Thema des Monats - April 2019

Bodenhaftung

 

Iván Pérez, Choreograph und Shootingstar der Tanzszene, leitet seit dieser Spielzeit das neu formatierte Dance Theatre Heidelberg. Was zieht den jungen Spanier ins beschauliche Neckarstädtchen, statt weiter international Karriere zu machen?


Von Ulrike Kolter

 

Seine positive Aura spiegelt auch sein Arbeitskonzept: Iván Pérez, seit dieser Spielzeit Künstlerischer Leiter des neu formierten Dance Theatre Heidelberg (DTH) am Theater und Orchester Heidelberg, scheint das Credo seines Lehrers Jiˇrí Kylián völlig verinnerlicht zu haben. „Du kannst mit Freundlichkeit sehr ambitionierte Ziele erreichen!", so hat es ihm der tschechische Choreograph und ehemalige Künstlerische Leiter des Nederlands Dans Theaters (NDT) beigebracht, wo Pérez siebeneinhalb Jahre tanzte. „Kylián blieb immer ruhig und freundlich. Diesen Weg versuche ich weiterzugehen." Und das tut der junge, international bereits etablierte Choreograph jetzt im hübschen, wohlsituierten Heidelberg mit seinem neu zusammengestellten Tanzensemble.

 

Zwei Tänzer seiner Vorgängerin Nanine Linning sind geblieben, die übrigen neun Tänzerinnen und Tänzer hat er sich telefonisch zusammengetrommelt. Auditions gab es gar nicht - auch das ist bezeichnend für den Spanier. Er hätte eine riesige Bewerberauswahl haben können, aber Vertrauen und Intimität im Schaffensprozess sind ihm wichtiger. Wenn Pérez die Herangehensweise an seine Choreographien beschreibt, wird deutlich, warum: „Der Anfang ist immer gemeinschaftlich. Ich erzähle von meinen Ideen und will dann, dass sich meine Tänzerinnen und Tänzer ausprobieren. Dann kann ich herausfinden, wie weit sie bereit sind zu gehen. Sie sollen Co-Autoren werden, es ist auch ihr Stück." Eine Szene aus „Impression", seiner ersten Uraufführung für Heidelberg, steht exemplarisch hierfür und ist aus Improvisationen der Tänzer entstanden: Alle Ensemblemitglieder gehen nebeneinander auf einem Catwalk die Bühne ab, jeder auf seiner Linie vor und zurück, jeder mit individuellen Bewegungsrepetitionen. „Das war ein Komponieren mit den Elementen, die sie uns gaben", beschreiben es Pérez und seine Tanzdramaturgin Jenny Mahla.

 

Kollektives Kreieren also statt Choreographenallmacht. Das ist nicht völlig ungewöhnlich im Tanz, aber man merkt der neu formierten Truppe schon nach den ersten zwei Premieren - die ortsspezifische Performance „The Inhabitants" sowie „Impression" - an, dass da trotz sehr unterschiedlicher Tänzertypen etwas zusammengewachsen ist. Pérez will sie auch intellektuell fordern, damit sie verstehen, wo eine Bewegung herkommt oder warum die Musik in einem Moment wichtig ist. „Wenn alle im kreativen Prozess beteiligt sind, bekommen sie auch meine choreographische Perspektive mit und nicht nur ihre tänzerische."

 

Wie uneitel, fast demütig Pérez auftritt, ist auch deshalb erstaunlich, weil der 1983 Geborene für sein Alter bereits eine ordentliche Karriere hingelegt hat. Nach ersten Tänzerjahren in Barcelona kam er 2003 zum Nederlands Dans Theater nach Den Haag und gab dort 2011 sein choreographisches Debüt. Seitdem schuf er zahlreiche, auch preisgekrönte Stücke nicht nur fürs NDT II, sondern freischaffend für diverse internationale Ballettensembles: für die BalletBoyz aus London, das Ballet Moscow, die Compañía Nacional de Danza in Madrid oder für das Dance Forum Taipei. Zuletzt entstand „The Male Dancer" für das Ballett der Pariser Oper. Warum er sich am Punkt einer solchen Karriere ans nicht gerade weltstädtische Heidelberg bindet? Keinen Moment habe er gezögert, als Intendant Holger Schultze ihn anrief und fragte. Die Chance, sich mit einem eigenen Tanzensemble und diesen (auch finanziell stabilen) Möglichkeiten langfristig etwas aufzubauen, einmal anzukommen statt nur unterwegs zu sein, war reizvoll genug. Seine eigene, 2016 gegründete Company INNE mit Sitz in den Niederlanden ist seitdem quasi auf Eis gelegt.

 

Iván Pérez schätzt inzwischen die familiäre Atmosphäre am Heidelberger Theater. Zu seinem Team gehört auch die Tanzdramaturgin Jenny Mahla, mit der Pérez bereits in Leipzig und Paris zusammengearbeitet hat. Beiden geht es nicht nur ums lokale Publikumsglück, welches sich - trotz der üblichen Startschwierigkeiten bei künstlerischen Leitungswechseln - bereits eingestellt hat. „Ich will das Dance Theatre Heidelberg als einen kreativen und innovativen Umschlagplatz in einen globalen Tanzkontext stellen", so das ambitionierte Ziel. Damit ist er wohl nicht zufällig am Heidelberger Theater gelandet, denn was das Knüpfen internationaler Kontakte angeht, ist das Haus von Holger Schultze für Gastspiele und Koproduktionen von Südamerika bis Asien und durch den Heidelberger Stückemarkt wohlbekannt. Und natürlich soll die Tanzbiennale als Kooperation von TANZallianz, vom lokalen UnterwegsTheater und dem Heidelberger Theater fortgesetzt werden.

 

Auch interdisziplinäre Pläne hat Iván Pérez, will bildende Künstler aus Tanz, Komposition und Mode zusammenbringen, wie es bereits bei seiner zweiten Premiere „Impression" im Dezember 2018 mit dem katalanischen Komponisten Ferran Cruixent und dem Londoner Künstlerkollektiv United Visual Artists gelang (Ulrike Kolters Kritik ist hier zu finden).

 

Und welchen Stellenwert hat die Musik in seinen Arbeiten, braucht es zuerst eine Idee oder die Komposition? „Musik beeinflusst und bewegt mich, aber ich brauche sie nicht unbedingt, um anzufangen. Und ich mag Neukreationen." Alles andere hänge vom gemeinsamen Prozess ab, der kann variieren. 2017 zum Beispiel schuf Pérez für die Londoner BalletBoyz das Stück „Human Animal". Als seine Choreographie fertig war, nahm der englische Komponist Joby Talbot den Klang der Tänzerschritte auf und komponierte danach die Musik. Am Ende passte Pérez seine Choreographie nur noch an, veränderte sie aber nicht mehr grundlegend.

 

Das alles klingt danach, als sei ein freundlich-bescheidener kreativer Kopf am richtigen Fleck gelandet, um sich in den nächsten Spielzeiten so richtig auszutoben: beim Choreographieren, Managen, Netzwerken. Und das gemeinsam mit seinen elf Tänzerinnen und Tänzern und im Sinne seines Lehrers Jiˇrí Kylián, der ihm bei einer Probe mal einen Tänzer in der Ecke zeigte mit den Worten: „Denk immer daran: Tänzer wollen tanzen, von ganz allein! Du musst sie nicht zwingen."

 

Dieser Text ist zuerst im Heft 03/19 der Deutschen Bühne erschienen.

Iván Pérez...

... ist seit Beginn der Spielzeit 2018/19 Künstlerischer Leiter des neuen „Dance Theatre Heidelberg" (DTH).
» Geboren 1983 in Spanien
» Begann seine tänzerische Karriere bei der Compagnie „IT Dansa" in Barcelona
» ab 2003 Tänzer beim „Nederlands Dans Theater" (NDT)
» 2011 choreographisches Debüt für das NDT II mit „Flesh", seitdem widmet er sich ganz dem Choreographieren
» Zusammenarbeit unter anderem mit den „BalletBoyz" aus London, dem Ballet Moscow, der „Compañía Nacional de Danza" in Madrid, dem Dance Forum Taipei, dem Ballett der Pariser Oper und dem „Sadler's Wells" in London
» 2016 Gründung der eigenen Company „INNE" mit Sitz in den Niederlanden