Artikel-Schlagworte: „Theater“

Tito goes Hollywood

Samstag, 28. Februar 2015

„Dies ist die Geschichte eines Landes, das nicht mehr existiert. Außer in Filmen.“

Mit diesem einleitenden Statement, konnte man heute, am späten Nachmittag, im Theater im Pfalzbau, Ludwigshafen an einer nostalgischen Reise zurück in die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg teilnehmen. Ort des Geschehens: das ehemalige Jugoslawien unter der Regierung Josip Broz Titos.

Mit dem Dokumentarfilm „Cinema Komunisto“ ist die Serbinale zum ersten Mal auch außerhalb Berlins vertreten. Seit 2013 bietet das kulturelle Festival in Berlin nun schon Raum, um neue serbische Kunst dem deutschen Publikum zu präsentieren und ihm somit die serbische Kultur auf eine neue Weise nahezubringen.

Der mehrfach ausgezeichnete Film „Cinema Komunisto“ bildet die gesamte Regierungszeit Titos nach dem zweiten Weltkrieg ab, mit Blick auf die Rolle des Films im bewegten Jugoslawien. Es ist ein Film über die Leidenschaft eines Mannes zum Film – ein Mann, der ein Land regierte, das sich in einer eifrigen, revolutionären Entwicklung befand. Geprägt von dieser persönlichen Passion seines Staatschefs, war es ein Land mit großen Plänen für die Zukunft des Films in einer Zeit, in der es selbst noch eine ungewisse Zukunft vor sich hatte.

So ist diese Dokumentation patriotisch und mitreißend melancholisch zugleich. Sie lässt eine längst vergangene Zeit wieder aufleben, eine Zeit des Kommunismus, der Revolution, der Begeisterung.

Protagonist des Films ist ohne Zweifel der von seinem Land gefeierte Tito, den die meisten von uns wohl mit seiner Auflehnung gegen Stalin verbinden, die als „Titoismus“ in die Geschichte eingegangen ist. Vielleicht kann man also sagen, dass er auch, was den Film angeht, eine kleine Revolution geführt hat, indem er eine große Begeisterung für Filme aus Hollywood, besonders Western, pflegte. Auf der anderen Seite lag Tito jedoch auch viel an der Produktion von Filmen über Krieg und die Partisanen. So hat er schließlich den Film auch als Propagandainstrument für dich entdeckt.

Insgesamt war es zwar eine etwas einseitige Darstellung der politischen Situation und Einstellung zur damaligen Zeit in diesem vielseitigen Land. Doch es war auf jeden Fall eine beeindruckende, informative und überraschende Präsentation, die diesen ehemaligen Regierungschef von einer eher unbekannten Seite beleuchtet hat, einer Seite, mit der man gerne sympathisiert. Ein bewegender Film über die Geschichte des Films in einem bewegten Land!

Wir können uns also sicher auf die weiteren Darbietungen aus der Reihe der Serbinale freuen!

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OFFENE WELT steckt in den Startlöchern

Donnerstag, 19. Februar 2015

In nur einer Woche startet nun endlich das internationale Theaterfestival „OFFENE WELT“ in Ludwigshafen am Rhein. Nach monatelanger Planung und Vorbereitung sind alle Beteiligten schon total gespannt und alle freuen sich darauf, dass das Festival nun endlich näher rückt.

„OFFENE WELT- Internationales Festival Ludwigshafen“ ist ein Festival, dass die Welt vereint; Produktionen aus Thailand, Serbien, Kroatien treffen auf die renommierten deutschsprachigen Theater (das Wiener Burgtheater und die Münchner Kammerspiele sind zu Gast) und bei Global Pop Partys, Konzerten und spannenden Podiumsdiskussionen bietet sich ein wunderbarer Austausch zwischen den unterschiedlichsten Kulturen an.

Neben den Highlights des Wiener Burgtheaters und der Münchner Kammerspiele bildet das Konzert des international gefeierten Sängers Sami Yusuf einen weiteren Höhepunkt des Festivals. Fortlaufend während des Festivals haben wir die „Serbinale“ bei uns zu Gast in Ludwigshafen, die mit einer Ausstellung, Filmen und Konzerten die Kunst und Kultur Serbiens nach Deutschland bringt.

Dieser Blog wird das Festival dokumentarisch begleiten – dabei ist es uns wichtig möglichst viel von der Festivalatmosphäre festzuhalten und sie hier widerzugeben. Neben Rezensionen zu den eingeladen Produktionen werden also auch Zuschauerreaktionen eingefangen und sämtliche Festivaleindrücke gesammelt und hier gezeigt.

Wer mag, darf gerne einmal auf der Festivalwebsite vorbeischauen und sich über die kommenden Produktionen informieren: offenewelt.ludwigshafen.de

Wir freuen uns auf ein spannendes Festival und eine tolle Zeit im Redaktionsbüro!

Marcel Lí Antunez Roca- ein Studiobesuch

Donnerstag, 2. August 2012

Marcel Lí, sicherlich einer der spannendsten und berühmtesten Künstler Spaniens im Bereich des Theaters, lud mich in sein Studio ein. Als Gründer der experimentellen Theater-Gruppe „La Fura dels Baus“ hat er seit den 1980ern Theater im multimedialen Kontext neu definiert. Ich habe die Freude, einen kleinen Ausschnitt unseres Gespräches mit euch zu teilen. Viel Spass!

Marcel Lí Antunez- ein Studiobesuch

Interview mit Kulturministerin Ute Schäfer

Freitag, 29. Juni 2012

Kurze Zwischenmeldung: Es heißt warten – und zwar auf die Freigabe des Interviews mit Kulturministerin Ute Schäfer, die sich gestern spontan Zeit für ein paar Fragen der Kritikerrunde genommen hat! Vielen Dank dafür an die Ministerin, wir sind gespannt darauf und melden uns wieder.

von Camilla L.

Wer hat Vera Petrova getötet?

Samstag, 16. Juni 2012

Wenn das so einfach zu beantworten wäre, hätten wir nicht drei verwirrend- belustigende Stunden im Theater an der Wien verbracht. Three Kingdoms ist nicht nur das fiktive Hirngespinst eines weltfremden Bühnenautors, hinter diesem Skript stehen fünf Jahre Recherche- und Vorbereitungsarbeit über die Thematik, die zwischen philosophisch-psychologischem Versteckspiel und überzeichneten Szenen aus dem Alltag im internationalen Menschenhandel schwankt.

Eine Parabel über den Teufel in jedem von uns, ein Spiegel für das ach-so-vereinte Europa will die Produktion sein, die der dreisprachige Ensemblemix – es sind eine estnische, eine deutsche und eine englische Theatergruppe, die in zweieinhalb Monaten gemeinsam dieses Stück erprobt haben, und man kann sagen: Es gelingt. Wenn auch mit leichten Mängeln.

Die „Story“ der zwei Scotland-Yard-Ermittler, die auf der Suche nach der Wahrheit von den Verhörenden zu den Verhörten, zu den Opfern eines Spiels, dessen Dimensionen sie unterschätzt und dessen Regeln sie nicht verstanden haben, werden, ist guter „Grundstoff“.

Darauf wird teils hervorragend und kunstfertig, teils nachlässig und schlampig aufgebaut. Vielleicht verstehe ich wieder einmal „die große Kunst“ nicht richtig, doch über Gags, die mitten in Passagen über brutale Morde und Zuhälterwesen eingebaut sind, kann ich nicht gut lachen. Die Handlung scheint permanent in Hotelzimmern stattzufinden, was aber durch den nicht vorhandenen Bühnenumbau kaum ersichtlich ist, außerdem geht auf der Reise plötzlich einer der Ermittler verloren und kommt erst zum Verbeugen wieder. Die meisten Wendungen in der Handlung als auch die Charakterentwicklung der Hauptdarsteller waren für mich in keinster Weise nachvollziehbar, wir Kritikerinnen mussten nach dem Schlussapplaus erst einmal noch gemeinsam versuchen, das Gesehene zu rekonstruieren, um einen roten Faden zu finden. Da finden sich derbe Späße neben philosophischen Abhandlungen neben Kampfszenen, ein weißbeanzugter Mann, der dem Unbewussten entsprungen zu sein scheint singt sich mit Playback durch die Vorstellung, während Menschenhändler mit Wolfs- und importierte Prostituierte hinter Rehmasken (eine der wenigen Metaphern übrigens, die ich verstanden habe) über die Bühne hirschen.

Abgesehen von all der Verwirrung gibt es aber ein paar echt gute Momente; Witze, die perfekt an ihren Platz passen, Charaktere, die „normal“ wirken und deren Gedankengängen man folgen kann. Ausdrücklich loben möchte ich an dieser Stelle die musikalische Gestaltung, wie bei einer Soap gibt es bestimmte „Motive“, diese hier sind wohl unter Electro einzuordnen. Ich liebe die dröhnenden Bässe die, stets perfekt zur Situation passend, emotional beim Zuschauer „andocken“ und auf das Kommende vorbereiten.

Doch spätestens ab dem nachgestellten Pornodreh (inklusive Rasierschaumspritzerei, Riesenumschnalldildos und Exkrementen, die an Wände geschmiert werden) wird es ungesund skurril, bis sich die verwirrende Groteske in der Schlussszene gipfelt, als der Traumentsprungene im weißen Anzug der zwischenzeitlich als Transvestit im rosa Tutu aufgetreten ist, mit dem nun verhafteten Ermittler einen Origami-Schwan basteln will und ich nur noch Bahnhof verstehe.

Diana Peutl

Conte d´Amour – Kellerfamilie und finnischer Love Metal

Montag, 11. Juni 2012

Das skandinavische Theaterstück Conte d´Amour, Sieger des „Impulse“ Festivals 2011, lässt den Zuschauer drei Stunden lang in die Abgründe der Menschheit schauen, um ihn mit der Frage zu entlassen: War es nicht eigentlich Liebe?

Ein weißer Zaun, ein grüner Rasen, dahinter ein Haus. Zwei Stockwerke, ein „normaler Raum“, darunter der mit weißen Planen verhangene Keller. Nur Lichter und Silhouetten zeigen dass sich das Geschehen wirklich dort abspielt, das mit dem Beamer an die Wand darüber projiziert wird. Die nötige Distanz? Nach ungefähr 20 Minuten verlassen die ersten Leute das kleine Theater der Garage X. Nach einer Stunde ist fast die Hälfte der Zuschauer gegangen, der Rest weiß, es wird keine Hoffnungsblicke geben in diesem Stück, keine Atempause. Gnadenlos wird das Schicksal vierer Personen dargestellt, doch sind sie Männer, oder eine Familie? Nichts konkretes, ein gezielter Schockeffekt. Es könnte jeder sein. Da ist „Vati“, er ist die Verbindung zur Außenwelt, führt wahrscheinlich irgendwo da draußen ein normales Leben, wo er Chips einkauft bei Lidl, oder McDonalds Menüs. Das Kind, helles, schrilles Gelächter, ein junger Mann in engen Strumpfhosen. Noch eine Mutter, sie säugt das Kind. Eine ältere Schwester vielleicht, auf der Couch. Vier Männer, die ihre Machtpositionen andauernd wechseln, niemand kann sich selber wirklich entfliehen. Der Keller bietet keine wirkliche Barriere, sie sind nicht wirklich körperlich eingesperrt, es gibt eine Leiter, doch diese Menschen, diese speziellen Menschen sind Gefangene von sich selbst. Es wird zunehmend schwerer alles mit anzusehen, angedeutete Vergewaltigungen, Tränen, ein Kellerraum, der immer kleiner zu werden scheint. Fast schon klaustrophobisch wird man da. Nach der ersten Hälfte lachen ein paar Menschen im Publikum, vielleicht können sie es nicht anders verkraften, das Stück ist eindeutig nicht lustig. Die Musik lässt die Spannung ansteigen, bringt sie auf Höhepunkte, der Gewalt, des Wahnsinns und lässt sie wieder fallen, anders wäre es vielleicht einfach nicht auszuhalten. Trotzdem kommt es einem vor wie Tage, nicht wie drei Stunden, einfach dadurch das man alles sieht, mehr typisch für Live TV als für ein normalerweise in Szenen unterteiltes Theaterstück.

Andauernd versuche ich den Figuren bestimmte Rollen zuzuordnen, versuche etwas Sinn ins Stück zu bringen. Dieser wird einem als Zuschauer nur langsam gefüttert, immer wieder kleine Informationen, dabei wird aber über alles hergezogen, über Religion, über Gesetze, über Familienbilder und Klischees. Alles im Kontext zur Kellersituation. Mit jedem Wort wird die Psyche dieser Menschen etwas aufgedeckt. Inwiefern ist ein Monster ein Monster? Ist es nur ein Monster weil wir es nicht verstehen können, weil es fremd ist, weil es uns Angst macht? Inwiefern ist ein Opfer ein Opfer? Wie unschuldig kann man eigentlich sein, wird man nicht immer ein Teil von dem was über einen dominiert? Inspiriert wurde das Stück ja vom Inzestfall Fritzl.

Conte d´Amour. Photo: Markus Öhrn

Love will tear us apart once again. Es geht um Liebe. Das wird einem im Laufe des Stückes klar. Ist der Versuch Familienrollen anzunehmen, nur ein Weg eine Liebe zu imitieren, die grundsätzlich, angeboren ist? Lieder wie Hello is it me you´re looking for, True Colors und Love will tear us apart, werden zum Besten gegeben, grotesk wirkt ihre Schönheit in Mitten all der Gewalt. „Wie darf man lieben?“ fragen die Darsteller, doch für sie ist es klar. Sie lieben wie sie wollen, sie lieben frei, für sich richtig. Für die Gesellschaft keinesfalls. Tabus. Doch ist Liebe, egal in welcher Form, nicht immer schön? Vielleicht gibt es keine Antwort, das Stück gibt einem keine, es lässt es dem Publikum offen darüber nachzudenken.

Die Darsteller filmen sich gegenseitig, stilistisch wurde die Videokamera als „Film“ im Film, oder eben Theater, besonders in den letzten Jahren eher für negative, erschreckende Bilder verwendet. Die Videokamera hat den Vorteil, dass genau das gezeigt werden kann, was gezeigt werden soll, auf eine rucklige, unprofessionelle Art, die einen näher bringt, als ein ruhiger Videoschnitt. Besonders die Anwendung im Theater finde ich sehr interessant, es distanziert einen zwar von den Schauspielern, doch zeigt es einem Sachen, die man sonst vielleicht nicht gesehen hätte.

Gezielt werden in Conte d´Amour unter anderem Porzellanpuppen in Nahaufnahme gezeigt, nervlich kann einen der Anblick eines Porzellanbärs an den Rand eines Zusammenbruchs bringen, wenn die Nerven durch das bisher Gesehene sowieso schon strapaziert sind.

Das Stück endet plötzlich, doch darüber ist niemand enttäuscht, keiner will mehr sehen. Vielleicht wird das Ende etwas unreal, es lässt einen aus der bisherigen kalten Realität aussteigen, als die Darsteller den Keller verlassen und ein Cover von Wicked Game mitsamt E-Gitarre hinlegen. Die persönliche finnische Note. Die wenigen, die noch im Theater geblieben sind, brechen in Beifall aus. Ich verlasse das Theater begeistert, verstört, mit viel Material zum Nachdenken und einem Ohrwurm von Wicked Game.

Melanie Balaz

Böse Buben – Männer allein im Keller

Donnerstag, 7. Juni 2012

In einem Interview mit der NYT sagt Regisseur Ulrich Seidl, dass er nicht weiß, ob es gut ist, wenn das Publikum keine „Buhs“ für sein Werk hat. Bei der Reaktion zur gestrigen Uraufführung von „Böse Buben“ muss er sich darüber jedenfalls keine Gedanken machen.

Zuschauermeinungen zu "Böse Buben"

Wenn Ulrich Seidl draufsteht, weiß man ja schon, dass man sich auf was gefasst machen kann. Auf was Obszönes, was Unangenehmes, was Verstörendes. Hier wird nichts beschönigt, sondern radikal „entschönigt“. Wer Hundstage schon kannte, dem kommt der Stil hier schon bekannt vor: Die Männer mit aufgeknöpften Hemden und Goldketterln, die überdeutlich gezeichneten Charaktere, denen die Hose bis zum Bauchnabel gezogen wird.

Mannsbilder

Sieben sind es an der Zahl, die hier auf der Bühne eingetrudelt sind. Die Betonoptik im oberen Drittel und die freiliegenden Rohre (Bühne: Duri Bischoff) machen unmissverständlich klar, dass wir uns hier nicht im Theater Akzent, sondern in einem, wenn nicht DEM von Männern fetischisierten Keller befinden.

Männer, die ihr krankes, ordinäres Innen nach außen stülpen, wir haben sie hier in allen Formen und Stimmlagen vorrätig, wie sie den Keller in seinen verschiedensten Geheim-Funktionen nutzen, als Sportkeller, zum Saufen, um dort Pornoheftchen zu betrachten oder für den vertraulichen Viagra-Beschaffungs-Talk.

Lassen Sie mich vorstellen:

Einarm-Johnny, der per Trillerpfeife seine „Mitstreiter“ bei Leibesübungen in der kollektiven Trainingsuniform dirigiert und seinen verkümmerten linken Arm in seinem mehrphasigen „Aufriss-Plan“ als „seine Geheimwaffe“ fix eingeplant hat;

ein Ausländer, der seit 30 Jahren in Österreich ist, weil er den Landsmännern hier netterweise den Service anbietet, ihre unverschleierten Frauen mit seinem unbeschnittenen Schwanz zu befriedigen, sogar ohne vorherige Vereinbarung, doch wer sicher gehen will, soll ihn anrufen;

ein Bäcker, der seinen Sohn das letzte Mal vor sieben Jahren gesehen hat und nach einem routinierten Rendezvousdurchlauf mit jeder Frau, die einwilligt– und das sind erstaunlich viele – seine „Bondage-Zeremonie“ vollzieht;

ein Campingplatzwart, der auf den Tretbootverleih, nicht aber seine beginnenden Erektionsprobleme stolz ist;

ein ehemaliger Boxer mit zu engen Anzug, der seine unkontrollierbare Angewohnheit, im Bett prosozialistische Slogans zu brüllen, unbewusst als Vorwand benutzt um keine Beziehungen aufbauen zu müssen;

ein seriös aussehender Anzugträger, gediegen gekleidet und mit gewählter Ausdrucksweise, der das Programm regelmäßig mit seinen Darbietungen von Volksliedern unterbricht und dem man das „…nicht, dass ich irgendjemandem wünsche, vergewaltigt zu werden“ nicht wirklich abkaufen kann…

Diese sechs bilden eine Einheit, lassen einzeln die Hosen runter und singen, das T-Shirt nach unten ziehend, dem Publikum Volksweisen entgegen, blasen beim Trompetespielen Kondome auf, üben den Bond-007-Schieß-Move mit ihren eingebildeten Pistolen so lange, bis man aufstehen und schreien oder, wenigstens, weinen möchte.

Abseits von allem haben wir dann noch den Siebenten, er wirkt wie ein alter Professor, den die Demenz erfasst hat und der sich nun unkontrolliert in vulgären Redeschwällen über seine befremdlichen sexuellen Abenteuer ergeht und während den schockierendsten Erzählungen, welche vom Bühnenrand aus mitgeteilt werden, amüsiert einen riesigen Stoß an Pornoheften „abarbeitet“.

Gags und Bilder, die man nicht im Kopf haben wollte

Anfangs ist der „Spaß“ ja noch – verhältnismäßig – harmlos, es gibt unangenehme, „grausliche“ Geschichten, Abstoßendes, das man aber durchaus noch leicht verdauen kann, von der Bedeutungsschwere her ist der Großteil wohl wie eine der skandalöseren Aussagen aus der Barbara-Karlich-Show einzuschätzen, auch wird – dafür möchte ich an dieser Stelle dem Autor meinen tiefsten Dank aussprechen – nicht mit Pointen zur Stimmungsauflockerung gespart. Doch der letzte Herr, der an den Bühnenrand tritt, um seine Meinung kund zu tun, um „seine Geschichte“ zu erzählen, hat es in sich: Während der Rest des Ensembles wie ungezogene Schulkinder mit dem Gesicht zur Wand steht, gibt er höchst kontroversielles Gedankengut zum Thema Vergewaltigung und Missbrauch von sich, eine gefühlte Stunde lang geht es in gewählter, grausamst bildhafter Sprache so zu. Als er endlich seinen „Sprechplatz“ verlässt und das Licht ausgeht, spürt man ein kollektives Aufatmen in den Zuschauerreihen. Der Rest des anfänglichen Publikums, der bis zum Ende geblieben ist, quittiert das Gesehene mit einer gesunden Mischung aus Applaus und Ausbuhen. Ich hätte nie gedacht dass ich das einmal sage, vor allem nicht zu einem Theaterstück, aber: Das hier braucht eindeutig eine Altersbeschränkung.

Text und Foto: Diana Peutl

The Master and Margarita

Donnerstag, 7. Juni 2012

Moskau in den 1930ern, ein Schriftsteller der im Irrenhaus landet, seine Geliebte, die ihre Seele an den Teufel verkauft um ihren Geliebten wiederzusehen, und der Teufel, der erzählt was genau damals auf dem Balkon zwischen Pontius Pilatus und Jeshua Ha-Nozri vorgefallen ist. Der Roman von Michail Bulgakow war nach der Ersterscheinung ausverkauft, die damals zensierten Passagen wurden mit der Hand vervielfältigt. Seit damals zählt er zu den Klassikern und die Handlungsorte des Romans in der Moskauer Innenstadt werden von Bulgakow-Fans besucht. Simon McBurney nahm es auf sich die Kreuzigung Christi und die Straßen Moskaus auf die Bühne zu bringen.

"The Master and Margarita". Bild: Denise Ocampo 2012.

Durch Videoaufnahmen werden einzelne Gesichtsausdrücke, Blutspritzer oder Szenen groß auf die hintere Wand der Bühne projiziert. Wenn es in Moskau einen Schauplatzwechsel gibt, sieht man die Stadt aus der Vogelperspektive. Durch diesen großartigen Effekt bekommt man ein viel besseres Gefühl von der großen kalten Stadt und den Einzelschicksalen – wie das des Ivan Nikolajevich. Oft ist für mich allerdings die Videobegleitung auf der Wand zu viel und ich hätte gerne bei Schlüsselszenen, wie der Kreuzigung, einen Moment Ruhe gehabt um diese besser zu verdauen.

Es ist beeindruckend und effektiv wie mit dem Licht gearbeitet wird. Es werden so ganze Zimmer in Sekundenschnelle geschaffen.

Die schauspielerische Leistung ist grandios. Die zierliche Margarita, gespielt von Sinead Matthews mit ihrer tiefen rauen Stimme geht neben den Männern nicht unter. Die Kostüme sind eher schlicht und unauffällig. Da meist sehr viele Leute auf der Bühne stehen, müssen die Schauspieler mit Stimme überzeugen.

Die Katze Behemoth ist eine Puppe mit roten Augen in Menschengröße, die von Puppenspielern geführt wird. Ich hätte es passender gefunden, wenn die Katze von einem Menschen in einem Kostüm gespielt worden wäre. Die im Roman so lebendige Verkörperung eines kleinen Teufels wurde für mich durch die Puppe nicht zum Leben erweckt.

Die bewegende Geschichte über Mitgefühl von Michail Bulgakow wurde von großartigen Schauspielern präsentiert. Alle Szenen waren atemberaubend – aber mit Musik und Technik manchmal zu viel. Die Reizüberflutung ließ für mich die eine oder andere wichtige Botschaft des Romans über Vergebung, Einsamkeit und die Rolle des Teufels untergehen.

Text und Bild: Denise Ocampo

Wenn Liebe langweilig wird

Montag, 4. Juni 2012

Eine rauchende Frau, ein in Badehose gekleideter Mann: Das ist das erste Bild in „Die schönen Tage von Aranjuez“, das sich den Zuschauern bietet – und bleibt es auch. Zwischen diesen beiden identischen Bildern liegen fast zwei Stunden unermüdliches Reden über das jeweilige Liebesleben.

Die Absicht, die beiden Personen und ihre Verbindung zueinander mysteriös erscheinen zu lassen, gelingt anfangs. Man merkt förmlich, wie interessiert die Zuschauer sind, herauszufinden, was diese so redseligen Menschen miteinander verbindet. Sind es Geschwister, die sich nach einem Familientreffen eine Zigarette gönnen? Oder hatten sie einmal ein Liebesverhältnis? Sind es vielleicht bloß Nachbarn, die an diesem schönen Sommertag ein paar Geschichten austauschen? Oder möglicherweise zwei alte Freunde, die versuchen, das Geheimnis der Liebe zu lüften?

All diese Fragen – und noch einige mehr – lassen die Dialoge unheimlich interessant klingen, immer wieder versetzt man sich in eine andere Situation.

Leider verändert sich während des gesamten Stücks nicht ein Mal das Bühnenbild, selbst die Darsteller machen nur wenige Schritte, meistens sitzen sie neben einem Tisch und reden. Die ersehnte Auflösung, wer die beiden nun sind, bleibt unerfüllt. Auch sonst scheint das Stück nicht mehr zu bieten als zwei Sprecher, die teilweise nur Monologe haben. Ob „Die schönen Tage von Aranjuez“ also wirklich so schön waren, wie der Titel verspricht, weiß wahrscheinlich nur Peter Handke in Person.

Auflockerung bieten zwar ein paar Scherze und Slapstick-Einlagen zwischendurch, die Geschichten sind auch nicht ganz uninteressant, ansonsten kann man aber nur sagen: Selbst wenn die letzte halbe Stunde gestrichen worden wäre, wirklich etwas verpasst, hätte man wohl nicht.

Anastasia Lopez

Die Künstler machen Überstunden – Making Of Memory 2

Sonntag, 3. Juni 2012

Nach mehr als vier Stunden ist die Vorstellung, das Gesamtkunstwerk Memory 2: Hunger zu Ende: es ist 22.30 Uhr am Abend. Trotzdem wird noch zu einem Publikumsgespräch mit den Darstellern, Wen Hui und Wu Wenguang geladen, der Semitologe Dr. Felix Wemheuer von der Universität Wien, der auch über „Maos „Großer Sprung“in die Hungersnot“ für das Programmheft schrieb.

(Die Mitwirkenden des Folk Memory Projects sind nicht nur Studenten, es finden sich auch z.B. eine Tänzerin oder eine Hotelangestellte, doch im Folgenden werde ich sie alle der Einfachheit halber als „Studenten“ bezeichnen)

  • VERGLEICH MEMORY1 UND MEMORY2 und ZENSUR
    – Bei Memory2 ist der Live-Anteil viel stärker als bei Memory1
    – bei M2 gab es aber keine Probleme mit der Zensur dieses Tabubruches
    – im Zuschauerraum saß zwar kein „gemischtes Publikum von der Straße“, aber es gab schon einen offenen Kartenverkauf, das Publikum musste nicht geschlossen sein
    – Wu Wenguang sagt, dass das größere Problem als die Zensur sei, dass die Leute sich nichts über Hungersnöte, sondern lieber Soaps im Fernsehen ansehen wollen.
    – 2010 gab es die erste „Rohfassung“ von M2, mit 32 Leuten auf der Bühne
    in der 2012er Version mit nur 17 Leuten fließt mehr von den Studenten, die Interviews geführt haben, und ihre Erfahrungen, in ihr Heimatdorf zurückzukehren, mit ein.

  • REAKTIONEN:
    – bei Älteren war damals immer noch die Angst vor den Kampagnen der Mao-Ära tief sitzend
    – „alte Leute kommen nicht daher uns sagen ungefragt etwas zur Kulturrevolution oder der Hungerkrise“, man muss auf sie zugehen und sie oft überreden, mit einem darüber zu reden
    – ehemalige Kadermitglieder waren nicht bereit, sich interviewen zu lassen
    – ein damaliger Buchhalter, der sich zuerst nicht interviewen lassen wollte, berichtete, dass auch damals Getreide vorenthalten wurde und gestand ein, dass das nicht richtig war

  • HEUTE:
    – bei den Schulbuchausgaben ( verwendet wurden welche aus dem Jahr 2004) hat sich in den letzen 8 Jahren nicht wirklich geändert
    – laut Dr. Wemheuer wird heute aber offiziell die Mitschuld der Regierung eingestanden
    – das auch aktuelle Thema der Schuldenrückzahlung auf dem Rücken der Bevölkerung wird zwar von einem Interviewten erwähnt, ist laut den Produzenten aber kein Grund für die Hungersnot, sondern eben der fatale Abzug von Kräften aus der Landwirtschaft im Rahmen des „Großen Sprung nach Vorne“, die schlechte Koordinierung der Volksküchen und die Übertreibung von Erfolgsergebnissen ( „x Hektar Land bringen y Kilo Getreide“, dabei bringt es in Wirklichkeit höchstens y/10 Kilo Getreide)
    – es wird das Thema zwar auch wissenschaftlich untersucht, ist aber schwer darüber zu veröffentlichen, die Künstler waren über das geringe Angebot von Büchern zu diesem schwerwiegenden Thema sehr enttäuscht
    -heute wird man als Bauer zwar satt, doch um Kinder in die Schule zu schicken oder das Haus zu renovieren braucht es ein Zusatzeinkommen

  • DIE SCHAUSPIELER SELBST:
    – sagen es ist nicht schlimm, 5 Stunden auf der Bühne zu stehen, weil es „real life“ ist (der Mandarinenbauer), halt bis auf den Teil mit dem Am-Boden-Robben
    – für die Studenten ist es toll/beeindruckend, auf der Bühne noch einmal darin „einzutauchen“
    – die Tänzerin wollte früher Tänzerin wie im Fernsehen werden, reich und berühmt, doch damit hat sie jetzt „nützliche Kunst“ für sich entdeckt
    – die emotionale Bindung zu den Leuten im Dorf nahm zu, sie wurden nicht nur einfach zu damals interviewt, sondern ganzheitlich kennen gelernt: „Früher waren es ihre tragischen Erinnerungen die mich bestürzten. Jetzt war es ihre Einsamkeit“

  • DIE TASCHENLAMPEN:
    – mussten in den Dörfern eingesetzt werden, wenn es dunkel wurde
    – es wurde auch im Dunkeln in Schulen geprobt auf Basketballplätzen, und dabei die Taschenlampen eingesetzt
    – es ist auch ein Gegensatz zur 1. Version von M2, bei der viel künstliches Licht verwendet wurde
    – es ist eine Neuerung auf Initiative der Studenten, dass nun jeder „sein eigenes Licht“ selber trägt

  • CHOREOGRAPHIE
    – das Robben und die Pyramide an sich haben keine Bedeutung, bei der Choreographie überhaupt hat nicht alles eine Bedeutung, wichtiger ist, was das Publikum sieht
    – für Wen Hui ist es in ihrer Kunst immer wichtig, ihren eigenen Körper einzubringen, und damit ihren eigenen Standpunkt/Blickwinkel

  • THEMA
    – Dr. Wemheuer meint, dass von der Thematik her M2 der größere Tabubruch ist, da die Hungerkrise weniger bekannt und mehr verschwiegen ist als der Terror der roten Garden
    – laut Schätzungen sind dabei ja 15-45 Millionen Leute gestorben, diese unglaublich große Spanne kommt daher, dass Tote kaum gemeldet wurden, um mehr Rationen zur Verfügung zu haben.

Diana Peutl