Nach jedem Workshop hat Autor Lutz Hübner das entstanden Material zu einer Textvorlage für die Proben verarbeitet. Jeder Workshop hatte ein Thema, eine Richtung, in die wir improvisiert und diskutiert haben. So entstand nach und nach eine Art Libretto in drei Teilen, das als Grundlage für die Proben dient. Ein Stücktext mit viel Offenheit für Improvisationen, Änderungen, Weiterentwicklung in den Proben. In einer Form, der die Geschichten und Dialoge aus den Workshops verdichtet, strukturiert, Figuren und Konstellationen entstehen lässt und neue Spielebenen eröffnet – irgendwo zwischen (Theater-)Spiel und Leben.
Letzten Montag haben Autor, Regisseurin Martina van Boxen und Dramaturgie sich noch einmal intensiv über die erste vollständige Fassung gebeugt und kommenden Montag, am 16.1.2012 ist es dann endlich soweit. Mit einer Konzeptionsprobe beginnt die “richtige” Probenzeit, ab dann heißt es täglich: Studierende + Hübner + van Boxen + X = SPIEL DES LEBENS. (X heißt natürlich:mehr als die Summe der einzelnen Teile!)
Als kleiner Vorgeschmack kurz vor Probenbeginn hier eine Szene, die wir schon zur Trailershow beim Eröffnungsfest im September aus den Entwürfen zum ersten Teil collagiert hatten und allen Beteiligten und dem Publikum Vorfreude auf die Premiere am 16. März 2012 machte:
Alle kommen nach vorne auf die Bühne gestürmt, in einer Reihe.
Mechthild: Meine sehr verehrten Damen und Herren,
Bernhard: Wir begrüßen Sie herzlich zu
Zusammen: Spiel des Lebens!
Zora: Wir wollen Sie in den nächsten (ein gemeinsamer Blick auf die Armbanduhr)
Zusammen: 90 Minuten
Joachim: unterhalten,
Mechthild: wir wollen uns vorstellen.
Charles: Wir, das sind die Studenten der Folkwang-Universität der Künste.
Amanda: Wir wollen,
Lisa: dass Sie uns kennen lernen
Julia: Wir wollen Ihnen Geschichten erzählen,
André: wollen Sie unterhalten…
Joachim: Das habe ich schon gesagt
Amanda: …wollen Ihnen einen wunderbaren Abend ermöglichen
Bernhard: Wir sind da,
Damir: hier,
Joachim: für Sie,
André: so, wie wir sind
Damir: und jetzt:
Zusammen: Musik!!
Sie stehen nebeneinander, beginnen, A-capella ein Lied zu singen, das Lied wird in der folgenden Vorstellungsrunde weiter gesungen (bis der Streit beginnt). Sie kommen in eine Reihe, der Vorgestellte geht jeweils einen Schritt vor
Charles: Das ist Zora, sie ist unsere Tragödienspezialistin, kann aber auch singen und Kunststücke.
Zora: Das ist Julia sie spielt drei Instrumente, ist unsere begabteste Tänzerin, kann aber auch drei Sprachen.
Julia: Das ist Amanda, unser Dialektspezialist, hat Filmerfahrung und beherrscht einige atemberaubende Stunts
(Amanda will sofort einen Stunt zeigen, wird von den anderen zurückgepfiffen. Tritt vor.)
Julia: Nein, nicht jetzt, später vielleicht, okay?
Amanda: Das ist Bernhard, der Klügste von allen, stemmt locker die härtesten postdramatischen Texte und singt. Manchmal sogar gleichzeitig.
Bernhard: Das ist Damir, er ist unser Komiker und kann zaubern.
Damir: Das ist Mechthild, unsere Tragödin, spielt wunderbar Maultrommel und macht erstklassige Nudelsalate.
Mechthild: Das ist Joachim, er kann Pfannkuchen und Crepes im Flug wenden, hat ein gutes Gefühl für klassische Texte und legt bei unsren Partys auf.
Joachim: Das ist André, unser zweites komisches Talent und ein gesuchter Typ, das sagen alle Lehrer, ein Filmgesicht.
Joachim hat Lisa, die neben ihm steht, übersprungen. Sie sieht ihn irritiert an.
Lisa: Warum hast du mich nicht vorgestellt?
Joachim: Ich hatte in den Proben immer ihn (deutet auf den Letzten)
Lisa: Ja, aber das ist doch egal, du weißt doch wer ich bin.
Joachim: Stell dich doch einfach selber vor. (zu André) Oder willst du sie vorstellen? (dieser schüttelt den Kopf)
Lisa: Nein, ich will, dass du das machst.
Joachim: Das will ich aber nicht.
Lisa: Und warum?
Joachim: Will ich eben nicht.
Kurze peinliche Pause, alle verfolgen angespannt den Streit mit.
Lisa: Ich habe ein Recht darauf, vorgestellt zu werden. Jeder hat hier neun Minuten.
Joachim: Ja, aber dadurch, dass ich dich nicht vorgestellt habe, haben die Leute doch auch einen Eindruck von dir, oder?
Lisa: Ja! Aber was für einen!
Joachim: Okay, das ist das Mädchen, das in allen Rollen leidet, egal, was sie spielt, immer leidet sie, bis über jede Schmerz- und Geschmacksgrenze.
Lisa: Das stimmt doch gar nicht!
Joachim: Jetzt leidest du doch schon wieder.
Lisa: Ja, aber wegen dir.
Joachim: Klar, irgendjemand ist immer Schuld.
Lisa: Du bist so ein Arschloch!
Joachim: Jetzt hast du bestimmt schon drei Minuten von deinen neun verbraucht.
Lisa: Das war deine Zeit.
Joachim: Ich? Ich habe doch gar nichts gesagt. Du bist dran, deine Zeit läuft.
Lisa: Okay, dann bin ich jetzt dran.
Amanda blickt zu den Streitenden.
Amanda: Ich könnte einen Stunt zeigen und in der Zeit könnt ihr euer Ding klären.
Lisa: Nein! Wenn ich dran bin, bin ich dran.
Lisa beginnt “I will survive“ zu singen, sehr engagiert, sehr laut und wütend.
Jetzt greifen die Anderen ein, versuchen die Situation zu beruhigen, das wirft doch jetzt ein schlechtes Licht auf die Gruppe, so stehen doch alle schlecht da und das kostet Zeit. Schließlich gehen alle nach vorn, Blick ins Publikum. Lisa bleibt zurück, singt leise ihr Lied weiter.
Chor: Wollen Sie etwas Komisches sehen?
Sie holen alle einen Neckrüssel heraus, blasen hinein und stecken ihn wieder ein.
Chor: Oder etwas Tragisches?
Sie holen alle einen Neckrüssel heraus, blasen hinein und stecken ihn wieder ein.
Chor: Oder etwas Komisches, das unversehens ins Tragische kippt?
Sie holen alle einen Neckrüssel – insgesamt 10 Stück – heraus, blasen hinein und stecken ihn wieder ein, gehen ab. Lisa singt allein weiter ihr Lied, erkennt die Chance sich zu präsentieren. Bernhard kommt zurück auf die Bühne, nimmt sie über die Schulter und geht ab.
Beitrag von: Sascha Kölzow