Thema des Monats - Mai 2020

"Zur Zeit putze ich und tippe Adressen"

 

Regisseurin Mareike Fiege erzählt, wie es ihr in Zeiten von Corona geht. Wie geht man damit um, dass nun das halbe Leben, die Kunst, ins Netz verlegt wird. Möchte man das? Und was macht das mit einem selbst?

 

Von Mareike Fiege

 

Die Autorin Mely Kyiak schrieb am 24.3.2020 in ihrer Theater Kolumne: „Auch wenn die Welt untergeht, ein Maler malt weiter. Ein Autor schreibt weiter. Ein Denker denkt, ein Dichter dichtet, ein Musiker musiziert und ein Träumer träumt weiter. So kam es immer, so geht es weiter."


Ich frage mich, was machen Regisseur*innen zur Zeit? Was Regieassistent*innen? Seit fünf Jahren arbeite ich in beiden Funktionen in der freien Theaterszene. Vor Co-vid-19 wollte ich beruflich den Standort wechseln und arbeitete als Assistentin an ei-nem Stadttheater. Kurz vor der Premiere kam Corona und damit die Absage.

 

Ein Zimmer für sich allein; Foto: Mareike Fiege


Meine erste Reaktion: leichte Panik. Es ist urlang her, dass ich keine anstehenden Proben und Premieren hatte. Für mich hatte meine Arbeit immer etwas von einem Ballspiel, bei dem es gilt, denn Ball in der Luft zu halten. Den Ball fallen lassen? Kommt vor. Dass das Spiel einfach nicht stattfinden könnte, war jedoch keine Option. Fast nie hatte ich erlebt, dass eine Premiere abgesagt wurde, geschweige denn ei-nen Stopp in den Endproben. Nun ist der Ball konfisziert, der Platz abgesperrt, alle nach Hause. Ich erkenne das Privileg, selten vor den verschlossenen Türen eines Theaters zu stehen - höchstens nachts und selbst da lassen sich Lösungen finden. Trotz erster Prognosen, kann niemand so genau wissen, wann der Dornröschen-schlaf der Theaterszene vorbei sein wird.


Der Shutdown trifft alle, auch die, die zunächst keine finanziellen Verluste zu ver-zeichnen haben. Ein junges Theaterensemble, mit dem ich häufig kooperiere, befand sich ebenfalls kurz vor einer Premiere. Die Fassungslosigkeit war, angesichts eines Jahres harter Proben, deutlich zu spüren. Das geballte Adrenalin verpuffte, das Fie-bern hin zur Premiere fand ein jähes Ende. Irgendwie brutal. Zeitgleich wurde auch das Stück, für das ich am Stadttheater gearbeitet hatte, pausiert. Das ist mittlerweile über einen Monat her. Ich bin immer noch traurig, fast mehr als am Anfang, als alles noch so unwirklich gewirkt hat.


Deshalb fiel es mir zunächst schwer damit umzugehen, dass in den ersten Tagen nach dem Shutdown bereits Content verlangt wurde, digital, online. Ich wurde ge-fragt, ob ich Ideen ich hätte, um Überbrückungsstrategien zu entwerfen. Aber die veränderte Welt außerhalb des Theaters zu begreifen gelang mir erstmal nicht, da-her hatte ich nichts, was ich ihr anbieten sollte. Ich trauerte erstmal, um die Dinge die gerade nicht stattfanden, die sich verloren anfühlten. Zunächst habe ich meine Liste mit Dingen ausgekramt, mit denen ich mich immer beschäftigen wollte. Sie ist lang, voll mit Texten und Stücken, womit die erste Aufgabe gefunden war: Homeschooling Theatertheorie und Recherche.


Mittlerweile springe ich munter durch die Theatergeschichte und durch das aktuelle Angebot. Dabei fehlt mir die Ruhe, mich auf eine Sache zu konzentrieren. Ich will nicht den Anschluss verpassen, auch wenn ich gar nicht so recht sagen kann, was mich von meinen Büchern oder dem Online-Angebot jetzt am meisten interessiert. Ein ähnliches Gefühl stellt sich bei mir ein wie im All-you-can-eat Restaurant. All-you-can-consume-art. Selten hört man auf bevor einem schlecht ist.


Ich durchstreife das Netz und versuche mich auf dem Laufenden zu halten, lese Ko-lumnen, Artikel, Instagram-Bildunterschriften (Frage an die Germanistin in mir: Was ist das für eine Textsorte?), höre Podcasts, schaue Videos, Dokumentationen, so viel ich kann. Ich streame natürlich: Archiv, Archiv, Archiv.


Ich merke, dass ich eigentlich im Moment gar nicht so viel konsumieren kann oder will. Ich bin erstaunt gewesen, dass der mediale Reflex und die damit eintretende Über- oder Unterforderung für die Zuschauenden oder Theater-Schaffenden, für mein Gefühl zunächst nicht reflektiert wird. Katja Grawinkel-Claasen kommentiert schließlich: „Hier bricht sich der Rechtfertigungsdruck Bahnen, den öffentliche Institu-tionen in der neoliberalen Kultur längst vor Corona verinnerlicht haben." (nachtkritik.de, 30. März 2020)

Wie geht es weiter?; Foto: Mareike Fiege


In gewisser Weise offenbart sich im digitalen Angebot also eine Medienlogik, die auch das Theater vor sich herzutreiben scheint. Es kann aber nicht per se darum ge-hen, ein unter Produktionsdruck leidendes Theater digital am Laufen zu halten. Denn, was für eine Zeit und was für einen Abstand braucht man eigentlich, um entscheiden zu können, wie es vernünftigerweise weitergehen kann und was eine Gesellschaft von seinen Theatern braucht? Ergibt sich schon aus der reinen Sichtbarkeit ein Mehrwert? Natürlich geht es darum, auch in schwierigen Zeiten zu bieten, zu zeigen, dass das Theater präsent ist, aber was? Die Antworten darauf lassen sich für mich nur schwer finden. Es erscheint mir an manchen Stellen fast geschmacklos, für naht-lose Unterhaltung zu sorgen, während man auf eine Katastrophe wartet, die vieler-orts schon im Gange ist.


„Ich habe auch den Wunsch gerade irgendwo stattzufinden im Internet", sagte eine Freundin am Telefon. Stimmt, habe ich auch. Ich habe allerdings keine Erfahrung damit und deswegen einen viel zu großen Respekt vor dem Narrativ, die ich da zu-sammenstricken würde, wenn ich einfach anfange Bilder von mir in die Welt zu setz-ten. Dafür muss ich das Ausbleiben von Reaktionen auf mich oder meine Arbeit eine Weile in Kauf nehmen. Im Digitalen zu erzählen bedeutet etwas anderes, als mir Formate für den Bühnenraum auszudenken. Es bemüht andere Diskurse, andere Bilder, fordert andere Rahmenbedingungen.


Darüber hinaus ist es für mich zur Zeit am spannendsten, zum einen die aktuellen Diskussionen über die Entwicklung neuer Formate zu verfolgen, zum anderen die Auseinandersetzungen zur aktuellen Arbeitslage und über Produktionsbedingungen, zum Beispiel die rund um die freie Theaterszene. In einem offenen Brief frei produ-zierender Künstler*innen an die Bundesregierung und die Beauftragte für Kultur und Medien heißt es: „In vielen Fällen ist eine prekäre Lebens- und Arbeitssituation in diesem Berufsfeld Alltag, ein Alltag, der es kaum erlaubt, Rücklagen für Ausfälle zu bilden, schon gar nicht für längerfristige oder gar ungewisse Zeiträume, wie sie im Moment zur Diskussion stehen." Der Brief wurde nach Ausschöpfung der Mittel ver-schiedener Soforthilfeprogramme veröffentlicht und fordert auf, weitere Mittel bereit zu stellen. Ich frage mich, welches der freien Kollektive, auch von denen die ich ken-ne, die Krise nicht überstehen wird. Ich kann mir keinen Begriff davon machen, was das heißt. Es muss ein Konzept her, das insgesamt andere Sicherungen für die freie Theaterszene bietet und damit Möglichkeiten, ohne Druck und Existenzangst zu ar-beiten, auch in Krisenzeiten.


Wie geht es weiter für mich als Regisseurin? Soll ich mich auf die Gegenwart kon-zentrieren oder die Zukunft immer wieder neu entwerfen? Langsam Ideen für Thea-terprojekte zu entwickeln, dafür zu lesen, zu schreiben, zu beobachten und das Re-gie führen unter veränderten Umständen neu zu entdecken ist mein momentaner Versuchsentwurf. So geht es weiter. Bald findet auch eine meine erste Probe mit ei-nem Ensemble online statt. Vielleicht bleibt mir aber zum Geld verdienen nichts an-deres übrig, als eine Zeit lang woanders zu arbeiten. Vielleicht im Supermarkt. Zur Zeit putze ich und tippe Adressen.

 

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Mareike Fiege studiert Germanistik und Philosophie an der WWU Münster und arbei-tet dort für die freie Theaterszene. Sie assistiert unter anderem dem Tanztheateren-semble bodytalk, entwickelt und inszeniert sowohl für Cactus Junges Theater, als auch Eigenarbeiten mit ihrem Laben fiege_mletzko in Kooperation mit dem Theater im Pumpenhaus. Zuletzt assistierte sie am Schauspiel Dortmund.