Thema des Monats - Januar 2014

Theater als Familientherapie?

 

„Mehrgenerationentheater“ nennt sich die Form von Theater, die Großeltern, Eltern, Jugendliche gleichermaßen einbeziehen will – und teils sogar gemeinsam auf die Bühne bringt. Wird Theater hier zur Familientherapie? Eine Kritik im Dialog zwischen der Psychotherapeutin Kornelia Wulf und der Theaterkritikerin Barbara Behrendt über „Wenn du nicht mehr da bist“ am Theater Parkaue und „Die letzte Kommune“ am Grips-Theater in Berlin.

 

 

Barbara Behrendt Frau Wulf, wir haben zwei sehr unterschiedliche Stücke gesehen. Reden wir zunächst über „Wenn du nicht mehr da bist“ für Jugendliche ab 14 an der Parkaue. Die jungen Laienspieler vom „Theaterclub 4“ haben mit der Regisseurin Joanna Praml einen Abend über Abschied, Sterben und Tod erarbeitet. Kein Trauerdrama, sondern ein rasantes, bewegendes, auch witziges Stück der Jugendlichen über sich selbst. Sie trauern darin um ihren Mitschüler Felix, nehmen Videobotschaften an ihn auf, recherchieren übers Sterben und überlegen, wie sie sich verabschiedeten, wäre heute ihr letzter Lebenstag. Doch Felix ist nicht tot, er hat lediglich ein Schuljahr in den USA verbracht. Gemeinsam mit ihm betritt plötzlich sein Vater die Bühne sowie die Eltern der jugendlichen Spieler, für die der Abschied von den groß gewordenen Kindern ein kleiner Tod bedeutet. Auch die Großmütter haben einen Auftritt. Es ist eine Art biografisches Recherchetheater, das mich an She She Pops „Testament“ erinnert, bei dem die Väter der Performer mit auf der Bühne stehen. „Wenn du nicht mehr da bist“ hat manchen im Publikum zum Weinen gebracht. Sie waren auch bewegt, richtig?

 

Kornelia Wulf Ja, mich hat das richtig erwischt. Die Spieler waren sogar selbst berührt. Vor allem die Jugendlichen fand ich sehr authentisch.

 

Barbara Behrendt Sie stehen seit Jahren gemeinsam auf der Bühne und waren sehr präsent, das Thema brannte wohl unter ihren Nägel. Das Stück bombardierte einen dann fast mit zu vielen Fragen: Wie gehen junge Leute mit dem Tod um, wie mit dem Sterben anderer, wie lassen Eltern ihre Kinder los, wie Großeltern das Leben. Schwierig fand ich, dass Felix plötzlich doch nicht tot ist. Diesen Kniff braucht es vielleicht aus dramaturgischen Gründen – er schwächt die Ernsthaftigkeit aber enorm, meinen Sie nicht?

 

Kornelia Wulf Doch sehr. Eben ging es noch um den Tod eines Freundes, um eine ernsthafte Auseinandersetzung damit. Das war nur ein Missverständnis? Plötzlich ist alles nicht so schlimm? Das geht doch an der Realität vorbei.

 

Barbara Behrendt Felix’ vermeintlicher Tod hat die Gemeinschaft gestärkt, das klingt plausibel.

 

Kornelia Wulf Ja, absolut. Die Frage nach dem Umgang mit dem Tod hält die Menschen zusammen. Und Jugendliche setzen sich heute oft mit Suizid auseinander. Früher war das weniger der Fall, oder es gab weniger Therapeuten, die es bemerkten. Derzeit scheint die Jugend in Not zu sein; das liegt am ungeheuren Leistungsdruck, den Schule und Eltern ausüben. Es wird nicht akzeptiert, wenn man in der elften Klasse noch nicht weiß, was man werden möchte. Die Problematik kommt also mehr von außen als von innen.

 

Barbara Behrendt Vermutlich ist es deshalb wichtig, diese Themen auf der Bühne zu verhandeln. Die Frage ist aber: Ist das nur für die Spieler eine wichtige Erfahrung – oder gleichermaßen für den Zuschauer interessant? Die dichte Choreografie des Abends, der rasche Wechsel zwischen vermeintlich spontanen und vorbereiteten Szenen, zwischen Video, Recherche und hoch emotionalen Spielszenen, das fand ich auch ästhetisch gelungen.

 

Kornelia Wulf Alle haben sich ganz viel er-spielt. Das war besser als jede Therapie, die sie hätten machen können. Aber auch ich als Zuschauer habe gemerkt: Das eine oder andere Thema habe ich selbst, hier geht es nicht nur um die therapeutische Wirkung für die Spieler.

 

Barbara Behrendt Würden Sie Ihren jungen Klienten den Abend empfehlen?

 

Kornelia Wulf Solchen, die sich gerade mit Selbstmord auseinandersetzen, ja. Um mitzufühlen, wie es anderen damit geht. Es ist ja immer noch ein Tabuthema. Von Erwachsenen kriegen Jugendliche oft nur blöde Antworten: „Das Leben ist doch lebenswert.“ Da fühlen sie sich nicht ernst genommen. Bei diesem Stück ist das anders – hier setzen sich Jugendliche selbst damit auseinander. Man muss sich allerdings gut abgrenzen können, weil einem viel entgegengeschleudert wird. Man muss darauf vorbereitet sein, stark emotional bewegt zu werden.

 

Barbara Behrendt Bei so einem Projekt Regie zu führen – das ist auch eine therapeutische Arbeit, oder?

 

Kornelia Wulf Extrem therapeutisch! Die Regisseurin muss die Emotionen bündeln können. Besonders Jugendliche kann man nicht so rational steuern wie Erwachsene. Jeder hat hier seinen eigenen Umgang mit dem Tod und dem Abschiednehmen dargestellt, das war stark.

 

Barbara Behrendt Die Spieler offenbaren sich mit ihrer ganzen Familie, da gehört Mut dazu. Vielleicht lehrt es auch Empathie – es ist ja ein Anliegen des Mehrgenerationentheaters, andere Altersgruppen verstehbar zu machen.

 

Kornelia Wulf Für Jugendliche ist das weit weg, sie beschäftigen sich mit sich selbst. Aber apropos Empathie: Die beiden Großmütter hatten ganz ihren Frieden mit dem Sterben gemacht, das kam mir nicht authentisch vor. Mir hat jemand gefehlt, der sagt: Scheiße, jetzt bin ich 80, aber ich will nicht sterben. Mein Opa zum Beispiel hat mit 90 noch mal geheiratet. Er hätte sich mit 80 nicht hingesetzt und gesagt: Ach, wer will denn ewig leben.

 

Barbara Behrendt Ging mir genauso. Der Auftritt der Omas war arg versöhnlich und lieb. Vielleicht hat sich die Regisseurin nicht näher herangetraut. Die Großmütter schienen beim Applaus aber sehr glücklich über das Ergebnis zu sein!

 

Kornelia Wulf Zu Recht – welche Oma darf sich so mit der Familie zeigen? Ich fand es sehr ergreifend.

 

Barbara Behrendt Das Ergriffensein ist heute selten im Theater. Schön, einmal sagen zu können: Der Abend kann einem zu nah kommen. Er ist eine Art Selbsterfahrung auf der Bühne, vermittelt für den Zuschauer. Ein großes Gesprächsangebot, ein Impuls, den das Theater gibt, damit die Zuschauer damit weiterarbeiten.

 

Kornelia Wulf Ganz klar: Das MUSS man aufgreifen und aufarbeiten, für jedes Alter. Familien und Theaterpädagogen sind gefordert, das Gespräch fortzuführen.

 

Barbara Behrendt Reden wir übers Grips-Theater. In „Die letzte Kommune“ von Peter Lund und Thomas Zaufke treffen auch drei Generationen aufeinander, allerdings spielen dabei professionelle Schauspieler ein Musical für Erwachsene. Zwei alt gewordene 68er stehen vor der Entscheidung, ins Pflegeheim zu ziehen oder ihrer Familie zur Last zu fallen. Sie erwecken mit ihren Enkeln die Lebensform der Kommune neu – womit deren Eltern, also die Generation dazwischen, gar nicht einverstanden sind. Das Stück in der Regie von Franziska Steiof ist eine Art Polit-Comedy. Inwiefern hat es psychologischen Wert?

 

Kornelia Wulf Der Autor ist sicher psychologisch bewandert. Wir lernen an dem Abend drei jugendliche Prototypen kennen: Lotte, die Co-Abhängige; Philipp, der emotionale Typ, der sich hinter seiner Coolness versteckt; und Atze, der System-Loser.

 

Barbara Behrendt Die jungen Figuren wirken sehr stereotyp. Der Autor steht den Fragen der eigenen, älteren Generation näher.

 

Kornelia Wulf Absolut. Eine Jugendliche hat sich in der Pause beklagt, dass sie die Witze nicht versteht und sich langweilt. Der Humor ist wirklich sehr auf die 68er-Generation und ihre politischen Überzeugungen gemünzt. Mich würde es als Jugendliche sauer machen, wenn ich drei Stereotypen meiner Generation vorgesetzt bekäme.

 

Barbara Behrendt Das Grips ist ein Mutmach-Theater, das sagt: Rottet euch zusammen, lasst euch das nicht gefallen! Die Figuren sind aber zum Teil so klischiert, dass ich mich nicht ernst genommen fühle – obwohl ihre Probleme real existieren.

 

Kornelia Wulf Manchmal war ich mir gar nicht sicher: Wollen die mich verschaukeln, ist das ironisch gemeint? Das ist auch jetzt noch ein Fragezeichen bei mir.

 

Barbara Behrendt „Wenn du nicht mehr da bist“ an der Parkaue regt zur Auseinandersetzung an. Das tut „Die letzte Kommune“ auch, aber auf einer sozialpolitischen Ebene, weniger mit psychologischem Ansatz. Könnte es ein Familiengespräch auslösen, es mit drei Generationen anzuschauen?

 

Kornelia Wulf Leichter vielleicht sogar als an der Parkaue, weil der Abend nicht so gefühlsgeladen ist. Man kann nachdenken: Wie geht man mit einem dementen Menschen um, der nicht mehr leben will? Was tun wir, wenn Opa nicht ins Heim will? Klar, auf psychologischer Ebene war das flach. Aber manche vertragen nur die seichte Art, und das Grips bietet diese Art, sich Themen anzuschauen. Das Stück will auch unterhalten – und das macht es sehr gut!

 

Barbara Behrendt Interessant finde ich, dass diese Dreigenerationen-abende eher zwei Generationen ansprechen: An der Parkaue die Jugendlichen und ihre Eltern, am Grips die Senioren und deren Kinder. Für wie sinnvoll halten Sie Mehrgenerationenprojekte generell?

 

Kornelia Wulf Sie machen Sinn, weil wir nicht mehr in drei Generationen zusammenleben, zumindest in der Stadt. Das Sterben von Großeltern wird anders miterlebt. Ich kenne es noch, dass die Oma im Flur aufgebahrt wird, dass Tod etwas Normales ist. In der Stadt sind wir heute vereinzelter und fangen gerade an zu begreifen, dass das blöd sein kann. In Mehrgenerationenhäusern wird wieder versucht, Junge und Alte zusammenzubringen. Wir merken wieder, dass Gemeinschaft einen Sinn ergibt.

 

Barbara Behrendt Sind Stücke mit Themen wie Alter, Krankheit, Tod auch deshalb wichtig, weil sie in der Familie nicht mehr verhandelt werden?

 

Kornelia Wulf Das glaube ich. Mein Eindruck ist, dass die Gesellschaft emotional verflacht. Man empfindet nicht mehr so stark – soll es gar nicht, das wird aberzogen. Auch die Zeit, über solche Themen zu sprechen, ist nicht mehr da. Meist sind beide Eltern berufstätig; sie müssen delegieren, sind weniger für ihre Kinder da. Wenn etwas nicht stimmt, muss ein Fachmann ran, der Psychologe. Die Jugendlichen legen mir dann ihren ganzen Müll vor die Füße; ihren Eltern würden sie das nie zumuten. Es ist eine wütende Generation, die ihre Wut oft autoaggressiv abbaut: Jedes vierte Mädchen ritzt sich.

 

Barbara Behrendt Vielleicht braucht es die Vehemenz von „Wenn du nicht mehr da bist“, um emotional zum Publikum durchzudringen? Vielleicht ist es gut, wenn die Wut, von der Sie sprachen, auf der Bühne Platz bekommt, bevor sie autoaggressiv wird.

 

Kornelia Wulf Ja, absolut! Hier stellen sich Jugendliche hin und sagen ihren Eltern: Ich mute dir zu, was in mir ist, schau dir das mal an.

 

Barbara Behrendt Diese Mehrgenerationenprojekte finde ich sinnvoll, wenn sie wirklich die ganze Familie einbeziehen und ein Gespräch über den Abend hinaus anregen. Sobald das gelingt, nehme ich mich auch mit Kritik an Form und Ästhetik zurück.

 

Kornelia Wulf Es gibt kaum ein besseres Ausdrucksmittel als das Theater: Man hat das Publikum, das Wort, den Körper und beim biographischen Recherchetheater sogar die eigene Lebensgeschichte zur Verfügung. Es kann eine Entlastung sein, sich auf der Bühne so zu öffnen – das ist wie eine persönliche Demonstration für die eigenen Themen. Vielleicht hat das Theater damit einen neuen Auftrag gewonnen: einen therapeutischen.

 

Termine: „Die letzte Kommune“ am Grips Theater: 28.1.2014, 29.1., 30.1., 31.1. 1.2.2014
„Wenn Du nicht mehr da bist“ wird am Theater an der Parkaue momentan nicht mehr gespielt

 

Der Artikel erscheint in der Januar-Ausgabe der "Deutschen Bühne". Übrigens: Die Deutsche Bühne erscheint seit Anfang des Jahres bei einem neuen Verlag und in neuer Aufmachung. Schaut doch mal rein auf:

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Barbara Behrendt arbeitet als freie Autorin in Berlin, u.a. für Die Deutsche Bühne.

 

 

Kornelia Wulf ist selbstständige Psychotherapeutin und Coach für Jugendliche und Erwachsene in ihrer „Praxis für die Seele“ in Berlin. Sie nutzt diverse therapeutische Interventionen, u.a. aus der Systemischen-, der Gestalt- und der Clowntherapie.

 

Foto Behrendt: Mika Redeligx
Foto Wulf: privat