Thema des Monats - Dezember 2019

"Ich will ineffizient bleiben!"

 

Thorleifur Örn Arnarsson, der neue Schauspieldirektor der Berliner Volksbühne, steht für ein totales Theater. Beim Treffen in Berlin sprach DIE DEUTSCHE BÜHNE-Redakteur Andreas Falentin mit ihm über Männerkomplexe, Populisten, Wassergläser und mythisch-antikapitalistische Weltentwürfe auf der Bühne


"Thor" sagt er, streckt die Hand aus und lächelt. Thorleifur Örn Arnarsson, ausgezeichnet mit dem Deutschen Theaterpreis DER FAUST 2018 und seit dieser Spielzeit Schauspieldirektor der Volksbühne Berlin, besteht von Anfang an auf dem „Du". Nachnamen, gar ein „Sie" seien für einen Isländer schwer erträglich. Dafür erklärt er seine Bereitschaft, sich über „alles" zu unterhalten. Und löst das so ziemlich ein in den folgenden 90 Minuten.

 

Wie kommt man beispielsweise in Is- land überhaupt zum Theater? Das ist einfach. Der Vater, Arnar Jónsson, ist ein in Island sehr bekannter Schauspieler, die Mutter, Thorhildur Thorleifsdóttir, ist Regisseurin, Choreographin und war die ers- te Intendantin am Isländischen Stadtthea- ter Reykjavik, seine Schwester Sólveig Arnarsdóttir ist ebenfalls Schauspielerin, zurzeit bei ihrem Bruder an der Volksbühne. „Ich habe auf der Bühne gestanden, seit ich sechs Jahre alt war, regelmäßig bis ins Teenageralter". Erste wegweisende Erfahrung wird „Peer Gynt": „Meine Mutter hat inszeniert, mein Vater hat die Titelrolle gespielt und ich war einer der Trolle. Ich habe meinen Vater jeden Abend auf der Bühne sterben sehen und musste jedes Mal weinen, obwohl ich natürlich wusste, dass wir nach der Vorstellung zusammen nachhause gehen. Als Kind diese Gleich- zeitigkeit von Illusion und Wirklichkeit zu erleben, hat mein Theaterverständnis tief geprägt. Auch deshalb ist mir das Illusionistische am Theater immer ein bisschen fremd geblieben. Meine Inszenierungen sind durchzogen von Brechungen."

 

Foto: Tobias Kruse/OSTKREUZ


Arnarsson macht eine Schauspielausbildung in Rejkjavik, aber „ich wusste ab dem zweiten Ausbildungsjahr, dass ich auf der falschen Seite der Vierten Wand stehe. Ein Schauspieler muss irgendwann loslassen können. Ich habe den Blick von außen nicht mehr abschalten können." Also beginnt er zu inszenieren und studiert Regie an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch" in Berlin. „Meine Schwester hatte ebenfalls dort studiert. Ich habe sie oft besucht. Und sie hat mich hierhergeführt, in die Volksbühne. Mein allererster Theaterabend in Deutschland war ,Murx den Europäer!‘, im Nachhinein der Moment, der alles verändert hat. Hier habe ich eine Freiheit gespürt, einen Geist, eine Offenheit, in der ich mich frei bewegen konnte."


Nach dem Studium inszeniert er nicht nur in Konstanz und St. Gallen, sondern auch in Australien und Finnland und im heimischen Island. Dennoch wird Deutschland der Mittelpunkt seiner Regiearbeit. „Ich brauche diesen Raum zu forschen, den es hier gibt. Und ich wollte, auch als Kind berühmter, kontroverser Eltern, unbedingt die Anonymität des Auslands." Trotzdem verbindet sich die erste große Regieerfahrung mit seinem Vater. Zu dessen 40. Bühnenjubiläum inszeniert er in Rejkjavik einen Monolog mit ihm, für Thorleifur Örn Arnarsson eine „Mas- terclass", nicht nur künstlerisch: „Mein Vater hat sich nie gescheut, sich einem Pro- zess zu stellen. Er hat oft gesagt: Nichts ist so tot wie ein toter Schauspieler."

 

Fast ein Jahrzehnt pendelt Arnarsson zwischen Island und Deutschland. Seit 2017 lebt er in Berlin. „Hier bin ich ein Fremder. Das meine ich nicht negativ. Aber ich schaue eben immer auch von draußen auf die Stadt." Mit ein wenig resigniertem Lächeln spricht er über „deutsches" Kom- munikationsverhalten: „Drei Monate kommt keine Antwort, aber dann soll alles sofort passieren." und gesellschaftliche Härten, die er etwa im Schulsystem sieht. „Hier werden Kinder ständig auf ihre Fehler hin- gewiesen, als würden sie dadurch lernen."

 

Ein Bild zieht sich durch unser Gespräch in der Volksbühne, um die Volks- bühne herum und schließlich in einem geschäftigen Lokal, das Arnarsson als den „üblichen Thai" bezeichnet: ein mit Wasser gefülltes Glas. Wenn man es zu lange stehen lässt, fault das Wasser. Für Thorleifur Örn Arnarsson eine Metapher für unsere aktuellen gesellschaftlichen Zustände. Die will er mit seinem Theater bewusst machen - „Es geht immer um einen Diskurs" - und sieht dafür die Notwendigkeit, auf der Büh- ne eine neue Sprache zu finden, um möglichst viele Menschen erreichen zu können. „Die zentrale Narration ist nicht mehr zeit- gemäß. Ich empfinde die Welt als Spiel mit Stilen und Widersprüchen, das für jeden anders ist. Deshalbist es gerade heute wichtig, die Vielfältigkeit der Blicke an einem Abend zusammenzuführen.", ist eine seiner Thesen. Er belegt sie mit unterschiedlichen Beobachtungen, vom Medienkonsum-Verhalten seiner beiden Söhne (8 und 15 Jahre alt) bis hin zum überall in Europa zu beobachtenden Prosperieren von populistischen Parteien und Organisationen: „Es gibt keinen verbindlichen philosophischen und politischen Bogen mehr. Daher fühlen wir uns unsicher, es entsteht Nostalgie, ein Träumen von einer verbindlichen Tradition. Die Populisten haben keine Lösung, aber sie sprechen bewusst genau diese Sehn- sucht an."

 

Gibt es darüber hinaus zentrale Triebfedern für seine Arbeit? „Theater ist immer auch ein gesellschaftliches Labor. Mir ist wichtig, dass die Persönlichkeit, die Gedan- ken und Ideen von allen Beteiligten in eine Inszenierung hineinfließen. Diese Multiperspektivität, dass da nicht einer im Zent- rum steht und entscheidet, sehe ich auch als Widerstand gegen die patriarchal-hierarchischen Strukturen des Theaters in unserer durchökonomisierten Gesellschaft. Dieser Effizienzgedanke: Jeder Prozess muss optimierbar sein. Deshalb ist der Kapitalismus im Kern ein menschenverachtendes Sys- tem, denn das Menschsein ist ohne das Nichtoptimierte, das Lebendige, das Unbe- rechenbare nicht zu denken. Umso größer dieser Effizienzdruck ist, umso vehementer muss die Kunst dagegen halten. Das heißt praktisch: den Arbeitsprozess öffnen, die Proben so gestalten, dass wirklich ein Raum besteht, gemeinsam neue Gedanken, neue Spielweisen zu entwickeln. Und diese Einstellung muss sich auch in meiner Lebens- haltung spiegeln. Keine Angst davor, nicht akzeptiert zu werden, auch nicht im System Theater, das immer stärker auf das Funktionieren ausgerichtet ist. Ich will ineffizient bleiben, auch wenn das utopisch klingt!"

 

Und inhaltlich? „Ich bin von einer feministischen Mutter aufgezogen worden und habe immer erlebt, wie sie kämpfen musste. Gegen Männer. Diese deformier- ten Männerbilder, die uns alle prägen, sind tödlich. Wir müssen darüber sprechen, was das Patriarchat den Menschen angetan hat, den Frauen, den kolonial ausgebeuteten Menschen. Und den Männern. Wir erleben gerade eine soziale Revolution. Da frage ich mich: Was kann ich dazu beitragen? Als Mann, der versucht, das patriarchale System infragezustellen, interessiere ich mich für einen anderen Blick auf den Kanon und erforsche, welche Mythologien hinter dem Männerkomplex stehen."

 

Auch deshalb zieht es Thorleifur Örn Arnarsson zu großen, mythologischen Stoffen. Wie Shakespeares „Macbeth" in der letzten Spielzeit in Hannover, oder die bereits jetzt fast legendäre „Edda". Die kam, vor zwei Jahren, ebenfalls in Hanno- ver heraus. „Intendant Lars-Ole Walburg hat mir damals viel Probezeit angeboten. So konnte ich offener, langsamer an die Sache herangehen - obwohl ich das auch oft versuche, wenn ich kurze Probenzeit habe.", merkt Arnarsson lächelnd an. Er führt den großen Erfolg seiner Inszenierung, die im Oktober in komplett neuer Besetzung und weiter entwickelter Fas- sung am Burgtheater herauskam, auch auf die großzügigen Produktionsbedingungen zurück.

 

Seit diesem Sommer ist er jetzt Schauspieldirektor an der Volksbühne. Sein ers- ter Leitungsposten, dem er sich, an diesem für ihn besonderen Ort, gerne stellt. „Mir wurden auch Intendanzen angeboten, aber ich hatte immer Angst um den Künstler in mir. Wie kann ich meine Kunst als Intendant vehement vertreten? Habe ich die Kraft für notwendige künstlerische Umstrukturierungen? Einmal, als ich angefragt wurde, habe ich gesagt: Wenn wir über die ganze Spielzeit hinweg eine einzige große Inszenierung machen können mit mehreren Regisseuren, dann mache ich es. Die waren interessiert, aber es war wohl noch ein Schritt zu weit."

 

„Eine Odyssee", sein Start als Regisseur an der Volksbühne, ist ein „echter" Arnarsson geworden, mythisch weit, geistig und sinnlich übervoll und ästhetisch sehr heterogen. „Meine Inszenierungen sind immer dialektisch: „Eine Odyssee" hinterfragt die Kriegsmaschine und die Heldenbilder, die der antike Homer-Mythos an uns weitergibt. Denn erst hinter diesen Bildern werden die Traumata sichtbar - und uns diesen zu stellen, darin liegt eine große Kraft. Im ersten Teil wird der Trojanische Krieg, diese Kriegslust ausgestellt, dieses Abmetzeln, dieses Zermatschen von Menschen. Im zweiten Teil öffnet sich die Welt und du stehst in der Ruine. Wir sehen, wohin diese Gewalt, diese Mordlust geführt hat. Odysseus, der siegreiche Kriegsheld, wird seiner Selbst- bilder entkleidet und auf sich zurückgeworfen. Er hat alle Koordinaten verloren, er ist ein Niemand geworden, keiner will seine Geschichte hören. Erst an diesem Nullpunkt kann er nach Hause zurückkehren." Die Berliner Kritik wollte diesen Abend größtenteils nicht verstehen. Von „Schrumpfung", „Redundanzen", „längli- chen Nacherzählungen" war zu lesen. Worüber Thorleifur Örn Arnarsson, der Journalisten durchaus als Dialogpartner sieht, lächeln kann: „Willkommen in Berlin", übersetzt er die Schelte. Dabei ist ihm die Produktion extrem wichtig. „Ich habe dafür Menschen aus meiner gesamten Lauf- bahn zusammengerufen. Es war eine sehr aufreibende, weite, gemeinsame Reise. Und ein schöner Anfang." Kurze Pause. „Denn ich will in unseren zwei Jahren hier an der Volksbühne ganz grundsätzliche Themen verhandeln, gerade auch mit den mythischen Stoffen. Weil ich den Eindruck habe, unsere gesellschaftlichen Strukturen rutschen uns weg. Und paradoxerweise herrscht zugleich Stillstand. Wenn wir auf das Bild des Wasserglases zurückkommen, könnte man sagen: Wir sitzen im faulen Wasser. Wo kann die Bewegung, das Frische herkommen?" Eine schöne, letzte Frage.

 

Vielleicht doch noch eine allerletzte. Gibt es für Thorleifur Örn Arnarsson ein Leben außerhalb seines totalen Theaters? Was macht er, wenn er frei hat? Nachdenken, leicht melancholisches Lächeln. „Zwischen Theater- und Familienleben ist nicht mehr viel Raum. Manchmal, wenn ich mich ganz zurückziehen will, gehe ich Gewichte heben: Wenn du 100 Kilo auf dem Rücken hast, kannst du nicht mehr nachdenken. Und ich bin in der sozialen Arbeit aktiv" - Arnarsson engagiert sich in therapeutischer Arbeit gegen Alkohol- und Drogenmiss- brauch - „wo du spürst, dass du auf eine andere Weise gebraucht wirst. Und mir ist ganz wichtig, Zeit mit guten Freunden zu verbringen. Meine kommen aus ganz ver- schiedenen Ecken, von links bis konservativ. Der Austausch mit ihnen ist eine große Hilfe gegen die Gefahr, mich nur immer von meiner eigenen Meinung überzeugen zu lassen." Das Wasser bleibt in Bewegung.

 

 

 

 

THORLEIFUR ÖRN ARNARSSON


geboren 1978 in Rejkjavik, wurde für seine Inszenierung der „Edda" 2017 mit dem Deutschen Theaterpreis DER FAUST ausgezeichnet. Seit dieser Spiezeit ist er Schauspieldirektor der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin.


» Schauspielstudium an der Isländischen Kunstakademie
» 2005 bis 2009 Regiestudium an der Hochschule für Schauspiel „Ernst Busch" in Berlin
» Inszenierungen in Deutschland, Skandinavien, Australien und der Schweiz
» 2010/2011 Chefregisseur am Theater Konstanz
» 2014 bis 2016 leitender Regisseur am Staatsttheater Wiesbaden