Artikel-Schlagworte: „Schillertage 2009“

Die Heldinnen des Alltags: JOHANNEN

Sonntag, 28. Juni 2009

Die Schillertage sind ein produzierendes Festival geworden. Eins dieser speziellen Auftragswerke ging an die Wiener Choreografin Doris Uhlich, die mit 17 Frauen die Johanna von Orleans in uns suchte.

Von Anne Richter

Am Anfang stand die Frage: Wer ist Johanna? Am Ende steht eine Choreographie ohne Musik mit dem Titel „Johannen – Eine Frauenmannschaft“. Die 17 Frauen, alles Laiendarsteller aus Mannheim und Umgebung, bieten einen bunten Querschnitt durch den weiblichen Teil der Gesellschaft: jedes Alter und jeder Typ ist vertreten. Eine alte steht neben einer jungen, eine dicke neben einer dünnen, eine große neben einer kleinen. Da alle in privater Kleindung auftreten, werden auch die sozialen Unterschiede deutlich.

Die Frauenmannschaft Johannen

Die Frauenmannschaft Johannen

Sie alle sind mit nichts bewaffnet außer so einem Stuhl, wie ihn auch das Publikum unterm Hintern hat. Dieser Stuhl gibt Halt, fixiert und positioniert die Frau. Schließlich schmeißen die Frauen ihre Stühle zu einem Scheiterhaufen zusammen. Nur eine entzieht sich dem kollektiven Wutausbruch und bleibe freundlich ins Publikum blickend dort sitzen, wo sie auch am Anfang saß. „Selbstdenken ist der höchste Mut.“ sagte schon Schillers Zeitgenössin Bettina von Arnim.
Zwischen dem ersten und dem letzten Blick ins Publikum hat die Choreografin Doris Uhlich eine ruhige, streng durch rhythmisierte, musiklose Gruppenchoreografie auf der weitläufigen Probebühne des Nationaltheaters entwickelt. Es wirkt wie eine Hommage an die Stille. Aus den privaten Bewegungen der Frauen hat sie Spannung, An- und Entspannung isoliert. Die Frauen nehmen Impulse von einander auf und lassen sie zu einer kollektiven Stimmung erwachsen.
Dazwischen stehen drei authentische Monologe. Der erste ist von einer Frau, die sich als Medium versteht, dann von einer Soldatin und von einer Nonne. Der Heiligen, der Kämpferin und der Übersinnlichen Jeanne d´Arc im heutigen Alltag wird so am deutlichsten nachgespürt. Wie Doris Uhlrich diese Textmengen mit ihren Darstellerinnen körperlich fasst und in die tonlose Bewegungsfolge einbaut, ist stimmig und beeindruckt. Hier wird Idee und Umsetzung zum Ganzen.
Leerstellen entstehen eher in der allgemeinen Raumchoroegrafie, die dann doch etwas unspezifisch bleibt. Musik würde einen jetzt über Leerstellen hinweg trösten, eine Leerstelle allein ist aber noch keine Stille als Qualität. Gegen Ende summen und singen die Frauen sich leise in ein kollektives „Come on baby light my fire“ von The Doors. Ja, das Feuer fehlt dem Abend. Feurig ist aber auch ein mögliche der Assoziation zu Johanna von Orleans.

Es gibt sie noch, die guten Dinge.

Dienstag, 23. Juni 2009

Bei den Schillertagen meint das ein Gastspiel von „Die Räuber“, das nach den herkömmlichen Theaterregeln abläuft und ganz für Zeitgenossen von 2009 gedacht und gemacht ist.

Von Anne Richter

Es fängt schon gut an: Die Techniker von der Schaubühne aus Berlin tragen ein schwarzes T-shirt mit dem Aufdruck „Zeitgenossen“. Und wirklich, die Inszenierung von Lars Eidinger mit Schauspielschülern der Ernst-Busch-Hochschule Berlin und Urs Jucker als Vater und Pater aus dem Schaubühnen-Ensemble hält dem Anspruch, aus Schillers Räubern von 1782 Zeitgenossen zu machen, stand.

Die Räuber unter Berliner Himmel

Die Räuber unter Berliner Himmel

Die besondere Qualität dieser Arbeit fußt im Simultanbühnenbild von Christoph Rufer, das einen gleichzeitigen Ablauf der beiden Handlungsstränge um die konkurrierenden Brüder Karl und Franz ermöglicht. Die Brüder, die sich in Schillers Drama nie begegnen, sehen sich in dieser Inszenierung ständig in die Augen. Jeder handelt in seiner Welt, sprich im eigenen Bühnenbereich. Rechts ist etwas tiefer gelegt, der gepolsterte Fernsehraum im Schloss von Moor; links erhöht die Plattform für die Räuberbande, anfangs mit Biertisch bestückt und mit einem auch als Wachturm dienenden Baum als Böhmischer Wald.

Aber alles Denken und Handeln der Brüder dreht sich nur um den jeweils anderen, den man hier nicht nur vorm inneren Auge hat. Mit schneller Schnitttechnik verzahnt Lars Eidinger die parallel verlaufenden Szenen. Wachsam beäugen die jeweils Stummen das Spiel der anderen Partei.

In knappen zwei Stunden erzählt die Inszenierung von Lars Eidinger vom Untergang einer Familie. Am Anfang hängt Vater Moor bis zur Unbeweglichkeit als Tonne auswattiert vorm Fernseher. Trotz Beatmungshilfe ist jeder Atemzug von ihm eine hörbare Kraftanstrengung. Am Ende atmet der Vater – bis auf die Haut abgemagert ist hier im wörtlichen genommen – immer noch, nur seine beiden Söhne liegen tot in seinem Schoß.

Dazwischen proben die Räuber den Aufstand, Franz spinnt seine Intrigen und Amalia such Trost im Singstar. Der Einsatz und die Auswahl der Musik ist ein weiteres Qualitätsmerkmal der Arbeit: Rod Stewart, Simon and Garfunkel, Queen und Mariah Carey stehen für die großen Emotionen des Dramas. Aus Sicht von heutigen 22-jährigen, so alt war Schiller bei der Uraufführung und nicht viel älter sind auch die Darsteller auf der Bühne, sind diese Pop-Schnulzen „uralt“. Darum treffen sie genau den Punkt des Altmodischen, aber doch zeitlos gültigen der extremen Gefühle in Schillers hoher Sprache.

Altmodisch, ernst und doch brennend aktuell ist die Gruppe zorniger junger Männer gezeichnet, die gegen die Macht der Väter anrennt. Jeder für sich spielt eine volle Charakterstudie, deren Not man verstehen kann. Die Gruppendynamik von Jungendlichen funktioniert nach wie vor gleich. Nach dem Ausstieg, bei Schiller dem Gang in die Wälder, treten die Räuber in Unterwäsche und Waffen auf. Nun ähneln sie ihren Kollegen aus Stanley Kubricks Film „A Clockwork Orange“ und schlagen mit gleicher Härte und gleichem Überraschungseffekt zu. Auch das ist in seiner Konsequenz stimmig. Schillers Figuren sind Zeitgenossen, wenn sie auch etwas altmodisch sprechen.

Diese Inszenierung wurde in diesem Blog auch im Rahmen des Festivals „radikal jung“ in München am 19.4. besprochen. Der YouTube-Trailer der Inszenierung ist dort auch zu finden.

Alles nur zum Spaß – Welchen Zweck hat das Spiel?

Montag, 22. Juni 2009

Die Schillertage sind ein multimedialer Event geworden, bei dem alle mitspielen können.

Von Anne Richter

Am dritten Tag der Schillertage war wirklich alles im Spielen: Im Jobcenter hinter dem Nationaltheater hat der Berliner Künstler Ulf Aminde eine begehbare Installation mit Mitarbeitern und „Kunden“ des Jobcenters entwickelt. Der SWR2 sendet aus dem Theaterfoyer das erste Gesprächsforum seiner fünfteiligen Reihe „Schiller on Air“. Die letzte Schlacht um die letzte Karten für „Am Arsch, DIE RÄUBER“ war ausgetragen. Das Gastspiel „Kabale und Liebe“ vom Deutschen Schauspielhaus im NT und die Premiere von „Elisabeth Tudor – Homo Ludens – eine Rehabilitation“ in der Herz Jesu Kirche begannen pünktlich.

Und überall gibt es kleine Zwischenspiele:
Die britische Schauspielerin Lucy Ellinson, eine der Spielerinnen in „Homo Ludens“ steht im Tig7-Innenhof plötzlich mit einem Würfelbecher vor mir und möchte mir eine persönliche Erinnerung schenken. Ich würfle die Zwei und bekomme eine liebenswerte Begebenheit berichtet.
Kurz darauf am zentralen Schiller-Sandkasten stehen zwei junge Frauen vor mir und bitten um einen Geschichtsausdruck zum Gefühl Neid. Das Foto ist schnell gemacht und stehe ab morgen auf www.raeuberevent.de, sagen sie noch bevor sie sich dem nächsten Gefühlsspieler zuwenden.
Der riesige Schiller-Sandkasten vorm Nationaltheater ist durch den Regen gerade leer gefegt. Bis zum Regenguss wurde er aber vor allem vom jungen Volk bespielt. Er ist das ZIEL, zu dem aus der ganzen Stadt Spuren aus runden Flächen, also Spielfeldern, führen. Sie fordern auf: Rücke vor bis zum Spiel, im Sand oder im Theater. Der Sand ist nass, also nehme ich das Theater.

Die umworbene Amalie

Die umworbene Amalie


„Am Arsch, DIE RÄUBER!“

ist eine der vielen Produktionen, die die Schillertage in Auftrag gegeben haben. Ursprünglich waren die Schillertage ein Festival, das aktuelle Schiller-Interpretationen zusammen brachte. Seit Burkhard C. Kosminski mit seinem Team 2007 die künstlerische Leitung der Schillertage hat, sucht das Festival vermehrt Partner für gemeinsame Arbeiten. So kam es zu den beiden Premieren am Eröffnungsabend: die „Don Karlos“-Fassung von Calixto Bieito und „Am Arsch, DIE RÄUBER“ vom Helmi Theater aus Berlin.
Ich sehe die letzte Vorstellung bevor diese fröhlich anarchische Puppenspielfassung von Schillers Debütstück nach Berlin abreist. Die Räuberbande ist wie beim Helmi so oft ein wilder Schaumstoffhaufen, der gerne zur Gitarre greift. „Am Arsch, DIE RÄUBER!“ erklingt als Titel gebender Refrain, der den Haufen loser Gestalten immer wieder vereint.
Wie erwartet bei den Helmis ist in ihrer Fassung von „Die Räuber“ nicht viel von Schillers Text und Welt zu finden. Allein die Figuren und Grundkonflikte kennen wir.
Franz ist hier deutlich der kleine Bruder, der Karl nicht das Wasser reichen kann. Papa Mohr braucht Amalie und Franz, um sich in seinem Schloss und den TV-Kanälen zurechtzufinden. Sein riesiger Kopf spuckt aber immer nur die gleichen vier Buchstaben heraus: K A R L. Die Amalia-Puppe gleicht Miss Piggy aus der Muppet Show so sehr, dass es gar nicht verwundert, als Karl nach Jahren des Wartens im Wald Kermit, den Frosch bei laufender Sendung entführt, um wieder in Kontakt zu seinem Vater zu kommen.

Die Räuberbande besteht aus Pferd, Schnecke und wenigen Schillerfiguren, wie Karls Gegenspieler Spiegelberg. An dieser Puppe und seiner präzisen Führung und Sprachgebung durch Brian Morrow wird am deutlichsten, wie Puppenspiel das Theater bereichern kann: Die Siegelberg-Puppe hat die übliche Brille auf und einen großen Denkerkopf. Dieser kann aber einfach nach hinten wegklappen, wenn Spiegelbergs wahres Gesicht in Form eines kleinen, fiesen Monsters zum Vorschein kommt. Zwei ehrliche, entlarvende Sätze und – klapp – der öffentliche Spiegelberg-Kopf sitzt wieder. Da braucht keiner herum zu psychologisieren: ein Bild, ein Puppenbau-Effekt und alles ist gespielt.

Das macht Spaß, den Spielern wie den Zuschauern. Der Titel des SWR2 Gesprächsforums kommt mir wieder in den Sinn: „Alles nur zum Spaß – Welchen Zweck hat das Spiel?“ Die Zweck-Frage wäre jetzt aber die Metaebene, auf die wir uns – köstlich amüsiert – beim Helmi lieber nicht einlassen wollen.

Schillers „Homo Ludens“ und „Kabale und Liebe“ als Spiel

Sonntag, 21. Juni 2009

Das off-Theaterfestival „Schwindelfrei“ als Teilfestival der Schillertage wurde mit zwei Premieren am 20. Juni eröffnet. Beide fragen auf sehr unterschiedliche Art nach dem Verhältnis von Figur und Persönlichkeit des Darstellers.

Von Anne Richter

Die 15. internationalen Schillertage strahlen dieses Jahr in die ganze Stadt aus. Nicht nur das Nationaltheater bespielt alle seine Bühnen samt Probebühne und zahlreiche weitere Spielorte bis hin zum Job-Center der Stadt, auch die freie Theaterszene hat sich zum 250. Geburtstags von Friedrich Schiller mit ihren Theatertagen „Schwindelfrei“ ganz Schiller verschrieben. 10 Produktionen entstanden an 10 weiteren Orten zum Motto der Schillertage „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Zwei davon waren am ersten Schwindelfrei-Abend hintereinander zusehen, wenn man eines der Schiller-Fahrräder ergattern konnte. Dieser orange Schiller-Fuhrpark in der Stadt der Fahrraderfindung ermöglicht sinnvoll den zügigen Transport von einem Spielort zum anderen und trägt die Schillertage an jede Ampel.

Also auf ins TiG7, ins Theaterhaus in G7. Dort hat das Tig7-Ensemble mit dem Live Art-Theater „Third Angel“ aus Sheffield auf der Basis von Schillers Briefen zur „Ästhetischen Erziehung“ die theatrale Spielanordnung „Homo Ludens“ entwickelt. Gespielt wird auf einem Spielfeld mit 10 x 10 Spielfeldern. Jeder Zuschauer bekommt einen persönlichen Darsteller, mit dem er sich über das Spielfeld würfelt. Zur Einstimmung spielen die vier Zuschauer das britische Würfelspiel „Snakes and Ladders“, dann werden sie von ihrem persönlichen Akteur abgeholt. Die Regeln sind schnell erklärt: „Wir spielen nicht, um zu gewinnen – wir spielen, um zu spielen.“ und „Ich werde dich auf diesem Weg begleiten und dir alles erklären, was du unterwegs brauchst.“ Vier spielende Zuschauer würfeln sich und ihre persönliche Darstellerin immer zeitgleich auf dem Spielfeld nach oben.

Homo Ludens

Homo Ludens

Das Spiel startet im Geburtsjahr der jeweilige Darstellerin. Jeder Zuschauer würfelt sich über deren Tod hinaus durch ihr Leben, jedes Spielfeld entspricht einer Jahreszahl. Auf jedem erwürfelten Spielfeld bekommt man eine kleine Begebenheit aus dem Leben der Darstellerin in Hinblick auf eine technische Entwicklung erzählt. Diese sind beispielsweise das Buch, das Bett, die Badewanne oder aufnehmbare Musik. Diese sehr intime Lebensreise, in meinem Durchgang bis in das Jahr 2062, lädt zur Reflexion über persönliche Vorlieben und deren zufällige Weiterentwicklung durch gesellschaftliche Impulse ein. Die entspannten, vom Würfelzufall dramatisierten 45 Minuten machen Lust auf eine weitere Runde. Wie in Kindertagen möchte man „Noch mal!“ rufen.

Aber die Zeit drängt und das Schiller-Fahrrad ruft, auf in die Neckarstadt zur Theaterakademie. Dort haben die Dozenten der Schauspielschule Hubert Habig und Andreas Manz mit dem Schauspieler Gerhard Mohr und vier Schauspielschülern „Die Form vertilgt den Stoff – Kabale/Liebe/Form“ angekündigt. Für ihre erste Co-Regie haben sich die Regisseure mit ihrem Ensemble auch mit Schillers Briefen „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ beschäftigt. davon merkt man aber nicht viel.

Die Vorstellung bietet eine lose Szenenfolge aus „Kabale und Liebe“, die in ihrer Abfolge Schillers dramaturgischem Aufbau folgt und das Stück auch Nichtkennern präsentiert. Außer Schiller ist Peter Brooks Theaterbibel „Der leere Raum“ scheinbar bekannt, denn fünf Schauspieler, drei Textbücher und sieben Stühle spielen zwei Stunden im leeren Bühnenraum Schillers Texte. Szenen werden gespielt, unterbrochen, neu angelegt. Die Schauspieler diskutieren ihre Arbeitsweisen mit aufbrausenden Emotionen und fangen erneut an. Der Abend erinnert an ein gut gebautes Abschlussprojekt von Schauspielschulen. Qualitäten und Schwächen der Darsteller werden deutlich. Das Spiel im Spiel im Theaterraum wird betont und ausgekostet. Ein dichter „Kabale und Liebe“-Abend in bekannten Varianten ist entstanden. Wo vertilgt hier die Form den Stoff? Schiller behauptet sich hier spielend.