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„Die vom Wege abgekommene“ – eine 1A-Wiener Festwochenproduktion. Kritik II

Freitag, 1. Juni 2012

Ewige Liebe – das  verbindet Violetta Valery und Alfredo Germont. Unsterblich vereint und einander treu ergeben bis in den Tod – das ist ihre Devise.

Violetta Valery ist eine um 1850 in Paris lebende, an Tuberkulose leidende Nobelprostituierte, die sich ihr verschwenderisches Leben von ihren reichen Kunden, unter anderem von Baron Douphol finanzieren läßt. Eines Tages, während eines ihrer berauschenden Feste, taucht Alfredo Germont auf, der schon seit einem Jahr in sie verliebt ist. Die Beiden kommen einander näher, bis sich auch Violetta, aufgrund der Treuherzigkeit Alfredos zu diesem hingezogen fühlt. Zusammen verbringen die Liebenden drei wundervolle Monate außerhalb von Paris. Durch Annina, Violettas Dienerin erfährt Alfredo, dass seine Geliebte all ihre Besitztümer verkauft hat, um ihrer beider luxuriöses Leben zu finanzieren. Umgehend reist er nach Paris um die Angelegenheiten zu klären und Geld zu beschaffen.

Doch während seiner Abwesenheit bekommt Violetta Besuch von Alfredos Vater, Giorgio Germont. Dieser bittet sie, sich umgehend von seinem Sohn zu trennen, da die Beiden durch ihre unschickliche Beziehung, der zukünftigen Vermählung von Alfredos Schwester im Wege stehen könnten. Verzweifelt geht Violetta auf den Wunsch ein und beschließt nach Paris zurückzukehren. Heimlich und mit schwerem Herzen verlässt sie Alfredo. Dieser denkt sie habe ihn verraten und will sich deshalb an ihr rächen. Er trifft Violetta bei einem Fest wieder und blamiert sie vor allen Gästen, indem er sein gerade gewonnenes Geld quasi als Bezahlung ihrer Liebesdienste vor ihre Füße wirft. Schließlich sinkt Alfredo zu Boden, während Violetta versucht ihm zu erklären, dass sie dies alles nur für ihn tue. Nach einem Duell mit Violettas Mäzen Baron Douphol verläßt er die Gesellschaft. Einige Zeit später, Violetta ist bereits schwer krank, wünscht sie sich nichts mehr im Leben, als Alfredo ein letztes Mal zu sehen und sich mit ihm auszusöhnen. Alfredos Vater hat seinem Sohn bereits von Violettas großem Opfer berichtet. Als die Liebenden  endlich wieder vereint sind, stirbt Violetta.

Giuseppe Verdis, 1853 in Venedig, uraufgeführte Oper ist tragisch, wunderschön und tief berührend. Deborah Warners empfindsame Neuinszenierung  für die Wiener Festwochen wirkt bezaubernd, ergreifend und unendlich traurig. Als Zuschauer begibt man sich auf eine Reise, vorbei an übertriebenen Gebärden und unwirklichen Darstellungen, hin zum wirklichen Erleben und Mitempfinden großer Gefühle.

Irina Lungu singt und spielt Violetta höchst sensibel und ergreifend. Auch wenn ihre Stimme in der Generalprobe zu Beginn noch etwas leise und nervös klang, so veränderte sich dies nach einigen Takten, und heraus kam eine schöne, klangvolle und lebhafte Mademoiselle Valery, die extrem überzeugend auftrat, unterstützt  vom Orchester dirigiert von dem jungen, souveränen Omer Meir Wellber. Genauso wohlklingend und tragend wie Lungus Gesang ist auch Saimir Pirgus Stimme. Dieser spielt Alfredo Germont  auf eine warme und „bärige“  Art, die ihn unweigerlich sympathisch wirken läßt. Auch wenn er nicht die typische Jünglingserscheinung hat, so ist die Besetzung trotzdem ideal. Gabriele Viviani, der Alfredos Vater verkörpert, beeindruckt  durch seine ausdrucksstarke und intensive Stimme. Neben den gesanglichen Leistungen möchte ich auch das höchst interessante und äußerst passende Bühnenbild und die Kostüme erwähnen: im ersten Akt den Salon von Madame Valery, im zweiten Akt, das bequem Wohnzimmer in Alfredos und Violettas Rückzugsort  außerhalb von Paris und den Festsalon von Flora, einer Freundin Violettas, im dritten Akt, ein kahles und kaltes Krankenhauszimmer. Alle Szenen des ersten und zweiten Aktes werden von einem grünen, düsteren Wald überschattet, der sich im Hintergrund des Geschehens ausbreitet. Dieses Wäldchen sieht nicht nur extrem realistisch aus, sondern lässt auch zu mancherlei Gedanken über seine Symbolik aufkommen.

Steht es vielleicht  für das Leben und verschwindet es deshalb, als Violetta bereits sterbenskrank danieder liegt? Diese Idee des Bühnenbildners Jeremy Herbert ist auf jeden Fall Grund für mancherlei Überlegungen. Im zweiten Akt sticht die interessante Bühnengestaltung durch das wirklich „casual“ wirkende Wohnzimmer mit dem Holzkamin und das mit seinen grünen Spieltischen aufregend leuchtende „Freudenzimmer“ hervor. Glücklicherweise ist das Bühnenbild, trotz der Neuinterpretation, nicht wie in so manch anderen moderneren Inszenierungen vollkommen schmucklos und eintönig. Vielmehr verkörpert  es eine angenehme Mischung zwischen neuartiger und archaischer Bühnengestaltung. Genauso ist es mit den Kostümen: Violetta, zu Beginn in ein goldenes, knielanges Cocktailkleid, zwischendurch im langen, rosa Faltenrock und zum Schluss in einem Patientenkittel gehüllt, ist stets eher einfach, aber nicht zu schlicht gekleidet. Im Allgemeinen ist die Kleidung des Arnold-Schönberg Chors und der verschiedenen Einzelakteure, zwar oft recht bunt, aber trotzdem wirklichkeitsgetreu und zur heutigen Zeit passend. Einmal jedoch lässt Kostümbildner Rudy Saboungh, seiner Kreativität freie Bahn. Im zweiten Akt, treten während Floras pompösem Fest, als Zigeunerinnen und spanische „Toreros“ verkleidete, Tänzer auf. Es ist zu vermuten, dass deren verrückte und beinahe exotisch wirkende Kleidung die Exaltiertheit der Gesellschaft unterstreichen soll. Männer, die obskure BHs und dazu schillernde Stierkämpferhosen tragen dominieren diesen eindrucksvollen Auftritt. Passend dazu Kim Brandstrups Choreographie und die Tänzer mit nahezu unglaubwürdiger Beweglichkeit.

Wie auch das Wäldchen auf der Bühne, so lässt auch ein in schwarz gekleideter, umherschweifender Mann Fragen offen. Wer ist er, was tut er? Symbolisiert er vielleicht den Tod, warum sonst sollte er immer dann auftauchen, wenn etwas Unheil verkündendes passiert? Zu guter Letzt läßt sich noch die schauspielerische Leistung der beiden Hauptakteure hervorheben, die ihre Rollen überzeugend spielen und der Inszenierung dadurch ihre mitreißende Wirkung verleihen. Diese Produktion der Wiener Festwochen, verkörpert ein Bühnenerlebnis, auf das man noch später gerne zurückblicken wird. Denn es zeigt, wie eine wahre und gut durchdachte Opernaufführung sein sollte.

Franziska Lamp

La Traviata – Kritik I

Freitag, 1. Juni 2012

Bei der Uraufführung ausgebuht, heute eine der meistgespielten Opern. Ganze 3-4mal täglich wird La Traviata weltweit in verschiedenen Inszenierungen aufgeführt. Für die Wiener Festwochen inszenierte Deborah Warner Verdis Oper neu, auf moderne Art und Weise, jedoch nicht dermaßen übertrieben auf unsere Zeit umgestellt. Irina Lungu, die aus Moldawien stammende, gerade mal 30 Jahre junge Sängerin, stand als Violetta im Theater an der Wien auf der Bühne. Neben ihr, Weltklasse-Tenor Saimir Pirgu als Alfredo und Gabriele Viviani als Vater Alfredos. Begleitet wurden die Sänger vom Radio Symphonieorchester Wien, unter der musikalischen Leitung des israelischen Dirigenten Omer Meir Wellber.

Die Tuberkulosekranke Violetta lebt in Saus und Braus, ein typisches Pariser Leben eben. Von ihrer Krankheit will sie nichts wissen, genauso wenig wie von der Liebe. Als sie endlich auf Alfredo trifft, scheint sie vom Glück geküsst zu sein, doch dieses ist nur von kurzer Dauer. Ihr Traum ist ausgeträumt, auf Drängen von Alfredos Vater muss sie ihre große Liebe verlassen und Alfredo den wahren Grund ihres Fortgangs vorerst verschweigen. Das Faszinierende an La Traviata ist nicht, dass Violetta letztendlich ihrer Krankheit erliegt, es geht eher um ihre Entscheidung, ohne ihren Alfredo zu leben, was für sie ein weit größeres Opfer bedeutet, als ihr eigener Tod.

Violetta und Alfredo, Irina Lungu und Saimir Pirgu, sind wirklich mit großem Lob zu überschütten. Vor allem Violetta lässt einem, mit ihren oft leisen Tönen, die Gänsehaut an den Armen hinaufkriechen. Obwohl sie noch beide sehr jung sind, haben sie großartige, mitreißende Stimmen und wurden vielfach bejubelt. Recht passend besetzt ist auch die Rolle von Alfredos Vater mit Gabriele Viviani, der sehr eintönig singt und deshalb den besorgten Vater mit seinen schlimmen Hintergedanken wirklich authentisch spielt. Ganz zu schweigen von Saimir Pirgu, was soll man da sagen, er hat die Rolle schon ganze 13-mal gesungen, einfach unverbesserlich.

Um der ganzen Bühne einen traurigen, melancholischen Touch zu geben, gestaltete Bühnenbildner Jeremy Herbert einen Wald als hinteren Abschluss der Bühne. Auch die Lichttechnik darf keinesfalls links liegen gelassen werden. Das Krankenhaus wirkte steril, desinfiziert und blank geputzt, wie es eben sein muss, am Bühnenrand fanden sich aber Schatten, die alles unheimlich wirken ließen.

Obwohl ich meist nicht gut mit Modernisierungen zurecht komme, so hat es mir diesmal außerordentlich gut gefallen. Deborah Warner hat keineswegs übertrieben. Beeindruckend und geeignet besetzt waren neben den Hauptrollen auch die Nebenrollen. Man konnte sogar lachen, über den dargestellten Stier und die Zigeunermädchen.

Großartig, dass es nach der Uraufführung 1852 auch Leute gab, die La Traviata als nicht so schlecht bewerteten, wie der größte Teil des Uraufführungs-Publikums und so diese Oper auch für uns heute noch erhalten ist.

Carina Habel

Heute Abend ist Premiere

Freitag, 25. Juni 2010
Shavleg Armasi (Padre Guardiano), Daniel Magdal (Alvaro) und Adva Tas (Leonora) - Foto: Silke Winkler

Shavleg Armasi (Padre Guardiano), Daniel Magdal (Alvaro) und Adva Tas (Leonora) - Foto: Silke Winkler

An unserem letzten Tag des Festival-Blogs wünschen wir allen Beteiligten für die heutige Premiere Toi, toi, toi und allen Besuchern der diesjährigen Schlossfestspielen einen spannenden Opernabend.

Nina Heinrich und Fabian Holthus

Die Macht des Schicksals – leicht verständlich

Montag, 7. Juni 2010

Keine Verdi-Oper ist so komplex und beinhaltet auf engem Raum so viele Wendungen und Geschehnisse wie “La forza del destino”. Deshalb sollte es hier die Möglichkeit geben, den Inhalt der Oper auf das Wesentliche in einer Grafik zusammen zu fassen:

Personenkostellation - Grafik: Fabian Holthus

Personenkostellation - Grafik: Fabian Holthus

Leonora, die Tochter des Marchese von Calatrava, liebt Don Alvaro, Sohn eines spanischen Adeligen und einer Inkaprinzessin. Als sie sich eines Abends mit ihm auf die Flucht begeben will, werden sie vom Marchese überrascht. Es löst sich ein Schuss. Der Marchese fällt tot zu Boden. Das Liebespaar verliert sich in diesem Tumult.

Leonora findet Zuflucht in einem Kloster und findet dort Trost in einer Einsiedelei. Alvaro dagegen, inzwischen unter falschem Namen ins Heer eingetreten, kämpft in Italien. Dort trifft er Don Carlo, Bruder Leonoras, der den Tod des Vaters an seiner Schwester und deren Geliebten rächen will, und freundet sich mit ihm an. Durch Verwicklungen auf dem Schlachtfeld kommt Don Carlo hinter die wahre Identität Alvaros, doch ehe es zu einer Entscheidung kommt, werden die Kämpfenden voneinander getrennt. Alavaro beschließt ins Kloster einzutreten. Zufällig ist es das Kloster, wo Leonora ebenfalls Zuflucht gesucht hat. Don Carlo, der Jahre später immer noch unermüdlich auf Rache sinnt, findet ihn schließlich. Die beiden Liebenden kommen erst auf dem Totenbett wieder zusammen.

Fabian Holthus

Probe bei klarem Sonnenschein

Donnerstag, 3. Juni 2010

Etwas störte doch die Idylle heute Morgen auf dem Alten Garten, denn bevor die Probe richtig beginnen konnte, führten die Tontechniker noch Soundchecks der zahlreichen Lautsprecher, die auf dem Festspielgelände untergebracht sind, durch. Jedoch einzelne Baufahrzeuge, die das Bühnenbild ab und zu durchquerten, und der Straßenlärm von der Werderstraße schreckten Peter Lotschak, Regisseur der diesjährigen Schlossfestspiele, und die beiden Solisten, Capucine Chiaudani und Andreas Lettowsky, nicht ab, sich auf die eher intensive Szene einzulassen, die auf dem Probenplan stand.

2. Akt, 5. Szene. Leonora flieht in ein Franziskanerkloster, da sie dort Zuflucht vermutet, vor der Welt und der Rache ihres Bruders Carlos. Sie will ihre „Schuld“ als Einsiedlerin büßen. In der Anwesenheit der Mönche, die schwören das Geheimnis auf ewig zu wahren, geht sie ihrem Schicksal entgegen.

Regisseur Peter Lotschak bei der Arbeit

Regisseur Peter Lotschak bei der Arbeit - Foto: Fabian Holthus

Vor Probenbeginn setzte sich Herr Lotschak mit den beiden Solisten zusammen, erklärte ihnen die Szene und wie er sich diese vorstelle. Danach „setzte“ er die Szene auf der Bühne, noch ohne musikalische Begleitung.

Die Wege auf der großen Freilichtbühne sind um einiges länger als im Großen Haus und müssen in der Aufführung in kürzester Zeit bewältigt werden. Herr Lotschak selbst sagte auf der Konzeptionsprobe, dass die Mitwirkenden sich in der Proben- und Aufführungszeit das Fitnessstudio sparen könnten, denn „die Macht des Schicksals“ sei mit ihren rasanten Szenenwechseln und Aktionen wie ein perfektes Cardio-Training.

Im Anschluss an die Szene probte das Team die große Chorszene aus dem Finale des 2. Akts. Da sie so schnell waren in den letzten Tagen, brauchten sie heute nicht wie angekündigt den Chor des 4. Akts proben, sondern konnten schon mit einer noch nicht geprobten Szene weitermachen. Das hatte den Vorteil, dass die Frauen des Chores einen sonnigen Vormittag ohne Opern-Proben genießen konnten.

Fabian Holthus

Extrem große Oper unter extrem freien Himmel

Dienstag, 1. Juni 2010
Erste Aufbauarbeiten auf dem Alten Garten in Schwerin.

Erste Aufbauarbeiten auf dem Alten Garten in Schwerin. - Foto: Fabian Holthus

Genauso wie man jedes Jahr die SCHLOSSFESTSPIELE SCHWERIN des Mecklenburgsichen Staatstheaters erleben kann, engagieren sich auch jährlich junge Mitarbeiter im Rahmen des “Freiwilligen Sozialen Jahres in der Kultur” und arbeiten in den Abteilungen Marketing, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und Dramaturgie des Theaters. Die Saison 2009 / 2010 in der Vermarktung und in der Pressestelle gehören Fabian Holthus und Nina Heinrich, bei den Schlossfestspielen gehört sie der “Macht des Schicksals” von Giuseppe Verdi.

Große Oper unter freiem Himmel als Finale der Spielzeit – Seit 1999 werden jährlich Open-Air-Produktionen auf einem der schönsten Plätze Norddeutschlands, dem Alten Garten gezeigt. Der Alte Garten ist umschlossen von dem Ensemble aus Schweriner Schloss, dem Staatlichen Museum und dem Theater, die den Sängern, Sängerinnen, Statisten und dem Orchester eine Kulisse bieten, die nur hier, in der kleinsten Landeshauptstadt Deutschlands zu finden ist.

Das sogenannte “Schicksalsmotiv” zieht sich musikalisch wie ein roter Faden durch Verdis Oper: Die Geschichte zeichnet sich durch eine Verkettung unglücklicher Zufälle aus. Gleich zu Beginn löst sich während eines Handgemenges ein Schuss aus einer Pistole und trifft tödlich. Es stirbt der Vater Leonoras, die sich daraufhin mit ihrem Geliebten Alvaro auf die Flucht begeben muss. Das Paar verliert sich in diesem Tumult aus den Augen und begegnet einander erst Jahre später wieder, als das Schicksal dann erneut seine Weichen stellt.

Open-Air Genuss in historischer Kulisse. „Die Zauberflöte“ 2009.

Open-Air Genuss in historischer Kulisse. „Die Zauberflöte“ 2009. - Foto: Silke Winkler

Ihr last den extrem gemeinsamen Auftakt-Eintrag von Fabian Holthus und Nina Heinrich. Ab sofort wird Nina hier über den Besuch von Zeitung, Fernsehen und Radio auf dem Alten Garten berichten, während Fabian in Zusammenarbeit mit den Regieassistenten ganz nah an den Probenprozessen dran sein wird, bis “Die Macht des Schicksals” schließlich bei der Premiere am 25. Juni 2010 zuschlagen wird.

Fabian Holthus & Nina Heinrich