Artikel-Schlagworte: „Übertitel im Theater“

Wenn Sprache ein Schlüssel wird

Montag, 18. Juni 2012

Ist es nicht schön, sich Stücke aus den verschiedensten Ländern anschauen zu können, und nicht einen Sprachkurs dafür besuchen zu müssen? Monika Kalitzke, die Koordinatorin der Übertitel bei den Wiener Festwochen, erzählte uns in einem Interview viel Interessantes über den oft unbeachteten Bereich und aus ihrem Arbeitsalltag.

Allerhand zu tun hatte sie in den letzten Wochen und Monaten. Ganze achtzehn fremdsprachige Produktionen gab es heuer bei den Festwochen, in acht diversen Sprachen, was eine eher geringere Anzahl ist, gemessen an den vorherigen Jahren, als es Produktionen in zwölf oder sogar sechzehn verschiedenen Sprachen gab.

An der Koordination der Übertitel ist die Dramaturgie beschäftigt, die sich mit dem Textinhalt befasst, die Videotechnik wegen der Umsetzung und Projektion des Textes und natürlich die Produktionsleitung, die für die Gesamtheit des Projektes zuständig ist.

Wenig Zeitaufwand ist das Erstellen der Übertitel nicht. Ganz selten kommt es vor, dass die Übertitel schon fertig sind und nur kurz durchgelesen werden müssen, damit alles passt. Schwierig ist es allerdings bei Uraufführungen, bei denen die Übertitel komplett neu übersetzt werden müssen, da es keine Vorlagen gibt – da wird schon mal bis in die Nacht vor der Premiere hinein gearbeitet. Die Texte müssen gekürzt und formatiert werden, die Verwendung einer klaren verständlichen Sprache ist ebenfalls wichtig.

Übertitelung von Theaterstücken

Im Normalfall werden Zweizeiler verwendet, so kann der Zuseher den Text schnell und leicht erfassen. Die Position ist auch ausschlaggebend, die Texte sollten von jedem Bereich des Zuschauerraumes aus gut sichtbar sein. Von zu viel Text auf einer Folie werden die Zuschauer vom Geschehen auf der Bühne oft abgelenkt, das sollte – so gut es geht – vermieden werden.

Übertitel sind die häufigste Art des Sprachtransfers bei der Aufführung fremdsprachigen Theaters. Daneben gibt es auch Simultandolmetschen, hier braucht man Schauspieler mit der gleichen Stimmlage, Synopsen, das sind Zusammenfassungen im Programmheft oder Bühnendolmetscher, die jedoch nur einen Teil des Stücks wiedergeben. Welche Art jedoch am Besten ist, hängt letztendlich vom Stück selbst ab.

Die ganze Arbeit, die hinter den Übertiteln steckt, wird wirklich unterschätzt, denn mit dem Übersetzen allein ist es nicht getan: Ein wichtiger Punkt ist das sogenannte „Fahren“, das Wechseln der einzelnen Folien, während der Vorstellung. Das ist kein automatischer Prozess, sondern wird händisch und immer live gemacht, denn Theater ist live. Macht der Schauspieler einen Fehler und vergisst einen Teil seines Textes, muss der „Fahrer“ sehr schnell schalten und die Übertitel in Ordnung bringen, geht etwas schief, ist in der Wahrnehmung des Publikums er „schuld“ und nicht der Schauspieler.

„Übertitel-Fahrer“ zu sein ist sehr anstrengend, man muss immer wachsam sein und das Schauspiel auf der Bühne genau verfolgen. Als Fahrer hat man meist nur eine Probe im Theater selbst. Man übt eher zu Hause mit DVD und Computer, um sich den Textrhythmus einzuprägen, Pausen und lange Pausen oder schnell gesprochene Stellen, damit man weiß, wann die nächste Folie gefahren werden muss. Fahrer müssen normalerweise die Stücksprache und die Landessprache können, oft sind es die Übersetzer selbst oder sie werden von der Theatergruppe mitgenommen.

Die Zweizeiler werden in einem Word-Dokument geschrieben, jeweils mit einer Zeile Abstand, dann überspielt man sie auf ganz normales Power Point. Die gefahrenen Folien werden mit einem ganz simplen Power Point gefahren, wer hätte das gedacht? Ein zweistündiges Stück hat durchschnittlich 1000 Folien.

Carina Habel

„Ein Puzzle setzt sich zusammen“ strahlt Monika Kalitzke, während sie über ihre Arbeit berichtet, die eine Schnittstelle zwischen Dramaturgie, Produktionsleitung und Videotechnik ist. Sie ist dafür zuständig, dass der gesamte Text übersetzt zur richtigen Zeit erscheint.

Schon in ihrer Kindheit liebte sie Bücher und Theater. Genug Erfahrungen konnte sie schon sammeln: nach ihrem Studienabschluss als Übersetzerin in den Sprachen Französisch und Spanisch im Jahr 1991 ist sie viel gereist um auch die Kultur der jeweiligen Länder kennenzulernen. Mexiko, ein halbes Jahr Spanien und unzählige Auslandsaufenthalte haben aus ihr eine Expertin für Sprache und Kunst gemacht. Nach ihrer Arbeit bei der Weltausstellung, beim Klangforum Wien, beim Steirischen Herbst und als freiberufliche Übersetzerin hat sie im Jahr 2008 erstmals bei den Wiener Festwochen gearbeitet. Seit 2010 übt sie dort jeweils für sechs Monate die damals neu geschaffene Funktion der „Übertitelkoordinatorin“ aus. Daneben arbeitet sie weiterhin als freiberufliche Übersetzerin.

Mittlerweile sagt sie: „Die Übertitel im Theater werden unterschätzt! Aufgrund der Weiterentwicklung eines Stücks und der Live-Situation auf der Bühne selbst ist mehr Flexibilität gefordert als beim Film. Schließlich hat sie schon selber die Übertitel gefahren und weiß, wie viel Arbeit hinter einem dreistündigen Stück steckt.

Übertitel sind für die Zuschauer nur eine funktioneller Text, aus diesem Grund sind oft die grammatischen Zeiten nicht ganz richtig, auch werden lieber kurze Wörter benutzt als längere. Sie sagt, es wäre oft eine Überwindung Textpassagen zu streichen, aber Platz und Zeit machten dieses notwendig. „Übertitel dienen als Krücke, um im Theater etwas erleben zu können, zu dem wir sonst keinen Zugang hätten. Es gelten andere Gesetze als bei einer gedruckten Übersetzung.“ Eine besondere Herausforderung sind dabei natürlich literarische Texte, schon gar von lebenden Autoren wie zum Beispiel heuer „Big and Small“ mit Cate Blanchett, für das der Originaltext von Botho Strauß in etwas gekürzter Form herangezogen wurde. „Botho Strauß war zufrieden!“ sagt sie erleichtert. Man sollte es immer schaffen den Text zu lesen und gleichzeitig dem Treiben auf der Bühne seine Aufmerksamkeit widmen können.

Dieses Jahr hat sie vier spanische Stücke übersetzt, mehr als sonst, da dieses Jahr „Lateinamerika“ einen Schwerpunkt im Programm der Festwochen bildete. Auf die Frage, was sie denn an ihrem Beruf am meisten liebe, sagt sie: „Mir gefällt diese „Mittler-Position: eine Kombination aus Sprache auf hoher Ebene und der Organisation.“

Natürlich hat ihr Job auch einige Schattenseiten: „Er ist wirklich sehr zeitintensiv, ich arbeite oft fünfzehn Stunden täglich, und das sieben Tage die Woche in der stärksten Zeit!“ Andererseits lernt sie verschiedenste Menschen und Kulturen kennen, und das ist eine gute Entschädigung. „Sprache ist der Schlüssel zu Kulturen und damit zur Denk- und Lebensweise anderer Menschen“, lacht sie.

Anastasia Lopez