Thema des Monats - Januar 2021

Abgemagert, skelettiert, spannend

 

Das Dresdner Festival für junge Regie aus Europa „Fast Forward“ musste kurzfristig ins Netz verschoben werden. Vor allem zwei Produktionen zeigten, dass Theater im Netz spannend und zeitgemäß sein kann


Von Jens Fischer


Foto: Screenshot von der Homepage des Theaters

Foto: Screenshot von der Homepage des Theaters 

 

Mit was für einer fulminanten Produktion startet das Regienachwuchsfestivals Fast Forward! Die alten Leiden einer neuen Jeanne d'Arc inszeniert Marion Siéfert, in- dem sie einen Blick zurück wirft in die eigene Jugend – streng katholisches Elternhaus nahe Orléans – und schonungslos die Auseinandersetzung einer 16-Jährigen mit sich selbst ins Bild rückt, die sich hässlich, allein und unverstanden fühlt bei ihrer Identitäts-suche. Dieser Jeanne des Stücks wird statt der Liebe zu Jungs die zu Gott gepredigt. Aber ihre vermaledeite Jungfräulichkeit erträgt die Jugendliche kaum noch, seit sie dafür gemobbt wird: „Deine Pussy riecht nach Friedhof.“ 

 

Eines Tages, plötzlich mal allein zu Haus, schnappt sie ihr Smartphone, loggt sich bei Instagram als „_jeanne_dark_“ ein und entkorkt all die aufgestauten Gedanken, unbändigen Wünsche und tobenden Phantasien. Helena de Laurens schmeißt  sich in die Rolle, als gäbe es kein Morgen und tanzt in einem laborweißen Bühnen- raum live mit der Handykamera, ihrem Spiegel, Partner, Tagebuch, Anflirtobjekt sowie Forum der Entblößung und Maskierung. Es ist wie bei Katie Mitchell: Das Publikum im Theater schaut in Echtzeit beim Dreh eines Films zu und bestaunt das sofort projizierte Ergebnis. Hinzu kommt in diesem Fall die Hybridisierung von Theater und sozialen Medien, da es auch ein Instagram-Publikum außerhalb des Parketts gibt, das mit den üblichen Hass- und Zuneigungs-Postings, Emojis und sprudelnden Herzchen das Geschehen kommentiert. Aufgrund des Corona-Lockdowns konnte die Show nicht wie geplant live aus Frank- reich gestreamt, nur ein vorab aufgenommenes Handyvideo gezeigt werden, ergänzt um Fotos der physischen Aufführung.

 

Jeanne kommt darin ganz, ganz lang- sam aus ihrer Verklemmung und Schüchternheit ins rasende Reden und lässt die Hauptdarsteller ihrer kleinen Welt lebendig werden als grotesk grimassierte Fratzen. Anders will sie sein, nämlich „hot“. Inszeniert sich also als Bunny-Häschen, redet über Schamlippen und übt aufreizendes Getue für ihre Follower. Jeanne erlebt und verwirrt sich dabei selbst, sucht und erfindet sich immer wieder neu in den Metamorphosen. Bis Mama an die Tür klopft und eine Performance beendet, die andeutet, was das für eine eindrückliche zehnte Festivalausgabe hätte werden können, wenn sie nicht durch Corona und die folgende Kulturpolitik auf Diät gesetzt worden wäre.

 

Erst wurde Fast Forward hygienisch und mit Abstand für Dresdner Bühnen geplant; mit dem Lockdown waren dann – wie überall – keinerlei Zuschauer mehr zugelassen, alle Fachbesucher der begleiten- den Tagung des European Theatre Forum und die Anreise von Theaterleuten zum internationalen Austausch unerwünscht. Nur das Rahmenprogramm im Internet durfte statt- finden. On top mussten zwei Techniker des ausrichtenden Staatsschauspiels in Quarantäne geschickt werden, woraufhin die auf eine Konferenzplattform verlegten Gespräche und Diskussionen nicht mehr direkt zu verfolgen waren. Bild-, Ton- und Internetprobleme zogen sich durch die vier Veranstaltungstage. Es ist daher aller Hochachtung wert, wie das zuerst abgemagerte, schließlich geradezu skelettierte Programm trotzhumorig online ging. Es beschränkte sich täglich auf einen schlichten Audiotrack am Morgen, der Lesung Stanislaw Lems „Golem XIV", gefolgt von vorproduzierten Interviews mit Theatermachern, einer abendlichen Deutschlandpremiere und an- schließendem DJ-Set.

 

Passend zur pandemischen Selbstisolationszeit versuchte Barbara Luchner, Studentin der Angewandten Theaterwissenschaft in Gießen, zur 30-jährigen Städtepartnerschaft Dresden-Straßburg einige Bürger der Orte zu Wort kommen und einander auf der Festival-Website begegnen zu lassen. Aber die dort neben- und nacheinander aufblitzenden Videos sind derart fragmentierte Kürzest-Spots, dass kein Gedanke mal ausformuliert, inhaltlich wenig vermittelt wird. Die Stimmen kommen aus dem Off, ratlos stumm in die Kamera blicken derweil die Sprechenden, was von einer rhythmisch blinkenden Lampeninstallation begleitet wird. Wirkt kunstvoll, ist leblos. Inwieweit es sich dabei um ein Theaterprojekt handelt, bleibt diskussionswürdig.

 

Vollends ins Leere läuft die Frage bei „The Last Vinnetou“. Anna Klimešová und Petr Erbes berichten über die Karl-May-Fest- tage in Radebeul. Mitverantwortlichen so- wie Fans des Schriftstellers wurden ein paar Fragen gestellt, vor allem aber Hobby-Wild- Westler interviewt, die sich in ihrer Freizeit zum Indianer-und-Cowboy-Spielen in entsprechender Verkleidung treffen, auch Zugüberfälle für Touristen inszenieren, Lasso- Wettbewerbe veranstalten oder Tipis mit Tomahawk, Messer und Kriegsbemalung gegen Neonazis verteidigen. Leider hat das tschechische Künstlerduo nur ein Mikro, keine Kamera dabei. So flackert zu den auf- genommenen Monologen lediglich ein Lagerfeuer auf dem Bildschirm. Als Radiofeature angekündigt fehlt dem Hörstück der Wechsel von O-Tönen zu Hintergrundinformationen, Analysen, Kommentaren und szenischen Beschreibungen. Journalistisch ist der Beitrag eher mau, künstlerisch vermag er nicht zu punkten.

 

Ein überzeugendes Theater-Statement präsentiert schließlich der polnische Theaterregiestudent Grzegorz Jaremko mit seiner Adaption des Büchnerschen „Woyzeck“, zu erleben als Mitschnitt der 2019er- Premiere am TR Warszawa. Was Woyzeck zum verunsicherten Außenseiter macht, ist dort nicht mehr der verzweifelte Kampf eines einfachen Soldaten gegen prekäre Lebensbedingungen, sondern die jugendliche Suche nach sexueller Orientierung. Die an Büchners Personal angelegten Figuren rebellieren mit dem Protagonisten in einer punkrockigen Schülerband. Alle repräsentieren unterschiedliche Männlichkeitskonzepte, während Marie, Woyzecks Freundin, zur Mutter umgedeutet ist, die liebevoll bis rücksichtlos Besitz er- greift von ihrem Sohn. Am Ende steht kein Mord aus Verzweiflung, sondern der Mut zur Selbstbestimmung. Woyzeck möchte als Mann nicht hart, etwas luftig, durchaus feurig, vor allem aber flüssig wie Wasser sein. Die Überschreibung der Büchnerszenen zu einem Drama adoleszierender Jungs funktioniert bestens.

 

Aus der Not Heranwachsender mit der Kraft der Pubertät eine befreiende Bühnenperformance zu entwickeln, das eint Grzegorz Jaremko und Marion Siéfert. Ihre Arbeit ist formal, seine Regie inhaltlich interessanter. Allein für diese Entdeckungen hat sich das in den virtuellen Raum abgeschobene, miniaturisierte Festival gelohnt

 

Der Artikel erschien im Januar-Heft des Theatermaginzins Die Deutsche Bühne