aber vor allem vom jungen Volk bespielt. Er ist das ZIEL, zu dem aus der ganzen Stadt Spuren aus runden Flächen, also Spielfeldern, führen. Sie fordern auf: Rücke vor bis zum Spiel, im Sand oder im Theater. Der Sand ist nass, also nehme ich das Theater.

Die umworbene Amalie

Die umworbene Amalie


„Am Arsch, DIE RÄUBER!“

ist eine der vielen Produktionen, die die Schillertage in Auftrag gegeben haben. Ursprünglich waren die Schillertage ein Festival, das aktuelle Schiller-Interpretationen zusammen brachte. Seit Burkhard C. Kosminski mit seinem Team 2007 die künstlerische Leitung der Schillertage hat, sucht das Festival vermehrt Partner für gemeinsame Arbeiten. So kam es zu den beiden Premieren am Eröffnungsabend: die „Don Karlos“-Fassung von Calixto Bieito und „Am Arsch, DIE RÄUBER“ vom Helmi Theater aus Berlin.
Ich sehe die letzte Vorstellung bevor diese fröhlich anarchische Puppenspielfassung von Schillers Debütstück nach Berlin abreist. Die Räuberbande ist wie beim Helmi so oft ein wilder Schaumstoffhaufen, der gerne zur Gitarre greift. „Am Arsch, DIE RÄUBER!“ erklingt als Titel gebender Refrain, der den Haufen loser Gestalten immer wieder vereint.
Wie erwartet bei den Helmis ist in ihrer Fassung von „Die Räuber“ nicht viel von Schillers Text und Welt zu finden. Allein die Figuren und Grundkonflikte kennen wir.
Franz ist hier deutlich der kleine Bruder, der Karl nicht das Wasser reichen kann. Papa Mohr braucht Amalie und Franz, um sich in seinem Schloss und den TV-Kanälen zurechtzufinden. Sein riesiger Kopf spuckt aber immer nur die gleichen vier Buchstaben heraus: K A R L. Die Amalia-Puppe gleicht Miss Piggy aus der Muppet Show so sehr, dass es gar nicht verwundert, als Karl nach Jahren des Wartens im Wald Kermit, den Frosch bei laufender Sendung entführt, um wieder in Kontakt zu seinem Vater zu kommen.

Die Räuberbande besteht aus Pferd, Schnecke und wenigen Schillerfiguren, wie Karls Gegenspieler Spiegelberg. An dieser Puppe und seiner präzisen Führung und Sprachgebung durch Brian Morrow wird am deutlichsten, wie Puppenspiel das Theater bereichern kann: Die Siegelberg-Puppe hat die übliche Brille auf und einen großen Denkerkopf. Dieser kann aber einfach nach hinten wegklappen, wenn Spiegelbergs wahres Gesicht in Form eines kleinen, fiesen Monsters zum Vorschein kommt. Zwei ehrliche, entlarvende Sätze und – klapp – der öffentliche Spiegelberg-Kopf sitzt wieder. Da braucht keiner herum zu psychologisieren: ein Bild, ein Puppenbau-Effekt und alles ist gespielt.

Das macht Spaß, den Spielern wie den Zuschauern. Der Titel des SWR2 Gesprächsforums kommt mir wieder in den Sinn: „Alles nur zum Spaß – Welchen Zweck hat das Spiel?“ Die Zweck-Frage wäre jetzt aber die Metaebene, auf die wir uns – köstlich amüsiert – beim Helmi lieber nicht einlassen wollen.

Schillers „Homo Ludens“ und „Kabale und Liebe“ als Spiel

Sonntag, 21. Juni 2009

Das off-Theaterfestival „Schwindelfrei“ als Teilfestival der Schillertage wurde mit zwei Premieren am 20. Juni eröffnet. Beide fragen auf sehr unterschiedliche Art nach dem Verhältnis von Figur und Persönlichkeit des Darstellers.

Von Anne Richter

Die 15. internationalen Schillertage strahlen dieses Jahr in die ganze Stadt aus. Nicht nur das Nationaltheater bespielt alle seine Bühnen samt Probebühne und zahlreiche weitere Spielorte bis hin zum Job-Center der Stadt, auch die freie Theaterszene hat sich zum 250. Geburtstags von Friedrich Schiller mit ihren Theatertagen „Schwindelfrei“ ganz Schiller verschrieben. 10 Produktionen entstanden an 10 weiteren Orten zum Motto der Schillertage „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Zwei davon waren am ersten Schwindelfrei-Abend hintereinander zusehen, wenn man eines der Schiller-Fahrräder ergattern konnte. Dieser orange Schiller-Fuhrpark in der Stadt der Fahrraderfindung ermöglicht sinnvoll den zügigen Transport von einem Spielort zum anderen und trägt die Schillertage an jede Ampel.

Also auf ins TiG7, ins Theaterhaus in G7. Dort hat das Tig7-Ensemble mit dem Live Art-Theater „Third Angel“ aus Sheffield auf der Basis von Schillers Briefen zur „Ästhetischen Erziehung“ die theatrale Spielanordnung „Homo Ludens“ entwickelt. Gespielt wird auf einem Spielfeld mit 10 x 10 Spielfeldern. Jeder Zuschauer bekommt einen persönlichen Darsteller, mit dem er sich über das Spielfeld würfelt. Zur Einstimmung spielen die vier Zuschauer das britische Würfelspiel „Snakes and Ladders“, dann werden sie von ihrem persönlichen Akteur abgeholt. Die Regeln sind schnell erklärt: „Wir spielen nicht, um zu gewinnen – wir spielen, um zu spielen.“ und „Ich werde dich auf diesem Weg begleiten und dir alles erklären, was du unterwegs brauchst.“ Vier spielende Zuschauer würfeln sich und ihre persönliche Darstellerin immer zeitgleich auf dem Spielfeld nach oben.

Homo Ludens

Homo Ludens

Das Spiel startet im Geburtsjahr der jeweilige Darstellerin. Jeder Zuschauer würfelt sich über deren Tod hinaus durch ihr Leben, jedes Spielfeld entspricht einer Jahreszahl. Auf jedem erwürfelten Spielfeld bekommt man eine kleine Begebenheit aus dem Leben der Darstellerin in Hinblick auf eine technische Entwicklung erzählt. Diese sind beispielsweise das Buch, das Bett, die Badewanne oder aufnehmbare Musik. Diese sehr intime Lebensreise, in meinem Durchgang bis in das Jahr 2062, lädt zur Reflexion über persönliche Vorlieben und deren zufällige Weiterentwicklung durch gesellschaftliche Impulse ein. Die entspannten, vom Würfelzufall dramatisierten 45 Minuten machen Lust auf eine weitere Runde. Wie in Kindertagen möchte man „Noch mal!“ rufen.

Aber die Zeit drängt und das Schiller-Fahrrad ruft, auf in die Neckarstadt zur Theaterakademie. Dort haben die Dozenten der Schauspielschule Hubert Habig und Andreas Manz mit dem Schauspieler Gerhard Mohr und vier Schauspielschülern „Die Form vertilgt den Stoff – Kabale/Liebe/Form“ angekündigt. Für ihre erste Co-Regie haben sich die Regisseure mit ihrem Ensemble auch mit Schillers Briefen „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ beschäftigt. davon merkt man aber nicht viel.

Die Vorstellung bietet eine lose Szenenfolge aus „Kabale und Liebe“, die in ihrer Abfolge Schillers dramaturgischem Aufbau folgt und das Stück auch Nichtkennern präsentiert. Außer Schiller ist Peter Brooks Theaterbibel „Der leere Raum“ scheinbar bekannt, denn fünf Schauspieler, drei Textbücher und sieben Stühle spielen zwei Stunden im leeren Bühnenraum Schillers Texte. Szenen werden gespielt, unterbrochen, neu angelegt. Die Schauspieler diskutieren ihre Arbeitsweisen mit aufbrausenden Emotionen und fangen erneut an. Der Abend erinnert an ein gut gebautes Abschlussprojekt von Schauspielschulen. Qualitäten und Schwächen der Darsteller werden deutlich. Das Spiel im Spiel im Theaterraum wird betont und ausgekostet. Ein dichter „Kabale und Liebe“-Abend in bekannten Varianten ist entstanden. Wo vertilgt hier die Form den Stoff? Schiller behauptet sich hier spielend.

Familiendrama im Treibhaus als Eröffnung der Schillertage

Samstag, 20. Juni 2009

don-carlos-12

Schillers „Don Karlos“ hat Calixto Bieito zu einer Messe über Liebe, Triebe und Käfige eingedampft

Von Anne Richter

Ein großes Treibhaus steht auf der Bühne, davor ein Junge von der Straße: mit Kopfhörern singend und wippend empfängt er mit guter Laune das Publikum. Es ist Kronprinz Don Karlos. Er hat zwei typische Pubertätsprobleme: Er liebt die falsche, nämlich seine Mutter. (Schillerkenner wissen, dass Königin Elisabeth seine Stiefmutter ist.) Das zweite ist der alte Generationenkonflikt: Sein Vater König Phillip will ihn nicht als Mann anerkennen und an der Macht, sprich den Staatsgeschäften beteiligen. Wenn Don Karlos sich enttäuscht zu seinem Schmusetier oder seinem Sandspielzeug zurückzieht oder hormongesteuert auf seine Mutter losgeht, kann man die Entscheidung seines Vaters sogar verstehen. Diesem Kronprinz würde wohl keiner die Verantwortung über andere Menschen anvertrauen, geschweige denn ein Heer.
König Phillip ist der Pflanzenhüter in seiner Treibhauswelt. Hier wächst nichts natürlich, alles wird beschnitten, gedüngt und nur mit Handschuhen berührt. Seine pflanzlichen Samen gehen auf, denn sie sind von Leichen gedünkt. Menschen erblühen hier nicht. Für seine Frau und seinen Sohn ist das Treibhaus ein Gefängnis.
Der katalanische Regisseur Calixto Bieito hat mit seinem Regieteam den Stoff von Schillers „Don Karlos“ auf 100 pausenlose Minuten eingedampft. Sein Thema benennt er in seinem Untertitel: „Sorgen und Nöte einer spanischen Familie, die von den Königswürden der Vergangenheit und dem Elend der Gegenwart träumt.“ Calixto Bieito hat für seine „Don Karlos“-Inszenierung das Team und die Darsteller aus Barcelona vom koproduzierenden Teatre Romea mitgebracht. Die Schauspieler spielen auf Kastillisch, was bei den kommenden Vorstellungen in Barcelona sicher für Aufregung sorgen wird. In Mannheim kämpft man eher mit den schnellen deutschen Übertiteln, so dass einige selbst das berühmteste Zitat des Stückes „Geben sie Gedankenfreiheit!“ verpassen.
Aber um Schiller geht es Calixo Bieito auch nicht. Es geht ihm um den Kampf zwischen Freiheit und Totalitarismus. Klar dass dieser Kampf bei Calixo Bieito reichlich Anlass für Blut, Schlamm, Sex und Tränen gibt. Seine Regiemittel sorgen in der deutschen Opernszene regelmäßig für Empörung. Zur Eröffnung der Schillertage im Schauspiel gab es Standing Ovations. Hier wird erwartet, dass drastische Bilder für komplexe Gefühle gefunden werden.
Ausufernd ist sein eklektische Einsatz von Kunstmitteln aller Sparten. Die heilige Messe wird ebenso zitiert wie Popmusik. Das Treibhaus in seiner Architektur erinnert an eine Kirche mit Mittelgang und Seitenschiffen und ist von El Boscos Gemälde „der Garten der Lüste“ inspiriert. Bespielt wird aber vor allem die Rampe. Verdi und Ligeti erklingen ebenso wie „Pleased to Meet You“ von den Rolling Stones. Die Frauen tragen die historisch anmutenden Kostüme des 16. Jahrhunderts. Mit einem Blick ist klar, dass sie mit ihren Röcken kaum durch die Pflanzenkübel und Tische mit Triebpflänzchen kommen. Etwas leichter in Königs Phillips Welt habe es die Männer in ihren heutigen Kostümen. Die Sopranistin Begona Alberdi spielt und singt die Herzogin von Alba. Dass sie mit ihrer ausgestellten Körpersprache und ihrem klassischen Gesang keine Verbindung zum Marquis von Posa – in der auf Identifikation setzenden Darstellung von Rafa Castejon – herstellen kann, ist auch sehr schnell klar.
Die Gegensätze in Calixo Bieitos Karlos-Welt sind so groß und deutlich, dass der Schluss schon im Anfang liegt: Hier wird es eine Schlammschlacht ohne Gewinner geben.