Thema des Monats - Oktober 2012

Über Langeweile, Kunst und Gummischlümpfe

Das Theater an der Parkaue Berlin als Ausgangspunkt für Überlegungen zum  Kinder- und Jugendtheater.

 

Von Bianca Praetorius
 

Kinder- und Jugendtheater heißt Stücke für Jugendliche und Kinder. Glaube ich. Was könnte es denn genau bedeuten? Stücke über Pubertät? Inszenierungen mit jugendlichen Spielern? Kostümierungen mit jugendkulturellem Referenzsystem? Justin Bieber-Frisur und Panda-Maske? Oder Pathos-Schauspiel mit großen Augen, hohen Augenbrauen, vielen Ohhs und Aaahs und beat-lastiger Musik? Oder Originaltext mit eingestreuten versauten Witzen?


Ich weiß es nicht. Aber vielleicht weiß es das größte staatliche Theater für Kinder und Jugendliche Deutschlands. Das „Theater an der Parkaue“ in Berlin Lichtenberg. Das ist ehemaliger Osten, aber das ist hier jetzt mal nicht wichtig. Und die Parkaue ‒ guess what – ist ein Park.

 

Theaterkasse, Foto: Bianca Praetorius


Sowieso ist das Haus ziemlich schön anzusehen, zu betreten und zu umlaufen. Ein Haus mit drei Bühnen im Theatertheater- und Kronleuchter-Charme, stilistisch gebrochen mit Lounge-Möbeln im Skandinavien-Style. Die Frühherbstsonne fängt sich in den Baumwipfeln der Parkaue und streichelt mir morgens um halb zehn die Nase. Alles ziemlich schön.


Der Spielplan ist täglich vollgepackt bis oben hin. In der Spielzeit 2012/2013 laufen über 40 verschiedene Produktionen, über zehn Premieren. Regie führen hauseigene Regisseure, aber auch vermehrt Teams aus der Off-Szene. Es ist ein buntes, vielfältiges Programm. Neun Produktionen habe ich mir im September angesehen. Das ist also nur ein Bruchteil von dem, was das Haus zu bieten hat. Soviel vorweg.


Zehn vor Zehn, es ist rappelvoll, immer ausverkauft und manchmal sogar überbucht wie ein Flug nach New York. Die Eingangshalle unterliegt dem freundlichen Kommando einer schwarz beshirteten Einlass-Management-Mannschaft. Mit Headsets und Programmheftflyern bewaffnet wuseln sie durch die Gegend und geben, wie der Gummibären-Geheimdienst, akkurate Durchsagen aneinander. Über mehrere Stockwerke verteilt takten sie die Einlassprozedur minutengenau, denn um 10 Uhr fangen parallel zwei Stücke an. Um mich herum stehen Trauben von Schulkassen aus Berlin, Brandenburg oder auf Klassenfahrt aus Bayern.


09.55 Uhr, An der Kasse klingelt das Telefon. Eine Lehrerin und ihre Klasse werden zu spät kommen: S-Bahn-Chaos in Berlin. Schneller Blickwechsel der Gummibärenbande und der Kasse, zwei Krrr-Krrr-Roger-Roger-over ins Headset, einen freundlichen Augenaufschlag in Richtung der Kassendame: „Kein Problem. Wir warten.“


Das Warten gibt mir noch fünf Minuten, meine sonnenbestrahlte Nase tiefer in die Eingangshalle und die Schülertrauben zu stecken und entdecke auch sofort mein neues Lieblingsgadget: An jedem Theater dieses Landes gibt es im Performancevorzimmer Sekt, Orangensaft und Brezeln.


Das es hier keinen Sekt gibt, ist vielleicht noch mit dem Umstand zu erklären, dass hier kaum wer volljährig ist. Aber an sich denke ich mir zum ersten Mal: Wer zum Teufel hat sich für den Theaterbesuch eigentlich Brezeln, Sekt und O-Saft ausgedacht?? Ist das denn eine so unschlagbare kulinarisch raffinierte Kombination, dass es nichts Besseres gibt? Oder gibt es eine Theater-Brezel-Mafia?

 

Zuckerfest, Foto: B. Praetorius


Hier jedenfalls konnte die Brezelmafia kein Schutzgeld eintreiben, denn es gibt: Gummitiere!! Schaumerdbeeren, Schnüre (in vier verschiedenen Farben!) und Riesenschlümpfe. So viel Zuckerspaß am Morgen, da kann ja jetzt nicht mehr wirklich viel schief gehen.


Ich sehe mir heute „Aus dem Leben eines Taugenichts“ an. Ein Stück für 15plus -Jährige. Das Programmheft verspricht viel Wichtiges: Was ist der Wert von Arbeit? Wie verändert sich „Sinnstiftung durch Arbeit“ in einer Welt, in der es das Wort „Vollbeschäftigung“ nur in wenigen Sprachen gibt und sowieso eher zum Vokabular der Vergangenheit gehört? Was bin ich, wenn ich nicht arbeite? Ein wichtiges Thema, was ich gerne verhandelt gesehen hätte, als ich 15plus gewesen bin.


Hätte ich das Programmheft allerdings nicht gelesen, ich hätte wahrscheinlich gar nicht gemerkt welche Fragen hier offenbar verhandelt werden. Stattdessen: Die Schauspieler sind als Emos geschminkt und verkleidet. Irgendwo zwischen David Bowie und Tokio Hotel. Außerdem werden mir visuell Transgender-Fragen auf den Tisch gelegt. Auch wichtig, very much sogar, aber ich suche noch nach der Einlösung des Programmflyer-Versprechens.


Vergeblich. Stattdessen gibt es den Originaltext mit Haarspray und Jokes, die für 15plus immer funktionieren. Und ich frage mich kurz, ob die Riesenschlümpfe Bestechung gewesen sind, um zu vertuschen, dass es sich um aufgestylten live-Deutsch-Unterricht handelt? Im Gegensatz zu den Jugendlichen um mich herum habe ich das Buch nicht gelesen. Und bin damit klar im Nachteil, denn die Inszenierung muss also von selbst mit mir sprechen. Wir reden allerdings aneinander vorbei. Ich und die Inszenierung. Und ich komm mir dumm vor.

 

"Aus dem Leben eines Taugenichts", Foto: Christian Brachwitz


Nach der Vorstellung schleiche ich mich in die Mädchentoilette, wo klassisch unter Tauschhandel von Lippenstift und Tampons die Lage des Moments besprochen wird. Dieser Besuch wird mein Ritual für die nächsten Wochen, in denen ich mir Vorstellungen am Haus ansehe. Wer die Wahrheit sucht, findet sie auf der Mädchentoilette. Immer. Das verrate ich an diese Stelle mal. Das kann man auch auf alle anderen Lebensbereiche übertragen, selbstverständlich. Ich würde es gern aufnehmen, aber dann trau ich mich nicht und dafür ist es schon zu lange egal, ob Lichtenberg im Osten Berlins liegt. Ich entscheide mich also, die Schülerinnen konkret zu fragen und übertreibe mein Unverständnis ein wenig, um ihnen nicht das Gefühl zu geben, dies sei ein lehrermäßiges Abfragen. Ich frage also: „Oh Mann, habt ihr das verstanden? Mann, ich hab echt nichts verstanden, könnt ihr mir die Geschichte vielleicht mal erklären“?


Stille. Oh-oh. Ich frage mich kurz, ob das nicht automatisch und immer zwingend nach hinten los geht: Mit Jugendlichen in Kontakt zu treten, indem man versucht, dabei ihren Ton anzunehmen. Und ob ich das nicht gerade selbst miterlebt habe, wie sehr das nach hinten losgehen kann. Die Emos von Eichendorff. Nach einem kurzen Anflug von Erschrockenheit erklären sie mir allerdings die Geschichte. Denn die haben sie gelesen. Eines der Mädchen verrät mir aber im Vertrauen, „dass das Stück nichts mit dem auf der Bühne zu tun hatte. Außerdem hätten sie die Kostüme einfach dazu erfunden, die gibt es gar nicht im Buch. Und dass sie das einfach dazu machen, versichert sie mir, finde sie voll blöd.


Oh-oh, läutet es in mir: „Einfach dazu machen ist voll blöd??“


Sind wir da etwa in der Mädchentoilette mitten in einer dieser Theater-Verständnis-Gretchen-Fragen? Oh. I think we are!


Ich verrate ihr lieber nicht, dass ich mir ja gewünscht hätte, sie hätten einfach alles nur dazu erfunden und dafür den blöden, alten Text weg gelassen. Dann hätte ich es vielleicht auch verstanden.


Eines der fertig geschminkten Mädchen sagt mir schließlich in einem mütterlich beruhigenden Ton, es wäre gar nicht möglich eine Inszenierung zu verstehen, wenn man das Buch nicht kennt. „Und ganz ehrlich“ sagt sie „das Buch ist jetzt auch nicht so toll. Und ich solle mir keine Vorwürfe machen.“


Puh. Ich bin beruhigt.


Es gibt erfreulicherweise viel pädagogische Betreuungsarbeit und Gemeinsam-drüber Reden-Angebote im Theater an der Parkaue. Ich frage die Mädchen noch, ob sie sich denn trauen würden diese Kritik bei einem Publikumsgespräch zu äußern, denn es sei für ein Haus ja unglaublich wichtig, dass es auch ankommt, was da gespielt wird. „Nee. Meine Deutschlehrerin sitzt ja dabei. Ich bin ja nicht doof.“


Das versteh ich natürlich. Vielleicht sind wir da beim Problem.


Das Haus ist voll, jeden Tag. Aber, die jugendlichen MÜSSEN dahin kommen. Entweder sehen sie ein Stück aus dem Deutsch GK/LK. Oder die LehrerInnen finden einfach, man sollte wirklich mal öfter ins Theater gehen. Und ich behaupte: Genau diese Haltung entwickelt sich dann auch. „Man sollte mal ins Theater gehen.“

 

Thaterlounge, Foto: B. Praetorius


Egal, wen ich abseits der Theaterlandschaft frage, ob Er/Sie denn in Theater gehe, höre ich: “Nee leider nicht so oft, aber sollte ich mal wieder, auf jeden Fall!“


Ist Theater Fitnessstudio? Ich sollte mal mehr Sport machen. Und meine Oma sollte ich auch öfter anrufen, wirklich. Auf jeden Fall.


Aber diese Haltung systematisch züchten? Oh-oh. Weiß ich nicht. Danach sind dann ganze Berufsgruppen ein Leben lang damit beschäftigt, dieses Verhältnis zu „Theater und Kulturkonsum“ wieder zurecht zu rücken. Vom obligatorischen Fitnessstudiobesuch zum Lustkauf. Eine schwierige Angelegenheit.


Was ist für den Fall eines Kinder und Jugendtheaters aber dann die Alternative? Die Lehrpläne der Schulen schreiben Theaterstücke vor. Theaterstücke wurden mal geschrieben, um gespielt zu werden. Klar: Also sehen wir uns die Theaterstücke doch im Theater an. Ist irgendwie schwer das unlogisch zu finden. Wenn da eine abitursrelevante Klausur drüber geschrieben wird, hilft mir das doch, das Stück auch gesehen zu haben.


Aber hilft es auch dem Theater das anzubieten? Ein durchaus bemerkbarer Teil der Schüler lesen die Stücke nur halb und hoffen dann, nach dem Theaterbesuch auf den Effekt: „Ich habs zwar nicht gelesen, aber den Film geguckt.“


Ja... und dann erfinden diese Typen vom Theater aber einfach was dazu! Und machen ein paar versaute Witze und man weiß gar nicht genau, ob das jetzt klausurrelevant ist oder nicht.


Kann ich verstehen, das ist voll doof.


Später wird mir eine junge Dramaturgin sagen, „dass Sie es wichtig und mutig findet da einfach mal zwei Stunden Theater hin zu knallen. Dass man sich da dann auch erstmal drauf einlassen muss. Und dass das zum Erlebnis dazu gehört, so lange bei einer Sache bleiben zu müssen. Weil das eben live ist und kein Computer.“


Und ich weiß nicht so recht und erzähle ihr lieber nicht, wie oft ich während der Vorstellung mein Handy gezückt habe, und sogar ein Lehrer hinter mir erbost gegen meinen Stuhl klopfte, bis er merkte, dass ich keine von seinen Schülern bin, und sich entschuldigte. Puh. Da hätten die Mädels auf der Toilette vorhin doch eigentlich gar nicht den Erwachsenen-Schreck vor mir bekommen müssen! Hoffentlich lesen sie diesen Text. Aber meine Hoffnung darüber hält sich eher in Grenzen. Denn auch diese Webseite ist ein freiwilliger Theaterkultur-Konsumier-Moment. Und der ist, wie ich gerade lerne, schwierig zu vermitteln.


Die wirklich bezaubernd freundlichen Mitarbeiter des Theaters an der Parkaue erklären mir auch, dass das selbstverständlich eine Entscheidung ist, das so zu machen. Man wolle hier ganz entschieden Kunst machen und kein pädagogische Arbeit.


Oh. Ok. Ich bin mir nicht sicher, wo der Unterschied liegt. Aber ich trau mich nicht, nachzufragen. Ich sollte mich öfter und länger auf Mädchen Toiletten aufhalten. Da lernt man so was.


Also, wo liegt der Unterschied? Theater ist: Man soll sich Themen des Lebens über die Möglichkeiten von Bühne nähern, reflektieren, erleben. Irgendwie so.

 

"Der Sandmann", Foto: C. Brachwitz


E.T.A Hoffmanns „Der Sandmann“ und „Das Fräulein von Scuderi“ sind zwei Stücke des Lehrplans, die im großen Saal gespielt werden. Ich sehe einen Saal mit 350 Jugendlichen die Mühe haben, nicht einzuschlafen. Der Schulalltag ist lang, es ist abends, es ist dunkel, gemütlich und langweilig. Was tun? Manche halten tapfer durch. Manche schalten ihren Smartphone-Bildschirm auf die niedrigste Lichtstärke, so dass es von weitem niemandem auffällt, dass sie gerade „Angry Birds“ spielen. Manche sehen aber auch von Minute eins an sehr interessiert zu und haben ihr Handy ausgeschaltet, wie es die Ansage zu Beginn jeden Stücks verlangt: „Schalten Sie nun ihr Handy aus. Ganz aus, bitte.“


Allerdings, so sehr ich mit dem Programm für Lehrplan-Theater zu kämpfen hatte: Das Theater an der Parkaue beherbergt wahre Schätze. „Bettina bummelt“. Und „Der Fischer und seine Frau“. Beide sind ein Fest. Ein verspielter Blick aufs Leben und die Dinge die im Leben so passieren. Auffällig für mich, und gleich wieder ein Grund in die selbstgebastelte Schuldschlucht der „Mär vom angemessenem Kulturkonsum“ zu fallen: Beides sind Stücke für ca. 6-Jährige. Warum gefallen die mir so gut? Bin ich doch doof? Oh-oh.

"Der Fischer und seine Frau", Foto: C. Brachwitz


In „Der Fischer und seine Frau“, das ganz entschieden den Untertitel „ein Mitmachtheater“ trägt, kann man sich gar nicht entziehen oder Angry Birds spielen. Man lebt in der (realen!) Gefahr zum Mitmachen aufgefordert zu werden. Man wird Sachen gefragt, man muss einen Wachhund oder ein Gemüse spielen. Man wird nicht in Ruhe gelassen, auf die charmanteste Weise, in der das überhaupt möglich ist. Ich hätte gar keine Chance gehabt, weg zu pennen. Ob aus Lust oder Angst ist fast egal. Nichts ist aufreibender für einen Jungendlichen als vor seinen versammelten Klassenkameraden angesprochen zu werden. Oder nichts ist cooler. Oder peinlicher. Kommt ganz auf die Tagesform der Gruppendynamik an. Denn auch das werde ich aus den letzten Wochen als gelernt mitgenommen haben: Wie ein Stück aufgenommen wird, is all about Gruppendynamik.


Kleiner Exkurs zu Gruppendynamik: Bei einer Vorstellung von „Kleider machen Leute“ saß ich neben einem sehr, sehr entspannten 15-Jährigen mit Kapuzenpulli mit aufgesetzter Kapuze. Um ihn herum saßen seine Klassenkameraden. Er kommentierte die Aktionen des Schauspielers während der gesamten Vorstellung immer mit einem uncharmanten „Neeeein“ sowie verschiedenen Nuancen von entnervtem Stöhnen. Genauso leise, dass der Schauspieler auf der Bühne nicht wirklich drauf hätte eingehen können. Aber laut genug, um seinen nicht ganz so entspannten Mitschülern zu suggerieren wie sie das Stück finden sollten. Es regte sich ein gewisser Unmut gegenüber dem Bühnengeschehen aus seinem näheren Sitzumfeld. Als ich ihn nach der Vorstellung fragte, ob er es denn wirklich so schlecht fand, war auch er plötzlich sehr höflich und leise und sagte, er fand es eigentlich ganz okay. In dem Moment wird mir klar, dass es bei einem Schulausflug ins Theater auch ganz oft als allerletztes um das Theaterstück selbst geht. Guess what: Gruppendynamik.

 

Gruppendynamik im Zuschauerraum, Foto: B. Praetorius


Zurück zu „Der Fischer und seine Frau“: Egal wie man eingebunden wird, ob als Prinzessinnenbohne oder ob kommentiert wird, wenn man hustet. Wir stehen plötzlich in Kommunikation. Und sobald wir in Kommunikation sind, gibt es keine Langeweile. Langeweile entsteht nur, wenn man Nicht-Teil ist.


Ich bin mir nicht sicher, ob diese Kommunikation von allen Schauspielern gewollt wäre. Ich hätte ein bisschen Angst. Wegen der Dynamik, die in Gruppendynamik so drin steckt. Und der Auslieferung in der man sich automatisch befindet, wenn man eben nicht im dunklen, gemütlichen Saal sitzt, sondern auf der hellen, beleuchteten Riesenbühne.


Noch eine Auffälligkeit, die mich über die Heranzüchtung von Kulturmechanismen nachdenken lässt. Bei jedem Schlussapplaus sind die Schüler leicht genervt von dem ständigen Wiederkommen der Schauspieler. Eine Theatertradition die mich zu Beginn meiner Theater-guck-Karriere auch mal genervt hatte. Ich habe mich damals immer gefragt, warum diese Leute denn mein Wohlgefallen so kurz vor Schluss immer wieder kaputt machen, indem sie sich so peinlich oft beklatschen lassen? Inzwischen gehöre ich zu denen, die sich freuen, wenn es zwanzig Applausrunden gibt und ich mich noch mehr und noch mehr bedanken kann und allen zeigen, wie toll ich es fand.


Ist das vielleicht, was Kultur ist? Dass es einen schleichend verändert?


Während der Pause von „Das Fräulein von Scuderi“ habe ich erneut versucht aus einer Gruppe von fünf ca. 15-jährigen jungen Männern ihre ehrliche Meinung herauszukitzeln, indem ich vortäuschte, etwas weniger verstanden zu haben, als ich tatsächlich hatte. Vier der fünf Jungs schnaufen erleichtert auf und teilen mir offenherzig mit, wie genervt sie seien von den kreischenden, verkleideten Leuten auf der Bühne und bildeten mit mir zusammen für einige Sekunden eine kleine Lästerfront. Einer von ihnen allerdings hatte ein Sakko an und benutzte weniger Schimpfworte als ich, was mir dann fast etwas unangenehm war. Er sagte mir, er fände die Inszenierung sehr gelungen, allerdings sei er sonst mehr ein Fan von Klassikern wie der Zauberflöte. Und ich solle doch vielleicht einfach mal öfter ins Theater gehen.

 

"Das Fräulein von Scuderi", Foto: C. Brachwitz


Ui, hoppla. Ok. Mach ich.


Ab wann merkt man es nicht mehr? Warum das Sakko? Ab wann ist es gelernte Etikette, ab wann persönlicher Geschmack? Was ist der Unterschied? Was die raunenden, kopfhörertragenden Klassenkameraden doof finden, findet manch einer vielleicht genau deswegen gut. Man trägt schließlich nicht ohne Grund Sakko. Ich glaube das Sakko ist nichts anderes als der Kapuzenpulli, nur von der anderen Seite. Aber vielleicht sieht das auch nur für mich so aus. Weil ich eben eine andere Etikette trage und mir deswegen seine so sichtbar erscheint.


Die Frage die sich für mich stellt ist: Wann hört Kindertheater auf, Theater zu sein und wann setzt der „jetzt geht’s um Bildung und Kultur“-Ernst ein? Wann räuspert man sich/sollte mal lieber zuhören/fühlt sich schuldig, wenn man sich langweilt. In einem Raum gesperrt zu sein und sich zwei Stunden etwas ansehen zu müssen ist ein Bildungskonsum-Verhalten, das nirgends mehr von mir erwartet wird. Weil ich überall wegschalten und spulen kann. Nur an zwei Orten nicht. Im Theater und in der Schule.


„Es gehört zur Gesamterfahrung dazu, dass man das mal aushält, dass da einfach mal jemand zwei Stunden Theater auf die Bühne stellt. Und wir wollen ja hier schließlich auch keine pädagogische Arbeit sondern Kunst machen.“


Warum? Vielleicht sollten die Altersempfehlungen entfernt werden. Von den Kinderstücken, die ich gesehen habe, habe ich noch tagelang gezehrt, weil es so eine direkte, sinnliche, riesengroße Freude war. Sie waren klug und berührend. Bei den Literatur-live-Spielungen wollte ich mich in der Pause mit Schaumerdbeeren und Riesenschlümpfen dopen und konnte mir dabei zusehen, wie ich mich mit bockigen Jugendlichen solidarisiere.


Whats wrong with me?

 

"Bettina bummelt", Foto: C. Brachwitz


Wo wird denn verhandelt, was wichtig ist, wenn nicht im Theater? Das „Was bin ich, wenn nicht meine Arbeit?“- Thema wäre so wichtig gewesen. Wenn ich die Hälfte des Inhalts aber babyleicht von mir fernhalten kann, weil er in Form einer Sprache, die mir fremder nicht sein könnte, daher kommt ‒ guess what: Es wird mir sehr leicht fallen zu glauben, dass das alles mit mir gar nichts zu tun hat. „Aus dem Leben eines Taugenichts“ ist für mich dann lediglich eine historische Geschichte, über die wir am Ende des Halbjahres eine Klausur schreiben. Ich werde es nicht einmal merken, dass es nicht an mich heran kommt. Weil ich währenddessen mit dunkel geschaltetem Display auf mein Handy gucke oder mit meinem Nachbar flüstere um mich der „mutigen Konfrontation mit Kunst“ eben doch zu entziehen.


Die Stücke, die man mit der Schule sieht, sind häufig die ersten Theaterbegegnungen, die man erlebt. Das Bild was dort produziert wird, bekommt man ganz, ganz, ganz lange nicht mehr aus dem eigenen Kopf. Sakkos gibt es auch unter Erwachsenen.


Vielleicht kann Jugendtheater Theater wieder mehr zu einer Mitmachveranstaltung werden lassen. Wenn man einmal ins Wasser gesprungen ist und in Kommunikation getreten ist – wenn man sich einmal zum Affen gemacht hat – dann hat man echt was gelernt. Was ich lerne, wenn ich zwei Stunden wobei zugucken muss, dass ich eigentlich doof und langweilig finde ist eine „Aushalte-Übung“. Die haben wir bereits in der Schule. Wenn es sich dabei dann noch um „höheres Kulturgut“ handelt, wird sich bei mir vor allem einbrennen, dass „das mit der Kultur“ wohl eher nichts für mich ist. Und dass Theater eher nicht so mein Fall ist. Das ist was für die Jungs mit dem Sakko. Im schlimmsten Fall sagt der Junge im Sakko mir noch, dass ich es wohl nicht verstehe und vielleicht einfach mal öfter ins Theater gehen sollte.


Die Sicht auf diese und ähnliche Lernmechanismen, die dadurch resultierende Selbstwahrnehmung und angebliches ADHS versuchen viele Menschen gerade zu ändern. Im Internet und auf Konferenzen über Kreativität und Hirnforschung.


Ich will lieber weniger Kunst und dafür mehr Theater.
 

Übrigens ist das Theater an der Parkaue in der Spielzeit 2012/2013 Facebook-Pate der jungen bühne. Einmal wöchentlich postet das Theater Spannendes aus dem Theateralltag vor und hinter den Kulissen.