Thema des Monats - Oktober 2019

Third Generation - Next Generation

Keine andere Regisseurin hat die Bürgerbühne des Düsseldorfer Schauspielhauses bisher so geprägt wie Joanna Praml. Die 39-Jährige hat die mit Beginn der Intendanz von Wilfried Schulz neu gegründete Bürgerbühne 2016 mit „Ein Sommernachtstraum“ und 14 Düsseldorfer Jugendlichen erfolgreich eröffnet. Nun inszeniert sie bereits zum dritten Mal in Düsseldorf und hat sich dabei wieder im Stückefundus von Großmeister William Shakespeare bedient. Unser Autor Marvin Wittiber war selbst Mitspieler in Pramls Düsseldorfer Debütinszenierung. Vor der Premiere sprach er mit seiner ehemaligen Regisseurin und brachte drei Generationen der Ära Joanna Praml an einen Tisch.

 

Interview: Marvin Wittiber


Joanna Praml im Gespräch. Foto: Lukas Marvin Thum

Joanna Praml im Gespräch. Foto: Lukas Marvin Thum

 

Marvin Wittiber: Am 28. September wird deine neue Inszenierung „Was ihr wollt“ mit 13 Jugendlichen auf der kleinen Bühne im Schauspielhaus Premiere feiern. Wie ist das für dich, dass mit Lilli, Aschif und mir gerade jeweils ein Spieler deiner drei Stücke am Düsseldorfer Schauspielhaus in einem Raum versammelt ist – ein Generationen-Treffen quasi?

Joanna Praml: Das ist wirklich ein besonderes Zusammentreffen – als würde man seine Kinder nach einer Weile wiedersehen und jetzt sind sie alle in einem Haus. Ich verfolge ja auch immer so ein wenig die Wege, die die Spieler aus meinen Produktionen einschlagen. Vor allem, wenn sie im Bereich Theater weitere Schritte machen, erfreut mich das besonders – bei vielen fing ja alles damit an, dass sie in einer meiner Produktionen mitgespielt haben. Das ist dann schon ein tolles Gefühl!

Marvin Wittiber: Gibt es bestimmte Erinnerungen, die du mit den einzelnen Produktionen verbindest?

Joanna Praml: Es gibt so viele Erinnerungen, die ich im Kopf habe. Viele davon hängen mit dem Beginn der Proben und der Recherchephase zusammen. Das ist wie eine Essenz, die übrigbleibt. Aktuell haben wir uns bei den Proben von „Was ihr wollt“ mit Fragen nach Genderzugehörigkeit auseinandergesetzt und an einem Tag beschlossen, wir verkleiden uns jetzt – Die Jungs als Mädchen, die Mädchen als Jungs – und dann gehen wir raus auf die Straße. Bei „Frühlings Erwachen“ sind wir eines Nachts ins Freibad schwimmen gegangen. Ein wirklich magischer Moment. Und bei „Ein Sommernachtstraum“ weiß ich auch noch genaue wie es war, als wir gemeinsam mit den Jugendlichen in den Wald gegangen sind. Ich konnte beobachten, wie alle so mit der Kippe im Mund durch das Laub gestapft und über die Schnecken gestiegen sind und sich fürchterlich geekelt haben. Und immer wieder die Frage kam „Wann gehen wir endlich wieder?“. Das war überhaupt nicht so, wie mein Team und ich das erwartet haben. Das sind Momente, die mir im Kopf bleiben und die teilweise auch Einfluss auf die Inszenierung gehabt haben.

Marvin Wittiber: Du arbeitest in deinen Inszenierungen stets mit Jugendlichen zusammen, könntest theoretisch aber auch Erwachsenentheater machen. Was genau fasziniert dich an der Arbeit mit Jugendlichen?

Joanna Praml: Mir gefällt grundsätzlich schon mal die Arbeitsweise, dass man sich zusammensetzt, erstmal über Themen sprechen und recherchieren kann. Und dann natürlich das Schreiben des Textes und dabei die Aufgabe zu haben, die Lebenswirklichkeit der Jugendlichen mit einem Stück zu verweben und daraus ein neues Theaterstück zu erschaffen. Das ist das Besondere in meiner Arbeit mit Jugendlichen. Ich gehe vom Menschen aus und der wird irgendwann im besten Fall zu einer Rolle im Laufe des Stücks. Das ist natürlich eine ganz andere Herangehensweise als mit Schauspielerinnen und Schauspielern, wo man von der Rolle ausgeht. Ich finde es einfach spannend, Jugendliche auf einem Teil ihres Weges zu begleiten und mit ihnen nicht nur an ihren schauspielerischen Fähigkeiten zu arbeiten, sondern zum Beispiel auch an dem eigenen Selbstbewusstsein. Und die Dynamik der Jugendlichen ist großartig: Wenn 14 Jugendliche auf der Bühne stehen, hat das eine unglaubliche Kraft.

Marvin Wittiber: Verfolgst du ein bestimmtes Prinzip beim Zusammenstellen deines Ensembles?

Joanna Praml: Erstmal geht es mir darum, ganz verschiedene Typen von Menschen zu finden. Die Gruppe soll so sein, dass sie immer spannend bleibt und dass ihre Mitglieder nicht alle gleich aussehen oder den gleichen Background haben. Das ist mir zunächst das Wichtigste. Aber ich geh da auch schon nach meinem Bauchgefühl und schaue, wer mich irgendwie anspricht. Da kommen dann ganz verschiedene Komponenten zusammen. Das Ziel muss sein, ein spannendes Ensemble zusammenzustellen.

Marvin Wittiber: Zwei Mal hast du jetzt bereits in Düsseldorf gearbeitet. Warum wolltest du noch einmal in dieser Stadt arbeiten, warum noch einmal Bürgerbühne machen und noch einmal ein Shakespeare-Stück inszenieren?

Joanna Praml: Ich mag das Düsseldorfer Schauspielhaus sehr gerne und freue mich, hierhin zurückkommen zu dürfen. Man trifft dann ja auch immer wieder auf die gleiche Mannschaft von Technik, Licht und Ton. Und tatsächlich finde ich es dann auch schön, dass ich euch wiedertreffe, die Spielerinnen und Spieler der vorherigen Stücke. Das macht meine Arbeit hier nicht zu einer einmaligen Geschichte, sondern zu einer Erzählung mit ein paar Bänden und Teilen. Jetzt erneut hier zu arbeiten ist etwas ganz Anderes, als ich damals mit „Ein Sommernachtstraum“ hier angefangen habe. Du und die anderen Jugendlichen habt mich alle angeguckt und gedacht „Wie, es gibt keine festen Rollen?!“. Es war erst kurz vor der Premiere, als ihr aufgehört habt euch zu fragen „Was will sie eigentlich? Das wird niemals klappen!“. Die anderen, die jetzt nachkommen, haben diesen Background bereits und stellen das nicht mehr in Frage. Und Shakespeare ist halt toll, der hat immer das Spielerische und die Tiefe in seinen Stücken. Seine Stücke sind sehr vielschichtig, es gibt immer viele Personen und das Komödiantische und die Ernsthaftigkeit zugleich, woran man sich schön bedienen kann. Er ist sehr verspielt, das mag ich.

Marvin Wittiber: Lilli und Aschif, würdet ihr sagen, dass die Produktion mit Joanna euch in Bezug auf das Theater verändert hat?

Aschif Kasem: Ich habe auf jeden Fall jetzt schon schauspielerisch verdammt viel dazu gelernt. Ich kam hier an und hatte keine Ahnung, wie man spielt. Klar habe ich mal Theater gesehen, aber ich kannte die ganzen Prozesse einfach nicht. Ich würde jetzt auf jeden Fall super gerne Theater weitermachen. Und ich weiß jetzt schon, dass ich hier am Ende nicht rausgehen und sagen werde „Ich hab hier mal in einem Stück mitgespielt“, sondern ich habe da super viel von mitgenommen und gelernt. Nicht unbedingt nur Schauspielerisches, sondern auch für mich persönlich: Wie gehe ich mit anderen um? Wie finde ich mich selbst in einer Gruppe von Menschen? Dafür werde ich immer dankbar sein.

Lilli Reents: Ich glaube auch, dass es bei mir diese schauspielerische Ebene gab, genau wie bei unserem gesamten „Frühlings Erwachen“-Ensemble – circa die Hälfte meiner ehemaligen Mitspieler möchte jetzt Schauspieler werden und geht auch schon fleißig zu Vorsprechen. Für viele war es das erste Stück, aus dem sie dann am Ende rausgegangen sind und einfach wussten „Ich will jetzt Schauspieler werden!“. Das mit anzusehen, war wahnsinnig cool. Und was grundsätzlich das Besondere am Theater ist, dass man, wenn man sich gegenseitig die Chance geben möchte, sich immer wieder aufs Neue emotional öffnen muss. Gerade beim Konzept der Bürgerbühne finde ich das interessante, dass man sich freigeben muss, um spielen zu können. Und dabei lernt man sich selbst immer besser kennen und setzt sich mit sich auseinander. Dementsprechend habe ich das schon so als kleinen Entwicklungsschritt und ein bisschen auch Erwachsenwerden begriffen.

Aschif Kasem: Ich glaube, das ist auch das Interessante, das Emotionale. Das war für mich sehr schwer, mich da freizugeben. Ich habe lange versucht, so wenig Emotionen, was Verletzbares angeht, wie möglich preiszugeben. Und dann gab es auch oft den Punkt, wo man sich gefragt hat „Oh Gott, was mache ich hier eigentlich?“. Dann habe ich irgendwann gemerkt, wie schön es eigentlich auch ist, mich so zu öffnen und mir selbst auch nichts vorzuspielen, sondern zu sagen „Das berührt mich einfach, das ist einfach so und das ist auch völlig okay!“. Das hat mich sehr geprägt und ist ein heftiges Erfolgserlebnis, diese Gefühle so zuzulassen und zu merken „Krass, das habe ich eigentlich gebraucht und das ist Teil dieses ganzen Prozesses“.

Lilli Reents: Da merkt man auch, dass Schule zum Beispiel nicht der richtige Ort ist, um so etwas zuzulassen. Was ich an Theater einfach liebe ist, dass es einen geschützten Raum gibt, in dem alles okay ist, was passiert. Und es war nie so ein „Du musst dich jetzt so oder so verhalten, das und das soll dich jetzt berühren“, sondern es war immer so ein „Wir finden das alle zusammen und jeder findet das für sich und es ist alles okay, für jeden!“. Und das habe ich wirklich sehr genossen.

Marvin Wittiber: Gibt es ein bestimmtes künstlerisches Ziel, das du in deinen Produktionen verfolgst?

Joanna Praml: Klar, das Wichtigste ist erstmal, dass es ein guter Theaterabend wird. Wenn es gelingt, ist es am Ende immer eine Inszenierung, in der die Jugendlichen mit ihrer ganzen Kraft und Energie als Gruppe zu sehen sind, in der aber die individuellen Personen spürbar werden und man ein Stück erzählt bekommt, das gleichzeitig noch etwas über die Jugendlichen erzählt. Ich zitiere dich übrigens öfters mal, Marvin. Immer, wenn ich bei den Infotreffen zu einer neuen Produktion den Jugendlichen meine Arbeitsweise zu erklären versuche, dann sage ich: „Ich habe mal mit einem Jungen gearbeitet und der hat das sehr gut zusammengefasst: ‚Ich spiele nicht mich selber. Ich spiele einen Jungen, der Marvin heißt, der mir sehr ähnlich ist‘.“ Ich merke dann auch immer gleich, wenn Jugendliche noch nie etwas von mir gesehen haben. Die können das einfach nicht verstehen, bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie sich mal etwas angeschaut haben. Da ist der Satz aus „Ein Sommernachtstraum“ auch sehr passend: „Mir ist, als sähe ich mit dem Silberblick, weil alles doppelt scheint“. Genauso ist es nämlich. Man steht quasi doppelt auf der Bühne. Wie viel ist Spiel, wie viel ist echt? Wo ist die Balance? Fehlt es an dem einen oder anderen Ende? Bis zur letzten Minute ist es ein Ziehen daran, um das als Regisseurin auszutarieren.

Marvin Wittiber: Ihr habt ja jetzt beide jeweils in einer Inszenierung von Joanna mitgespielt und eine weitere gesehen. Was würdet Ihr sagen, ist so typisch Joanna Praml?

Aschif Kasem: Jemanden fesseln. (lacht)

Lilli Reents: Bei euch etwa auch? Das gibt's doch nicht! (lacht)

Joanna Praml: Ich hab mir vorgenommen, jetzt in jedem Stück, jemanden fesseln zu lassen. (lacht)

Marvin Wittiber: Wie sehen deine weiteren Pläne für diese Spielzeit aus?

Joanna Praml: Als nächstes inszeniere ich am Deutschen Theater Berlin für das Junge DT „Die Räuber“ nach Friedrich Schiller. Und dann mache ich Anfang nächsten Jahres noch ein Stück über die Fridays-for-Future-Bewegung und das Thema Umwelt am Theater an der Parkaue, ebenfalls in Berlin.

Marvin Wittiber: Gibt es einen bestimmten künstlerischen Traum, den du in dir trägst? Vielleicht beim nächsten Mal wirklich den Theaterpreis DER FAUST verliehen zu bekommen?

Joanna Praml: Ich würde irgendwann gerne mal eine Inszenierung in Frankreich machen, meine Mutter ist nämlich Französin. Und ich möchte gerne alle Preise gewinnen, die man gewinnen kann! Das ist ja klar! (lacht) Mal im Ernst: Mich würde es schon sehr reizen, mal eine große Produktion, auf einer großen Bühne, mit ganz vielen Menschen zu machen – als ein Riesending mit Chören und so. Ich habe einfach große Lust, dass es weitergeht und ich mich weiterentwickle – aber das kann man sich ja nicht vornehmen, das passiert einfach.

Joanna Praml (39) arbeitet als freie Regisseurin und inszenierte zuletzt in Düsseldorf, Dresden, Berlin und Kassel. Mit „Ein Sommernachtstraum“ nach William Shakespeare eröffnete sie 2016 die Bürgerbühne am Düsseldorfer Schauspielhaus. Mit ihrer Inszenierung war sie für den Theaterpreis DER FAUST 2017 in der Kategorie „Beste Regie“ nominiert und wurde außerdem zum NRW-Theatertreffen 2017 eingeladen. Weitere Arbeiten am Düsseldorfer Schauspielhaus waren im Dezember 2017 „Frühlings Erwachen“ nach Frank Wedekind und Ende September „Was ihr wollt“ nach William Shakespeare.

Aschif Kasem (19) spielt in Joanna Pramls neuer Inszenierung „Was ihr wollt“ nach William Shakespeare mit, die seit dem 28. September am Düsseldorfer Schauspielhauses zu sehen ist.

Lilli Reents (18) war Mitspielerin in „Frühlings Erwachen“ nach Frank Wedekind, das im Dezember 2017 Premiere gefeiert hat und bis Ende letzter Spielzeit am Düsseldorfer Schauspielhaus zu sehen war.

Marvin Wittiber (21) studiert Sozialwissenschaften an der Heinrich-Heine Universität Düsseldorf. Er ist derzeit Praktikant bei DIE DEUTSCHE BÜHNE und war Mitglied des Ensembles von „Ein Sommernachtstraum“ nach William Shakespeare, das im September 2016 die Bürgerbühne eröffnet hat.