Foto: Detlev Baur
Foto: Detlev Baur

Thema des Monats - Juli 2014

Was wäre denn so schlimm daran?

Über Hashtags und Hochkultur

 

Eine Ergänzung zum Artikel "Twittern im Theater" in Die Deutsche Bühne 7/2014.

 

Am 9. Mai 2014 erstellten 18 Blogger und Kritiker während einer Vorstellung beim Berliner Theatertreffen eine gemeinsame Live-Kritik. In der letzten Reihe des Rangs im Haus der Festspiele stellten sie in Frank Castorfs Inszenierung „Reise ans Ende der Nacht“ ihre Eindrücke, Gedanken, Assoziationen und Kritikpunkte auf Twitter direkt ins Netz.

 

Von Bianca Praetorius

 

Seit gut zwei Jahren laufe ich mit einem leuchtenden Demonstrationsbanner auf der Stirn herum. Darauf steht „Twitter + Theater = <3“.

 

Seit 2012 stelle ich mich mit allen mir zu Verfügung stehenden Überzeugungswaffen in den windigen Kampf, Twitter in die Theaterrezeption einzubringen.

 

Zum Beispiel hier (http://www.die-junge-buehne.de/de/artikel_lesen/archiv/2012/85.html) oder hier (https://www.youtube.com/watch?v=fi5Vbvj7HzE) oder hier (http://www.deutschlandradiokultur.de/erste-twitter-theater-woche-von-reihe-sieben-bis-neun.954.de.html?dram:article_id=271788) oder hier (https://storify.com/TT_Blog14/ttreise)

 

Man kann also sagen, ich versuche da eine Bewegung mit voran zu treiben. Ich verwende darauf viel Zeit, Energie, Geduld und tonnenweise Optimismus.
Jedoch: Ich mag Twitter gar nicht. Ich finde Twitter nervig und blökend und langweilig.

 

Huch. Was ist da denn los?
Die Faustregel ist: Wer „sowas wie Theater“ mag, der findet „sowas wie Twitter“ oberflächlich und doof.
Die Lust an Theater ist das Live-Erleben, die Sinnlichkeit, die Wucht, das Empfinden, das rohe Menschliche, das radial Gedankengut, das Spiel mit Ebenen, das Unmittelbare, das Vergängliche.
Twitter ist das Gegenteil. Es ist kurz, schnell, laut, platt, nervig, virtuell, sinnestot und es steht für alle Ewigkeiten nachlesbar in der Öffentlichkeit in diesem ekeligen, ekligen Internet.

 

Allerdings haben sie einen nicht ganz unwesentlich gemeinsamen Sinn: Die Möglichkeit des radikal transparenten Austauschs.

 

Let’s talk about Vorurteile.
Das Bild was der „Twitter-Disliker“ von Twitter hat: Twitter ist Fotos von Essen, das Mitteilen von privaten Befindlichkeiten und Retweets von Events anderer Twitterer. Also: Viel, viel PR.
Leider entspricht dieses Bild in etwa der Wirklichkeit des spärlich besiedelten „Dinge mit Theater bei Twitter“- Felds.
Die PR Abteilung vom Schauspielhaus ABC retweetet den Tweet von Theater XYZ und andersrum. Man fotografiert Kantinenessen und die sehnlichst erwartete postalische Ankunft des frisch gedruckten neuen Spielzeithefts und alle haben das Gefühl „Hey, was habt ihr denn, wir machen doch social media!“
In Wirklichkeit, macht man so jedoch social media kaputt.

 

Wenn jeder die Werbung vom anderen retweetet dann wird Twitter zu einer schreierischen Supermarkt Discount Broschüre in hellblau und digital.
„Twitter ist, wenn 5 Millionen Menschen in einen Mülleimer schreien“, sagte einmal ein kluger Mensch im Internet.
Je mehr PR- Broadcasting über Twitter betrieben wird, desto langweiliger, nervender und blökiger wird Twitter.
Also, kann ich ehrlich sagen: So wie Twitter bisher benutzt wird, finde ich Twitter doof.

 

Aber Twitter ist ein Werkzeug.
Und ich bin überzeugt: Ein tolles Werkzeug für den Austausch über Theater.

 

Es ist doch so:
Bei #tatort kann einfach niemand verhindern, dass darüber getwittert wird. Beim #esc (eurovision song contest) oder #gntm (germanys next topmodel) oder #bundestagswahl auch nicht.
Und es ist ja nicht so, dass die Veranstalter sich das Getwittere immer wünschen würden.
Tatort zum Beispiel. Da wird gelästert und unqualifiziert gefrotzelt. Falsches behauptet und wohlüberlebte Regieentscheidungen unverstanden verrissen. Wenn ich als Tatort-Regisseur darüber entscheiden könnte, ob man darüber twittern darf – ich würde es verbieten.
Es tut weh, es ist peinlich, es ist unkünstlerisch, und alle die da schreiben, haben aus meiner Sicht sowieso keine Ahnung, von was sie da sprechen.
Aber zum Glück kann ich es nicht verbieten.
Der Zuschauer vor seinem Fernseher mach leider was er will. Pech gehabt.

 

Etwas anders sieht das im Theater aus. Der einzige Grund warum wir diese Diskussion von „ist Twitter & Theater eine gute Kombination“ haben, ist ausschließlich: Because we can.
Weil im Theater immer jemand das "Saalrecht" hat.
Jemand entscheidet darüber, ob getwittert wird, weil er das kann.

 

Ob im Theater getwittert werden sollte, ist eine politische Entscheidung. Keine ästhetische.

 

Das Theater ist der einzige Ort, an dem ich vorher explizit dazu einladen werden muss, dass heute Abend ausnahmsweise mal gewittert werden darf.
Es ist der einzige Ort, an dem man mittels subtiler sozialer Sanktionen wie „verächtlichem Schnaufen“ oder entrüstetem Blick vom Sitznachbar beim Herausnehmen des unsäglichen Smartphones bestraft wird.

 

Jetzt ist es aber doch so:
Wenn ich in der letzten Reihe sitze, oder im Rang. Dann bekommt es niemand (tatsächlich niemand) mit dass ich über die Vorstellung twittere. Ich beeinflusse niemandes Theatererlebnis. Meine Kernfrage also:
Wo ist eigentlich das Problem?

 

Das Theater will Ort des öffentlichen Austauschs sein und Ort der Debatte.
Jeder freut sich über ein gut besuchtes Publikumsgespräch.
Twitter gibt Möglichkeit dieses Austausch. Und zwar auf die Masse angewendet.

 

Meine Behauptung: Dinge wie #TTreise könnte eine crowdgesourcte Theaterkritik- Kultur erschaffen.
Kein Ersatz der ausführlichen Theaterkritk. Sondern eine zweite Form.
Ein Tagebuch ist auch nicht dasselbe wie eine autobiographischer Roman.
Hashtag-feeds werden nie Theaterkritik sein. Sie werden weder besser noch schlechter als sie sein, sie werden schlichtweg etwas anderes sein.

 

Also, noch einmal: Wo ist das Problem?
Das Problem ist: Das zuzulassen verlangt eine Menge Mut.
Die vielseitige Rückkopplung, Gruppendynamik, Shitstorm in Stein gemeißelt.
Das macht mir kalte Füße.
Wenn ich es also verbieten könnte, wie gesagt, ich würde es tun.

 

Ich will das aber gar nicht verbieten dürfen.
Ich will in eine Theaterlandschaft, in der Theater allen gehört und sich alle auch so benehmen.

 

Künstlerisch ist ein Tweetup nicht unbedingt wertvoll.
Es ist auch nicht Teil des dramaturgischen Konzepts eines Abends.
Es ist Teil der Rezeption.
Es ist so wichtig wie ein Publikumsgespräch.

 

Natürlich, sind Publikumsgespräche immer unersetzbar. Aber sie müssen nicht die einzige Form des Feedbacks sein, die es im Theater gibt.
Ich persönlich habe im allgemeinen manchmal eine ziemlich große Klappe. Aber in Publikumsgesprächen gibt es hundert Gründe warum ich mich oft nicht traue, etwas zu sagen. Meine menschliche Scham, der Rückfall in meinen zaghaften Mädchengestus und schlichtweg Scheu, mich zu äußern. Aber eine Meinung hab ich trotzdem.
Schriftlich war immer ehrlicher als face-to-face. Zu viele Emotionen zum Jonglieren.
Papier ist geduldig, mein Display auch.
Bei einem Tweetup kann jeder kann alles sagen.
Genau darin liegt der Mehrwert von „Twitter & Theater.“ Genau darin liegt aber gleichzeitig auch die Angst davor.

 

Das verdächtigste an die Diskussion „Twitter & theater - Top oder Flop?“ ist, dass es diese Diskussion überhaupt gibt.

 

Denn, Twitter im Theater ist eine kulturpolitische Entscheidung, keine künstlerische oder ästhetische.

 

Den „Mehrwert des Twitterns im Theater“ bewerten zu wollen ist die logische Konsequenz der spürbaren Nervosität, die die Diskussion mit sich bringt.
„Klassische Theaterkritik“ jedoch mit „crowdgesourcter Tweet-Kritiken“ zu vergleichen, ist wie ein "Kresse-Beet fürs Fensterbrett" mit der "Bundesgartenschau" zu vergleichen.

 

Theaterkritik ist eine lang angesetzte Kultur, ein Garten der wachsen musste.
Dieses „Twitter im Theater“ hingegen, ist eine neu angelegte Kultur, ein Baby-Pflänzchen.
Also: Wachsen lassen und gucken was passiert, wenn es groß ist.
Damit das passiert, muss dann aber auch etwas Wasser drauf. Aus Vertrauen.
Und aus Lust am Gärtnern.

 

 

Bianca Praetorius war Ideengeberin, Mitorganisatorin und Teilnehmerin der Twitterkritik