Thema des Monats - Februar 2014

Bürgerkrieg in Neukölln

 

Unser Autor Erik Veenstra beschäftigt sich schon seit Längerem mit dem Thema Asyl/Migration. Ausgangspunkt seines Artikels ist die Inszenierung "Asyl-Monologe" am Heimathafen Neukölln.

 

Von Erik Veenstra

 

“Scent of magnolia sweet and fresh / And the sudden smell of burning flesh.”, singt Billie Holiday unheimlich bittersüß in “Strange Fruit”. Der Song ist das einzige Musikstück in dem Dokumentarischen Theater „Asyl-Monologe“ (http://www.youtube.com/watch?v=J1pyhkOnh48). Intensiv dargeboten von Elisabeth Pleß und Volker Becker an der Gitarre leitet er den Abend im Heimathafen Neukölln ein.

 

Wie der narkotische Gesang quasi durch die Hintertür das Publikum trifft, so geht auch das Stück vor. Zuerst beschwören Asad Schwarz-Msesilamba, Katarina Gaub und Erayl Elgimez Erinnerungen an ein fernes Heimatland hervor, später schlägt die Situation in Gewalt, Verfolgung und Lebensgefahr um.

 

Der Autor und Regisseur Michael Ruf erklärt sein Stück so: Der Text setzt sich aus Interviews mit Geflüchteten zusammen, die nur „gekürzt und gekürzt“, aber nicht bearbeitet wurden. „Wortgenaues Theater“ nennt Ruf das Ganze. Da das Stück so simpel und dokumentarisch ausgerichtet ist, kann es fast immer und überall auf die Bühne gebracht werden. Bislang wurde „Asyl-Monologe“ mit mehr als 100 Akteuren in mehr als 250 Städten aufgeführt.

 

Auf der Bühne steigt die Spannung: Die kurdische Widerstandskämpferin (Katarina Gaub) erinnert sich, wie in türkischen Gefängnissen Bomben in Zellen detoniert sind. Die detaillierte Beschreibung grausamer Szenen wird aufgebrochen, als einer der Schauspieler unterbricht und zur Geschichte einer anderen Person wechselt. So entsteht eine Art Collage: Statt Plattitüden über die dritte Welt wiederzukäuen, werden alle Aspekte des Lebens eines Verfolgten wiedergegeben, von der Liebe zur Mutter bis zum Hass auf den Bulgur im Gefängnis.

 

Durch das oftmalige Wechseln zwischen den drei erzählten Geschichten treten die drei aufgeweckten, aber nie Rampensau-artigen Schauspieler hinter den Geschichten zurück. Ein seltener Moment von echtem Mitgefühl stellt sich ein.

 

Eine Aufführung der „Asyl-Monologe“ mit Asad Schwarz-Msesilamba
Foto: Agata Kowalska

 

Beim Publikumsgespräch betritt Nurjana Arslanova die Bühne. Sie erzählt von ihrem Kampf um Bleiberecht für sich und ihre Familie, der sie schließlich sogar aufs Talkshow-Sofa von Reinhold Beckmann (http://www.youtube.com/watch?v=SdLsvBMwWBk) geführt hat.

 

Nurjana ist Aktivistin bei den „Jugendlichen ohne Grenzen“. Die selbstverwaltete Gruppe von jugendlichen Flüchtlingen und Migranten setzt sich dafür ein, selbst über den Verbleib im Fluchtland Deutschland bestimmen zu dürfen. Unterstützt von der Kampagne „SOS for Human Rights“ vom GRIPS Theater und anderen Organisationen bin ich mit einigen dieser Jugendlichen Ende 2012 nach Brüssel gereist. Dabei haben sie unter anderem mehr als 5000 Unterschriften für eine gerechtere Flüchtlingspolitik an den EU-Parlamentspräsidenten Martin Schulz überreicht und mit dem SPD-Politiker ein Gespräch über Flüchtlingspolitik geführt.


 

„Jugendliche ohne Grenzen“ im Gespräch mit EU-Parlamentspräsident Martin Schulz
Foto: Erik Veenstra


Eine der Jugendlichen, die auf der Protest-Tour beteiligt war, ist Jasmin Ibrahim. Sie war auf der Reise unsere Pressesprecherin und hat mich damit beeindruckt, wie schlagfertig sie sich im Gespräch mit Politikern und Journalisten gegeben hat. In Moabit arbeitet die 21-Jährige im Jugendtheaterbüro Berlin mit anderen Jugendlichen an Theaterstücken und organisiert das junge Theaterfestival “Festiwalla!“.

 

Im Sommer 2013 treffe ich Jasmin also in einem unscheinbaren Hauseingang. Sie klingelt und wir laufen durch das dunkle Treppenhaus mit den Milchglasscheiben in den dritten Stock. Hier versteckt sich das Jugendtheaterbüro. „Dieses Theater ist anders. Es ist so etwas wie eine Familie“ sagt sie, während sie mir enthusiastisch ihren Arbeitsplatz zeigt. Die Räume sind offensichtlich grade im Umbau – kaum Möbel, Graffiti als Wandschmuck, ein ausrangierter Kühlschrank in der Ecke und jede Menge Bilder, Skizzen und Zitate auf Zetteln an den Wänden.

 

Dann beginnen wir unser Gespräch. Wir setzen uns auf das menschenleere Zuschauerpodest im Erdgeschoss und Jasmin streckt ihre Beine lässig auf einem anderen Stuhl aus. Sie studiert einen mathematischen Studiengang, arbeitet mit Leidenschaft fürs Theater und trägt ein grün-blaues Kopftuch mit grauen Farbsprenkeln.

 

Als wir darüber reden, ob sie wegen ihres Aussehens oder ihrer Religion diskriminiert wird, wirkt Jasmins Gesicht hochkonzentriert. Es scheint als würde sie nach den passenden Worten suchen. „Ich muss mir oft Sprüche anhören, die unter der Gürtellinie sind. Es gibt immer wieder diese Zwischenfälle: Der falsche Blick, der dumme Spruch oder die Tatsache, dass du wieder einen Job nicht bekommen hast, weil der Chef generell keine Kopftuchträgerinnen einstellt“, erzählt sie. Jasmin gibt sich kämpferisch. „Für mich war das Anreiz, herauszufinden, was in unserer Gesellschaft schief läuft. Ich habe angefangen, mich politisch zu engagieren und mich zu informieren. Einfach mal zu gucken, wie man Menschen aufklären kann, um ihnen zu zeigen, dass wir nicht anders sind als sie.“

 

Jasmin Ibrahim mit anderen AktivistInnen im Zug nach Brüssel
Foto: Erik Veenstra

 

Inzwischen hat sie sich ein wenig in Rage geredet. Doch bei der Frage, was sie an der deutschen Asylpolitik stört, wird sie für einen kurzen Moment still. Dann sagt sie: „Die Deutschen vergessen den Sinn und Zweck von Asyl. Sie denken, Menschen fliehen gerne und vergessen, dass die Flüchtlinge nicht anders können. Flüchtlinge bekommen kein Gesicht, sie sind nur Teil eines Problems. Das beste Beispiel ist der BER: Das Abschiebegefängnis ist gebaut, bevor der Flughafen fertig ist.“ Nach unserem Gespräch bahnen wir uns den Weg zum Sicherungskasten, wo Jasmin das Licht löscht. Draußen verabschieden wir uns. „Nach der Sommerpause wird hier ordentlich aufgeräumt!“ lacht sie und verschwindet in den Regen.

 

Ähnlich wie Jasmin äußern sich auch die Interviewten in „Asyl-Monologe“. Nach und nach bewegt sich das Stück auf den Schlusspunkt der Flucht-Odysee hin: Deutschland. Bestürzung macht sich auf der Bühne und im Publikum breit, als klar wird, dass keineswegs ein Happy End wartet. Die Verfolgung endet nicht, es gibt ja sogar ein „eigenes Gefängnis im Flughafen.“ Immer wieder hört man im Publikum ungläubiges Schnauben und sieht Kopfschütteln, wenn von Herzanfällen in Abschiebehaft und Überwachung von Handys und Wohnungen die Rede ist.

 

Auch das deutsche Asylverfahren wird im Stück angesprochen. Seit des „Asylkompromisses“ von 1993 steht Flüchtlingen, die über EU-Länder oder andere von Deutschland als „sichere Drittstaaten“ definierte Länder in die BRD einreisen, rechtlich kein Asyl mehr zu. Um Aufenthaltsrecht zu bekommen, müssen sie bei den Behörden einen Antrag stellen.

 

Es ist die Rede davon, wie Richter und Staatsbeamte bewusst nach etwaigen Widersprüchen in Asylanträgen suchen, um diese schließlich abzulehnen.

 

Um diesen Vorwurf zu prüfen, spreche ich mit Bernward Ostrop. Er ist seit mehr als 10 Jahren Rechtsanwalt mit Fokus auf Flüchtlings- und Aufenthaltsrecht. Ostrop erklärt, dass das Verfahren der Behörden mit Asylanträgen generell sowohl vom Bundesland als auch von der aktuellen Politik auf EU-Basis abhängt. Auch er kennt allerdings Fälle, in denen das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zumindest schlampig über einen Antrag entschieden hat: „Vom Amt werden viele Widersprüche bei der Anhörung gesehen, die in Wirklichkeit durch Verfahrensfehler zustande kommen. Das heißt zum Beispiel, dass man nicht genau nachfragt oder Dolmetscher etwas falsch übersetzen und dann wiederum falsch rückübersetzt wird.“ Allgemein hält der Anwalt das rechtliche Verfahren allerdings für fair, in der Praxis komme es aber „ sehr häufig zu sehr großer Unfairness, was auch mit der praktischen Ausgestaltung des Asylverfahrens durch das Bundesamt zusammenhängt. […] Die Person, die über einen Flüchtlingsanspruch entscheidet, hat den Flüchtling oft nie gesehen oder gehört, sondern nur eine Zusammenfassung der Anhörung gelesen. Das ist in meinen Augen eine sehr große Ungerechtigkeit.“ Außerdem kann es laut Ostrop nur dann ein faires Verfahren geben, wenn Anhörer und Entscheider beim Amt nicht voreingenommen sind. „In den Köpfen ist oft das Gefühl, dass Flüchtlinge nicht kommen, weil sie verfolgt werden, sondern weil sie ein besseres Leben in Deutschland führen wollen.“

 

Hier stimmt Ostrop mit den Machern des Stückes „Asyl-Monologe“ genauso wie mit Jasmin von den „Jugendlichen ohne Grenzen“ und vielen Zuschauern überein.

 

Bei der Diskussion nach dem Stück stellt sich schließlich der deutsch-spanische Anwalt Iñigo Valdenebro vor. Auch er teilt die Ansicht Ostrops und engagiert sich über sein Fachgebiet hinaus. Mit Studenten der Freien Universität hat er vor einigen Jahren den Verein Multitude e.V. ins Leben gerufen, der unter anderem kostenlose Deutschkurse und Kinderbetreuung für Flüchtlinge und Migranten anbietet. Auf die Frage, wie man sich am besten engagieren soll, sagt Valdenebro „Wenn jeder etwas macht, ändern sich die Sachen“. Oder, wie Jasmin im Zug von Amersfort nach Brüssel sagt: „Jeder Marsch beginnt mit einem Schritt“.
 

Erik Veenstra wuchs in Oberbayern auf. Seine Theaterbegeisterung entstand mit dem Beitritt in die Schultheatergruppe, 2012 arbeitete er im Rahmen eines freiwilligen sozialen Jahres "Kultur und Bildung" in der Öffentlichkeitsarbeit des Berliner GRIPS Theaters. Außerdem hat er Artikel veröffentlicht bei spiesser.de, laxmag.de, schulspiegel.de und Zündfunk (Bayerischer Rundfunk).

Foto: david baltzer/bildbuehne.de