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“noch geht alles gut”

Montag, 31. Mai 2010
Photo: Theresa Rauter

Photo: Theresa Rauter

das sind david, karim und daniil. die figuren heißen so, und die schauspieler auch. hier kann man eine kurze biografie von daniel wagner finden, er ist 1980 in kasachstan geboren (die anderen beiden heißen karim cherif und david wurawa). die schauspieler geben ihren figuren die namen wie in der vorlage für den theaterabend: das ist der film “hass” von mathieu kassowitz, erschienen mitte der 90er jahre. volker schmidt und sein team machen ein “stationentheater” daraus und setzen die geschichte in ein “niemandsland am rande einer großen stadt irgendwo in europa”, sagt der programmzettel (es tritt dann aber doch ein wahlwerbender politiker von den “jungen konservativen österreich” auf, phantasievolle parteienschöpfung mit forderungen wie “steuerfreies vererbungsrecht auch für jagdscheine!”). auf jeden fall ist der ort, wo wir mit bussen hingefahren werden, eine industriebrache an wiens stadtgrenze: das alte gaswerk leopoldau. uraufführung war am 27.05.2010.

Photo: Theresa Rauter

Photo: Theresa Rauter

karim, daniil und david sind jugendliche in einem “banlieu”, die wissen, dass auch ihre zukunft sich am rand der gesellschaft abspielen wird. dauernd gibt es konflikte mit der polizei, auch mit zivilpolizisten. in den vierteln, in denen sie leben, wird nichts für die kulturelle bildung der jugend getan, beklagt sich daniil in leopoldau. kultur besteht hier aus sprachenmischmasch und den unterschiedlichsten hintergründen. karim (vater algerier, mutter französin) erzählt, dass ein verwandter (serbe) ihn mit dem filmen, dem “showbiz” angestiftet habe – aber als er mal durch den türspalt geguckt hat, welche filme die serben sich da ansehen (gucken für karim verboten!), sind es abgefilmte tote. man hat sich versammelt, um gewissheit über das schicksal von bekannten weit weg in serbien zu bekommen. – was sie selbst weitergeben können, ist kriminelles wissen: karim erklärt, wie man im job betrügt, daniil ist stolz darauf, mit 13 jahren schon eine eigene methode gefunden zu haben, wie man ein auto knackt!

wer aus der reihe fällt, ist devid.

Photo: Theresa Rauter

Photo: Theresa Rauter

devid erzählt uns, er sei als boxer vor fünf jahren aus simbabwe nach europa zu einem kampf eingeladen gewesen. er hat den kampf gewonnen und ist illegal geblieben. er muss seine zwei brüder und seine schwester in afrika ernähren und ihnen den schulbesuch ermöglichen. im laufe der zeit hat er sich richtig was aufgebaut: er bringt als boxlehrer in einer box-gym jugendlichen das boxen bei.

aber dann werden alle seine pläne vernichtet: in der nacht zuvor hat es unruhen gegeben. wir stehen mit ihm im raum und sehen: sein ring ist nur noch schutt und asche, verbrannt.

ein junger migrant liegt im koma, die polizei hat ihn während eines verhörs verletzt. eine waffe ist während der unruhen verloren gegangen. gefunden hat sie karim, der sowieso schon schwer unter strom steht. er schwört rache, sollte sergej, wie er hier heißt, sterben.

in wien sind wir fast die ganze zeit unterwegs. tagsüber hat es geregnet, der boden ist nass und schlammig. im laufe der dreieinhalb stunden (incl. busfahrten) wird es auch kühl. wir gehen erst in drei gruppen den drei hauptdarstellern hinterher und lernen so in kleinen szenen sowohl sie als auch ein paar andere figuren kennen. schauplätze: bei karim sehen wir zum fenster hinein, während sich die szene für die andere gruppe in unserem rücken wiederholt – weil daniil vorher auf der straße einen wortwechsel hat, bevor er zu unserer szene mit karim dazustößt.

Photo: Theresa Rauter

Photo: Theresa Rauter

karim macht auch dauernd auf dicke hose wie alle anderen. aber wenn es darauf ankommt, ist er auch schnell schon mal ab durch die mitte. sie knacken auch zu dritt ein auto – aber niemand kann es fahren!

es beginnt ein bisschen müde, das ganze, weil die darstellung der unruhen nicht besonders überzeugend ist – vielleicht hätte man hier doch einen (kampf)choreografen engagieren sollen. aber die drei hauptdarsteller haben einen ganz schnell um den finger gewickelt mit dem charme, den sie ihren figuren verleihen, dem unglaublich lebendigen humor und der hibbeligen spielfreude. “authentisch” würde ich das nicht nennen. aber dann wären wir ja auch genau in dem “zoo”, in dem die figuren sich nicht fühlen wollen. es ist wirklich sehr lustig über sehr weite strecken (wie auch im film) – aber kein darsteller verrät dabei seine figur. bis auf den skinhead (heute war da nur einer) in der grube allerdings, der gibt nur grunzlaute von sich…

Photo: Theresa Rauter

Photo: Theresa Rauter

die darsteller machen eine menge wirbel, was gar nicht so leicht ist mit nicht so viel “personal” und auf so großer fläche. die szenenwechsel sind großartig komponiert, es macht auch großen spaß, wenn autos um die ecke kommen, reifen quietschen, verfolgungsjagden über autodächer stattfinden, irgendwoher noch jemand auftaucht, man mal drinnen und oft draußen sitzt und steht und guckt, figuren hinter hügeln auftauchen oder mehrere szenen fast gleichzeitig kommentieren, während sie in ihrem tomatenbeet herumhackseln.

was nicht gut klappt, sind die wendepunkte und die überraschenden momente. man weiß gar nicht, warum am ende karim seine waffe doch an den vernünftigen david abgibt (im film ist es klar: er weiß, dass er niemanden töten könnte, er hatte die waffe auf einen unterlegenen skin-head gerichtet – aber in der theateraufführung kann man das kaum erkennen, obwohl die szene noch im stück vorkommt). und im film offenbart auch der vernünftige david eine “dunkle seite” – auf das leben des skin-heads scheint er nicht viel zu geben. auch das ist in der adaption noch enthalten, aber mit diesem moment der ambivalenz wird hier gar nicht gespielt.

es gibt mitten in der pampa sogar eine pause. man kann gegen eine spende getränke bekommen und bei einem breakdance battle mit dj die beteiligten anfeuern, darunter junge tänzer und schüler, die sichtlich lust an ihrer rolle haben.

Photo: Theresa Rauter

Photo: Theresa Rauter

“noch geht alles gut” gehört übrigens zu dem gleichnis, das den film und das stück einleitet: jemand fällt aus dem 40. stockwerk und sagt sich während des fallens immer wieder “noch geht alles gut, noch geht alles gut”. aber entscheidend, sagt das gleichnis und bezieht sich auf ganze gesellschaften, ist nicht der fall, sondern der aufprall.

deswegen kann man auch kein ende verraten. der film geht schlimm aus. aber ein ende gibt es eigentlich gar nicht.

christiane enkeler

europoly

Freitag, 28. Mai 2010

gestern habe ich bei einem jugendFREI-workshop zur installation “europoly” vorbeigeguckt: dejan kaludjerović ist der künstler, 1972 in belgrad geboren. zu beginn erklärt er allen die spielregeln, auf englisch. die beiden mitarbeiterinnen magdalena und melika erklären noch mal auf deutsch, es soll nichts schief gehen. für die gymnasiasten ist der installationsbesuch der fächerübergreifende abschluss (deutsch, ethik, psychologie) des themas “integration”. nach dem spiel soll auch noch diskutiert werden.

Photo: Dejan Kaludjerović

Photo: Dejan Kaludjerović

der künstler hat die monolopy-prinzipien auf die situation von immigranten übertragen, die in der eu leben wollen. – dejan kaludjerović zur “marke” von europa:

dejan kaludjerović erzählt, wie es ihn nach wien verschlagen hat:


wer das spiel gewinnen will, muss (auf den enstprechenden feldern) erwerben, was man an papieren braucht: zum beispiel meldezettel, versicherung, qualifikationen und sprachenzertifikat. der gewinn am ende ist ein “europoly-passport”, und natürlich muss man in der ganzen zeit auch geld verdienen. straßen und häuser kann man nicht erwerben, sondern berufe. – dejan kaludjerović:

die berufe reichen von der prostituierten/dem drogenhändler (die beiden dunkellilanen am anfang) bis zum politiker (sozusagen die “schlossallee”) – was bei der spielfeldanordnung impliziert, dass der politiker der prostituierten, wie soll man sagen: nahe steht…? (siehe bild) – möchte der künstler damit etwas ausdrücken?

bis auf die beiden illegalen berufe gibt’s für alles arbeitsverträge. dann soll man auch alle berufe einer farbgruppe besitzen. die grünen berufe sind: künstler, model und sportler. auf dem weg dahin kommt man auch über den “scientist”. statt der grünen häuser kann man “yugo-taschen” stapeln, in österreich nennt man sie “tschuschenkoffer”, jedenfalls haben sie wohl überall abfällige bezeichnungen, meint dejan kaludjerović. gegen fünf “tschuschenkoffer” und 500 euro kann man eine designertasche tauschen. und wer dann auf das entsprechende feld tritt, muss für die dienstleistung viel geld hinlegen. das, was sonst die miete ist.

die schüler werden in vier gruppen aufgeteilt und übernehmen innerhalb der gruppen unterschiedliche aufgaben, zwischendurch kann auch getauscht werden. einer übernimmt, “spielfigur” auf dem begehbaren brett zu sein.

gestern kommen sie etwas schwer in gang, jeder zug braucht auch seine zeit mit den schaumstoffwürfeln, für die jeder auf seite springen muss. bei der sache sind sie, nur eben nicht euphorisch. auf taktisches vorgehen wird von der spielleitung zu anfang hingewiesen, und tatsächlich hat die blaue gruppe nach ca. einer stunde auch ziemlich viel in der hand: zuerst wollte niemand die beiden anrüchigen billig-berufe haben – jetzt gehören sie den “blauen” und sind hoch dekoriert, mit jeweils einer designer-bag. 1300 euro haben sie in der kasse, außerdem besitzen sie noch einzelne berufe aus anderen gruppen, z.b. den waiter und den scientist. alexander (18) und tamara (17) geben sich taktisch und selbstbewusst…

die gelben sind gerade übers “go”-feld gekommen, was sie gerettet hat: 400 euro zuschuss holen sie aus der beinahe-pleite. sie haben karten von berufen aus verschiedenen farbgruppen, deswegen kommen sie nicht weiter, und jetzt geben sie auch noch ein interview, das vom spiel ablenkt – merym (gerade 18 geworden) ganz diplomatisch und ohne vorwurf:

… ich geh dann mal lieber…

im programmbuch steht, dass dejan kaludjerović seit sechs jahren in wien lebt. deswegen möchte ich am schluss doch noch wissen, ob er jemals versucht hat, deutsch zu lernen… – warum möchte er (z.B. im interview) kein deutsch sprechen?:

danke für die interviews!

christiane enkeler

rimini in wien

Freitag, 28. Mai 2010

rimini protokoll hat 2008 am HAU in berlin “100 prozent berlin” inszeniert und jetzt hier “100 prozent wien”. vorhin die uraufführung: schön war’s. einfach eine gut gemachte aufführung, die die ein oder andere länge hat, der man hier und da beliebigkeit vorwerfen kann und unkompliziertes denken – aber der anspruch war ja wohl, statistik lebendig zu machen. für zahlen haben sich menschen auf die bühne gestellt, die wiederum bilder geformt haben. und das war gut gemacht.

Photo: Nurith Wagner-Strauss

Photo: Nurith Wagner-Strauss

das sieht ein bisschen aus wie peter pan.

ohne die vielen tobenden kinder auf der bühne hätte eine menge lebendigkeit gefehlt. der blick auf die statistik mit all seiner effizienz ist auch ein sehr erwachsener, da ist das individuelle peter-pan-prinzip schon mal keine schlechte idee. einer gegen alle. und dann: gucken wir aber immer wieder auch von oben auf statistische formationen, die plötzlich aussehen wie schlangen oder wie winzig kleine lebensformen, durchs mikroskop gesehen, fliegender forscherdrang…

Photo: Nurith Wagner-Strauss

Photo: Nurith Wagner-Strauss

der “chor” habe nur drei mal geprobt, steht im programmheft. das ist das bis jetzt aufwändigste, das ich dieses jahr bei den festwochen sehe, fast so fett wie das gesamte festwochenprogramm. jeder teilnehmer ist kurz darin vorgestellt. einer steht für 17.000 wiener. “17.000 wiener sind so wie ich”, sagt martin thomas pesel, das erste prozent. eine kettenreaktion sollte dann die anderen auswählen nach statistischen einwohnerkriterien, wobei der letzte (mit komparsenerfahrung) halt den entsprechenden wiener spielt. bisschen geschummelt, aber na gut, wird ja bestechend charmant gleich mitinszeniert. wir sehen ein paar originelle menschen, manche, die originell sein wollen und aber vielleicht doch verlegener sind, andere, die offensichtlich die gemeinschaft auf der bühne genießen. die tritt uns tatsächlich als eine sehr sympathische entgegen. bei einigen überschriften führt das dazu, dass man sich fragt, wen man da gerade sympathisch findet: relativ viele zum beispiel versammeln sich unter der prämisse, dass sie schon mal “gewalt ausgeübt” haben. was das nun bedeuten mag. wer da wo die grenze zu was zieht? was bedeutet also statistik?

nur einer gibt zu, mal in haft gewesen zu sei, aber nicht wenige sagen, sie hätten schon mal ein gesetz gebrochen.

Photo: Nurith Wagner-Strauss

Photo: Nurith Wagner-Strauss

allerdings versammeln viele sich auch unter der überschrift: “wir haben heute abend auch mal gelogen.” also mit der verlässlichkeit hapert es so ein bisschen, aber womöglich geht es darum gar nicht oder auch um nichts anderes.

für ihren typischen tagesablauf agieren die statisten pantomimisch auf der bühne alle gleichzeitig. sie haben sich da gerade kurz dem publikum vorgestellt, vielleicht einen applaus bekommen, weil sie heute geburtstag haben. im zuschauerraum blitzt es immer mal wieder, weil so viele verwandte/bekannte in den reihen sitzen. dann soll man selbst meldung geben, ob man sich repräsentiert fühlt…

es entsteht eine art gemeinschaft. am ende ein paar fragen fürs herz – das heißt: welche, bei denen man sehr ernst werden kann. (“wir haben schon mal mit dem gedanken gespielt, uns das leben zu nehmen.” oder es geht um ein meinungsbild zur einführung der todesstrafe.) am ende aber auch: schmissige musik (fatima spar and the freedom fries). bühne dreht sich noch mal mit treppchen drauf, alle winken und so weiter.

erst sieht es dabei so aus, als hätten einfach ein paar darsteller ihre sachen unter der treppe vergessen. dann stellt man fest: dort soll offenbar jemand liegen, der keine angaben machen kann über das baujahr des hauses, in dem er wohnt. das ist schon ein bisschen platt. und trübt auch niemandes stimmung in dem moment, ganz offensichtlich weder auf der bühne noch davor.

das gute an dem abend ist, dass er irrsinnig viel gesprächsstoff liefert. und wenn man dann mit den richtigen menschen zusammensitzt, kommt man ganz schnell auf existentielle, persönliche themen…

christiane enkeler

“postnationale utopie”

Dienstag, 25. Mai 2010

ab dem 03. juni 2010 kann man in der reihe into the city ein spiel mitmachen, bei dem man “ausgebürgert” wird.

am 22.05.2010 habe ich mit regisseur jörg lukas matthaei über “schwellenland” gesprochen (ca. 15min):

… und dann verrät jörg lukas matthaei doch noch aufgaben und stationen!:

christiane enkeler

exhibit a – produktionsseite

Sonntag, 23. Mai 2010

(dies ist ein hintergrundtext und einordnung/bewertung. auskunft zu installation und themenfeldern gibt es hier.)

die erwachsenen performer kommen aus namibia, südafrika (chuma sopotela spielt die frau in der eingangshalle) oder sind afrikanische zuwanderer in europa, also auch asylbewerber. ihre vorfahren sind opfer, sie haben deutsche vorfahren oder sie selbst führen touristen, die auf safari gehen wollen, sich aber nicht für die kolonialgeschichte interessieren. wolfgang lamsa ist festwochen-dramaturg und für diese produktion “Exhibit A: Deutsch Südwestafrika” verantwortlich. am 20.05.2010 kurz vor der vorstellung haben wir uns im völkerkundemuseum in wien getroffen.

wo genau ist der rote faden zwischen kolonialismus und genozid auf der einen seite und europäischer einwandererpolitik auf der anderen?

nach dem zusammenhang frage ich noch einmal konkret (eigentlich in bezug auf namibia)

"Angelo Soliman" in "Exhibit A", Photo: Nurith Wagner-Strauss

"Angelo Soliman" in "Exhibit A", Photo: Nurith Wagner-Strauss

wolfgang lamsa hat ganz offensichtlich viel gearbeitet und wenig geschlafen in den letzten tagen. was hat er erlebt in der vorbereitungszeit oder wie erlebt er sie?

warum macht er es trotzdem?

was bedeutet die installation für die subkultur, in der er sich bewegt? (ich dachte eigentlich, es sind “intellektuelle”… – aber dann geht es um jemanden, mit dem er fußballmäßig einig ist):

was bedeutet diese installation für die österreichische kultur?

was bedeutet sie für die deutsche kultur?

die installation beim festival theaterformen in braunschweig (spieltermine für exhibit a: 03.-06.06.) wird anders aussehen als in wien: die österreichischen aspekte sollen nicht mit nach deutschland gehen, andere, deutsche aspekte hinzukommen. wolfgang lamsa ist in braunschweig dann nicht mehr dafür zuständig.

“exhibit a” ist als installation ein ausgesprochen kompliziertes “kulturelles system”. in wien komme ich als deutsche besucherin in die installation eines weißen regisseurs aus südafrika, der mit performern aus unterschiedlichen afrikanischen ländern arbeitet und hier in wien mit einem dramaturgen, der ursprünglich aus deutschland kommt. das ästhetische system bringt schon auf produktionsseite viel unter einen hut, was eigentlich höchst unterschiedlich ist. den besucher “schluckt” dieses system auch noch, indem er automatisch zum darsteller wird. damit erlebt der besucher vereinnahmung am eigenen leib.

das ist strukturell manipulativ, deswegen sehr zwiespältig und trotzdem fürs erste ganz gut so: es macht unglaublich wütend und traurig und fördert erstaunlicherweise sowohl empathie als auch abwehr – die man gleich intellektuell in frage stellt, weil sie so politisch unkorrekt wäre. gerade wer nicht gut damit klar kommt, wird sich vermutlich weiter thematisch damit auseinander setzen. und das ist doch dann gut so.

christiane enkeler

exhibit a – aus besuchersicht

Sonntag, 23. Mai 2010

in “exhibit a: deutsch-südwestafrika” setzt brett bailey, kostüm- und bühnenbildner, gründer der performancegruppe “third world bunfight” aus südafrika tatsächlich afrikanische menschen in vitrinen in szene. “für besucher ab 16 jahren” – uraufführung bei den wiener festwochen.

in der programminformation schreibt brett bailey von “drei roten fäden”, die er zusammenführen will: “die menschlichen zoos der kaiserzeit in europa, die dazu beitrugen, die rassistischen fiktionen zur konstruktion der kolonialpolitik zu legitimieren, den genozid an den völkern der herero und der nama in namibia unter deutscher kolonialherrschaft und den vermehrten rassismus und einsatz einer ‘politik der starken hand’ gegenüber zuwanderern in europa.” eine entsprechende kleine einführung gibt er selbst zu beginn auf englisch und bittet uns dann, nach dem eintritt nicht mehr zu sprechen.

ansatz (wirklich nur ansatz) zu einer dichten beschreibung

unsere kleine gruppe, etwa 20 bis 30 besucher, wird in die große eingangshalle des museums geführt. wir setzen uns im kreis um einen leeren schaukasten mit quadratischem grundriss auf bereit gestellte stühle. ein weißer museumsdiener/wächter/wärter bringt, ohne druck, aber mit großer selbstverständlichkeit, eine schwarze frau herein. sie zieht ihr kleid über den kopf und legt es ab. das licht lässt sie uns nackt erscheinen.  er gibt ihr schuhe mit mittelhohen absätzen. sie steigt damit ein kleines treppchen hinauf und stellt sich in die mitte des podestes, über dem vier schmale säulen ein kleines dach tragen. sie steht vollkommen still auf einer scheibe, die sich langsam dreht. ihr unbeweglicher gesichtsausdruck lässt sich schwer deuten zwischen stoischem gleichmut, trotz und selbstbewusstsein. möglicherweise ist er neutral und all das sind wechselnde zuschreibungen. das licht ändert sich jetzt. wir sehen: sie trägt einen kurzen rock und arm- und beinbandarolen. ihre augen glitzern klein in dem dunklen gesicht. zu all dem läuft klassische musik, die in afrikanische mündet und wieder zurückfindet. die richtung ihres blicks lässt sich kaum ausmachen, es sieht aber so aus, als sehe sie über unsere köpfe hinweg. sie steht erhöht, wir sitzen auf der unteren ebene. besucher rollen die eintrittskarten in der hohlen hand, schlagen die beine übereinander, ziehen den kopf zwischen die schultern. die menschen links und rechts von uns sind etwa eine armeslänge weit weg, jeder stuhl steht einzeln auf dem glänzenden boden und von der wand entfernt. manche sehen in den kreis, manche auf den boden, manche in die mitte, wie die frau links neben mir. ihr gesicht ist gerötet. niemand spricht, aber es ist nicht still in der halle. immer wieder kommt ein schwarzes kind in alltagskleidung herein und fasst einen zumeist weißen besucher an der hand, ohne druck, aber mit großer selbstverständlichkeit. wir werden einzeln eine etage höher geführt. der kleine junge neben mir sieht mich nicht an und spricht nicht. gleichmütig führt er mich zu einer hohen tür. er bleibt draußen. innen erst beginnt die eigentliche “ausstellung”.

Photo: Nurith Wagner-Strauss
Photo: Nurith Wagner-Strauss

im ersten raum empfängt uns das kleine ausstellungsschild “souvenirs aus eden”. aus dem dunkel hell herausgehobene antilopenköpfe, ganz an der wand zwei hohe vitrinen. darin zwei “nama”. auf zwei bögen auf dem tisch sind ihre maße verzeichnet, ihr geschlecht und ihre religion (“heidin”). sie wanken nicht. sie blinzeln nicht. sie sehen uns direkt in die augen.

Photo: Nurith Wagner-Strauss

Photo: Nurith Wagner-Strauss

“ein platz an der sonne” heißt das nächste bild im zweiten raum. eine afrikanische frau sitzt auf dem bett eines deutschen offiziers in südwestafrika. rechts lehnen stiefel. links liegt nachlässig eine uniform. ihr hals steckt in einer breiten metallkrause mit einer schweren kette. sie wendet uns den rücken zu und blickt mit dem gesicht zur wand, an dem ein spiegel hängt. ihr blick trifft den blick der vorübergehenden schlagartig.

im übernächsten (vierten) raum hängen fotos von schädeln schwarzafrikanischer menschen an der wand. darunter eine reihe von vier hüfthohen podesten, aus denen köpfe herauslugen, so dass sie wie aufgelegt wirken. die köpfe singen mit geschlossenen augen. man kann auf stühlen davor platz nehmen.

Photo: Nurith Wagner-Strauss

Photo: Nurith Wagner-Strauss

im gesang mischen sich europäisch klingende melodieführung und afrikanische schnalzlaute. an der rechten seite des tableaux ist ein weißer kittel auf eine torso-kleiderpuppe aufgezogen. das schild am raumeingang verweist auf eugen fischer (1874-1967, “wegbereiter der nationalsozialistischen rassentheorien”) und seine schädelsammlung.

Photo: Nurith Wagner-Strauss

Photo: Nurith Wagner-Strauss

(hier anmerkungen des dramaturgen, auch zur verbindung zwischen raum vier und und fünf)

drei als asylbewerber katalogisierte menschen stehen im fünften raum hinter elektrozaun, und im vorletzten raum sitzt “marcus omofuma”, am ersten mai 1999 während seiner abschiebung gestorben.

Photo: Nurith Wagner-Strauss

Photo: Nurith Wagner-Strauss

die ausstellung führt bis zu einer wand mit fotos und statements der performer, gegenüber ein versöhnliches bild: der handwerker summt vor sich hin.

Photo: Nurith Wagner-Strauss

Photo: Nurith Wagner-Strauss

am ende öffnet sich die tür: links und rechts sitzt jeweils eine reihe kinder, die sich müde auf den stühlen räkeln. ein mädchen springt auf und führt mich an der hand zum ausgang. es spricht nicht, winkt mir aber zum abschied.

franciska (12, ein anderes mädchen) und ihre “kollegin” erzählen von den besuchern, wie sie sie erleben.

diese frau war sicher nicht die einzige, die geweint hat. die installation nimmt schwer mit und führt zum durchmischtesten gefühlswechselbad. auch empörung ist dabei: über die theatralität der szenen, über die eigene verunsicherung über die verbindungen, über die erkenntnis, die ästhetik von bild und ton auch zu genießen, über den als fremd empfundenen zwang, als betrachter selbst eine (täter-)rolle zu spielen – eigentlich ist es ein stillschweigendes mitmachtheater, dem man sich nur entziehen könnte, wenn man das “spiel” verlässt. natürlich könnte man das tun. aber es ist auch eine herausforderung, den blicken der performer standzuhalten.

nachdem ich aus der installation herauskomme, möchte ich am liebsten allein gelassen werden. und bin dann doch froh, mit einer bekannten noch über anderes reden zu können. wir kommen aber auch immer wieder zurück zum erlebten.

ich bin froh, dass ich keinen fixen abgabetermin habe. komme schwer ins grübeln, ob ich überhaupt fotos ins netz stellen möchte. wie man sieht, habe ich mich statt für “gar keine” inzwischen für “ganz viele” entschieden.

am 20.05.2010 spreche ich mit dem festwochen-dramaturgen wolfgang lamsa. es beruhigt mich, dass er auch beunruhigt ist. letztendlich lasse ich mich von der methode überzeugen…

christiane enkeler