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Die Kritikerrunde macht sich startklar – Teil I: „Interviews“

Freitag, 11. Mai 2012

Zum Start in die Kritikerrunde beschäftigten wir uns bereits Ende April in einem Workshop mit Mona Moore – landesweit bekannt für ihre Interviews und ihre raue Stimme –  eingehend mit… „Interviews“.

Auf geht´s! Nach den Einzelinterviews mit der ganzen Runde.

Zuerst wurden wir einzeln in den Seminarraum gebeten, ohne jegliche Vorbereitung oder Ahnung, was darin passieren würde. Mona Moore saß alleine an einem Tisch, bat mich mich zu setzen, schaltete ihr Aufnahmegerät ein und fing an Fragen zu stellen. Diese Übung vermittelte sofort das Gefühl eines Interviewten. Für Manche vielleicht positiv aber für mich ein definitiv negatives Erlebnis. Zuerst war ich nervös, weil ich nicht wusste, was passieren würde und dann, als sie anfing Fragen zu stellen, wurde ich panisch, dass ich hoffentlich eine Antwort auf alle Fragen hätte. Schließlich wird alles, was man sagt, aufgenommen und wenn ich nervös werde, fange ich an zu plappern, also hatte ich Angst, dass ich etwas falsches sagen würde.

Danach fing es richtig an. Mona Moore erzählte von ihrem Leben, ihren Erlebnissen und Erfahrungen mit Interviews. Sie erklärte uns zum Beispiel, dass „Off The Record“ inoffizielle aufgenommene Details sind, die aber aus privaten Respektgründen unter keinen Umständen veröffentlicht werden dürfen. Mona machte uns auch darauf aufmerksam, dass man schauen sollte, dass die Antworten immer länger als die Fragen sind und dass man keine zu langen und komplizierten Fragen stellt, da der Künstler im Vordergrund steht und nicht der Interviewer. Interessant fand ich auch, als sie uns erklärte, was eine „Gretchenfrage“ ist, nämlich eine Frage, die dem Gefragten meist unangenehm ist, da sie direkt ist und von dem Gefragten eine bisher versteckte Absicht entlarvt.

Hier sind die wichtigsten Punkte, die ich aus dem Workshop zusammenfassen konnte:

  • Hintergrundinfos und gezieltes Vorbereiten sind die Grundvoraussetzung eines gelungenen Interviews – Nichts ist peinlicher, als wenn ein befragter Autor darauf kommt, dass der Interviewer sein Buch nicht genau kennt.
  • Sicher sein, dass die Technik passt – Ein ganzes Interview umsonst, weil die Batterie des Aufnahmegeräts leer war, kann vermieden werden.
  • Gute Fragen stellen und keine Standardfragen – Der Fragende, Gefragte und das Publikum sollten daran interessiert sein und man sollte originelle Fragen stellen und definitiv Keine, deren Antworten nach einer Suche im Internet sofort herausgefunden werden können.
  • Spontan auf Antworten reagieren – Damit ein Fluss entsteht, sollte man keine „Ja oder Nein“ Fragen stellen und auf alle Antworten spontan reagieren. Man sollte auch die Antworten mit den nächsten Fragen inhaltlich verbinden, so bekommt man das Meiste aus dem Gespräch raus.
  • Körpersprache beachten – Wenn zu dem Gefragten kein Augenkontakt besteht, gibt es keinen Anhaltspunkt und somit fühlt sich der Gefragte distanziert und nicht respektiert.

Die Notizblätter füllen sich!

Obwohl der Einstieg in den Workshop mich abgeschreckt und verunsichert hat, gab er mir einen guten Einblick in das Gefühl des Interviewten. Mona Moore vermittelte uns außerdem ein Fingerspitzengefühl für Interviews in ihrem sehr informativen Workshop.

Mary Sarsam und Anastasia Lopez

„Dunkel, Genossen, ist der Weltraum, sehr dunkel“

Samstag, 28. Mai 2011

Nach monatelangem Entgegenfiebern sitze ich, als bewährter und treuer Lepage-Fan, endlich, endlich wieder im Theater, oder vielmehr in der Traumwelt von Robert Lepage. Der gebürtige Kanadier aus Québec, der schon vor vielen Jahren mit The Far Side Of The Moon auftrat und dessen Alter-Ego auf der Bühne schon lange die Zuschauer in seine Weltraumtagträume mitreißt, bringt auch heuer, 2011, sein Solo-Stück wieder zu den Wiener Festwochen.

Mit Yves Jacques in der einzigen Rolle ist das Stück zwar wesentlich kürzer als Lipsynch, der 9-Stunden-Epos, der letztes Jahr das Festwochen-Publikum verzauberte, aber nicht minder großartig. Es geht in The Far Side Of The Moon um zwei Brüder (beide von Jacques gespielt), die den Tod ihrer Mutter verarbeiten müssen, aber die sich auch untereinander aussöhnen, wieder zueinander finden müssen. Es geht aber auch um den Wettlauf im All, den sich USA und Russland während des Kalten Krieges lieferten; um die Poesie des Lebens auf unserer Erde, sogar dem ganz alltäglichen Leben, und um die absurde Idee, einen Aufzug in den Weltraum zu bauen. Im Grunde geht es vielleicht um die Tagträume und Wünsche eines Jeden. Trotzdem ist die Handlung, wie meist bei Lepage, nur ein Mittel zum Zweck: In Wahrheit geht es bei Lepage vorallem auch um die Magie seiner Inszenierung. Als Zauberer der Bühne, der die Grenze zwischen Realität und Traum gekonnt wie kein anderer verschwinden lässt, schafft es Lepage, mit ganz einfacher Technik alles nur Erdenkbare entstehen zu lassen. Gerade so, als ob der Zuschauer in Kindheitserinnerungen, Tagträumen und Wünschen schwelge, gestaltet sich die Bühne: Eine bewegliche Spiegelwand verwandelt sich in einen unendlichen Weltraum, eine Thermoskanne wird zur Rakete, eine Waschmaschine zur Raumschiffluke. Spielerisch und einfach, gekonnt, ist die ganze Bühnengestaltung: Als würde sich auf der Bühne die Anziehungskraft der Erde lösen und tatsächlich in Schwerelosigkeit umwandeln schwebt die Hauptfigur, völlig vom Ballast der Realität befreit, durch seine Träume.

Knapp zwei Studen fesselt mich das Stück an meinen Platz, und die Enttäuschung, als das Stück zu Ende ist, ist dieselbe Enttäuschung die man verspürt, wenn man aus einem wunderschönen Traum aufwacht oder von einer langen, unglaublichen Reise zurückkommt. Und auch der Rest der Zuschauer ist dem Zauber von Robert Lepage, der sowohl Wehmut als auch kindliche Freude an dieser Traumweltbühne auslöst, völlig ausgeliefert und feiert den Künstler mit Standing Ovations.

Bianca Marion

„Diebe“ – Gute Aussichten trotz Angst vor dem eigenen Handeln

Montag, 23. Mai 2011

„Diebe“ von Dea Loher in der Inszenierung von Andreas Kriegenburg ist ein Gastspiel des Deutschen Theaters Berlin. „Diebe“ heißt das Stück, weil es Menschen gibt, die sich durch ihr Leben stehlen. Diese Menschen haben Angst vor ihrem eigenen Handeln. Sie gehen behutsam durch das Leben und hoffen nicht bemerkt zu werden.

Ein riesiges Rad, das die ganze Bühne einnimmt, dreht die Personen auf die Bühne. Das Rad ist eine witzige Abwechslung zu herkömmlichen Stücken und die Schauspieler werden dadurch teilweise zu richtigen Bewegungskünstlern. Sarkasmus und schwarzer Humor prägen das Stück.

Doch wenn man länger über die zwölf Personen nachdenkt, die alle unterschiedliche Schicksale leben, merkt man wie aussichtslos und verzweifelt sie eigentlich sind. Ein sehr trauriges Stück, das witzig aufbereitet ist und zum Nachdenken anregt. Ich habe das Theater positiv verlassen, mit der Aussicht, das jeder seine Zukunft selbst aktiv gestalten kann.

Pia-Maria Fünck


Desdemona auf afrikanisch – Ein Monolog der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

Dienstag, 17. Mai 2011

Peter Sellars inszenierte mit „Desdemona“ eine Art musikalischen Literaturvortrag mit einem Hauch Schauspiel und einer großen Portion Faszination.
Obwohl er früher Othello zu einem der schrecklichsten Werke von William Shakespeare zählte, schaffte es Toni Morrison ihn davon so zu überzeugen, dass er nicht nur im Jahre 2009 „Othello“ im Rahmen der Wiener Festwochen aufführte, sondern sich heuer auch einzig und allein der tragischen Gestalt der Desdemona widmete. Peter Sellars bezeichnet Desdemona als eine der schönsten Kreationen aus den Werken Shakespeares‘ und nennt sie: „Jesus Christ as a woman“.

In Desdemona werden den Toten Stimmen gegeben. Nobelpreisträgerin Toni Morrison verfasste hiermit eine Antwort auf „Othello“ mit der Grundidee, der Frau Platz zum Reden zu geben, da in Shakespeare die Frau meistens still ist. Sie wollte es Desdemona ermöglichen zu antworten, da Othello Sie kurz nach der Hochzeit schon ermordet hatte.

Die Bühne ist kahl und wird durch grandioses Licht, von Light-Designer James F. Ingalls, zu einem Ort, an dem man sich geborgen fühlt. Einzelne Glühbirnen hängen vom Schnürboden herunter und weißes, grelles Neonlicht bestrahlt auf dem Boden stehende Glasgefäße, welche alle unterschiedliche Formen haben. Das Licht bestimmt die Stimmung des Zuschauers, auch wenn dieser die Veränderungen des Lichts oft nur unbewusst wahrnimmt. Auch die auf die weiße Rückwand geworfenen Schatten geben dieser Atmosphäre eine ganz besondere Note.
Die Darstellerinnen und die beiden Musiker sind AfrikanerInnen, welche mit ihren wunderschönen Klängen das Publikum verzaubern und sie alle Probleme für einen Moment vergessen lassen, während Desdemona von der grandiosen New Yorker Schauspielerin Elizabeth Marvel verkörpert wird.

Die Schatten tragen wesentlich zur Atmosphäre bei                                Foto: Ruth Walz

Bereits zu Beginn wird klar, dass es sich hierbei nicht um ein Theaterstück handelt. Vier verschiedene Mikrofone, durch die Desdemona ihre Stimme erhebt, sind auf der Bühne aufgestellt. Jedes einzelne ist mit einer anderen Szene verbunden, wobei es so scheint, als würde das Mikrofon ihrem Spiel den Ausdruck und die Glaubhaftigkeit nehmen. Sobald Sie nämlich ohne jegliche technische Hilfsmittel ihren Monolog hält, glaubt man ihr sofort, dass Desdemona und keine Schauspielerin, welche versucht Desdemona zu sein, spricht, wobei man es andererseits nur als gekonnten literarischen Vortrag verstehen kann. Mit Sicherheit ein gewollter Aspekt, welcher aber zu Beginn des Stückes einige Konfusionen hervorrufen könnte. An der Leistung der Schauspielerin gibt es nichts auszusetzen. Im Gegenteil. Mit verschiedenen Stimmlagen trägt sie auch Dialoge vor, welche keinerlei weiteren Erklärungsbedarf schuldig bleiben.
Unklar bleibt jedoch, warum sie ein ipad mit sich herumträgt, da sie textlich keinerlei Schwierigkeiten zu haben schien, wo wiederum ein weiteres Lob angebracht ist, das ipad jedoch ein Requisit ist, welches die ganze Stimmung durch den Aspekt der neuesten Technologie etwas trübt.

Hauptsensation ist jedoch Rokia Traoré, die mit ihrem wunderbaren Gesang jeden berührt, auch wenn man den Untertitel nicht liest und den Text nicht versteht. Das Gefühl, welches Sie in jeden einzelnen Song – nein in jedes einzelne Wort – legt, ist einfach unersetzlich. Die Lieder sind von ihr selbst verfasst und sie wird von drei weiteren Damen im Background mehrstimmig begleitet. Diese wunderschönen Lieder verführen einen jedoch oft dazu mit den Gedanken etwas abzuschweifen, beziehungsweise diese einfach auszuschalten und die eigentliche Geschichte dahinter kurzzeitig auszublenden, was eigentlich nicht der Sinn sein sollte.

Rokia Traoré berührt mit ihrem wunderbaren Gesang jeden                        Foto: Ruth Walz

Trotz der guten Übersetzung der Untertitel sind sie für Leute mit guten Englischkenntnissen etwas störend, da sie sehr groß auf die Rückwand projiziert werden und das immer phrasenweise. Daher wirken künstlerische Pausen oft nicht, da man den Text schon vorgreifend lesen kann.
Der Schluss erwürgt die Atmosphäre regelrecht, da plötzlich die ganze Bühne in grelles Licht getaucht wird und somit Verwirrung beim Publikum auslöst und dieses auch erschreckt. Die Stimme von Cassio hallt viel zu laut durch den Saal und verwirrt den Zuseher, welcher sich bei dieser Stelle fragt, was das jetzt soll.

Alles in allem ist es ein sehr ruhiges Werk ohne viel Bewegung, welches durch Musik und textliches Verständnis die Geschichte einer Frau, welche Opfer von Eifersucht und Misstrauen ist, näher bringt. „My life was lead by my own choices – and it was mine“ (Desdemona) Starke Textaussagen werden zwar durch den Untertitel abgeschwächt, aber das Verständnis dahinter bleibt erhalten. Für große Bühnen ist diese Aufführung wohl eher ungeeignet, da hierbei die ganze Atmosphäre im großen Saal ertrinken würde, jedoch trotzdem: Gratulation Herr Sellars.

Corinna Harrer

„Du bist anders. Wir sind verschieden.“

Mittwoch, 21. Juli 2010

Der vierte Tag, die dritte Aufführung. Die pottfiction-Gruppe des HELIOS Theaters aus Hamm spielt zum Thema „Zusammenleben“. Das Stück heißt Raumteiler und wurde von Barbara Kölling, Katja Ahlers, Stefan Blank und Steffen Moor inszeniert.

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Darf ich bei dir wohnen?

Schon das Bühnenbild bezieht die Zuschauer räumlich mit ein. Man sitzt um eine rechteckige Bühne herum, an allen vier Seiten sind Bänke aufgestellt.
Das Licht geht aus und die Musik an. Das Stück beginnt mit leichten Bewegungen. Zaghaft kommen die Schauspieler hinter den Leinwänden, den Raumteilern, hervor auf die Bühne.
Es folgt eine lockere Szenenfolge, die verschiedene Facetten des Zusammenlebens ganz unterschiedlich zeigt. Zum Beispiel Alt und Jung, Sie und Er, Familie und Nachbarn.
Das Publikum wird angesprochen: „Darf ich bei dir wohnen? Und zu welchen Bedingungen?“
Jetzt erfüllt die Sitzordnung ihren Zweck, denn Publikum und Schauspieler befinden sich auf einer Ebene und können kommunizieren. Manchen ist das unangenehm, während andere sich auf ein Gespräch begeistert einlassen. Das Konzept geht also teilweise auf.
Es gibt sehr zärtliche Szenen. Wenn die Darsteller sich zur Musik annähern ist der Zuschauer berührt. In immer neuen Konstellation nähern sich die Jugendlichen an.
Doch dann der Bruch. „Du bist anders“ in sämtlichen Sprachen. Beziehungsprobleme, jeder will das Beste für den Anderen oder das Beste für sich selbst. Das kann nicht immer funktionieren.
Auch persönliche Berichte von Menschen, die auf der Straße befragt wurden, kommen zum Einsatz. Die Bürger berichten offen, wie sie leben und mit wem sie leben. Durch O-Töne kommen Menschen aus allen Altersklassen zu Wort. Alle leben anders zusammen.
Dieses Persönliche gibt dem Stück etwas Besonderes. Es ist nichts erfunden. Die Gruppe hat durch die Berichte ein Mittel gefunden, frei von Klischees zu zeigen, wie Zusammenleben sein kann.

Große Vielfalt

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Es werden viele künstlerische Mittel genutzt. Die Darsteller sprechen in Chören, tanzen oder zeigen Dias. Sie malen mit Kreide, verwischen, hinterlassen ihre Fußabdrücke im Kreidestaub. Die Raumteiler werden für ein Schattenspielgenutzt. Die Darsteller bilden mit verschiedenen Bewegungen eine ineinander verzahnte Maschine. Ganz unterschiedliche Formen von Ästhetik finden in diesem Stück ihren Platz.
Am Ende werden die Raumteiler verschoben. Nun trennen sie die Bühne nicht mehr in zwei Hälften, sondern sind im Raum verteilt. Die ganze Bühne wird genutzt. Es finden wieder Begegnungen statt. Die Spieler sitzen zwischen den Leinwänden und lernen sich kennen.
Die Form die Hamm gewählt hat, ist sehr passend um das Thema „Zusammenleben“ zu präsentieren. Keine festen Rollen, keine feste Handlung, eine große Vielfalt. Das Spiel ist auf dem Punkt. Es sind schöne 50 Minuten Theater.

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Sarah Lena Tzscheppan
Fotos:Julian Müller,Sascha Rutzen

Der dritte Tag

Montag, 10. Mai 2010

Copyrigt Jennifer Bunzeck

Hamlet Episode

Sonntag, 28. Juni 2009

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Die einzige staatlich subventionierte Tanztruppe Koreas besuchte Bochum mit ihrer außergewöhnlichen Version von Shakespeares’ Hamlet.Die Daegu City Modern Dance Company wurde vertreten durch 27 Tänzer, die ihre Körper benutzten um dem großen Stück Leben einzuhauchen.
Anstatt sich an die dramatische Form und ihre Chronologie zu halten, entwickelte der Choreograph Choi Du Hyuk ein Spiel aus sieben Episoden.
Diese erzählten jeweils aus der Sicht von Ophelia, Gertrude, Claudius, Hamlets Vater, Laertes und zu letzt natürlich Hamlet selbst.
Dabei geht es um Liebe, Gewalt, Verrat und Jugend. Der moralische Fall der Figuren wird in den einzelnen Episoden ebenfalls verdeutlicht.

Wie sich die jeweiligen Perspektiven und Themen ändern, so wechselt dann auch die Musik von ruhigen zu rockigen und elektronischen Tönen. Sein fulminantes Finale findet „Hamlet Episode“ mit einer Streicherversion von Metallicas „Nothing else matters“.

Die Beleuchtung tut das ihrige zu Unterstützung der Atmosphäre und vermischt alte und neue Techniken zu einer funktionierenden Symbiose.

Alles ist stimmig und doch wird eines deutlich – auch die Tänzer allein hätten schon mehr als überzeugt, denn was diese mit ihren Körpern machen können ist beeindruckend. Und so hört man hier und da immer mal wieder ein überraschtes und entzücktes „WOW!“ aus dem Zuschauerraum.

Mit einer Leichtigkeit fliegen die Tänzer in die Luft; vermischen sich Tanz und Akrobatik.
Wo es in einem Moment noch zärtliche Berührungen gab, sind im nächsten schon Energiegeladene Sprünge quer über die Bühne zu sehen.

Die Zeit vergeht dann auch viel zu schnell und belohnt wird „Hamlet Episode“ dann zu Recht mit Minuten langen Standing Ovations.

(Janine Wahrendorf)

Es gibt sie noch, die guten Dinge.

Dienstag, 23. Juni 2009

Bei den Schillertagen meint das ein Gastspiel von „Die Räuber“, das nach den herkömmlichen Theaterregeln abläuft und ganz für Zeitgenossen von 2009 gedacht und gemacht ist.

Von Anne Richter

Es fängt schon gut an: Die Techniker von der Schaubühne aus Berlin tragen ein schwarzes T-shirt mit dem Aufdruck „Zeitgenossen“. Und wirklich, die Inszenierung von Lars Eidinger mit Schauspielschülern der Ernst-Busch-Hochschule Berlin und Urs Jucker als Vater und Pater aus dem Schaubühnen-Ensemble hält dem Anspruch, aus Schillers Räubern von 1782 Zeitgenossen zu machen, stand.

Die Räuber unter Berliner Himmel

Die Räuber unter Berliner Himmel

Die besondere Qualität dieser Arbeit fußt im Simultanbühnenbild von Christoph Rufer, das einen gleichzeitigen Ablauf der beiden Handlungsstränge um die konkurrierenden Brüder Karl und Franz ermöglicht. Die Brüder, die sich in Schillers Drama nie begegnen, sehen sich in dieser Inszenierung ständig in die Augen. Jeder handelt in seiner Welt, sprich im eigenen Bühnenbereich. Rechts ist etwas tiefer gelegt, der gepolsterte Fernsehraum im Schloss von Moor; links erhöht die Plattform für die Räuberbande, anfangs mit Biertisch bestückt und mit einem auch als Wachturm dienenden Baum als Böhmischer Wald.

Aber alles Denken und Handeln der Brüder dreht sich nur um den jeweils anderen, den man hier nicht nur vorm inneren Auge hat. Mit schneller Schnitttechnik verzahnt Lars Eidinger die parallel verlaufenden Szenen. Wachsam beäugen die jeweils Stummen das Spiel der anderen Partei.

In knappen zwei Stunden erzählt die Inszenierung von Lars Eidinger vom Untergang einer Familie. Am Anfang hängt Vater Moor bis zur Unbeweglichkeit als Tonne auswattiert vorm Fernseher. Trotz Beatmungshilfe ist jeder Atemzug von ihm eine hörbare Kraftanstrengung. Am Ende atmet der Vater – bis auf die Haut abgemagert ist hier im wörtlichen genommen – immer noch, nur seine beiden Söhne liegen tot in seinem Schoß.

Dazwischen proben die Räuber den Aufstand, Franz spinnt seine Intrigen und Amalia such Trost im Singstar. Der Einsatz und die Auswahl der Musik ist ein weiteres Qualitätsmerkmal der Arbeit: Rod Stewart, Simon and Garfunkel, Queen und Mariah Carey stehen für die großen Emotionen des Dramas. Aus Sicht von heutigen 22-jährigen, so alt war Schiller bei der Uraufführung und nicht viel älter sind auch die Darsteller auf der Bühne, sind diese Pop-Schnulzen „uralt“. Darum treffen sie genau den Punkt des Altmodischen, aber doch zeitlos gültigen der extremen Gefühle in Schillers hoher Sprache.

Altmodisch, ernst und doch brennend aktuell ist die Gruppe zorniger junger Männer gezeichnet, die gegen die Macht der Väter anrennt. Jeder für sich spielt eine volle Charakterstudie, deren Not man verstehen kann. Die Gruppendynamik von Jungendlichen funktioniert nach wie vor gleich. Nach dem Ausstieg, bei Schiller dem Gang in die Wälder, treten die Räuber in Unterwäsche und Waffen auf. Nun ähneln sie ihren Kollegen aus Stanley Kubricks Film „A Clockwork Orange“ und schlagen mit gleicher Härte und gleichem Überraschungseffekt zu. Auch das ist in seiner Konsequenz stimmig. Schillers Figuren sind Zeitgenossen, wenn sie auch etwas altmodisch sprechen.

Diese Inszenierung wurde in diesem Blog auch im Rahmen des Festivals „radikal jung“ in München am 19.4. besprochen. Der YouTube-Trailer der Inszenierung ist dort auch zu finden.

Alles nur zum Spaß – Welchen Zweck hat das Spiel?

Montag, 22. Juni 2009

Die Schillertage sind ein multimedialer Event geworden, bei dem alle mitspielen können.

Von Anne Richter

Am dritten Tag der Schillertage war wirklich alles im Spielen: Im Jobcenter hinter dem Nationaltheater hat der Berliner Künstler Ulf Aminde eine begehbare Installation mit Mitarbeitern und „Kunden“ des Jobcenters entwickelt. Der SWR2 sendet aus dem Theaterfoyer das erste Gesprächsforum seiner fünfteiligen Reihe „Schiller on Air“. Die letzte Schlacht um die letzte Karten für „Am Arsch, DIE RÄUBER“ war ausgetragen. Das Gastspiel „Kabale und Liebe“ vom Deutschen Schauspielhaus im NT und die Premiere von „Elisabeth Tudor – Homo Ludens – eine Rehabilitation“ in der Herz Jesu Kirche begannen pünktlich.

Und überall gibt es kleine Zwischenspiele:
Die britische Schauspielerin Lucy Ellinson, eine der Spielerinnen in „Homo Ludens“ steht im Tig7-Innenhof plötzlich mit einem Würfelbecher vor mir und möchte mir eine persönliche Erinnerung schenken. Ich würfle die Zwei und bekomme eine liebenswerte Begebenheit berichtet.
Kurz darauf am zentralen Schiller-Sandkasten stehen zwei junge Frauen vor mir und bitten um einen Geschichtsausdruck zum Gefühl Neid. Das Foto ist schnell gemacht und stehe ab morgen auf www.raeuberevent.de, sagen sie noch bevor sie sich dem nächsten Gefühlsspieler zuwenden.
Der riesige Schiller-Sandkasten vorm Nationaltheater ist durch den Regen gerade leer gefegt. Bis zum Regenguss wurde er aber vor allem vom jungen Volk bespielt. Er ist das ZIEL, zu dem aus der ganzen Stadt Spuren aus runden Flächen, also Spielfeldern, führen. Sie fordern auf: Rücke vor bis zum Spiel, im Sand oder im Theater. Der Sand ist nass, also nehme ich das Theater.

Die umworbene Amalie

Die umworbene Amalie


„Am Arsch, DIE RÄUBER!“

ist eine der vielen Produktionen, die die Schillertage in Auftrag gegeben haben. Ursprünglich waren die Schillertage ein Festival, das aktuelle Schiller-Interpretationen zusammen brachte. Seit Burkhard C. Kosminski mit seinem Team 2007 die künstlerische Leitung der Schillertage hat, sucht das Festival vermehrt Partner für gemeinsame Arbeiten. So kam es zu den beiden Premieren am Eröffnungsabend: die „Don Karlos“-Fassung von Calixto Bieito und „Am Arsch, DIE RÄUBER“ vom Helmi Theater aus Berlin.
Ich sehe die letzte Vorstellung bevor diese fröhlich anarchische Puppenspielfassung von Schillers Debütstück nach Berlin abreist. Die Räuberbande ist wie beim Helmi so oft ein wilder Schaumstoffhaufen, der gerne zur Gitarre greift. „Am Arsch, DIE RÄUBER!“ erklingt als Titel gebender Refrain, der den Haufen loser Gestalten immer wieder vereint.
Wie erwartet bei den Helmis ist in ihrer Fassung von „Die Räuber“ nicht viel von Schillers Text und Welt zu finden. Allein die Figuren und Grundkonflikte kennen wir.
Franz ist hier deutlich der kleine Bruder, der Karl nicht das Wasser reichen kann. Papa Mohr braucht Amalie und Franz, um sich in seinem Schloss und den TV-Kanälen zurechtzufinden. Sein riesiger Kopf spuckt aber immer nur die gleichen vier Buchstaben heraus: K A R L. Die Amalia-Puppe gleicht Miss Piggy aus der Muppet Show so sehr, dass es gar nicht verwundert, als Karl nach Jahren des Wartens im Wald Kermit, den Frosch bei laufender Sendung entführt, um wieder in Kontakt zu seinem Vater zu kommen.

Die Räuberbande besteht aus Pferd, Schnecke und wenigen Schillerfiguren, wie Karls Gegenspieler Spiegelberg. An dieser Puppe und seiner präzisen Führung und Sprachgebung durch Brian Morrow wird am deutlichsten, wie Puppenspiel das Theater bereichern kann: Die Siegelberg-Puppe hat die übliche Brille auf und einen großen Denkerkopf. Dieser kann aber einfach nach hinten wegklappen, wenn Spiegelbergs wahres Gesicht in Form eines kleinen, fiesen Monsters zum Vorschein kommt. Zwei ehrliche, entlarvende Sätze und – klapp – der öffentliche Spiegelberg-Kopf sitzt wieder. Da braucht keiner herum zu psychologisieren: ein Bild, ein Puppenbau-Effekt und alles ist gespielt.

Das macht Spaß, den Spielern wie den Zuschauern. Der Titel des SWR2 Gesprächsforums kommt mir wieder in den Sinn: „Alles nur zum Spaß – Welchen Zweck hat das Spiel?“ Die Zweck-Frage wäre jetzt aber die Metaebene, auf die wir uns – köstlich amüsiert – beim Helmi lieber nicht einlassen wollen.