Artikel-Schlagworte: „Textlabor am Schauspiel Essen“

Ein Theaterstück, das Gänsehaut verursacht. Jetzt ich, oder wie?

Montag, 2. Juli 2012

 

Wer bin ich? Was kann ich gut? Was will ich? Was ist mir wichtig?

Durch was definiere ich mich?

Durch mein Aussehen, durch meine Leistung, durch meinen Humor, meine Hilfsbereitschaft?

 

Zehn Akteure des Duisburger Theaters suchen auf der Essener Bühne nach Identität.


Fancy (Karina Solzmann) sucht in dem von der Decke hängenden, vergoldeten Spiegel nach ihrem wahren Ich. Auf der Bühne bekommt sie in ihrem rosaroten Rüschenkleid viel Applaus für ihre gesungenen Lieder. Schaut sie sich im Spiegel an, liebt sie alles an sich. Doch bald schon interessiert sich keiner mehr für ihre Lieder, und sie beginnt, ihr Spiegelbild kritisch zu betrachten.

 

Jetzt ich, oder wie? - Theater Duisburg. Foto: Sara Hoffmann.

Alice (Tamara Meuthen) zockt im Schlafanzug Playstation und lebt in ihrer eigenen Welt. Sie flüchtet vor der beängstigenden Wirklichkeit in eine Fantasy-Welt, in der sie sich wohl und sicher fühlen kann. Oder etwa doch nicht!?

Viktor (Chris Lemba) will nicht ständig mit seinem ihm ähnelnden Vater, den er hasst, verglichen werden. Beim Blick in den Spiegel empfindet er sich nur als Kopie seines Vaters, alleine seine Narben und seine Geschichten unter ihnen verleihen ihm Originalität.


Mia (Wiebke Böggering) hilft immer und überall. Sie hört allen zu, ist ehrenamtlich tätig und springt bei jeder Gelegenheit ein. Doch eigentlich will sie gar nicht immer für alle da sein, nicht immer jedermanns Tasche schleppen.

Ed (Levin Risse) hat vor mehr als zehn Jahren von einem Schulfest ein Video gemacht. Er gibt vor, Filmemacher zu sein, und prahlt, wie toll er sei. Doch als er sich an einer Filmschule bewirbt, trifft er auf die Realität: er wird nicht genommen, da er nie wirklich für seinen Traum gearbeitet/ gefilmt hat.

Die 16-jährige Lynn ist die Marionette in dem Stück. Ständig heißt es „Lynn stell dich doch mal mehr ins Licht, Lynn, nimm doch mal bitte den Schal auf deinen Kopf, Lynn mach doch mal Kniebeugen“. Doch eigentlich will Lynn das nicht mit sich machen lassen. Sie will keine Marionette sein.


Volker (Johannes Kunkel) stellt sich als Philosophiestudent vor, dem es besonders die Philosophen des 19. Jahrhunderts angetan haben. Aber seine eigentliche Leidenschaft sind wie auch schon für Kierkegaards Verführer die Frauen. Deshalb macht er sich gerne an jede ran, die ihm begegnet. Aber natürlich ohne diese primitiven Anmachsprüche, sondern schon originell. Er kann immer jemanden anrufen und bekommt ja jedes Mädchen. Manchmal aber doch nicht.


Sophie (Dietke Helmig) lernt fleißig für die Uni, um die Firma ihrer Eltern übernehmen zu können. Doch will sie das eigentlich wirklich?

Mark (Mike Wiese) ist froh, dass er nach der Uni seine Ruhe hat und niemanden sieht. Aber eigentlich wünscht auch er sich Menschen um sich herum, eine Freundin, der er sich anvertrauen kann.


Gleich zu Beginn etabliert sich Dwight (Marvin Abssi) als Spaßvogel der Gruppe. In einer kleinen Improvisation parodiert er einige der Ticks, die das Ensemble des Jungen Theater an der Ruhr Mülheim in ihrer Produktion „Vorstellung“ so exzessiv zelebriert hat. Auch später macht er zwar ständig Quatsch mit Vampirzähnen oder skurrilen Sonnenbrillen, eigentlich ist er aber ein verletzlicher Mensch.

Jede dieser Figuren wird mit solch einer Intensität gespielt, dass man Gänsehaut bekommt. Denn wir alle kämpfen im Endeffekt mit denselben Problemen. Wir schauen uns ebenfalls im Spiegel an und fragen uns, wer wir eigentlich sind. Wir alle sind nicht gerne alleine. Wir alle sehnen uns danach, so akzeptiert zu werden, wie wir sind.

 

Ihren emotionalen Höhepunkt erreicht die Inszenierung, als zwei Ensemblemitglieder „If I lay here“ von Snow Petrol singt. Währenddessen bildeten sich Zweierkonstellationen. Ed nimmt Mia die Taschen ab, Volker tanzt langsam mit Lynn, Sophie unterhält sich angeregt mit Viktor. Und Dwight jagt im Gorillakostüm hinter Alice her. Getragen von der Melancholie des Lieds beginnt man, über sich selbst nachzudenken. Die Zeit stand für einen Moment still, und mir kamen fast die Tränen.

Der tobende Applaus und das stehende Publikum am Ende des Stückes beschreiben den Abend am Besten.

Camilla L.

Die Offenheit tanzt im Schrank

Montag, 2. Juli 2012

Dreh- und Angelpunkt der „Generation Porno“ ist das Paar Mia und Tim. In der Eigenproduktion unter Leitung von Sabine Eschen fügt das Westfälische Landestheater Castrop-Rauxel den Untertitel „We are the dirty wasted youth“ hinzu und wendet ihn auf die Beziehung der beiden an.

Nach einer stimulierenden Kissenschlacht konfrontiert Mia Tim aus heiterem Himmel mit dem Vorschlag, die Beziehung doch offen fortzuführen. Ein Schlag in die Magengrube und Tritt in die Eier zugleich. Tim nimmt es mit verwirrter Fassung auf und hakt diese verfahrene Situation mit einem „Mach doch was du willst!“ ab.

Auf den Schock muss er sich aber trotzdem erstmal betrinken und stürzt sich ins Nachtleben. Die Verwirrung lässt jedoch nicht nach. Betrunken umherwandernd versucht er, bei einer Zigarette seine Gedanken zu ordnen: Genügt er ihr nicht? Liebt sie ihn nicht mehr?


Die wahre Antwort erfahren wir Zuschauer erst am Schluss: Mia will Aufmerksamkeit. Sie will, dass man über sie redet – und wenn es ein „Schlampe!“ ist, heißt es doch nur, dass sie erfolgreich war, dass sie gut war.


Generation Porno: We are the dirty wasted youth! - Westfälisches Landestheater Castrop-Rauxel. Foto: Sara Hoffmann.


Genau das wird auch direkt zu Beginn der Inszenierung thematisiert. Aus dem Off hören wir Aufnahmen, in denen Jugendliche ihre Ansichten zum Fremdgehen und offenen Beziehungen kundtun. Wer ist wann warum eine Schlampe? Wenn ich Fremdgehen vorher ankündige, ist es ja kein Hintergehen des Partners mehr. Es wird herausgestellt, dass die Jugend von heute weitaus lockerer mit Sexualität umgeht, aber kann man das überhaupt so verallgemeinert sagen? Anhand der sehr unterschiedlichen Reaktionen aus dem Publikum lässt sich jedenfalls schließen, dass sexuelle Erfahrungen bei Jugendlichen weit auseinander gehen.

Das Stück arbeitet rein in Collagenform und viel mit Requisiten und Technik. So geben uns zum Beispiel leicht bekleidete Mädchen, aus Schränken tanzend, Flirt-Tipps, die direkt anhand von vier Männlein und Weiblein veranschaulicht werden: ’Ne nette Begrüßung, ein Drink (sofern am Weibchen noch nicht vorhanden) und dann vielleicht ein „You, Me, Fuck, Fuck?“ – sieht jedenfalls ausprobierungswürdig aus!

Manche der Szenen erzählen in Fragmenten von Mias drei Freundinnen. Diese zelebrieren einen unbeschwerten Umgang mit Sex und halten Fans von Monogamie auf Abstand, durch Notlügen wird ein beziehungsinteressierter Verehrer allerdings doch noch warm gehalten. Wie Mia selbst haben sie mit diesem Lebensstil aber auch ihre großen und kleinen Probleme: Die eine ist HIV-positiv, die andere doch eine Lesbe und die letzte heimlich in Tim verliebt.

Eine andere Collage zeigt uns einen Familienvater, der seiner Familie überdrüssig ist. Deswegen geht er zu einer Miet-Matratze (was übrigens ein anderes Wort für Nutte ist) und belügt natürlich auch seine Frau. Offenheit? Ne, lass ma’!

Zwischen den rollenden Schränken, von denen einer auch mal als Badewanne dient, sorgt eine Kamera für Schmuddel-Atmosphäre. Hin und wieder wird die Kamera aufgestellt, um uns Nahaufnahmen oder „Hinterstübchen“-Einblicke in Großprojektion vorzuführen.

Einmal dürfen wir so Mia beim Haare Kämmen beobachten, während wir den Satz vernehmen: „Wenn ich etwas will und es bekomme, habe ich es gut gemacht.“

Dafür, dass es ein Thema ist, das vor allem auf der Bühne schwer zu behandeln ist, hat man es souverän umgesetzt. Auch die Arbeit mit der Technik und den Requisiten, welche die Darsteller selbst bei ihren Auftritten übernahmen, ging glatt über die Bühne.

Im Endeffekt muss aber jeder für sich selbst entscheiden, ob er den Inhalt und/oder dessen Umsetzungsart mag. Wie schon geschrieben, reagierte das Publikum sehr verschieden – aber es reagierte!

von Carsten

Anstatt Schule und Stadt als Bühne – Ein Protokoll zu einem Experiment

Sonntag, 1. Juli 2012

 

Am Anfang treffen sich alle jungen Schauspieler des Ruhrgebietes in der Casa. Das ist vielleicht ein Gewusel. Überall stehen und sitzen junge Menschen, die eines gemeinsam haben: Sie spielen dieses Wochenende alle Theater. Ihre, meist eigenen Produktionen, werden in Essen auf die Bühne gebracht.

Doch was kann man eigentlich erst einmal machen, damit sich die jungen Erwachsenen aus dem ganzen Ruhrgebiet kennenlernen?

Stadt als Bühne - Aktion 8. Foto: Sara Hoffmann.Stadt als Bühne - Aktion 6. Foto: Sara Hoffmann.Stadt als Bühne - Aktion 5. Foto: Sara Hoffmann.

Während des Unruhr Festivals wird ein Experiment durchgeführt: „Anstatt Schule“. Denn die Jugendlichen sind schließlich nicht in der Schule, sondern verbringen vier Tage lang im Theater.

Als erstes stellt man sich in Kleingruppen vor, redet über Arbeitsweisen und die Arten, in denen Projekte entstanden sind, über die Planung und die Inszenierung. Manch eine Gruppe übt drei Monate für ihr Stück, eine andere setzt sich sieben Monate lang mit ihrem Stück auseinander.

Es entsteht ein reger Austausch zwischen den Schauspielern zu Fragen wie: Wer schreibt die Texte, was soll das Stück bewirken, wie liefen die Proben ab und was macht man, wenn Leute krank werden.

 

Stadt als Bühne - Aktion 4. Foto: Sara Hoffmann.Stadt als Bühne - Aktion 3. Foto: Sara Hoffmann.Stadt als Bühne - Aktion 2. Foto: Sara Hoffmann.

 

Außerdem sollen sich die jungen Schauspieler eine Performance oder eine Interaktion mit Passanten ausdenken, die zeigt, wie man Arbeitsweisen aus den Proben auf den Schulunterricht adaptieren kann, um ein besseres Lernklima zu erschaffen.

Nach dem Zusammentragen der verschiedenen Ideen wird noch angeregt über das Schulssystem diskutiert. Noten und Leistung seien heutzutage sehr wichtig, so würde viel Druck auf die Schüler erzeugt. Dieser sei eher unproduktiv und würde sich negativ auf einen auswirken.

 

Am darauffolgenden Tag ist es Aufgabe, die am Tag zuvor entstandenen Ideen in einer Performance in der Essener Innenstadt zu präsentieren.

Interviews zu den Ideen für Stadt als Bühne

 

Man läuft in Zweierreihen durch die Fußgängerzone und singt zu „Aus den Blauen Bergen kommen wir, unser Lehrer ist genauso dumm wie wir….“ seine selbst weitergetexteten Strophen. So entstehen lauthals vorgesungene Strophen wie „mit dem Pickel auf dem Zinken, sieht er aus wie`n roher Schinken“ oder „mit List und Tücke schreiben die ne vier, wir Schüler sind ja klüger mit dem Spickertrickbetrüger“.

 

Stadt als Bühne - Aktion 1. Foto: Sara Hoffmann.Stadt als Bühne - Aktion 9. Foto: Sara Hoffmann.Stadt als Bühne - Aktion 7. Foto: Sara Hoffmann.

 

Von einem Präsentationsort geht es zum Nächsten. Mit bunter Kreide wird der Boden des Willy Brandt Platzes mit Assoziationen zu Schule und Theater bemalt, es werden Menschenpyramiden gebaut, die Liedtexte währenddessen vorgetragen und Schulszenen nachgespielt.

In diesen zwei Tagen ist eindeutig klar geworden, dass man das schulische Arbeiten der Lehrer nicht auf die Erarbeitung einer Theaterproduktion anwenden kann.

 

Erst wenn der Lehrer von seiner steifen, verschulten Methode absieht und beginnt, mit den Jugendlichen auf einer Ebene zu arbeiten, kann ein Lern- und Übungsprozess beginnen.

Ein Geben und Nehmen von Ideen und Methoden seitens des Lehrers und des Jugendlichen ist wichtig.

Erst, wenn eine Harmonie zwischen beiden entsteht, wenn man sich auf Augenhöhe begegnet, ist es möglich, produktiv und effizient zu arbeiten.

 

Shannon hat die AkteurInnen im Anschluss nach ihren Eindrücken und Erfahrungen befragt:

Wie war´s?

Camilla L.

Ein klassisches Drama – Oder… ?

Samstag, 30. Juni 2012

Ein klassisches Drama -

Oder doch eher postmodern postdramatisch?

"Ein klassisches Drama". Schauspiel Essen. Foto: Sara Hoffmann.

Sie kommen auf die Bühne: zwölf junge Menschen mit zu großen, dunklen Anzügen. Alle stellen sich in einer Reihe auf, starren das Publikum durch verspiegelte Fliegerbrillen an, zupfen an ihren Anzugshosen, lassen Hosenträger „fatzen“, räuspern sich, machen Mundbewegungen und stehen einfach nur da.

Dann beginnt der Chor zum Publikum zu sprechen.

Es wird erzählt, wie dieses hier in die Casa hergekommen ist, was es vor diesem Theaterbesuch gemacht haben könnte und wie es sich auf den Stuhl gesetzt hat.

 

Plötzlich wird die Szene unterbrochen. Man hat Hunger auf Lasagne, lädt das Publikum ein, mit ins Vapiano zu gehen und verlässt noch lautstark diskutierend, wo nun das Essen am Besten sei, die Bühne.

Nur eine Person bleibt auf der Bühne zurück. Das sei doch eh alles nur Theater, und eigentlich würden die Akteure nun auch nicht im Vapiano essen, sondern nur so tun “als ob”. Und da das „klassische Drama“ ein theaterpädagogisches Projekt ist, bekommt nun auch „Niemand“ (Elif T.) die Möglichkeit „irgendwas zu labern“.

 

Wie nachher ein Akteur verkündet, sei das im Moment vorgeführte Theaterstück postdramatisches Theater. Auf die Frage des Chores hin, was das denn sei, kann er leider nicht wirklich eine Antwort geben. Doch seine Freundin, für die er sich seit anderthalb Jahren jeden Dienstag frei nimmt (seither ist er schon einmal sitzengeblieben), erklärt es dem Publikum.

 

Und das “klassische Drama” ist eindeutig postdramatisches Theater, da Szenen nicht immer zusammenpassen. Nicht das Gesprochene, sondern die Aktion steht im Vordergrund.

So wird der Zuschauer von einer Beziehungskrise zu einer „buntebälleburger“ traurigen Trennung geschickt. Das Publikum ist still als der traurig scheinende Akteur erzählt, wie sich ein Mädchen von ihm trennte.

 

Als eine Akteurin aufsteht, um ihm mittleidig auf die Schulter zu klopfen, schreit er nur, dass das doch alles nur Theater sei. Dass er doch nur spiele.

 

Das Publikum ist das Stück über in Gefangenschaft der anzugtragenden Akteure. Das Theater sei umstellt und deshalb werden alle mit Bananenpistolen bewacht.

 

Auch wenn ein Akteur versucht, allen klarzumachen, dass er eine Banane in den Händen hat, echot der Chor mit voller Lautstärke „das ist ein Gewehr“ zurück.

 

Man fordert den Forderungskatalog vom Publikum und fordert die Abschaffung von G8. Man werde so lange schweigen, bis dies geschehe. Man liest „Theater heute“ beim Scheißen, schweigt das Publikum offensiv an und springt als Hirsch über die Bühne.

 

Die Szenen jagen einander. Eine skurriler, unerwarteter und einfachpostdramatischer als die andere.

 

 

Am Ende wird noch bei leuchtendem Tannenbaum ein Weihnachtslied gesungen und die Zuschauer bekommen beim Verlassen der Casa Bananen. Oder Pistolen. Oder beides. Ist ja das selbe. Oder?

Keine Sorge, entspannt euch.

Ist doch alles nur Theater.

Da macht man so was eben.

Camilla L.

Ein avantgardistischer Stromausfall

Freitag, 29. Juni 2012

Shannon munkelt verdunkelt

Ich freue mich. Ja, ich freue mich ungemein! „Ein klassisches Drama“ habe ich als hausinterner „Young Expert“ natürlich schon öfters gesehen (ob nun bei Generalproben oder Vorstellungen), aber da dort nur Freunde, nein schon eher Familie, auf der Bühne steht, bin ich mindestens so aufgekratzt wie die Akteure selbst.

Noch beleuchtete Anzugträger. Foto: Sara Hoffmann.

Die Jacke öffnen, mit Knöpfen spielen, durchatmen, cool mit der Sonnenbrille wackeln – Das könnte ich mir stundenlang ansehen! „Tja, dann könn’ wa ja jetzt essen gehen!“ folgert Troll (Jan G.) aus der Situation.

Der Einlass ist wunderbar wie eh und je. Die Schauspieler begleiten das Publikum persönlich zu ihren Plätzen, reden höflich mit den Gästen des Hauses und quatschen vertraut mit uns, den „Mitleidenden“. Bei all der Aufregung des Festivals habe ich es komplett verpeilt irgendwem auch nur irgndwie alles Gute für die Vorstellung zu wünschen, verdammt!, aber jetzt ergreife ich die Chance dem Ensemble „Ungehorsam“ schnell noch Toi! Toi! Toi! zu sagen.

Wie bei jeder Aufführung von „Ein klassisches Drama“ befremdet mich der Anblick von elitären Anzugträgern, die dem Publikum chorisch und strikt entgegenpfeffern, dass es jetzt wohl eine Theateraufführung erwartet, sonst wäre es ja nicht hier.
Wir, das Publikum, sind ertappt. 

Wir werden aufgefordert doch mit rüber ins Vapiano zu kommen, ein bisschen Lasagne schadet nicht, und tatsächlich scheint das Publikum kurz zu überlegen, ob es aufstehen soll, um dem Trupp zu folgen, der wirr plappernd die Bühne verlässt. Von meinem Platz im Seitenflügel aus sehe ich eine Frau in der ersten Reihe, die sich schon die Tasche über die Schulter schmeißt, und ich bin ernsthaft erleichtert, als sie endlich zu merken scheint, dass da doch noch jemand auf der Bühne zurück geblieben ist, „der Stellung hält“.

Hirsch (Elif T.) steht heute Abend viel länger einfach nur da, atmet ein und aus, und noch einmal ein und wieder aus, räuspert sich, zieht die Hosenträger lang, und sorgt so nur mit ihrer Mimik und Gestik für einige Lacher. Gefällt mir bis hier her, was die so an Kleinigkeiten geändert haben.
Ihren Monolog kann ich im Kopf schon mitquatschen, was bei mir keines Wegs für Langeweile sorgt! Aber als das Licht PAM! einfach so aus geht, krieg ich schon einen kleinen Schock. Immerhin weiß ich, wie es aussieht, wenn auf der Bühne das Licht ausgehen soll. Und ich weiß auch, dass die Technik hinten in solchen Bühnensituationen garantiert nicht im Finstren sitzen sollte. Aber genau das tut sie. Und das ist nicht gut.
„… und wisster eigentlich wie krass das für mich ist? Ich mein, ich steh hier alleine auf der Bühne… das Licht ist aus… und…“ macht Hirsch nach einer kaum merkbaren Pause souverän weiter. Erst als Frank Röpke, Theaterpädagoge, sie von hinten unterbricht, hört sie auf, allen in dieser Situation den Arsch zu retten. Und ganz leise hör ich bis zu mir wie sie ausatmet und „Ich hab Angst…“ flüstert. O Elif, ich will dich drücken!

Hirsch zieht im Dunklen die Hosenträger lang. Foto: Sara Hoffmann.

„Wir haben fast im ganzen Gebäude einen kompletten Stromausfall.“ erläutert Frank. Wir warten, wir warten, ja wir warten, aber warten bringt uns den Strom leider nicht zurück und Herr Tombeil, unser Intendant, höchst persönlich entschuldigt sich für das Missgeschick, bittet das Publikum, trotz Dunkelheit ruhig zurück ins Foyer zu gehen.

Klar ist, dass ich als aller erstes auf die Bühne latschen muss (Hemmungen? Nö!) um Elif einmal fest zu umarmen, aber vor allem um ihr meinen Respekt auszudrücken. Super Reaktion, ja, genau, so was lernt man hier im Theater Labor!

Carstens Licht-Blicke

Und wusch – alle stehen im Foyer. ALLE! Bei diesem schwülen Klima. Deswegen gibt’s erstmal Freigetränke für alle und dann, als alle erfrischt genug waren, sammelt Herr Tombeil Ute Schäfer (Landesministerin für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport) und Oberbürgermeister Reinhard Paß um sich. Nochmal geht es um den Stromausfall (der tatsächlich im ganzen Gebäude gewütet hatte – Lasagne im Vapiano wäre also auch unklug gewesen) und dann übernimmt Frau Schäfer das Wort. Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass im Foyer ganze zwei Birnen brannten und deswegen zwei Taschenlampen den hohen Besuch erleuchteten? Nun, so war es und genau in dem Moment, in dem die Kulturministerin „Unruhr 2012“ offiziell eröffnen wollte, übergibt mir Frank eine der Maclights. Sein Arm war schwer geworden. Ich hingegen bin lässig-klug genug, die Kampftaschenlampe auf meiner Schulter abzulegen und so ganz gediegen die örtliche Politik anzustrahlen.

Anders beleuchtete andere Anzugträger im Spotlicht. Foto: Sara Hoffmann.

Und so stehe ich da. Angelehnt an eine Wand, eine Taschenlampe an meine Schulter gelehnt und die Worte der Ministerin an die aktuelle Situation angelehnt: „Wahrlich ein klassisches Drama“ trifft’s genau!

Nachdem sie die Gruppen, die am Festival teilnehmen, vorgestellt hat (und dabei das KJT vergaß), wandert mein Lichtkegelzepter weiter auf OB Paß und der versichert uns mit einem Zwinkern, dass die Stadt alle Stromrechnungen bezahlt hat.

Abschließend verweist Herr Tombeil auf den genesenen Frank, der verkündet, dass das klassische Drama heute definitiv nicht mehr aufgeführt werden kann. Aber vielleicht findet man im Laufe der Tage noch eine Lücke oder verschiebt das Stück auf ein anderes Wochenende. Irgendwie bekommen wir aber noch den Rest von Hirsch zu sehen und glaubt mir – das waren noch längst nicht alle Moves vom Hirsch!

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Wie wir grade erfahren haben, könnt ihr schon heute (Freitag) in den Genuss eines unter Strom stehenden klassischen Dramas kommen! Die Vorstellung findet um 20:30 Uhr statt!

Allen weitersagen!

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