Thema des Monats - Dezember 2017

Bis ans Limit

 

Ein Erfahrungsbericht über das neue Projekt "Das halbe Leid" der Performance-Gruppe SIGNA, das am 16.11.2017 sein Uraufführung am Hamburger Schauspielhaus feierte.

 

Von Luisa Reisinger

 

Hinter mir fällt die Tür ins Schloss. Ich stehe im Innenhof eines alten Fabrikgebäudes. Die Sonne geht langsam auf und ich frage mich, was die letzten 12 Stunden geschehen ist. Mich schwindelt es. Meine Nerven liegen blank. Auf einmal bin ich erleichtert. Auch wenn ich mich fühle als hätte ich mehrere Schlägereien hinter mir. Und irgendwie habe ich das auch. Man hat mir sogar ziemlich deutlich letzte Nacht Eine verpasst. Und das gleich mehrmals, irgendwo zwischen Gesicht und Magengrube.

 

Zugeschlagen hat mal wieder SIGNA. Eine sehr erfolgreiche Performance-Gruppe, deren Performances immer nach dem gleichen Konzept funktionieren: Wir, die Besucher werden an theaterferne Orte (verlassene Kasernen, heruntergekommene Firmengebäude, leerstehende Fabrikhallen) geschickt und mit einer Gruppe von Menschen, Performerinnen und Performer, konfrontiert, die vorgeben, Teil einer dort lebenden Gesellschaft zu sein. Wir sind dabei Mitwirkende an einem Spiel, das die Grenzen zwischen Fiktion und Realität bis ins Maßlose ausweitet. Und die Besucher werden, sofern der Illusion Glauben geschenkt wird, und man gewillt ist, zu vergessen, dass auch hier geprobt, ausgestattet und kostümiert wurde, auch im neuesten Projekt „Das halbe Leid" gehörig an ihr eigenes Limit gebracht.

 

Zwei PerformerInnen in "Das halbe Leid"; Foto: Arthur Köstler / Erich Goldmann

 

Von 19.00 Uhr abends bis 7.00 Uhr morgens, eine gesamte Nacht, nehme ich im Verein „Das halbe Leid e.V." in der ehemaligen Werkhalle der Firma Heidenreich & Harbeck im Hamburger Stadtteil Barmbek als Kursistin an einer Schulung zur Empathiefähigkeit teil. Ich werde mit den Randständigen einer Gesellschaft, stereotypischen „Leidenden", verarmten Obdachlosen, psychisch Gestörten, ausgemergelten Junkies, Fremdstämmigen, Faschisten, Flittchen zusammen gebracht und soll mich in sie einfühlen. Das funktioniert ziemlich schnell, da SIGNA gekonnt hyperrealistisch inszeniert und die „Leidenden" in der Werkhalle, denen aus unserem persönlichen Alltag vorbehaltlos ähnlich sind. SIGNA spielt nicht nur mit, sondern vor allem um die Emotionen, sodass ich mich der Fiktion nicht mehr entziehen kann. Ziemlich schnell passiert es dann auch, dass durch das authentische Spiel eben auch die eigene Identität in Beschlag genommen wird. Nicht zuletzt, weil jeder Kursist ein Bett und einen Spind zur Verfügung gestellt bekommt, um darin die eigene Kleidung abzugeben. Auf radikale Weise werde ich dadurch aufgefordert mein eigenes vertrautes Leben einzuschließen. Eine Etage tiefer befinde ich mich mit den anderen der Besuchergruppe im Frauenschlafsaal. Gedrängt stehen wir Seite an Seite vor den weiblichen „Leidenden". Nach und nach werden wir ausgesucht und erhalten zu zweit oder zu dritt eine Mentorin, die uns durch den Kurs des Ein-Fühlens begleitet. Dieser besteht aus Aktivitäten wie Gesprächsrunden und Musiktherapien, Bastelstunden und Fitnessprogrammen, angeleitet von den sogenannten „Mitleidenden", die Mitglieder und Begründer des Vereins. Zynische Menschen, die das Leid der anderen nutzen, um sich lediglich bewusst zu machen, dass sie nicht zu den Gefallenen einer Gesellschaft gehören. Eine Art Absicherung dafür, die vermeintliche Spitze, nicht der vorgeführte Abschaum zu sein.

 

In dieser Nacht habe ich persönlich jedoch keine Wahl, denn im Verein gehöre ich zur untersten Schicht und erlebe auf diese Weise Dinge, die ich noch nie erlebt habe. Tue Dinge, die ich zutiefst verabscheue. In meiner Situation bleibt mir aber auch nichts anderes übrig, denn sehr schnell sehe ich mich dazu verpflichtet meine Mentorin Lore, eine hochsensible junge Frau, die mit der Schnelligkeit der Welt nicht klar kommt, in allem einfach zu langsam ist, vor den Übergriffen der Anderen zu beschützen. Ich spüre eine nie dagewesene Aggressivität, einen Hass gegenüber denen, die sie bedrohen, stelle mich zwischen sie, wenn sie geschlagen, ihr eine Bierdose an den Kopf geworfen wird. Werde dadurch immer wieder in Situationen gebracht, in denen ich mich frage, ob und wie ich handeln soll, in denen ich hinschaue und gleichzeitig wegschaue, beobachte, nicht einschreite, weil ich selbst Angst habe. Mitunter dann doch reagiere. Meistens nur leider zu spät. So wie meine Mentorin Lore eben. Gemeinsam durchlebe ich mit ihr in dieser Nacht die volle Bandbreite an Emotionen: Von Phasen panischer Angst bis hin zu Momenten verbundener Zweisamkeit. Hier höre ich Schreie, dort ein Winseln, irgendwo wird sich übergeben, fern kommt es einmal mehr zu einer Rangelei. An Schlaf ist nicht zu denken. An einem gewissen Punkt frage ich mich, welches perfide Spiel hier eigentlich gespielt wird. Wie manipulativ die Grenzen des emotional Ertragbaren ausgetestet werden. Von Stunde zu Stunde werde ich anfälliger, erkenne, welche Macht im Mit-Fühlen steckt und spüre zwischen den teilweise geschockten Kursisten und den bis zum Limit spielenden Performern eine Gemeinschaft. Egal wie dreckig und verlogen, wie vorgegeben und inszeniert sie auch sein mag. Man hat mir einen emotionalen Kinnhacken verpasst, den ich nun erst einmal auskurieren muss.

Foto: privat
Foto: privat

Unsere Autorin Luisa Reisinger studiert derzeit Performance in Hamburg.