Thema des Monats - September 2019

Mir geht auch mal die Fantasie durch

 

Walter Ullrich. 40 Jahre führte er das Schlosstheater Neuwied und 62 Jahre das Kleine Theater in Bad Godesberg. Beide Jobs wurden im Sommer von jüngere Kollegen übernommen. Nicht nur als Regisseur, auch als Schauspieler war Ullrich Publikumsliebling und will zum Abschied im Oktober nochmal als großinquisitorischer Greis durch Schillers „Don Carlos" den Hochmut religiösen Machtbewusstseins geistern lassen.


Interview: Jens Fischer

 

Walter Ullrich vor dem "Kleinen Theater"; Foto: Jens Fischer



Wie sind Sie zum Theater gekommen?

 

Meine Mutter war Opernsängerin, mein Vater Schauspieler, das Theater mein zu Hause. Mit vier Jahren stand ich erstmals auf der Bühne in meiner Geburtsstadt Mönchengladbach, musste mich in der Oper „Madama Butterfly" als Sohn der Titelheldin von ihr mit der letzten, kraftvollen, tragischen Arie des Werks laut ansingen lassen, bevor sie Harakiri macht. Ich hatte dann immer Tränen in den Augen. Aber nicht aus Mitgefühl, wie alle glaubten. Die Tante schreit mich doch so an, so habe ich damals den Grund zum Weinen erklärt. Nach dem 2. Weltkrieg gingen meine Eltern ans Theater im sächsischen Freiberg, der Intendant suchte verzweifelt Darsteller, die ohne sächsischen Akzent sprechen. Da es außer mir kaum einen gab, habe ich bald blonde gelockte Engelchen im Weihnachtsmärchen, Knaben-, aber auch junge Männer- und richtige Mädchenrollen gespielt. Etwa in der Operette ,Drei arme kleine Mädels‘. Wer möchte es wohl leugnen, dass Klein Walter als Beate mit seinem allerliebsten Spiel die Herzen aller gewonnen hatte, war meine erste Kritik. Ich hatte natürlich Angst, dass meine Schulkameraden das mitbekommen.


Ein Leben lang auf und hinter der Bühne, hatten Sie nie Interesse auf das, was außerhalb dieser Realitätsblase so alles möglich ist?


Ein Jahr meines Lebens lebte ich mal außerhalb des Theaters. Als ich für einen Kulturreiseanbieter mal für 50 Mark einen Vortrag vorlesen sollte, habe ich das in den 50er-Jahren gemacht, allerdings frei gesprochen, daraufhin bekam ich einen Job als Reiseleiter. Kathedralenfahrten durch Frankreich, Nordafrika, vorderer Orient, viel rumgekommen bin ich. Eine unheimlich interessante Sache, und viel Geld war zu verdienen. Ich wäre bestimmt dabei geblieben, wenn ich nicht eines Tages in Athen mal wieder eine Theateraufführung gesehen hätte und mich erinnerte: Das ist meine Berufung.

 

Nach der Kapitulation Nazideutschlands wurde kontinuierlich weiter Theater gespielt?


Ja, im Herbst 1945 wurde mein Vater nach Halberstadt engagiert. Das war ja russische Zone, auch ich musste umgehend Arbeit finden, um Lebensmittelkarten zu bekommen, da haben mich die ausgebombten, in einer Würstchenfabrik untergekommenen städtischen Bühnen als Volontär eingestellt und ich habe alles gemacht: Vorhang gezogen, kleine Rollen gespielt, inspiziert, Texte abgetippt, Requisiten besorgt, Plakate aufgehängt. War Mädchen für alles. Ich habe ja auch später nie eine richtige Ausbildung absolviert, auch nie Regie oder Theaterwissenschaften studiert, alles in der Praxis gelernt.

 

Es gab damals in jedem Örtchen mindestens ein Theater, überall Neugründungen, und die waren immer voll und die Zuschauer so viel dankbarer, konzentrierter, die gingen auch so viel mehr mit als heute, die haben gelacht und geweint an einem Abend, das ist heute schwer zu erzielen. Aber die hatten damals ja auch sonst nichts, Kino gab es zwar, aber es wurden ja kaum Filme gedreht, an Fernsehen war noch nicht zu denken.

 

Sie selber möchten heute aber nicht mehr viel sehen?

 

Richtig. Wenn in „Hamlet" alle Darsteller ihre Geschlechtsteile zeigen, Nathan im heutigen Palästina angesiedelt wird, was soll das? An dem Stück ist alles gut und richtig, warum muss ich das verändern? Ich würde da vieles im Stadttheater heute selbst nicht spielen wollen, das mag ich auch nicht sehen.

 

Sind Sie ein wirtschaftlich klug rechnender Intendant?

 

Nein, mir geht auch mal die Fantasie durch. Für „Heinrich VIII." bat ich die Kostümabteilung, alle Darsteller in Kostüme zu kleiden, die original dem 16. Jahrhundert nachempfunden sind. Damit war dann plötzlich der Ausstattungsetat für die ganze Saison verbraucht. Aber die Kostüme haben wir heute noch in Gebrauch. Solch eine bis ins Detail geschichtsgetreue Ausstattung ist wichtig.

 

Wie konnte man nach dem Holocaust einfach rausgehen und Komödie spielen?

 

Schwierige Frage, aber ändern konnte man ja nichts mehr und das Leben geht ja weiter. Wir feierten, dass wir überlebt, was zu essen hatten und wieder unseren Beruf ausüben konnten. Aufbruchsstimmung.

 

Sah das 50er-Jahre-Theater so aus wie wir in der verfilmten „Faust"-Inszenierung von Gustav Gründgens?

 

Damals tönte die Sprache mehr, alles war getragener, die Artikulation wurde später ja immer knapper, weniger pathetisch. Gründgens "Faust" ist daher noch typisch für das ehrliche, intensive, sauber im Sinne des Autors ausgearbeitete und ausgestattete, also Stücke nicht verfremdende Theater, wie es bis Ende 1950er Jahre im Westen, bis Anfang der 1970er Jahre noch im Osten gespielt wurde. Ich bin immer nach Ostberlin gereist, um das zu sehen, als es bei uns hier mit dem Regietheater anfing. Da gruselt es einem ja. Als ich das erst Mal den "Faust" machen wollte in den 1990er Jahren, habe ich mir mal angeschaut, wie Kollegen da rangehen - und sah etwa Einar Schleefs Inszenierung mit Gretchen als Rockerlady. In einer Traumsequenz sitzt sie in zwölffacher Ausführung auf Eimern und verrichtet ihre Notdurft. Furchtbar. Das steht ja auch nirgendwo bei Goethe im Text.

 

Auszug aus einem Interview, das in DIE DEUTSCHE BÜHNE 10/2019 erscheinen wird.