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Kantinendramaturgie oder Diskurstheater

Freitag, 26. Juni 2009

Zwei Mal Diskurstheater und zwei Mal René – die unterschiedlicher nicht sein könnten:
René Pollesch und Carl Hegemann legten einen Zwischenstopp bei den Schillertagen ein, der als leere Blase platzte. Aber René Arnold konzipierte die Nicht-Auflösung von Harry L. überzeugend im Kunstverein Zeitraumexit.

Von Anne Richter

Der Regisseur und Autor René Pollesch und der Dramaturgen Carl Hegemann haben mit ihrem Diskurstheater nun auch in Mannheim bei den Schillertagen halt gemacht. Das Motto der diesjährigen Schillertage „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ wollen die beiden auf Gesang überprüfen: „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er singt“ lautet der gewaltige Titel der knapp einstündigen Uraufführung. Sie fand in der Lobby vom Werkhaus des Nationaltheaters statt. Es ist 22 Uhr und Kneipenatmosphäre. Das siebenköpfige Ensemble sitzt an einem Biertisch mit weiteren Kollegen des Schauspielensembles.
Spielstart: Ein Film läuft an der Rückwand des Raumes ab. Eine Handkamera filmt eine Leseprobe, dann andere Probenmitschnitte, unter anderem von einer Spieleinführung durch René Pollesch, die wir später noch einmal am Biertisch erleben werden, und schließlich ein Biergartengespräch über Theater, Diktatur und die unmögliche Demokratie. Zwischendrin war kurz der Filmtitel eingeblendet: „Theater ist Diktatur.“ – LOL.
Dann singt die Sopranistin Friederike Harmsen wunderschön von sanften Träumen. Sie wird im Laufe der Stunde noch öfter am Biertisch singen und damit Anlass zum Diskurs geben. Selbst das Wort „Schwanz“ kann sie kunstvoll singen, was zu beweisen war.
Aber erst einmal holt Dramaturg Hegemann zur allgemeinen Belehrung aus: Schillers Schriften und Lehren in drei Minuten. Das Wesen der Kunst als fröhliches Reich zwischen Form und Trieb. Noch etwas Philosophiegeschichte, dann ist das Spiel dran. Am Biertisch werden Aufgabenkarten verteilt und vorgelesen. Eine bestimmte Form von Orgasmus an einem bestimmten Ort soll erlangt werden. Und wieder ein Schnitt: Friederike Harmsen singt in höchsten Tönen. Dazwischen rattern die Schauspieler Pollesche Texte im Eilverfahren herunter. Spiel – Textschwall – Gesang – Diskurs. Das alles wechselt ein paar Mal hin und her und wird reichlich an die Wand gebeamt.

Ganz Schiller-beschauscht beschäftigen sich Mannheim seit Festivalbeginn mit theatralen Statements zu Schillers Schlagworten Sinn, Form, Spiel und Trieb. Von Carl Hegemann und René Pollesch erhoffte man freudig ein sinnstiftendes, triebgesteuertes Spiel mit der Form Diskurstheater. Aber das steht noch aus. René Pollesch versammelt eklektisch Fragmente aus seinen älteren Arbeiten um das Thema der Schillertage. Doch kommt er nicht auf den Punkt, findet keinen Rhythmus, keine Form und so verpufft auch diese Stunde. Eine Performance der ewigen Festival-Biertisch-Gespräche wäre denkbar gewesen, so denunziert die Vorstellung aber nur die eigene Theaterarbeit.

Harry L. - Eine Auflösung

Im Kunstverein Zeitraumexit erprobt der Regisseur René Arnold mit „Harry L. – Eine Auflösung“ die Fragen von Form und Freiheit am Beispiel der Freizeitbeschäftigung. Er bietet eine gelungene Form des Diskurstheaters – und das variert entgegen seiner Ankündigung auch Schillers Themen.

Auf der Bühne im Kunstverein geht man sehr nett mit einander um. Im Klima der Nettigkeit stellt Regisseur René Arnold die eindringliche Sinnfrage nach der Gleichförmigkeit im Leben. Die Inszenierung „Harry L. – eine Auflösung“ bietet harte und erhellende 80 Minuten ironisch-freundliches Diskurstheater. Das ist mein Höhepunkt im Festival „Schwindelfrei“.

Luftballons und Ballettschülerinnen tänzeln und schweben frei verspielt auf der Tanzfläche herum. Am Flügel spielt Andrea Marie Baiocchi Ausschnitte aus Bachs Goldberg Variationen. Susanne Plassmann als freundliche Lehrerin und Trainerin führt durch den Abend. Mit sanfter Berührung stellt sie die Kinder in Reihe und Glied auf. René Arnold selbst hält das LOS-Schild für die Kinder hoch. Vom Band ertönt Tchaikowskis Nussknacker. Die Mädchen tanzen die bekannte Choreografie in Ausschnitten. Sofort ist klar, dass der Weg zur Ballerina noch weit ist. Stolz und Freude über das Erreichte bei den Tänzerinnen herrscht aber vor. Dann hebt René Arnold das Schild „Kekse“ und alle stürmen von der Bühne.
Susanne Plassmann erzählt im verbindlichen Dozententonfall von Harry L.. Sein recyclingfähiger Nachlass wurde in der Papiertonne gefunden, nachdem er ohne Angehörige hinterlassen zu haben, gestorben war. Die Inszenierung versucht eine Rekonstruktion seines Lebens der Gleichförmigkeit und stellt diese der Dressur von Kindern und Hunden gegenüber. Nach den Ballettmädchen tritt von der Hundeschule Marianne Wüsteney mit ihrem Mischling Radar auf. Seine Kunststücke sind erstaunlich, aber noch nicht perfekt. Die Formvollendung durch Dressur steht noch aus, lässt aber nicht lange auf sich warten.
Perfekt dressiert ist das Tuniertanzpaar Lisa-Marie Bauer (11 Jahr) und Sascha Korn (10 Jahr). Sie tanzen Standart- und Lateintänze auf höchstem Niveau aber ohne Inhalt, der hier Erotik hieße. Kann Formvollendung Sinn stiften?

Susanne Plassmann gibt nicht auf: Jürgen von der Lippes Schlager „Guten Morgen liebe Sorgen“ war die einzige Platte im Nachlass von Harry L.. Bachs Goldberg Variationen erklingen als Zwischenspiel immer wieder. Damit wir auch alle begreifen, warum dem so ist, hält Susanne Plassmann einen weiteren Vortrag über den gleichen – nein sogar den selben Aufbau der beiden Musikstücke. Ihre Beweisführung ist so absurd und so liebevoll vorgetragen, das man ihr gerne glauben würde. Gleiche Form und andere Sinn muss nicht immer Unsinn ergeben, er kann auch zu Lebenssinn führen.

Die im Tonfall behutsame, und im Kontrast harte Gegenüberstellung von dressierten Kindern und Hunden mit der diskursiven Annäherung an einen Menschen, der sein Leben immer in festen, berechenbaren Bahnen geführt hat, ist erhellend und macht nachdenklich. Diese Vorstellung sprengt Theatergesetzte und stellt Sinnfragen mit Humor. Das habe ich lange nicht mehr auf einer Bühne erlebt.

Schillerlocken und Tell-Äpfel

Freitag, 26. Juni 2009

Das in die Schillertage integrierte Festival „Schwindelfrei“ der freien Mannheimer Theater geht weiter in der Stadt auf Reisen.

Von Anne Richter

„Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“ lautet wie gesagt das Motto für die Schillertage. Wo spielt er denn über all? Die freie Theaterszene erobert mit ihren Beiträgen zum Festival immer weiter Spielorte und trägt damit Schiller und seine Themen auch zu den Menschen, die nie ins Theater gingen; ja manchmal noch nicht einmal den Namen Schiller je gehört haben, wie der 6jährige Dhruv. Vier Künstler um Maike Lex und Konstanze Schmitt verwandelten der Spielplatz auf dem Schillerplatz in ein Spiel des Lebens und Werkes von Friedrich Schiller. Ich hatte eine erfrischende und entspannte Stunde auf Schillers Spuren mit neugierigen Mannheimer um mich, denen Schiller bis dato gar nichts sagte.

Eine Stunde später startete die Theaterakademie mit ihrem Publikum auf eine lange Wanderung durch die Neckarstadt. Mal mehr und mal weniger auf Schillers Spuren boten die Schauspielschüler alles, was sie zu bieten hatten. Das war nicht immer erhellend und oft einfach nur ambitioniert.

Aber erst mal zum Schillerspielplatz:
Es ist 17 Uhr und die Sonne scheint. Der sechsjährige Dhruv geht mit seiner indischstämmigen Mutter wie immer um diese Zeit auf den Schillerplatz zum Spielen. Doch heute muss er sich in einer Vierergruppe zusammenfinden und durch eine Theaterkabine in eine Schillerspielwelt eintreten, die sich auf seinem Spielplatz breitgemacht hat. Das findet nicht nur er spannend.
Konstanze Schmitt alias Friedrich Schiller begrüßt die vier Spieler in enger Kabine und bietet einen Apfelschnitz zum Verzehr als Initiationsritus. So eingestimmt begibt sich die Vierergruppe in Schillers Lebens- und Figurenwelt. Weiterhin steht sie alias er als Fachmann für alle Fragen parat. Frag Schiller!
16 Stationen haben die vier verantwortlichen Künstler auf dem Spielplatz aufgebaut. Neben Konstanze Schmitt als Schiller agieren noch Maike Lex vom Tig7 in Mannheim als Figur Wilhelm Tell, Bernhard Wadle-Rohe vom Büro für angewandten Realismus aus Ludwigshafen als Maria Stuart und Florian Loycke vom Theater „Das Helmi“ aus Berlin als Karl Mohr. Letzterer sitzt als Räuber mit seiner Gitarre im Baum und vereint zu seinen Füßen die Mitspieler als Chor. „Die Gedanken sind frei.“ ist das meistgespielte Lied auf dem Schillerplatz, – zu seiner Verwunderung.
Bei Wilhelm Tell ist seine Welt aus Bergen und See im Sandkasten aufgebaut. Kniffelige Fragen gilt es hier mit Playmobilfiguren zu lösen. Dann darf jeder auch mit der Armbrust auf einen Tell-Apfel schießen. Bei Maria Stuart gilt es die Zeit im Kerker totzuschlagen: Mit Stricken und Wissensspielchen beschäftigt sie sich und ihre Mitspieler.
Dhruv hat am meisten Spaß beim Apfellaufen. Seit diesem Nachmittag weiß er, nach wem sein Spielplatz heißt und dass diesem Äpfel wichtig waren. Wer nicht so gerne zum Spielen animiert wird, hatte auch die Möglichkeit als Zaungast Platz zunehmen. Das nenne ich Freiheit!
Ich habe mich lange nicht mehr so entspannt mit Schiller und mit mir fremden Mannheimern beschäftigt. Ich würde gern noch weiterspielen und über Schiller reden. Aber auch mein Festivalkalender ist voll und die Zeit drängt.

„Ich Schiller 2009 – Heimat gesucht“ nannte die Theaterakademie ihre Schulprojekt zu den Schillertage. Silvanan Kraka von der Schauspielschulleitung hatte einen Spaziergang konzipiert, in dem verschiedene Rollenstudien mit Schillers Texten eingebaut waren. Fünf Zuspieler führten ihre Zuschauer in Gruppen durch einen über zweistündigen Stationenlauf. Hier war eine bunte Mischung aus Gruppenspiel als Rallye und Straßentheater geboten. Als Imbiss gab es auf der Collinibrücke Schillerlocken und Wein. Die Szenenstudien wechselten sich mit choreografischen Szenen zu Sinn-Form-Fragen und Szenen zur Heimatsuche von Künstlern ab. Was hatte dieser Stadtteilspaziergang mit Theatereinlagen und Heimatkunde auf den Schillertagen verloren?

Familiendrama im Treibhaus als Eröffnung der Schillertage

Samstag, 20. Juni 2009

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Schillers „Don Karlos“ hat Calixto Bieito zu einer Messe über Liebe, Triebe und Käfige eingedampft

Von Anne Richter

Ein großes Treibhaus steht auf der Bühne, davor ein Junge von der Straße: mit Kopfhörern singend und wippend empfängt er mit guter Laune das Publikum. Es ist Kronprinz Don Karlos. Er hat zwei typische Pubertätsprobleme: Er liebt die falsche, nämlich seine Mutter. (Schillerkenner wissen, dass Königin Elisabeth seine Stiefmutter ist.) Das zweite ist der alte Generationenkonflikt: Sein Vater König Phillip will ihn nicht als Mann anerkennen und an der Macht, sprich den Staatsgeschäften beteiligen. Wenn Don Karlos sich enttäuscht zu seinem Schmusetier oder seinem Sandspielzeug zurückzieht oder hormongesteuert auf seine Mutter losgeht, kann man die Entscheidung seines Vaters sogar verstehen. Diesem Kronprinz würde wohl keiner die Verantwortung über andere Menschen anvertrauen, geschweige denn ein Heer.
König Phillip ist der Pflanzenhüter in seiner Treibhauswelt. Hier wächst nichts natürlich, alles wird beschnitten, gedüngt und nur mit Handschuhen berührt. Seine pflanzlichen Samen gehen auf, denn sie sind von Leichen gedünkt. Menschen erblühen hier nicht. Für seine Frau und seinen Sohn ist das Treibhaus ein Gefängnis.
Der katalanische Regisseur Calixto Bieito hat mit seinem Regieteam den Stoff von Schillers „Don Karlos“ auf 100 pausenlose Minuten eingedampft. Sein Thema benennt er in seinem Untertitel: „Sorgen und Nöte einer spanischen Familie, die von den Königswürden der Vergangenheit und dem Elend der Gegenwart träumt.“ Calixto Bieito hat für seine „Don Karlos“-Inszenierung das Team und die Darsteller aus Barcelona vom koproduzierenden Teatre Romea mitgebracht. Die Schauspieler spielen auf Kastillisch, was bei den kommenden Vorstellungen in Barcelona sicher für Aufregung sorgen wird. In Mannheim kämpft man eher mit den schnellen deutschen Übertiteln, so dass einige selbst das berühmteste Zitat des Stückes „Geben sie Gedankenfreiheit!“ verpassen.
Aber um Schiller geht es Calixo Bieito auch nicht. Es geht ihm um den Kampf zwischen Freiheit und Totalitarismus. Klar dass dieser Kampf bei Calixo Bieito reichlich Anlass für Blut, Schlamm, Sex und Tränen gibt. Seine Regiemittel sorgen in der deutschen Opernszene regelmäßig für Empörung. Zur Eröffnung der Schillertage im Schauspiel gab es Standing Ovations. Hier wird erwartet, dass drastische Bilder für komplexe Gefühle gefunden werden.
Ausufernd ist sein eklektische Einsatz von Kunstmitteln aller Sparten. Die heilige Messe wird ebenso zitiert wie Popmusik. Das Treibhaus in seiner Architektur erinnert an eine Kirche mit Mittelgang und Seitenschiffen und ist von El Boscos Gemälde „der Garten der Lüste“ inspiriert. Bespielt wird aber vor allem die Rampe. Verdi und Ligeti erklingen ebenso wie „Pleased to Meet You“ von den Rolling Stones. Die Frauen tragen die historisch anmutenden Kostüme des 16. Jahrhunderts. Mit einem Blick ist klar, dass sie mit ihren Röcken kaum durch die Pflanzenkübel und Tische mit Triebpflänzchen kommen. Etwas leichter in Königs Phillips Welt habe es die Männer in ihren heutigen Kostümen. Die Sopranistin Begona Alberdi spielt und singt die Herzogin von Alba. Dass sie mit ihrer ausgestellten Körpersprache und ihrem klassischen Gesang keine Verbindung zum Marquis von Posa – in der auf Identifikation setzenden Darstellung von Rafa Castejon – herstellen kann, ist auch sehr schnell klar.
Die Gegensätze in Calixo Bieitos Karlos-Welt sind so groß und deutlich, dass der Schluss schon im Anfang liegt: Hier wird es eine Schlammschlacht ohne Gewinner geben.