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Drei bedrückende Königreiche

Sonntag, 17. Juni 2012

Ekel, Belustigung, Skurrilität, Tragik und Erschütterung – bei „Three Kingdoms“ gab es gemischte Gefühle. Paradox und seltsam, kompliziert und derb. Diese Inszenierung, zu der abermals Simon Stephens die literarische Vorlage lieferte (2011 war sein Stück „Wastwater“ bei den Wiener Festwochen zu sehen), ist all das und noch vieles mehr. Erbarmungslos schildert sie das Thema Zwangsprostitution und Menschenhandel. Gut und Böse vermischen sich. Das kleinkarierte Muster so mancherlei Kriminalserien löst sich in der dynamischen, von Sebastian Nübling inszenierten Verbrecherjagd durch England, Deutschland und Estland, wie in Luft auf.


Der junge Tommy wird verhört. Eine Tasche. Ein Kopf – mit einer Säge bei lebendigem Leibe abgetrennt. Die Prostituierte Eva wurde gefoltert, ihr Kopf in den Fluss geworfen. Vom wem? Von Tommy. Dadurch wird er auf unabsichtliche Weise in ein Verbrechen verstrickt, das sich auf mehrere Länder ausdehnt. Zwei Polizisten, Detective Sergeant Ignatius Stone (Nick Tennant) und der besonders intellektuelle Kriminalinspektor Charly Lee (Ferdy Roberts) ermitteln. Der leicht cholerische aber gutherzige Detective Stone ist liiert mit einer 15 Jahre jüngeren Frau, die ihm viel Kummer und Sorge bereitet. Der erste Teil des Dramas spielt sich fast ausschließlich zwischen den zwei Londoner Polizisten ab, die sich gegenseitig ergänzen und mit ihren aberwitzigen Dialogen stark im Kontrast zu dem behandelten Thema stehen. Immer weiter dringen sie in die Gewaltszene ein, bis sie in Deutschland den Kriminalpolizisten Dresner (Steven Scharf) antreffen, der ihnen bei ihren Untersuchungen behilflich sein soll. Doch Dresner spricht nicht nur eine andere Sprache als Stone und Lee. Er hat außerdem eine völlig andere Mentalität und – mag die Beatles. Freudig gibt er einige ihrer berühmtesten Songs zum Besten, ganz zum Entsetzten der Londoner, die diese Band verabscheuen. Auch während der Verhöre gibt sich der deutsche Polizist äußerst freizügig und gewalttätig. Zwielichtig, zweigleisig – das trifft seinen Charakter wohl am ehesten.


Im zweiten Teil des Stückes dominiert eben dieser Austausch zwischen den drei Polizisten von denen einer, Detective Stone, kein Wort Deutsch spricht. Sie sind auf der Suche nach „Rebane“, einem der großen Bosse im Handel mit Prostituierten, und „The white bird“. Die Kriminalpolizisten begegnen Frauen, die als Prostituierte arbeiten und von ihren Zuhältern misshandelt und missbraucht werden. Sie sind gefangen in einem Netz aus Gewalt und Drohungen, gestrickt von Perversen, die in dem Stück einige Male mit Wolfsmaske auftreten. Die Untersuchungen gehen bis hin nach Estland. Inspektor Stone begibt sich auf immer gefährlicher werdendes Terrain, während Charley Lee im dritten Teil des Stückes, von der Bühne, ganz und gar verschwindet. Schließlich, wird Stone von einem dort ansässigen, zu der Gang gehörenden Verbrecher ermutigt auf jemanden einzuschlagen. Er fragt auf Druck der anderen Männer eine Prostituierte, ob sie mit ihm aufs Zimmer gehen wolle. Danach fällt diese bewusstlos auf den Boden. Am Ende steht wieder ein Verhör. Doch diesmal ist Stone der Angeklagte. Wer ist „Rebane“? Niemand anderer als Kriminalpolizist Dresner. Der Fall bleibt unaufgeklärt, da Stone dem Clan gar nicht mehr entkommen kann.


Three Kingdoms“ ist eine Koproduktion des Teater NO 99 Tallinn, der Münchner Kammerspiele und des Lyric Hammersmith Theatre London. In Wien wurde das Stück am Theater an der Wien aufgeführt.


Bedrückend wirkt nicht nur der Inhalt des Stückes. Auch die Eintönigkeit des Bühnenbildes (Ene-Liis Semper) spielt da eine große Rolle. Ein Raum mit Betonwänden, durch unterschiedliche Lichtinstallationen von Stephan Mariani in verschiedenen Farben gezeigt, ist einmal Verhörraum des„Scotland Yard“, dann wiederum ein dreckiges Hotelzimmer. Abstruse Pornofilme werden da gedreht. Ob man alles auf Kamera habe, fragt eine der Mitwirkenden. Die sprachliche Vielfalt des Stückes macht das Stück zwar noch komplizierter aber natürlich zugleich auch umso komplexer. Englisch, Deutsch, Estnisch und Russisch – Silben unterschiedlichster Klangform fliegen durch den Raum. Verwirrend, aber zugleich auch extrem interessant. Zum Glück gab es die jeweiligen Übersetzungen!


Doch das alles wäre nichts ohne die musikalische Inszenierung! Düstere Klänge und „La Paloma“ bilden die musikalischen Einlagen. Die „Taube“ gibt der junge, magere Risto Küber in seinem weißen Anzug. Die Performances des akrobatischen Sängers waren zwar sehr ausdrucksstark, jedoch etwas zu häufig. Am Ende hatten sie eine eher einschläfernde Wirkung. Überhaupt hätte das ganze Stück ruhig gekürzt werden können. Mindestens um eine halbe Stunde. So dynamisch und energiegeladen die Schauspieler und Schauspielerinnen auch spielten – und das taten sie in der Tat – so ermüdend wirkte dann gegen Ende aber auch die Komplexität und Undurchschaubarkeit der Handlung.


Schauspielerisch geben Nick Tennant und Ferdy Roberts ein gutes Vorbild ab. Sehr konzentriert und aktiv spielten sie ihren jeweiligen Part. Steven Scharf und Gert Raudsep verkörperten jeweils den unberechenbaren deutschen Kriminalpolizisten und gruseligen Gerichtsmediziner auf unheimlich und zugleich witzige Art. Lediglich die Performance von Çigdem Teke, die die junge Frau des Inspector Stone spielte, war eher enttäuschend. Von den Kostümen (Ene-Liis Semper) und Requisiten her verstörten vor allem Wolfsmasken (Männer), Rehköpfe (Frauen), Plastikgenitalien und der seltsame Gebrauch eines Baseballschlägers.


Nach drei Stunden ist man dann schon froh, wenn das Stück aus ist. Auf jeden Fall gibt „Three Kingdoms“ einem Bilder, die man erst einmal verdauen muss. Entspannung bietet das Stück nicht gerade. Aber das war vermutlich auch nicht der Zweck dieser Inszenierung. Ein echt harter Theaterabend.

Franziska Lamp

Wer hat Vera Petrova getötet?

Samstag, 16. Juni 2012

Wenn das so einfach zu beantworten wäre, hätten wir nicht drei verwirrend- belustigende Stunden im Theater an der Wien verbracht. Three Kingdoms ist nicht nur das fiktive Hirngespinst eines weltfremden Bühnenautors, hinter diesem Skript stehen fünf Jahre Recherche- und Vorbereitungsarbeit über die Thematik, die zwischen philosophisch-psychologischem Versteckspiel und überzeichneten Szenen aus dem Alltag im internationalen Menschenhandel schwankt.

Eine Parabel über den Teufel in jedem von uns, ein Spiegel für das ach-so-vereinte Europa will die Produktion sein, die der dreisprachige Ensemblemix – es sind eine estnische, eine deutsche und eine englische Theatergruppe, die in zweieinhalb Monaten gemeinsam dieses Stück erprobt haben, und man kann sagen: Es gelingt. Wenn auch mit leichten Mängeln.

Die „Story“ der zwei Scotland-Yard-Ermittler, die auf der Suche nach der Wahrheit von den Verhörenden zu den Verhörten, zu den Opfern eines Spiels, dessen Dimensionen sie unterschätzt und dessen Regeln sie nicht verstanden haben, werden, ist guter „Grundstoff“.

Darauf wird teils hervorragend und kunstfertig, teils nachlässig und schlampig aufgebaut. Vielleicht verstehe ich wieder einmal „die große Kunst“ nicht richtig, doch über Gags, die mitten in Passagen über brutale Morde und Zuhälterwesen eingebaut sind, kann ich nicht gut lachen. Die Handlung scheint permanent in Hotelzimmern stattzufinden, was aber durch den nicht vorhandenen Bühnenumbau kaum ersichtlich ist, außerdem geht auf der Reise plötzlich einer der Ermittler verloren und kommt erst zum Verbeugen wieder. Die meisten Wendungen in der Handlung als auch die Charakterentwicklung der Hauptdarsteller waren für mich in keinster Weise nachvollziehbar, wir Kritikerinnen mussten nach dem Schlussapplaus erst einmal noch gemeinsam versuchen, das Gesehene zu rekonstruieren, um einen roten Faden zu finden. Da finden sich derbe Späße neben philosophischen Abhandlungen neben Kampfszenen, ein weißbeanzugter Mann, der dem Unbewussten entsprungen zu sein scheint singt sich mit Playback durch die Vorstellung, während Menschenhändler mit Wolfs- und importierte Prostituierte hinter Rehmasken (eine der wenigen Metaphern übrigens, die ich verstanden habe) über die Bühne hirschen.

Abgesehen von all der Verwirrung gibt es aber ein paar echt gute Momente; Witze, die perfekt an ihren Platz passen, Charaktere, die „normal“ wirken und deren Gedankengängen man folgen kann. Ausdrücklich loben möchte ich an dieser Stelle die musikalische Gestaltung, wie bei einer Soap gibt es bestimmte „Motive“, diese hier sind wohl unter Electro einzuordnen. Ich liebe die dröhnenden Bässe die, stets perfekt zur Situation passend, emotional beim Zuschauer „andocken“ und auf das Kommende vorbereiten.

Doch spätestens ab dem nachgestellten Pornodreh (inklusive Rasierschaumspritzerei, Riesenumschnalldildos und Exkrementen, die an Wände geschmiert werden) wird es ungesund skurril, bis sich die verwirrende Groteske in der Schlussszene gipfelt, als der Traumentsprungene im weißen Anzug der zwischenzeitlich als Transvestit im rosa Tutu aufgetreten ist, mit dem nun verhafteten Ermittler einen Origami-Schwan basteln will und ich nur noch Bahnhof verstehe.

Diana Peutl