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BARBIES, SCHELLEN und MORD IN PALÄSTINA

Freitag, 18. Oktober 2013


Yalla Yalla! Festiwalla!

Geht man dieser Tage durch das Haus der Kulturen der Welt, weiß man nicht wohin man zuerst blicken soll. Sieht man in das Programm, weiß man nicht wohin man zuerst gehen soll. Es gibt Workshops, Musik, Film, Buchvorstellungen und im Theatersaal Stücke im Stundentakt. So scheint es unmöglich allen Arbeiten die verdiente Aufmerksamkeit zu zollen. Man müsste sich dreiteilen.

 

Da beginnt der Tag um 10 Uhr morgens mit „Tanz der Stunden“, einem Stück des 9. Jahrgangs der Schule am Schloss (Charlottenburg/Wilmersdorf). Viele Figuren, viel Farbe und Seepferdchen zur Musik Ponchiellis.
Zeitgleich natürlich „Terror Aerobic“, für alle die noch nicht wach sind. Oder die Diskussionsrunde um das Buch „Un_mögliche Bildung“ im Café Global, für alle die schon wach sind oder es bei Kaffee werden wollen.

Angela Merkel reicht nicht!

Zur Mittagsstunde läuft „90/60/90 Rollenscheiß“ des Jugendtheaterbüros Moabit. Ich komme erst zum letzten Drittel des Stücks dazu und was ich vorfinde ist ein im wahrsten Sinne des Wortes: brüllender Theatersaal. Auf der Bühne viele pinke Barbies mit Quietschstimmen und zwei wohlfrisierte Kens in Muskelbodysuits. Es riecht wie damals nach einer Doppelstunde der zehnten Klasse. Wer erst in diesem Moment die Vorstellung betritt wird den Eindruck nicht los, dass es sich hier um eine reine Satire handelt. Ein Sketch folgt dem anderen, eine Wendung der nächsten. Aber es ist mehr. Das Publikum lacht und ruft genauso wie es faziniert beobachtet oder fragend die Stirn in Falten legt. All das innerhalb weniger Minuten.

„Der Kampf ist noch nicht am Ende /
Frauen der Welt erhebt eure Hände“

„90/60/90“ versteht sich als freies Podium seiner Darstelleinnen, die all das sagen, was ihnen an den Stereotypen der weiblichen Rolle missfällt. Gleichzeitig ist es die Antwort auf das kürzlich am Alexanderplatz eröffnete BarbyDreamhouse. Einige Darstellerinnen tragen Kopftücher. Sie reden von Emazipation, von dem „Ding“ das kochen, Kinder kriegen, dabei gut aussehen und erfolgreich sein muss.
Natürlich wird auch gerappt, denn der Rap ist für das FESTIWALLA, was Wagner für Bayreuth ist. Nur authentischer.

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Das ist es! Authentisch. Das FESTIWALLA hat eine Meinung, aber da Meinungen bekanntlicher Maßen streitbar sind, will ich sagen: das FESTIWALLA hat eine Energie, eine aufbegehrende Kraft, die nicht davor scheut sich offen zu präsentieren und sich auch nicht im intellektuellen Diskurs verliert. Es ist ungeheurlich politisch, ohne auch nur jemals eine Partei zu erwähnen. Das Thema ist größer. Es geht nicht um Rassismus, nicht um Diskriminierung. Es geht um das System selbst, das rassistisch ist. Um die Jugendlichen, für die das Haus der Kulturen der Welt vier Tage eine Plattform bietet. Ein Ort für das reale Leben, von dem die etablierten Institutionen, wie Staatstheater & Co. meilenweit entfernt scheinen. Die Vorstellung, dass Theater die Welt verändern kann, ist hier nicht mehr ein bloßer Traum. Es ist Wirklichkeit. Aktiv,  hier und jetzt.

Es gibt heute viele Orte an denen Widerstand gelebt wird. Bei uns unterschreiben die Menschen OnlinePetitionen, kaufen Bio und fahren auch mal mit dem Fahrrad. Im Arabischen Frühlingen rebellieren die Menschen bzw. Gruppen gegen autoritäre Herrscher, in Russland macht man Punkmusik in Kirchen. Bei uns ist es ein Widerstand der Verbaucher. In anderen Ländern, der der Waffe. Egal wo; das Prinzip ist das Gleiche. Eine unzufriedene Mehrheit erhebt sich gegen eine elitäre Minderheit, die regiert – für „die Roten“ unter uns; die unterdrückt.

Und was macht das Publikum?

„99 Prozent“ heißt das Stück des spinaTheaters aus Solingen und bezieht sich somit direkt auf den Slogan „We are the 99 percent!“ der OccupyWallStreet Bewegung. Wer einmal wissen möchte, was alles schief läuft in der Welt, sei dieses Stück ans Herz gelegt. Wer danach gerne sagen würde: „Ihr könnt mich alle mal am Arsch lecken! Ich lasse mir das nicht länger gefallen!“, der wird es lieben. Außerdem gibt es jederzeit die Möglichkeit sich mit den Worten: „Mike Check“ Gehör zu verschaffen. Sagt man „MikeCheck!“ wiederholen alle Anderen die Worte die man selbst sagt. Ein Prinzip der Occupybewegung, da Megafone auf den Demonstrationen verboten waren.

Folgende Begebenheit. Das Stück läuft fast zur Hälfte, alles sehr fragmentarisch bis dahin. Alles sehr laut, viel Projektion, Obama auf einer 13Zoll Röhre, Merkel, Mitleidfernsehshow und fast immer nach vorne zum Publikum. Mehr predigend als spielend. Das Resultat: Zeigefingertheater. Jeder sagt mal was ihn ankotzt, jeder ein Thema, alles in einem Stück: oberflächlich.

Eine Darstellerin tritt also an die Rampe und sagt, dass ihr spinaTheater große Geldprobleme hat. Das soll aufhören. Sie wird sich so lange schlagen lassen, bis 30 Euro im Spendenkorb sind. Das muss ein Witz sein. Nein. Eine Schelle folgt der Nächsten, Unruhe im Publikum, die Wangen der Schauspielerin bereits extrem gerötet.

„Mike Check! Warum schlagt ihr euch?“
„Mike Check! Wir sind hier selbst alle jung und haben kein Geld!“
„Mike Check! Hört auf damit.“

Und spätestens ab jetzt wird das Prinzip des Stücks deutlich. Der theatrale Raum wird benutzt, um die moralische Handlungsbereitschaft der Zuschauer auf die Probe zu stellen. Das Verhältnis zwischen Theater und Publikum wird umgekehrt. Nun sind es die Schauspieler, die das Publikum beobachten. Die Grenzen verschwimmen und verunsichern. Ein unglaublich interessante Situation, die sich nach fast fünf Minuten auflöst.

„Mike Check! Ich rufe solange ‘MikeCheck‘, bis ihr damit aufhört. Mike Check, Mike Check, Mike Check …“

Das FESTIWALLA Publikum hat seinem Anspruch alle Ehre gemacht und die „Schellerei“ beendet.
Toll. Ein Moment der festiwallischen Energie.
„99 Prozent“ ist voller Fragen, voller Ungerechtigkeiten und katastrophaler Zustände, die wenn man sie nacheinander aufzählt schwer zu ertragen sind.  Es verhandelt nichts vor dem Publikum, sondern mit dem Publikum und darin liegt Fluch und Segen zugleich. Die Schauspieler spielen nicht miteinander, sondern alleine für den Zuschauer. Anstatt eine Bewegung zu sein, zählt es auf, benennt und fragt, vergisst sich aber dabei in sich selbst.

Die Rezonanz im Gespräch danach ist gut. Man ist sich einig, dass es so nicht weiter gehen kann. Vielen gefällt das Konzept des Stücks. Das war mal was anderes. Und wieder: Theater kann verändern.

99 Prozent
spinaTheater solingen „99 PROZENT“

Vor dem Café Global läuft im Anschluss „Alptraum Zukunft“ der Polyrealisten der Schaubühne. Eine poetische Zeitreise durch Vergangenheit, Heute und Zukunft. Von Dürrenmatt der sich die Zukunft vorstellt bis zum programmierten System im Jahr 2250.

Später im riesigen Auditorium des HKWs der Film: ART/VIOLENCE, Gewinner des CINEMA FAIRBINDET PRIZE der Berlinale 2013, über den palästinensisch-jüdischen Friedensaktivist, Regiesseur und Schauspieler Juliano Mer-Khamis, der 2011 vor dem von ihm gegründeten Freedom Theatre in Jenin erschossen wurde.
Die Dokumentation folgt den Hinterbliebenden im Esemble und der Familie, zeigt wie im FreedomTheatre nach Julianos Tod gearbeitet wird und zeichnet ein aktuelles Bild von einem brutalen und herzlosen Konflikt, in dem das Theater wie ein unwirklicher Traum erscheint.

Doch Juliano Mer-Khamis ist mehr als nur ein Symbol der Friedenskämpfer. Er selbst war in Moabit, redete mit Jugendlichen und gilt seit Beginn des FESTIWALLAS 2011, als geistiger Vater. „Juliano hat uns gezeigt was möglich ist!“ sagt der Künstlerische Leiter und Organisator Ahmed Schah.  Der auch am nächsten Tag bedeutende Worte zur Lage der Flüchtlingen in Deutschland sagen soll.

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Lest morgen mehr über den letzten Tag des FESTIWALLAs! Filmpremiere von „Wenn Schmetterlinge fliegen … / Do butterflies have borders?“ von Susanne Dzeik. Es geht um das Asylantenheim in der Motardstraße, deren Einwohner zusammen mit dem Impulse-Projekt eine Theaterperfomance entwickelt haben. Es geht um die „FestungEuropa“! Nicht verpassen! 

http://www.youtube.com/watch?v=AJr0BLQgq0U
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YALLA! YALLA! FESTIWALLA! AUFTAKT MIT GÜNTHER! WALLA!

Am Mittwoch gegen 18 Uhr eröffnete zum dritten Mal in Folge das Jugendtheaterfestival „Festiwalla“ in der Reformationskirche in Moabit. Donnerstag zog man ins HKW, das bis Sonntag Spielstätte, Diskussionsforum und ganz besonders: Ort der Begegnungen sein wird.

Den Auftakt gab „Salam Günther“ ein junges spielwütiges Stück, mit Fragen zu Religion & Revolution, Krieg & Frieden, Vergangenheit und Heute. Das Publikum sitzt überall verteilt, ein paar Stühle wurden bereit gestellt, sind aber, wie die Festivalorganisation freundlich darauf hinweist, eher für die älteren Menschen gedacht. Nach kurzer Zeit sitzen fast nur junge Menschen auf ihnen. Jedoch nicht mangels Rücksicht. Ganz einfach; weil es hier fast niemanden über 20 gibt.

 

Reproduktion der Historie

Zwei Jugendliche flüchten von einer Demonstration gegen Rassismus und stolpern zufällig in eine Kirche. Junge Moabiter von heute. Slang der Straße, manchmal ein bisschen dicke Hose. Politisch korrekt nennt man sie: Menschen mit Migrationshintergund. Sie selbst bezeichnen sich als Deutsche, Muslime – Jugendliche. Die Polizei lässt natürlich nicht lange auf sich warten. Mit voller Mannschaft belagert sie die Kirche. Über Megafon wird das Ultimatum gestellt. Eine Stunde, ansonsten müsse man das Gebäude stürmen. Die Staatsgewalt kündigt ihre Gewalt an, das Stück beginnt.

Hier treffen sie auf Günther Dehn (Mohammed Rmeih), der von 1911 bis 1931 Pfarrer an der Reformationskirche war. Dehn als Symbol des religiösen Widerstandes ist Mittelpunkt des Stücks. Opfer der Nazis aufgrund seiner sozialistischen und pazifistischen Haltung, als Mitglied der Bekennenden Kirche verfolgt und ’41 schließlich wegen illegaler Lehrtätigkeit verhaftet. Dehn, auch genannt der „rote Pfarrer“, ist Widerstand. Er ist die zweifelnde Stimme, die Mut beweist und zu den Herzen der Menschen spricht.

Wir durchleben den Arbeiteraufstand in Moabit 1910. Unzufriedene Kohlearbeiter. Streik. 1914, der erste Weltkrieg. Rosa Luxemburg betritt die Bühne und spricht vom „Selbstmord der proletarischen Klasse“. Man nennt sich jetzt Genosse. Tucholsky rezitiert gewitzt seine eigenen Gedichte und Dietrich Bonhoeffer klagt: „Die Kirche war stumm, wo sie hätte schreien müssen.“

Das Spiel übernimmt das Predigende der Kulisse und macht es sich im geschichtlichen Kontext zu nutze. Im ersten Moment ist es noch ein Gottesdienst, im nächsten wird gerappt und getanzt. Man ist wieder hier – im Heute. Man sieht degenerierte Politiker, Wutbürger, Polizeikommandanten und diskutiert sogar miteinander.

„Aber Krieg bringt die Menschen voran.“
„Was laberst du, du Esel?“

Man marschiert mit brachialer Orgelmusik in den Zweiten Krieg. Ein gewaltiger Moment. Die Soldaten stürmen, fallen, sterben. Liegen da und sind tot. Der Krieg ist verloren.

Die Stunde hat sich gezogen. Aber bald ist sie vorbei. Das Ultimatum wird ablaufen. Und die Polizei wird stürmen!?
Günther Dehn sagte bereits 1928:

„Es wird die Darstellung außer acht gelassen, dass der der getötet wurde, auch selbst hat töten wollen. Damit wird die Parallelisierung mit dem christlichen Opfertod zu einer Unmöglichkeit. Im Anschluss daran sollte man auch die Frage erwähnen, ob es richtig sei, den Gefallenen Denkmäler in den Kirchen zu errichten.“

Es sollte der Beginn seiner Verfolgung werden.

„Salam Günther“ ist ein farbenfrohes, ein fröhliches Stück und stellt sich doch so viele große Fragen auf einmal. Und dann wirkt es, als wären die Jugendlichen in ihrer eigenen Welt verloren. Und sind sie es? Ja. Das Stück aber ist es nicht. Es bedient sich der Klischees und sagt ganz laut eine Meinung. Es ist spielwütig und interessiert.

Die Vorstellung ist zu Ende. Noch wird einer Mutter zum Geburtstag gratuliert. Es gibt Blumen und ein „HappyBirthdayMama“.
Will noch jemand etwas sagen? Kritik oder so?
Von oben meldet sich ein Junge. Die ganze Kirche blickt empor.

Ob er noch mitmachen könne?

Natürlich ist noch Platz. Er soll sich gleich im Büro melden.
Erneut Applaus, dann strömen alle hinaus. Es ist ein wunderbares Gefühl. Der 16. Oktober 2013, Reformationskirche Moabit. Das Festiwalla 2013 beginnt. Der Widerstand formiert sich.
Und in seiner Mitte trägt er die stärkste aller Waffen: das Theater –  verdammt jung und bunt.

von Max Pellny
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