Thema des Monats - Dezember 2012

Wenn ein Stück Freiheit ins Gefängnis kommt...

Theater im Knast: Zu Besuch in der Justizvollzugsanstalt Rockenberg

 

Von Vanessa Renner

 

Der Nebel hängt tief an diesem Dienstagnachmittag. Ein klischeehaft trist-fröstelnder Herbsttag. Dunkel erheben sich die hohen Mauern des Gefängnisses vor mir. Stacheldraht windet sich, in große Ringe eingedreht, auf ihnen. Meine Finger umfassen einen Beutel aus durchsichtiger Klarsichtfolie: Bleistift, Ersatzstift, Notizbuch, ein Päckchen Taschentücher. Ich trete von einem Fuß auf den anderen, warte. Dann werde ich hereingelassen. „Das erste Mal im Gefängnis?“, fragt mich der Wärter, als ich durch die Schleuse gehe. Ich lerne meine erste Gefängnisregel: Eine Tür öffnet sich erst, wenn die andere wieder verschlossen ist.


Hinter Gittern probt hier in Rockenberg das Knasttheater „Romeo und Julia“. In zwei Wochen soll das Shakespeare-Drama als Musiktheater in der Gefängniskirche aufgeführt werden. Je zwanzig jugendliche Strafgefangene und Studenten des Fachbereichs für Soziale Arbeit der Fachhochschule Frankfurt arbeiten seit rund zwei Monaten gemeinsam an dem Stück über Liebe und Hass, Zuneigung und Gewalt. „Es macht viel Freude. Doch die Gruppe hält während dieser Zeit auch viel miteinander aus“, sagt Projektleiterin und Regisseurin Maja Wolff und lacht. Es ist ein warmes, optimistisches Lachen, das den Proben- und Organisationsstress dieser letzten Wochen vor der Aufführung wegzuwischen scheint. „Romeo und Julia“ ist das fünfte Knasttheaterprojekt der Schauspielerin. Gemeinsam mit den beiden Musikern Ulrike Pfeifer und David Lang sowie dem Theaterpädagogen Timo Becker betreut Maja Wolff die Gruppe. „Es ist jedes Mal aufs Neue toll zu sehen, was jeder einzelne am Anfang mitbringt und wie die Gruppe dann gemeinsam zu hundert Prozent findet“, so Wolff.

 

Hinter Gittern: Blick auf die Gefängniskirche, Foto: Alexander Klotz


Gemeinsam zu hundert Prozent finden die jungen Schauspieler auch beim „Collagen bauen“. Eine Aufwärmübung, mit der sie den Nachmittag beginnen. Im Tai-Chi Raum der JVA, den die Gruppe als Probenbühne nutzt, haben die Studenten und Strafgefangenen einen Halbkreis gebildet. Aus dem Nebenzimmer dringen rhythmische Klänge, hier üben die Musiker. „Ich bin Julias Balkon“, beginnt Roman das Spiel. Weit breitet der Student mit den dunkelblonden Haaren und den wachen, fröhlichen Augen seine Arme aus. Er steht fest und aufrecht auf den grünen Gymnastikmatten, mit denen der Sportraum ausgelegt ist. „Ich bin ein Busch vor dem Balkon“, folgt Sebastian* und kauert sich zu Romans Füßen auf die Matten. „Ich auch“, ruft ein weiterer Schauspieler und kniet sich zu Sebastian. Lautes Lachen erfüllt den Raum. Nach und nach wird das Bild bunter. Efeu rankt sich um den Balkon, eine Taube und eine Lerche gesellen sich – mit den Flügeln schlagend – dazu. Der Gefängnisraum wird zur Bühne. Hier wird Theater gespielt. Nur noch die Gitter vor den Fenstern und die dunkelblaue Berufskleidung der JVA-Bediensteten, die mit ihren Funkgeräten Aufsicht führen, erinnern an das flaue Gefühl, eingeschlossen zu sein.


Auf dieses Gefühl wurden die Studenten gut vorbereitet. Ein Semester lang beschäftigten sie sich an der Fachhochschule unter Anleitung von Maja Wolff mit dem Knasttheater und der Situation im Gefängnis, ehe sie mit den Proben in der Justizvollzugsanstalt begannen. „Bei unserem ersten Treffen mit den Strafgefangenen waren wir ziemlich angespannt“, erzählt Roman, „wir konnten uns gegenseitig noch nicht richtig einschätzen.“ Das habe sich aber schnell gelegt, betont der 25-jährige Student der Sozialen Arbeit. „Wir spüren eine große Wertschätzung der Jungs gegenüber uns und dem Projekt. Wir respektieren sie, und das spiegeln sie wider“, sagt Roman. Ihm helfe dabei sehr, dass die Studenten nichts Konkretes über die Straftaten ihrer Schauspielkollegen aus dem Gefängnis erfahren. „So sehen wir sie als Menschen, mit denen wir arbeiten, losgelöst von ihrer Strafe.“


Gegenseitiger Respekt - Sebastian, Strafgefangener der JVA Rockenberg, formuliert es so: „Bei dem Projekt triffst du auf die richtigen Leute.“ Er überlegt kurz, fährt sich mit der Hand durch die blonden, kurzen Haare, „Leute, die nicht auf lässig oder cool machen, sondern gemeinsam etwas anpacken.“ Bei der Präsentation des Projektes im Gefängnis hatte sich der 19-Jährige spontan dafür entschieden. Erfahrungen mit dem Theater hat er bislang keine gemacht. Doch die sind für das Projekt keine Voraussetzung. Anmelden darf sich jeder Strafgefangene. Die Gefängnisleitung wählt dann aus, wen sie für geeignet hält. „Ich war von der Idee, bei Romeo und Julia mitzuspielen, inspiriert“, sagt Sebastian und lächelt vorsichtig, „und ich wollte aus dem Knastalltag rauskommen.“ Inspiriert ist der 19-Jährige nach gut zwei Monaten mit zwei bis drei Probenterminen wöchentlich und den langen Probenwochenenden noch immer. „Ich kann nichts anderes sagen als…“, kurz zögert Sebastian, sucht nach Worten, dann lächelt er wieder „ich bin mit Liebe und Herz dabei.“ Beim Theaterspielen habe er entdeckt, dass er in andere Rollen schlüpfen könne.

 

Probe in der JVA: Das Gefängnis wird zur Bühne, Foto: Alexander Klotz


Ihre Aufwärmübungen haben die Schauspieler mittlerweile beendet. Sie sind in ihre Rollen von „Romeo und Julia“ geschlüpft. Szene für Szene arbeiten sie sich durch das Stück hindurch. Aufmerksam verfolgt Maja Wolff das Geschehen, unterbricht, gibt Hinweise, lobt. Eine dunkelhaarige Studentin mit einem kurzen, wippenden Pferdeschwanz tritt vor: „So viele schöne Männer, und da muss man sich auch noch entscheiden.“ Sie muss lachen, wiederholt ihre Replik noch einmal, probiert verschiedene Tonlagen aus, bis sie zufrieden ist. Die anderen Schauspieler sitzen auf dem Boden. Konzentriert beobachten sie ihre Kollegin und warten auf ihren eigenen Einsatz.


Die Probenarbeit ist nur ein Teil des Projektes. Die Schauspieler entwickeln ihre Rollen und Texte selbst. Darüber hinaus kümmern sich die Studenten beim Knasttheater um Kostüme und Bühnenbild, übernehmen Organisation und Pressearbeit. „Wir sind dabei als Projektleiter im Hintergrund“, erklärt Maja Wolff, „die Studenten sollen sich so viel wie möglich ausprobieren.“ Dabei stehe Professionalität an erster Stelle – sowohl im künstlerischen Bereich als auch in pädagogischer Hinsicht bei der Arbeit mit den Strafgefangenen. Unterstützt wird das Team dabei von Diplom-Psychologin Mona Wolff und Sozialarbeiterin Ulrike Kabisch. Einen professionellen Rahmen zu schaffen, kostet Geld. Noch dazu an einem Ort wie der Justizvollzugsanstalt, an dem strenge Sicherheitsvorkehrungen eingehalten werden müssen. „Sponsoren zu akquirieren braucht viel Zeit und Energie“, weiß Maja Wolff. Im vergangenen Jahr gründete sie hierfür Art-Q. Ein Verein zur Förderung sozialer Kulturprojekte mit Strafgefangenen und Studierenden. Resozialisierung, Bildungsarbeit und Bereicherung der Kulturlandschaft sind die drei Eckpfeiler des Vereins. Für „Romeo und Julia“ fand die Projektleiterin vor allem Unterstützung vom hessischen Justizministerium und der Sebastian Cobler Stiftung sowie in der Zusammenarbeit mit der JVA Rockenberg, der Fachhochschule und dem Jugend- und Sozialamt. „Es ist nicht leicht, für dieses Projekt an Geld zu kommen“, betont Maja Wolff. Dabei läuft der Ticketverkauf sehr gut. Oft sind bereits nach kurzer Zeit alle Vorstellungen ausverkauft. „Das Publikum zeigt sich immer wieder sehr berührt von unserer Arbeit“, gibt die Projektleiterin ihre Erfahrung wieder.


Eine positive Bilanz zieht auch Lars-Peter Brandt, Sozialpädagoge im Sozialdienst der JVA Rockenberg. „Ich bin beeindruckt von dem Durchhaltewillen der Jungs“, so Brandt, „ich hatte nicht unbedingt erwartet, dass sie so zusammenhalten.“ Lediglich zwei Ausfälle habe es über den gesamten Zeitraum hinweg gegeben. „Ich habe die Strafgefangenen beim Theaterspielen auf neue Weise kennengelernt“, erzählt Brandt. Dabei hätten einige eine große Entwicklung durchlaufen. „Sie gehen im positiven Sinne mehr aus sich heraus und legen dabei auflehnende Verhaltensstrukturen ab“, beobachtet der Sozialpädagoge. Auf die Frage nach der Nachhaltigkeit des Projektes wiegt er den Kopf. „Man darf nicht vergessen, wir sind im Gefängnis und haben es mit Jugendlichen zu tun, die schwere Straftaten begangen haben“, gibt Brandt zu Bedenken. Bestimmte Verhaltensmuster seien so tief verankert, dass sie in zwei Monaten nicht einfach abzuschütteln seien. So setzen mit dem Gefängnisalltag häufig auch wieder gewohnte Handlungsweisen ein. Dennoch ist Brandt überzeugt: „Das Projekt zeigt für die Strafgefangenen eine Perspektive auf und kann dadurch neue Interessen wecken. Das ist viel wert. Auch im Hinblick auf die Zeit nach der Entlassung.“

 

Der Maskenball: Szene aus "Romeo und Julia", Foto: Alexander Klotz


„Die Erfahrung, sich in eine Gruppe einzusortieren, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen und zu Ende zu bringen, ist wichtig“, findet auch Maja Wolff. Es stärke das Selbstbewusstsein der jungen Erwachsenen, auch für die Zeit nach dem Knasttheater. Eine ausführliche Nachbereitung des Projektes soll die Leere nach den intensiven und abwechslungsreichen Wochen auffangen. „Dazu gehört eine Zeitung über das Knasttheater, die wir am Ende gemeinsam produzieren“, berichtet Maja Wolff. Eine Erinnerung an das gemeinsame Erlebnis. „Für mich ist mit dem Theater ein Stück Freiheit ins Gefängnis gekommen“, sagt Sebastian. Das bleibt, findet der Strafgefangene. „Doch eines ist sicher. Ich werde das alles sehr vermissen.“


Zwei Wochen später: Lauter Applaus erfüllt die Gefängniskirche der JVA Rockenberg. Einige Zuschauer erheben sich von den Kirchenbänken. Die Schauspieler verbeugen, beklatschen und umarmen sich. Im Ausdruck ihrer Gesichter liegen helle Freude und große Zufriedenheit. Wer sie miterlebt, mag die Frage nach der Nachhaltigkeit des Projektes beantwortet wissen.


*Name des Strafgefangenen wurde geändert