Thema des Monats - Mai 2014

Theater ist grenzenlos, Europa nicht für alle

 

Am 11. Mai wird „Peer Gynt aus dem Kosovo" im Wiesbadener Staatstheater uraufgeführt - ein Theaterprojekt aus vier Ländern. Robert Jelinek, Regisseur aus Schweden, Stefan Schletter, Dramaturg und Leiter des Jungen Staatstheaters Wiesbaden sowie der Autor Jeton Neziraij aus dem Kosovo sprechen über ein Theaterstück, das Ländergrenzen überschreitet, aber sie auch ganz deutlich zeigt - denn das Thema Asyl ist aktueller denn je.

 

Das Interview führte Meike Hickmann
 

Herr Neziraj, was macht Peer Gynt im Kosovo?

 

Jeton Neziraj: Das Drama „Peer Gynt aus dem Kosovo” basiert teilweise auf der wahren Geschichte eines kosovarischen Emigranten. Während ich die Gesichte schrieb, wurde mir klar, dass dieser junge Mann, ein gewisser Peer Gynt der heutigen Tage ist. Es sind nicht nur die Neugierde und ihre Abenteuer, die sich ähneln, sondern auch der “kosmopolitische” Ansatz und die Auffassung von „Freiheit“. Jedoch besteht ein wesentlicher Unterschied: die Grenzen. In meinem Drama sind die Grenzen sichtbar, samt aller Grausamkeiten, die die momentane balkanische Realität hat. Für die meisten Europäer ist der Fall der Grenzen etwas, dass in der Vergangenheit liegt, aber leider nicht für uns aus dem Kosovo. Europa hat uns isoliert, ohne jedes Recht. Aber im Wesentlichen spricht diese Stück über die Problematik der Asylsuchenden in Europa. Es gibt keine ernsthafte Anstrengung, deren wirkliche Dramen zu kennen und zu verstehen. In der Tat leben die jungen Menschen Europas die mittelalterliche Ignoranz aus. Ich bin geschockt, wenn ich junge Leute in Europa treffe, die z.B. immer noch nicht wissen, wo sich Kosovo befindet.


Warum ist dieses Stück dann trotzdem ein Jugendstück?

 

Jeton Neziraj: Weil ich glaube, es fordert sie auf zu reflektieren und bietet ihnen eine zusätzliche Perspektive über die Asylanten, in erster Linie eine menschlichere Perspektive.


Robert Jelinek:
Das Stück handelt von einem jungen Mann, der nach Glück strebt, aber im Kosovo, wo er lebt, gibt es für ihn nichts außer Kampf und harte Arbeit. Ihm wurde von Europa das Paradies versprochen und er denkt, er sei Teil von diesem Paradies. Viele junge Menschen leben in einer Traumwelt. Peer hat eine ziemlich naive Weltsicht - das steht im Konflikt zu der Welt, die er antrifft.


Stefan Schletter: Es gibt niemanden, den das Thema Migration nicht betrifft. In vielen Städten liegt der Anteil an Jugendlichen mit Migrationshintergrund bei 50 Prozent und mehr. Wir wollen eine Geschichte zeigen, die hinter so einem sperrigen Wort wie Migrationshintergrund liegt.

 

Charles Tolouse, Jonas Sjögren und Besnik Krapi; Foto: Agon Çeta
 


Wie gut können sich Jugendliche – auch in Deutschland
da hinein versetzen?

 

Stefan Schletter: Besser als die meisten von uns, weil sie mehr Menschen mit einer Migrationsgeschichte kennen als die meisten Älteren.
Jeton Neziraj: Ich denke, dass die jugendlichen die das Stück sehen werden, eine gewisse Empathie für die Hauptfigur Peer Gynt aus dem Kosovo empfinden werden. Er taucht in die Welt der Kriminalität und des Gangstertums ein, er trifft falsche Entscheidungen, aber gibt es andere Wege? Gibt es andere Lösungen?


Das Stück wird mit Schauspielern aus vielen Ländern erarbeitet: Kosovo, Albanien, Schweden, Deutschland − Wie geht das?

 

Stefan Schletter: Wir sprechen Englisch, und das Stück wird auch auf Englisch gezeigt werden. Eine Sprache, die für das ganze Team eine Fremdsprache ist. Da geht es den Schauspielern ähnlich wie fast allen Migranten; sie müssen sich mit einer neuen Sprache auseinandersetzen, verstehen und verstanden werden. Eine gemeinsame Sprache ist die Grundlage eines guten Zusammenspiels.


Robert Jelinek:
Manchmal mixen wir aber auch andere Sprachen in die Szenen. Wir alle leben in Europa, aber wir verstehen einander nicht. Wir haben alle verschiedene Sprachen und Kulturen, Ich will versuchen die Gräben und Brücken zwischen den Schauspielern zu finden.


Herr Neziraj, haben Sie ein politisches Stück geschrieben?

 

Jeton Neziraj: Ehrlich gesagt, möchte ich, dass es als politisches Drama behandelt wird, da es sich tatsächlich mit einem politischen Thema auseinandersetzt und einige der Thesen, die es zur Diskussion mit sich zieht, politisch sind.


Und was sind Ihre Thesen zum Thema – wie denken Sie, könnte man dem Problem von illegaler Einwanderung begegnen und es vielleicht lösen?

 

Jeton Neziraj: Es ist schwer, eine Antwort auf diese Frage zu geben. Wenn sich diese Frage speziell nur auf Kosovo und den Kosovaren bezieht, dann ja, dann könnte ich vielleicht eine Antwort haben. In dem Fall, würde ich sagen, dass es den Kosovaren ermöglicht werden sollte, sich frei in Europa zu bewegen. Andere profitieren vom Schengener Abkommen, obwohl sie nicht zur EU gehören: die Serben, Mazedonier, Albaner aus Albanien, die Montenegriner und alle anderen, aber nicht die Kosovaren − und dies hinterlässt einen schlechten Nachgeschmack bei den Bürgern Kosovos. Die Menschen im Kosovo haben schon genug gelitten und sie verdienen es nicht, die Geisel der unnötigen Europäischen Bürokratie zu sein. Die Kosovo-Albaner sind tatsächlich die treuesten Verteidiger der europäischen Werte. Sie standen gegen die Unterdrückung und die Gewalt des Diktators Miloševič auf und lehnten die Ungleichheit und die Hegemonie ab. Ihr Kampf für die Freiheit sollte in der Tat von Europa belohnt werden, denn Europas Fundament auf dem Konzept der Freiheit und der Gleichheit der Völker aufgebaut und gegründet.


Was kann Theater zu so einer politischen Diskussion beitragen?

 

Jeton Neziraj: Ein Theaterstück kann die Menschen dazu bringen, außerhalb des einheitlichen Denkens zu denken und sie dazu bewegen, Empathie für die Protagonisten zu empfinden, vor allem für die Opfer. Es mag naiv klingen, jedoch glauben wir, die Theatermacher, weiterhin an die Kraft des Theaters.


Herr Jelinek, was interessiert Sie als Regisseur an diesem Theaterstück?

 

Jelinek: Dass Peer niemals seine Hoffnung verliert - obwohl sein Leben echt hart ist! Er kämpft mit sich selbst und mit der Welt und gibt nicht auf.

 

Szene mit der albanischen Schauspielerin Ema Andrea; Foto: Agon Çeta


Was ist Ihnen wichtig, in der Inszenierung zu vermitteln?

 

Jelinek: Menschliches Sein. In allen möglichen Formen. Die Absurdität und Komik des Lebens. Die Anstrengung und den Kampf.


Wie kam es zu der internationalen Zusammenarbeit?

 

Stefan Schletter: Das Projekt entstand aus einem Gespräch am Rande der Biennale Neue Stücke aus Europa 2012. Wir haben Jeton Nezirajs Kinderstück „Die Brücke" in einer szenischen Lesung gezeigt. Ich habe Jeton Neziraj damals von meiner Suche nach Stücken zum Thema Migration erzählt und er berichtete mir von seinem Buch „Sehnsucht im Koffer", in dem er Interviews mit Migranten aus dem Kosovo führte − eines dieser Interviews wurde schließlich zum Stück.


Jeton Neziraj: Ich bin besessen von internationalen Theaterkooperationen. Offensichtlich bin ich selbst ein „Peer Gynt“ meiner Art. Tatsächlich bringen Kooperationen dieser Art viele Herausforderungen aber auch viele Vorteile mit sich. Und wir Theaterleute als unverbesserliche Idealisten und Träumer, die wir sind, sind in der Regel gut darin, nur die Vorteile zu sehen. Und diese Beziehung des gegenseitigen kulturellen Austausches ist fantastisch, besonders wenn es mit isolierten Ländern wie Kosovo stattfindet.


Herr Schletter, zu diesem Stück gab es ja auch schon mal eine Lesung in Wiesbaden – wie waren die ersten Reaktionen darauf?

 

Stefan Schletter: Wir hatte sehr positive Reaktionen. Den wunderbaren Schauspielern des Jungen Staatstheater ist es in nur einer Probe gelungen, dem Stück viel Leben einzuhauchen und der Inhalt hat das Publikum beschäftigt und bewegt. Es folgte eine spannende Diskussion. Wir wissen nun, dass der Text funktioniert. Was will man mehr?

 

Die Autorin ist freie Mitarbeiterin der Mainzer Rhein-Zeitung mit Schwerpunkt auf kulturellen Themen.
 

Aufführungs-Termine "Peer Gynt aus dem Kosovo":

So, 11.05.2014 19:30 Uhr (Premiere)
Mo, 12.05.2014 19:30 Uhr
Di, 13.05.2014 11:00 Uhr

 

Jeton Neziraj

Der kosovarische Autor erzählt in ‚Peer Gynt aus dem Kosovo‘ die Geschichte von Nexhat K. aus dem Kosovo, der fast 20 Jahre seines Lebens legal und illegal in Deutschland und Schweden verbrachte.

 

Foto: Ermal Meta