Thema des Monats - April 2018

"Ich habe keine Lust zu tanzen."

 

Körperlich, kraftvoll, energisch. Diese drei Adjektive mögen die Tanzstücke und Performances des zweiten tanzmainz festival update, das vom 2. bis 10. März 2018 stattfand, genauso treffend beschreiben wie: überraschend, mutig, verstörend und damit im besten Sinne ungewöhnlich. Ein Festivalbericht

 

Von Vanessa Renner


Im Wechsel mit dem „großen" tanzmainz festival, das renommierte und bekannte Choreografen und Compagnien zeigt, richtet das update festival am Staatstheater Mainz den Blick in die Zukunft des zeitgenössischen Tanzes, indem es jungen Künstlern eine Plattform bietet, ihre Arbeiten zu präsentieren. 21 Stücke, 19 internationale Choreografen, neun Tage. Eine Tanzreise nach Portugal, Frankreich und Luxemburg, in die Niederlande, nach Griechenland und Israel. Viele der Arbeiten sind an der Grenze zwischen Tanz und Performance angesiedelt. Darunter Akrobatik, Urban Dance, Hip-Hop und Kunstinstallationen, von „One-Man-Shows" bis hin zu einer Massenchoreografie mit dem Titel „Catan Allay - A piece of cake*", die die Performerin Patricia Carolin Mai an sechs Tagen mit den Tänzern der Jugend- und Generationenclubs des Staatstheaters einstudierte. Einer Wellenbewegung gleich springen die Tänzer in knallig-bunten Shirts und Hosen in unregelmäßigen Abständen frontal zum Publikum gewandt immer wieder kraftvoll in die Höhe, einer nach dem anderen. So bilden sie als Gruppe gemeinsam einen einzigen farbenfroh-schillernden Körper, der rastlos niemals zur Ruhe kommt, immer wieder angestoßen und angetrieben wird. Als die Musik verstummt, füllt nur noch die körperliche Arbeit, die Anstrengung, das Keuchen und Schnaufen und das Geräusch des dumpfen Aufpralls der Füße auf dem Boden den Raum. Für das Mainzer Festival ausgewählt hat diese Produktion das K3 - Zentrum für Choreographie/Tanzplan Hamburg, das über Residenzprogramme künstlerische Forschung, Produktion und Präsentation miteinander verbindet.

 

"A piece of cake"; Foto: Kerstin Schomburg

 

Solchen Produktionszentren des zeitgenössischen Tanzes ist die diesjährige Ausgabe des Festivals gewidmet. Tanzmainz-Direktor Honne Dohrmann lud deren Leiter ein, Choreografen und Tänzer auf der U17 Bühne des Staatstheaters vorzustellen. So lernen die Zuschauer in den neun Festivaltagen auch jene Einrichtungen kennen, die abseits der Stadt- und Staatstheater den zeitgenössischen Tanz fördern und junge Choreografen und Tänzer auf ihrem beruflichen Weg, sei es mit technischen oder finanziellen Mitteln, Probenräumen und Expertise unterstützen. Mit gleich sieben Stücken gestaltet das Berliner Format Lucky Trimmer unter dem Titel „Mainz gets LUCKY" den ersten Festivalabend. Alle Choreografen befolgen dabei die drei Lucky-Regeln: „Sei originell, mutig und das alles in maximal zehn Minuten."


Dabei erstaunen und überzeugen vor allem die Energie und Akrobatik, die Performances wie „[How To Be] Almost There" von Overhead Project & HeadFeedHands zeigen. Zwei Männer vor einem Panorama aus umgeworfenen Stühlen: sie ziehen sich gegenseitig an und stoßen sich im nächsten Moment wieder ab in zum Teil atemberaubenden akrobatischen Einlagen wie einem Kopfsprung des einen in die Arme des anderen. Der Tanz ist zugleich Kommunikation und Ausdruck der gegensätzlichen Bedürfnisse nach Distanz und Nähe. Eine Akrobatin ist auch Roxana Küwen. In ihrem Jonglagestück „Twenty Toes", das an eine Varieté-Vorstellung erinnert, bringt Küwen Hände, Fußzehen und fünf Bälle zum Tanzen. Ihre Bewegungen sind anmutig, ihre Einfälle heiter und überraschend. Eine ganz eigene Ästhetik und Energie erzeugen die Armbewegungen von Danae Dimitriadi und Dennis Alamanos in ihrer Performance „Uncia". Die beiden ganz in schwarz gekleideten Performer heben sich kaum vom verdunkelten Bühnenraum ab. Nur das schnelle Auf und Ab ihrer Arme, das an das Flügelschlagen von Vögeln erinnert, zeichnet sich magisch vor der Dunkelheit ab. Voller Energie ist auch „3,14 π" von Andrea Rama (Trois C-L - Centre de Création Chorégraphique Luxembourgeois). In atmungsaktiver Laufkleidung drehen die beiden Performer Andrea Rama und Rhiannon Morgan Runde um Runde auf der Bühne, Richtungswechsel inklusive. Wartet der Zuschauer zunächst noch auf ein Ereignis, das den scheinbar ewigen Kreislauf durchbricht, verlagert sich die Gespanntheit hin zu einer Spannung durch eben jene Gleichförmigkeit selbst, die einen mehr und mehr in ihren Bann zu ziehen vermag.


Doch auch manch verstörendes und ratloses Moment mischt sich im Verlauf der Woche unter die Festivaleindrücke. Das mag an der Schonungslosigkeit und extremen Körperlichkeit liegen, die manche Darbietungen transportieren. Der Bericht über eine querschnittgelähmte Frau aus der Perspektive ihrer Pflegerin (Julia Geröcs mit „Lara ( Kakologie, II. Teil)"/Lucky Trimmer) oder aber das Vertanzen von Erfahrungen existenzieller Gefahrensituationen („Ready to Snap" von Patricia Carolin Mai/K3/Tanzplan Hamburg). Und dann sind da noch jene Performances, die in der Fülle und Intensität ihrer Reize wie Schreien und körperliche „Ausbrüche" schlichtweg zu Überforderung führen können. Doch ein Festival, das bewusst Ungewöhnliches und Neues zeigen möchte, muss auch mutig sein und zumuten. Manches mag da wohl „auszuhalten" sein und wird auch - meistens und mitunter von Kopfschütteln und hektischem Blättern im Programmheft auf der Suche nach der Beschreibung des Stückes begleitet - vom Publikum gut ausgehalten.

 

Foto: Lena Meyer


Erwähnt werden sollen, auch wenn sie keinem Tanzzentrum zugeordnet als Special Guest auftreten, die beiden Tänzer Louis Thuriot und Borna Babic von der Hochschule für Tanz Codarts in Rotterdam. Ihre Choreografie „Peeping Eye" zu wunderbaren Kompositionen von Steve Reich und Jun Miyake kommt eher leise, aber umso ausdrucksstärker daher. Es ist vor allem das Zusammenspiel der beiden Tänzer, das so beeindruckend stimmig ist, ihre Bewegungen, die von so großer Geschmeidigkeit und Sanftheit sind.

 

Und dann ist da noch ein zweites Stück, das in seinem besonderen Zugang herausragt, weil es die Kunst, den Tanz selbst thematisiert - und das auf intelligente und poetisch-humorvolle Art. Étienne Fanteguzzi und Damien Briançon (Espèce de collectif/Pôle-Sud - Centre de Développement Chorégraphique de Strasbourg) beginnen ihre Performance - der Raum ist bis auf einen Berg aus aufeinandergehäuften Leuchtstäben verdunkelt - mit einer Sequenz, die eigentlich gar nicht zum Stück gehört, wie die beiden Tänzer lakonisch bemerken. Sie habe ihnen so gut gefallen, dass sie sich nicht von ihr trennen wollten. Sie ergebe jedoch absolut keinen Sinn. Also werden die Leuchtstäbe fix wieder abgebaut. „Pour en découdre". Der Titel der Performance kündigt es bereits an. Es wird im Laufe des Abends in einem Wechsel von Tanzszenen und Dialogen, in denen Fanteguzzi und Briançon die Entstehung eines Kunstwerks und dessen Rezeption reflektieren, noch einiges auseinandergenommen und verworfen. Da werden Bühnenbilder auf- und abgebaut, allerlei Requisiten verrückt und umhergeschoben. Die Lust am Zweifel und an der spielerischen Dekonstruktion, an der Vorläufigkeit und Flüchtigkeit eines Kunstwerks findet sich auch auf sprachlicher Ebene wieder. So die Unterhaltung über ein zeitgenössisches Tanzstück: „Gefällt es dir?" - „Ja, es ist sehr avantgardistisch und entspricht genau dem Text im Programmheft". Der Text stellt sich jedoch als zu einem anderen Stück gehörig heraus und das Geschmacksurteil verlagert sich im Verlauf des Dialogs zu: „Es gibt wenig Licht und ich verstehe es nicht." An anderer Stelle hält einer der beiden Tänzer einen nachdenklichen Monolog darüber, warum er keine Lust mehr zu tanzen hat. Oder nur noch ohne Druck tanzen will, wie es ihm gefalle. Und genau an dieser Stelle steckt das ästhetische Kontrastmoment des Stücks. Denn wenn Fanteguzzi und Briançon erst einmal loslegen zu tanzen, „wie sie es wollen", dann ist es Tanz, wie er in all seinen Facetten sein kann. Wild und sanft, laut und leise, verstörend und schön. Und vor allem: nah beim Publikum.


Welches Fazit lässt sich ziehen nach einer Woche tanzmainz update? Die Tanzsprachen und Ausdrucksformen erscheinen derart vielfältig, dass sie sich einem gemeinsamen Nenner entziehen. Wenn überhaupt, ist es die Erkenntnis, dass es keinen gemeinsamen Nenner gibt, dass jede Performance ein Stück weit Abenteuer bleibt, auf das es sich einzulassen gilt. Nicht alles gefällt und muss gefallen. Ratlosigkeit und Verstörung gehören dazu. Daher lohnt es vielleicht, weniger in den Programmheften zu lesen, weniger rational verstehen zu wollen als vielmehr hinsehen, hinhören und den Tanz, wo es möglich ist, zu fühlen. Der Dialog aus „Pour en découdre" endet übrigens mit den Worten: „Es gibt nichts zu verstehen. Es ist zeitgenössischer Tanz."