Thema des Monats - Juni 2014

Im Freiraum grenzenloser Fantasie

 

Von Isabelle von Moeller

 

„Es ist nicht die Sprache, mit der die Figuren kommunizieren, es sind die Bewegungen“, sagt sie und verschwindet hinter einigen Kisten, die sich in ihrem Atelier stapeln. Als sie wieder hervortritt, trägt sie einen großen Koffer in den Händen. „Mit Figuren habe ich andere Möglichkeiten, als mit Schauspielern: Ich kann sie fliegen lassen, schrumpfen lassen, sie aufblasen oder sterben lassen.“ Alice Therese Gottschalk, 1978 geboren, ist Puppenspielerin. 2004 hat sie ihr Tournéetheater FAB gegründet, mit dem sie auf verschiedenen Bühnen im In- und Ausland spielt.

 

Therese Gottschalk spielt im Theaterstück Wunderkammer mit zwei goldenen Händen. Fotograf: Winfried Reinhardt
 

Sie greift in die Kiste und holt ein mit Fäden zusammengeschnürtes Bündel heraus. Langsam entpuppen sich zwei lange stakselige, mit Federn beklebte Beine. Ein runder Bauch. Noch mehr Federn. Zum Schluss der Kopf mit einer langen Vogelnase. „Das ist die Möwe. Ein Alter Ego von Ringelnatz. Ich suche immer die Verbindung zwischen Material und dem Charakter der Figur. Hier ist es natürlich klar: Federn und Möwe. Aber Papier zum Beispiel hat viele Attribute. Es knittert, wird faltig. Eine tolle Metapher für das Altern.“ In jedem Text findet sich eine Vielzahl an Motiven, die mithilfe des Materials an der Figur umgesetzt werden können. Jedes Material besitzt einen Grundzustand, eine Geschichte, die Therese Gottschalk nutzt, um die Figuren zu typisieren.
 

Als nächstes zieht sie eine grün-blaue Marionette hervor, die mit einem Rock aus bemalter Seide sofort an ein Unterwasserwesen erinnert. „So wird jeder Figur schon durch die Verwendung des passenden Materials Charaktereigenschaften zugeschrieben, anhand derer eine Identifizierung stattfindet. Deshalb kann auch jede Figur, die ich baue, in nur einem Stück spielen. Es gibt keine Mehrfachbesetzungen.“


Aus der Schule von Professor Albrecht Roser


Alice Therese Gottschalk, die an der Schauspielschule Ernst Busch in Berlin und an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart studiert hat, war Schülerin von Professor Albrecht Roser. Ein wichtiger Grundgedanke, der sich durch seine Lehre zog, war die Reduktion auf das Wesentliche: So wenig Fäden wie möglich, so viele wie nötig. „Je mehr Fäden ich an einer Marionette habe, desto mehr muss ich auch kontrollieren. Dabei reichen oft schon vier Fäden aus, um alles auszudrücken, was das Stück braucht“, sagt sie und nimmt das Spielkreuz in die Hand. „Für mich ist vielmehr der Prozess des Bauens der große Spaß. Und die eigentliche Herausforderung ist, die darstellerischen Möglichkeiten eines Objekts auszuschöpfen und immer wieder neue Materialien zu entdecken und zu verwenden. Follow the material, bedeutet für mich zu erforschen was das Material erzählen kann und will. Dazu gehört natürlich auch das Ausprobieren: Welche Bewegungen hat ein Material von sich aus und was erzählt es? Welche Bewegungen möchte ich mit der Marionette erzeugen, und wie lassen sie sich technisch umsetzen?“, sagt sie und sortiert die Ringschrauben zu den Kugelgelenken, den kleinen Akkubohrer zu der Heißklebepistole.

 

Marionetten und Schauspieler – Objekt und Subjekt


Die Beziehung zwischen dem Schauspieler, oft dem Puppenbauer selbst, und der Figur ist nicht immer ganz einfach. Der Brite Edward Gordon Craig, er war Schauspieler, Regisseur und Autor, nannte es das Subjektivitätsproblem in der Schauspielkunst. Er stellte den unzuverlässigen menschlichen Darsteller, der seiner eigenen Subjektivität unterlegen ist, gegen die Kunstfigur. „Dieser Kontrast erzeugt eine große Spannung. Die Zuschauer sehen totes Material, das echter und natürlicher in seiner Bewegung erscheint, als der Mensch der es bewegt. Manchmal betreten wir Figurenspieler ganz bewusst die Handlung, um die Grenzen zwischen Subjekt und Objekt darzustellen und gleichzeitig zu brechen.“


Wunderkammer


Wie der Dialog zwischen Puppe und Mensch aussehen kann, zeigen Therese Gottschalk, Raphael Mürle und Frank Soehnle zurzeit in ihrem Stück „Wunderkammer“ im Zentrum für Figurentheater (Fitz!) in Stuttgart. Alle drei waren Schüler von Albrecht Roser und haben die „Wunderkammer“ entwickelt, um seiner zu gedenken und um ihr eigenes Marionettenspiel gleichermaßen zu vertiefen und weiterzuentwickeln. „Die Faszination besteht im Betreten eines Freiraums der grenzenlosen Fantasie", erzählt Frank Soehnle. „Anders als im Spartentheater, orientieren wir uns am Inhalt und sind vollkommen frei in Genrefragen. Wir müssen uns nicht an Sparten halten."

 

Figurentheater kennt keine Grenzen: In der Wunderkammer sind die Figuren selbst die Musikinstrumente. Fotograf: Winfried Reinhardt
 


In der „Wunderkammer“ spielen die drei Puppenspieler mit etwa 20 verschiedenen Marionetten. Die erste Idee im Kopf, der erste gezeichnete Entwurf einer Figur, der Bau, die Bemalung, die Kostüme, die Kulisse, die Requisiten, die Handlung – die Puppenbauer sind Multitalente. „Zumeist ist eine Handlung, also eine Sequenz, nicht länger als sechs Minuten. Da die Spielmöglichkeiten der Figur begrenzt sind, ist es wichtig, lebendige und für den Charakter passende Bewegungen zu finden, sodass das Bewegungsrepertoire der Marionette unendlich scheint“, sagt Therese Gottschalk. Dementsprechend fragmentarisch ist auch die „Wunderkammer“: die Sequenzen kurz, die Marionetten einzigartig, das Spiel vielseitig, die Ideen abstrakt, ungewöhnlich, schön und jede Bewegung mit viel Liebe zum Detail gespielt. Die Faszination besteht eben im Betreten eines Freiraums der grenzenlosen Fantasie.


Isabelle von Moeller, *1988, war in der 11. Klasse für zwei Wochen als Praktikantin am Theater. Seitdem liebt sie Theater in all seinen Formen und Farben. Wobei darüber zu schreiben die schönste Form ist. Sie hat Journalismus und Medienkommunikation im Bachelor studiert (Bielefeld) und Vergleichende Kultur- und Literaturwissenschaft im Master (Paderborn). Neben dem Studium arbeitete sie im Theater Bielefeld und in der Bielefelder Lokalredaktion des Westfalen-Blatts.