Szene aus
Szene aus "Schnubbel"; Foto: Zeyki Temizbas

Thema des Monats - April 2014

Theater ist auch ein hysterischer Prozess

 

Was passiert eigentlich vor einer Premiere in den verschiedenen Gewerken? Unsere Autorin Zeyki Temizbas gibt Einblicke am Beispiel des Berliner GRIPS Theaters.

 

Von Zeyki Temizbas

 

Im Zuschauerraum gibt es tosenden Beifall. Die Besucher stampfen mit den Füßen auf den Boden, sie wollen mehr „Zugabe, Zugabe, Zugabe“, donnernd seitens der Tribüne. Es ist eine gelungener Uraufführung am Grips Theater. Ein Blick hinter die Kulissen verrät, wie viel Arbeit wirklich dahinter steckt.

 

Es ist 14:30 Uhr. Noch eine Woche bis zur Premiere. Auf der Bühne am GRIPS Hansa-Platz herrscht ein wildes Durcheinander. Das nagelneu und frisch aus der Tischlerei gelieferte Bühnenbild von „Schnubbel" soll eingerichtet werden. Zahlreiche Techniker, der Bühnenbildner und die Tischler sind zugegen. Allesamt mit dem Bühnenaufbau beschäf-tigt. Ellenlange Holzstücke zieren die Kulisse. Aus der Tischlerei bringt Mark Eichelbaum weitere Elemente. Er ist Chef in der benachbarten Tischlerei und mit seiner Mitarbeiterin für den Bühnenbau zuständig. Seine Mimik wirkt starr und angestrengt. Auf seiner Stirn haben sich Falten gebildet. Man scheint Haufen für die unterschiedlichen Bauelemente gebildet zu haben und kann nur erahnen, das sich hieraus später das Bühnenbild ergeben soll.

 

                                                  Foto: Zeyki Temizbas

 

In einer Woche, am 17. Januar soll die Premiere des neuen Kinderstückes „Schnubbel“ für Menschen ab sechs Jahren am Grips Theater stattfinden. Heute findet die technische Ein-richtung statt. In der Theatersprache wird im Regelfall von der TE gesprochen. Darunter versteht man den Umzug von der Probebühne auf die große Bühne, wo später die Premi-ere und zahlreiche Vorstellungen ihren Lauf nehmen werden.

 

Plötzlich, ein unüberhörbarer Knall. Ein Blick zu Moses verrät, dass er gerade eines der Holzstücke abgelegt hat. Dabei lässt er ein Teil gegen ein anderes prallen. Das nicht immer alles glatt läuft, wird am Bühnenhintergrund klar. Das Prospekt wird an einer Latte montiert und hochgezogen. Es ist zu breit. „Scheiße“ kann man noch kurz erhaschen. Beim Abmessen scheint ein Fehler unterlaufen zu sein. Die Latte zu kurz. Das Prospekt zu breit. Kürzen geht nicht, es hat einen besonderen Farbverlauf. Ein weiteres Stück Latte soll angefertigt werden. Keine 3 Minuten vergehen und Moses rückt mit einer größeren Anzahl unterschiedlich großer Latten an.

 

Unterdessen wird in der Schneiderei das Kostüm von Nina Reithmeier, Schauspielerin am Grips Theater, begutachtet. Die annähernd 1,70 große Frau hat ein markantes, kleines Gesicht. Ihr überaus prachtvolles, braunes Haar trägt sie zu einem Pferdeschwanz. Gekleidet ist sie in einem violett-farbigem T-Shirt mit Aufdruck. Sie trägt eine kurze Hose, da-runter eine Leggings. Ulv Jakobsen, der Bühnen-und Kostümbildner, steht neben ihr. Beide schauen in den Spiegel. Mit der Schneiderin Sabine Winge wird Rücksprache gehalten, welches T-Shirt sie nun tragen soll. Grell-rosa oder doch lieber grau-verwaschen? „Das dunkle finde ich besser“, äußert sich Ulv.

 

Auf der Bühne scheint man das Problem mit dem Prospekt vertagt zu haben. Die Bühneneinrichtung ist in vollem Gange. Man hört den Laut einer Bohrmaschine. Endlich werden die Bauelemente zusammengeschraubt. Vor dem faltigen Prospekt befinden sich zwei Techniker. Einer mit Gartenschlauch, der Andere mit Wischmop. Mit dem Gartenschlauch wird das knittrige Prospekt besprüht. „Das Tuch lag jetzt wochenlang in der Ecke. Damit es faltenfrei ist, muss es einmal komplett nass gemacht werden“, erklärt Ulv. Was nach eintöniger Arbeit aussieht, kann auch lustig sein „Ich könnte Künstler werden“, kichert Klaus von der Technik, nachdem er das entstandene Muster auf dem Prospekt in Augen-schein nimmt.

 

Hinter der Bühne sind Oliver Rose und Máni Thomasson, die Requisiteure, damit beschäf-tigt das Requistenregal einzuräumen. Mehrere Stofftiere befinden sich bereits in Aufbewahrungsboxen. „Die sind für die erste Szene“, erklärt Oliver. Später erfolgt noch die Ab-nahme mit den Schauspielern, damit diese die Ausstattungsgegenstände finden und indi-viduelle Wünsche aussprechen können.

 

In der Schneiderei sitzt Sabine Winge an ihrem Arbeitstisch. Es ist leise, Nina und Ulv sind verschwunden. Hinter ihr türmen sich zwei Holzkommoden mit Kisten darauf. Mehrere Nähmaschinen stehen an der rechten Wand am Fenster. Insgesamt vier. Zwei nähen gerade und zickzack. Eine ist für T-Shirt und Pullover Säume. Die Vierte verbindet Kleidungsstücke mit einer speziellen Naht, die dehnbar ist. „Würde man mit einer normalen Nähmaschine nähen, würde die naht reißen, wenn am T-Shirt gerissen wird.“, verdeutlicht Sabine und steckt derweil das T-Shirt von Nina ab. „Der Kragen soll tiefer Gesetzt werden. Aber nur vorne“.

 

In der Schneiderei; Foto: Zeyki Temizbas

 

Die Bühneneinrichtung ist fast fertig. Die Requisiteure lassen sich schließlich auch auf der Bühne blicken. Sie haben den Tag damit verbracht die Requisiten heranzuschaffen. Zuvor haben sie von Gabriel Frericks, dem Regieassistenten eine Liste mit den benötigten Requisiten erhalten. „In dem Stück gibt es relativ viele Requisiten“ macht Gabriel begreiflich, „und damit die Requisiteure und ich einen Überblick darüber haben, was das für eine Auf-wand ist, bekommen die von mir im Vorfeld eine Liste“.

 

18:00 Uhr. Das Bühnenbild steht. Alle Elemente sind aus Holz. Es gleicht einer Wohnzimmerschrankwand. Nur halb so hoch, dafür mehrere Meter lang. Zwei mit rollen bestückte Treppen ruhen davor. Sie sollen dazu dienen, dass die Schauspieler darauf spielen können. Eine Art Kioskbude steht in der Mitte. Unterhalb ein Schild, „Alles was du brauchst“ steht drauf geschrieben.

 

Langsam trudeln die Schauspieler und Musiker ein. Die Songeinrichtung soll stattfinden. Zeit für die Requisiteure letzte Wünsche für den heutigen anzufertigen. Für die Kioskeinrichtung muss ein kreisförmiges Geschirrtablett noch rutschfest gemacht werden. Mit Doppelseitigem Klebeband fixiert Máni Moosgummi am Grund. „Ist das Borderline-Tablet“ albert Oliver Rose herum. Beide positionieren sich für einen kurzen Augenblick noch hinter der Bühne, bevor sie ihren Arbeitstag beenden.

 

Ein Stockwerk höher findet die Video- und Toneinrichtung statt. Joe von der Technik ist für die Viedeoprojektionen von „Schnubbel“ verantwortlich. Gerade ist er dabei, die verschie-denen Projektionen durchzuklicken, welche später die Hintergründe werden sollen. Erste Cues wann was eingespielt werden soll, werden besprochen während der Tontechniker, die Mikroports testet. Das sind kleine Sendemikrofone, die an den Schauspielern angebracht werden.

 

Bei der Videoproduktion; Foto: Zeyki Temizbas

 

Derweilen ist es schon weit nach 20 Uhr. „Gabriel können wir mal erfahren, wann wir jetzt anfangen?“ fragt der Regisseur. Gabriel erklärt, was passieren wird, bevor er die Lage prüft. Die Schauspieler sind verkabelt, die Musiker sind da. Das Bühnenlicht geht an und die Probe kann beginnen.

 

Eineinhalb Stunden vor der Premiere sitzen Gabriels Einschätzungen nach 95% der Cues. Zwar sind Fehler nicht Wünschenswert, aber „die Techniker müssen sich ja auch ersteinmal eingewöhnen. Nach der 10. Vorstellung kann das schon anders aussehen“ er-zählt Frericks. „Theater ist halt teilweise auch ein hysterischer Prozess, das gehört ir-gendwie dazu“. Seine Aufregung hat er im Griff. Er versucht sie zu unterdrücken, indem er sich immer wieder ins Gedächtnis ruft, dass er während der Vorstellung nichts machen kann: „Es ist nicht mehr steuerbar. Man muss es geschehen lassen, und sagen, sowie es da gerade geschieht ist es genau richtig“. Noch weiß er nicht, von wo aus er sich die Pre-miere anschauen wird. Nur eins ist sicher, sitzen wird er auf gar keinen Fall „Ich stehe“, sagt er und geht, um letzte Vorbereitungen zu treffen.
 

Zeyki Temizbas ist Studentin der Kommunikationswissenschaften an der FU Berlin.