Thema des Monats - August 2014

ICH UND DER REST

Eine Eigenproduktion des Jugendclubs des Theaters Krefeld
Premiere am 27. Juni 2014

 

Produktionstagebuch einer Dramaturgin - oder: du und ich und wir. Auf Spurensuche.

 

von Julia Opitz

 

Diesen Moment – diesen Moment erleben wir gerade gemeinsam.
Keine Vorstellung und kein Moment wird je wieder so sein wie jetzt, weil wir uns alle in dieser Form nie wieder sehen werden. (...) Ab dem Zeitpunkt, als du deine Karte gekauft hast, ab da waren wir alle hier und heute verabredet. Das ist also quasi eine Art Blind Date. Und wir lernen uns jetzt kennen. An diesem Abend wird niemand sterben. Wir erleben zusammen nur den Moment, das Jetzt. In Echtzeit. Ich und du. Ich und der Rest. (Anne Küper, Stückautorin)

 

Die Unvorhersehbarkeit des Live-Moments, die Unmittelbarkeit des Augenblicks und das „Jetzt in Echtzeit" sind Elemente, die das Theater immer wieder neu ausmachen, von denen es lebt und die es bezaubernd einmalig machen. Im Projekt „Ich und der Rest" wird Theater als Kunstform befragt und wird in Form einer Performance ergründet, wie ein Ich und ein Du temporäre Verbindungen miteinander eingehen, wie Gruppen und Einzelpersonen in verschiedenen Konstellationen sich finden, voneinander lösen und wieder neu finden.

 


OKTOBER 2013: Die ersten Schritte

 

Die Grundidee zu „Ich und der Rest" ist inspiriert von einer Projektarbeit, die Spielleiter und Regisseur Dirk Wiefel und Bühnenbildner Matthias Stutte am Krefelder Egelsberg mit Jugendlichen erarbeiteten. Sie begaben sich dort im Oktober 2013 auf die Spuren des Bauhaus Architekten Mies van der Rohe. In nur vier Wochen Probezeit entstand im Mies 1:1-Modell (ein Nachbau eines Modells für ein Golfclubhaus in Krefeld im Maßstab 1:1) das Performance-Projekt
„Wir und der Golfclub“, in dem die beteiligten Jugendlichen sich der Person Mies van der Rohes, seiner Raumkonzeption und seiner allgemeinen künstlerischen Haltung performativ annäherten.

 

„Baukunst ist nicht Gegenstand geistreicher Spekulation, sie ist in Wahrheit nur als Lebensvorgang zu begreifen, sie ist Ausdruck dafür, wie sich der Mensch gegenüber der Umwelt behauptet und wie er sie zu meistern versteht.“, so Mies van der Rohe.

 

Das private Innen und das öffentliche Außen spielt nicht nur in der Architektur eine wesentliche Rolle, beides müssen wir auch im soziokulturellen Austausch immer irgendwie vereinen. Wir müssen das Innen nach außen holen und das Außen ins Innen hineinlassen. Wie stark passt der Mensch sich an, um dem Außen halbwegs gerecht zu werden und warum gibt es irgendwie immer zu wenige Momente, in denen man einfach nur mal ganz für sich sein kann?

 

„Ich und der Rest" ist ein Performanceprojekt mit 14 Jugendlichen (15 bis 21 Jahre), in dem über das Zusammentreffen kollektiver und individueller Identitäten nachgedacht wird. Die Lebenswirklichkeiten, persönliche Geschichten und Erlebnisse der beteiligten Jugendlichen werden zum Ausgangsmaterial eines autobiografisch angelegten Stück Theaters über das Ich-Sein und das Wir-Sein.
Die Eigenproduktion des Theaters Krefeld entstand in der Spielzeit 2013/14, wurde technisch professionell begleitet und begreift sich als Fortsetzung von „Wir und der Golfclub".

 

„Das Ich ist mal mehr ausgeprägt und mal weniger, also mal bin ich ganz ich selbst, vielleicht allein, vielleicht mit anderen Leuten, die mich sehr gut kennen. Mal bin ich jemand ganz anderes vor Autoritätspersonen oder meinen Eltern. Man ist überall ich: innerlich, äußerlich − aber wie stellt man das dar?“, fragt sich Jugendclubmitglied Kerstin.

 

 

NOVEMBER/ DEZEMBER 2013: Stückentwicklung − da sind wir.

 

Ja − Wie stellt man das dar?
Die Gruppe aus Spielern und Spielerinnen findet sich. Es gibt keine Textgrundlage und niemand weiß genau, wo die Reise hingeht. Einzig der Bühnenbildentwurf (Matthias Stutte) steht: Eine Anlehnung an das Golfclubhaus-Modell Mies van der Rohes, das am Egelsberg nachgebaut wurde. Eine Zusammenführung also zwischen der Auseinandersetzung mit Architektur als Verörtlichung sozialen Geschehens und einer eigenen szenischen Erkundung darüber, wie Individuum und Gruppe zusammenwirken.

 

Für mehr als die Hälfte der Darsteller und Darstellerinnen ist das Format der Stückentwicklung Neuland. Die Jugendlichen fragen sich immer wieder, wo (zum Teufel) Figuren, Rollen und Handlungsstränge bleiben. In einzelne Arbeitsgruppen (Kostüm/ Kathrin Beutelspacher, Bühne/Matthias Stutte, Video/Lukas Soboll, Dramaturgie/Julia Opitz) aufgeteilt, arbeiten die Jugendlichen mit an der Idee für ein einheitliches Grundkostüm, das später nach und nach durch individuelle Attribute erweitert werden soll, an ersten Videoideen und am späteren Stücktext. In einer Schreibwerkstatt werden dafür im Format des „speed-writings" oder kreativen Schreibens Texte zu den Themenkomplexen „Ich" und „Rest" verfasst. Schauspieler Cornelius Gebert schreibt für die Produktion ein eigenes Lied mit dem Titel „Ich bin hipp - dafür stehe ich mit meinem Namen" und an vielen engagierten Samstagvormittagen erarbeitet Alla Bondarevskaya mit den Jugendlichen Choreographien zu ausgewählten Songs. Mehr und mehr gehen Hemmungen verloren, werden die verschiedenen szenischen Improvisationen, die Dirk Wiefel mit der Gruppe erarbeitet und das gemeinsam Geschriebene zum Material für eine erste Textfassung. Mehr und mehr schmälern sich auch die Fragen danach, was eine Stückentwicklung eigentlich sei, denn irgendwie steckten ja plötzlich alle mitten drin.

 


"Probe im Originalkostüm"; Foto: Dirk Wiefel


„Also ich habe gemerkt, dass es viel mehr Spaß macht, so frei zu arbeiten, zu gucken nach Dingen, die einen bewegen und beschäftigen, als trocken eine Textvorlage durchzuackern.“ sagt Jugendclubber Kilian. „Und das Schöne ist, dass wir ja unsere eigenen Ideen in den Prozess einbringen dürfen, und dadurch wird dann alles auch gleich viel persönlicher.“, ergänzt Paulina.


JANUAR 2014: Probenwochenende in Mönchengladbach Hardt

 

In der Natur, im Grünen und in Gemeinschaftsräumen der Jugendherberge in Hardt sprechen wir über unseren aktuellen Probenstand und verbringen ganz unspektakulär Zeit miteinander. Nähern uns spielerisch eigenen Erlebnissen aus der Vergangenheit an, die wir mit Anpassung assoziieren. In Intensiv-Blöcken entstehen neue Szenen und Lieder, wir gehen eher später als früher schlafen. Anstrengung, manchmal Frustration und viel positive Energie vermischen sich zu einem Potpourri gefühlter neuer Möglichkeiten.
Alle gemeinsam einsam − die Ausfahrt hinterlässt vor allem auf persönlicher Ebene unglaublich viel.

 


"Arbeit an Choreographie"; Foto: Dirk Wiefel

 

FEBRUAR / MÄRZ 2014: Nichts bleibt, wie es ist.

 

Donnerstags wird szenisch probiert, montags musikalisch, samstags wird getanzt und im Allgemeinen versucht, die besonderen Momente des Probewochenendes im Januar auszuarbeiten. Das klappt mal besser, mal schlechter. Aber ans Aufgeben ist zu keinem Zeitpunkt zu denken. Ich würde sagen, eine ganz normale Phase in einem Stückentwicklungsprozess. Und dann sind da auch schon die Osterferienferien in Sicht. Für uns eine weitere Intensivprobenzeit: ahoi.

 

APRIL 2014: Osterferien und eine entscheidende Kritikrunde

 

Zwischenstand: Chorische Elemente, die sich mit Liedern (musikalische Leitung: Dirk Wiefel, Mitarbeit: Cornelius Gebert) und autobiografischem Monologmaterial mischen. Aussagen Mies van der Rohes, die als Chorsequenzen in unsere Arbeit eingeflochten werden, choreographische Folgen und (immerhin) angedachte Videoprojektionen (inhaltlich noch eher zart). Das erste Mal Proben auf der späteren Originalbühne, noch ohne Bühnenbild. Und dann: eine Präsentation des momentanen Probenstands vor einer Gruppe ehemaliger Jugendclubmitglieder. Uff. Aufregend. Positiv aber klar formulierte Kritik: zu wenig Haltung, zu wenig innere Bezugnahme zu den Dingen, die wir erzählen wollen. Und jetzt?

 

MAI 2014: Relaunch oder „Ich und der Rest" − Versuch 2

 

Krisensitzung im engen Kreis und eine, wie sich später herausstellt, mehr als gute Lösung in Sicht: Innerhalb einer Woche formt Anne Küper, ehemalige Spielerin im Jugendclub und Autorin des Vorgängerstücks „Varieté der Empörung" aus bestehendem Material und eigener Textentwicklung einen neuen Stücktext. Den Jugendlichen gibt Anne keine festen Rollen, sondern sogenannte Profile an die Hand, die verschiedene Charaktereigenschaften repräsentieren. Mehrere Aussagen Mies van der Rohes verknüpft auch Anne mit ihren Textelementen.
Auf dem Sommerfest des Krefelder Theaters hintenlinks wird eine „Preview" von „Ich und der Rest" gezeigt.



Preview @Theater hinten links from junge bühne on Vimeo.

Film: Dirk Wiefel

 

JUNI/ JULI 2014: Endproben, Premiere und 4 Aufführungen

 

Neuer Text, neues Glück und immer wieder Zweifel, ob uns die wenigen Wochen, die bleiben, ausreichen würden, um das neue Material szenisch zu erarbeiten. Ein Film über Momente kollektiver Erinnerung entsteht, eine interaktive Zuschauereinbindung wird ausgetüfftelt.
Und dann: Technische Einrichtung (TE), eine Woche Endproben im Originalbühnenbild und
PREMIERE! 27. Juni − plötzlich da und große Vorfreude.
Mehrere WM-Spiele fallen mit Proben zusammen, die Jugendlichen sind dennoch konzentriert dabei.
Dirk Wiefel kommt bei Deutschlandspielen konsequent im Özil-Trikot auf die Probe und Matthias Stutte gibt den Produktionsbeteiligten laufend Infos über den Spielstand.
Was will man mehr.

 


"Endproben"; Foto: Dirk Wiefel


Vier weitere kraftvolle Aufführungen folgen und viel positive Resonanz zu einer Arbeit, die keiner und keine von uns missen möchte.

 

Diesen Moment – diesen Moment haben wir jetzt gerade gemeinsam erlebt. Keine Vorstellung und kein Moment wird je wieder so sein wie jetzt (...) I want you by my side. So that I never feel alone again. Ich will dich an meiner Seite, dich, jetzt, in diesem Moment. (...) Und wir tanzen, wie wir vorher noch nie getanzt haben. Wir gegen den Rest der Welt (...). Und du. Und ich. (Anne Küper)

 

 

Spielzeittagebuch einer Dramaturgiepraktikantin

Erfahrungen an der Landesbühne Niedersachsen Nord Wilhelmshaven


von Hannah Spielvogel

 

September 2013

 

- 10.09.: Ich, Hannah Spielvogel bin seit Beginn der Spielzeit als Dramaturgiepraktikantin an der Jungen Landesbühne (im Folgenden JuLaBü) in Wilhelmshaven, die sich nach dem integrierten Modell mit in der Landesbühne Niedersachsen Nord (im Folgenden LaBüNiNo) befindet. Athena Schreiber, die Dramaturgin der JuLaBü und Carola Unser, die Leiterin dessen werden mich bis mindestens Dezember diesen Jahres an den Hacken haben
- 11.09.: heutiger Job: Aushilfshandwerker. Ich sitze auf einer wackligen Leiter, gefühlte drei Meter über dem Boden des Büros und versuche mit einem Hammer, Reißzwecken möglichst in die Wand und nicht in meinen Daumennagel zu hauen. Wie ich es schaffen soll, dass die Plakate und Bilder der vergangenen Spielzeit einigermaßen gerade hängen, ist mir unbegreiflich, da mein primäres Ziel momentan darin besteht, nicht seitwärts von der Leiter zu kippen. Diese Reißzwecken sind ungemein tückisch und landen am allerliebsten auf dem Boden, sodass ich gezwungen bin, die Leiter vermehrt hoch- und runter zu kraxeln. Und mal wieder wird mir klar, dass ich an meinem Schreibtisch definitiv besser aufgehoben bin. Und Gott sei Dank ist die nächste Aufgabe dann auch wieder das Schreiben eines Presseartikels. Gut so.

 

Intermezzo:
Da ich nicht voraussehen kann, wer im Laufe des Jahres hier drin noch eine wichtigere Rolle spielen wird, stelle ich kurz einige Personen meines näheren Umfeldes vor.
Athena: Dramaturgin der JuLabü und mein Schutzengel. Sie diktiert mir die Aufgaben und sorgt dafür, dass ich auch mal vor Mitternacht Feierabend habe. Wir machen viel Blödsinn, der hier aufzuführen zu weit ginge. Aber psssssst…
Carola: Leiterin der JuLabü oder auch: die Frau aus dem Büro nebenan. Da sie nicht nur Leiterin der Julabü sondern auch noch Regisseurin ist, ist sie immer in Eile. Mit Kaffee hält sie sich am Leben, ich wüsste auch nicht, wie sie sonst die 18 Stunden am Tag arbeiten könnte.
Frank: Theaterpädagoge der Jungen Landesbühne. Selten in diesen Gefilden anzutreffen, da er oft mit einem seiner zahlreichen Projekte unterwegs ist.
Olaf Strieb: Intendant und Chef des ganzen Ladens. Mehr gibt’s dazu nicht zu sagen :-)
Frau Hüttenmüller: Seine Sekretärin und die arme Seele, die mir fast täglich den Schlüssel geben muss, wenn ich mal wieder vor verschlossener Bürotür stehe.
Peter und Lea: Dramaturg und Dramaturgin für den Abendspielplan und somit zeitweilige Ansprechpartner in Sachen Dramaturgie.
Torben: Der Verwaltungsdirektor. Er gibt einem Geld. Oder auch nicht.
Christoph: Arbeiter für Marketing und Grafik, den ich leider viel zu oft wegen seines wunderbaren Farbdruckers belästigen muss.
Phyllis und Kathi: Die FSJlerinnen. Menschen. In meinem Alter. Tolle Menschen! Juhuuu!
Frau Thies: Disponentin (regelt alles Terminliche) und sorgt dafür, dass ich Ahnung habe, wann ich wo hinmuss.
Die Verwaltung: Oftmals mit vielen freundlichen Damen besetzt.
Jarno: Presse- und Öffentlichkeitsmitarbeiter am anderen Ende des Hauses. Wegen der langen Gehstrecke nur selten zu Besuch. Trifft man sich zufällig, wird einem aber immer freundlich zugelächelt.

 

Oktober 2013

 

31.10.: Habe mein Spielzeittagebuch in letzer Zeit etwas vernachlässigt, aber gerade passiert auch wahnsinnig viel bei uns. Fünf (!) Premieren in zwei Wochen (Zwei davon von der JuLaBÜ), und nach gefühlten 100 Ankündigungs- und Werbetexten, die ich verfassen durfte, habe ich gerade ein kleines Arbeitstief. Ich habe das Büro aufgeräumt, den Abwasch gemacht und Pressemitteilungen abgeheftet. Ja, Abwasch. So langweilig ist mir gerade. Und da fiel mir ein: Hey, du hast ja noch ein Spielzeittagebuch. Aber immer wenn es spannend ist, und ich was zu tun habe, komme ich nicht dazu hier zu schreiben. Und wenn ich hier schreibe, bedeutet das höchstwahrscheinlich, dass mir langweilig ist. Also gleich mal eine Kurzbeschreibung meiner Aufgaben:

 

Intermezzo:
Dieses Spielzeittagebuch soll ja nicht nur mir Freude beim Schreiben bringen, oh nein. Es soll zudem hilf- und lehrreich sein, für alle, die über eine Karriere am Theater nachdenken.
Geht man nach der Schauspielerin Z.H., ist das Schlimmste was man tun kann, Schauspieler/in zu werden. Ich habe da kein Vergleichsmaterial aber den eindringlichen Worten „Hannah, schwör mir, dass du niemals Schauspielerin wirst. Tu es einfach!“ zu Folge, ist es wohl nicht jedermanns Sache. Das ist ja auch weiterhin gar nicht schlimm, mich zieht es eh eher in die Dramaturgie. Damit ich später niemanden davon überzeugen/abhalten brauche, (k)ein Dramaturg zu werden, erzähl ich präventiv schon mal, was so ein Dramaturgiepraktikum umfasst:
- da wären die zu verfassenden Artikel. Eine meiner Lieblingsaufgaben. Auf eine Zeichenzahl begrenzt (meist zwischen 250 oder 2500 Zeichen) versucht man sich zu einem Stück eine lustige und möglichst aufschlussreiche Inhaltsangabe aus den Fingern zu saugen. Wird im Laufe der Zeit schwieriger, denn so ein Stück will nicht nur einmal, sondern mehrmals beworben werden. Also ja nicht beim 20. Text die Motivation verlieren. Sollte mal keine Inhaltsangabe gefordert sein, wäre es möglich, dass ein Probenbericht, ein Interview o.ä. gefordert wird. Abwechslung und so.
- Recherche. Noch so eine Aufgabe, die ich mit Freuden erledige. Man erfährt nicht nur allerhand zum Sozial-Politischem Weltsystem (Obdachlosigkeit, Mobbing, Asyl), man kann am Ende auch prima mit seinem Fachwissen angeben, denn nachdem man sich durch sämtliche Wikipediaartikel und die hiesige Fachliteratur gearbeitet hat, kannst du selbst langweilige Gesetzesverfassungen vorwärts und rückwärts singen. Hilft bestimmt mal bei „Wer wird Millionär“
- Akquise. Aufgabe, die ich nicht so gerne mache. Theater soll Zuschauer anlocken, nur manchmal muss man dem bequemen Otto-normal-Verbraucher ein wenig auf die Sprünge helfen. Das bedeutet vor allem bei den Kindergärten/ Schulen o.Ä. die sich erdreisten noch keine Vorstellung gebucht zu haben, anzurufen und möglichst freundlich nachzufragen, ob noch Interesse besteht. Das tut’s aber meistens eher nicht.
- Technikkram. Technikkram fasst ein paar Dinge zusammen, in denen ich nicht wirklich gut bin und die ich mangels Fachwissen nicht näher definieren kann, deshalb Technikkram. Umfasst zu meist das Pflegen der Homepage und die Zusammenarbeit mit einigen hochempfindlichen Gerätschaften, wie Drucker, Scanner oder PC.
- Öffentlichkeitsarbeit. Die Öffentlichkeitsarbeit obliegt eigentlich dem Mitarbeiter für Öffentlichkeitsarbeit (nämlich Jarno), der ist aber ganz schön ausgelastet, weshalb einem die ein oder andere Aufgabe auch mal in den Schoß fällt. Das heißt, Plakate verteilen, Eintrittskarten gestalten oder Pressespiegel verfassen. Das meiste davon erfordert Ahnung von der Arbeit mit dem PC. Die ich nicht habe. Da heißt es dann, frisch ans Werk und munter hineingefuchst in die wunderbare Welt hinterm Bildschirm.
- Last but not least: Zusammenarbeit mit Kindern. Wieder so eine Aufgabe, die (zumeist) viel Freude bereitet. Da wir uns an der JUNGEN Landesbühne befinden, ist auch unser Publikum dementsprechend jünger. Aber auch der Zuschauer ab drei Jahren will angemessen bespaßt werden und so werden viele lustige Projekte entwickelt (Herbsttheatertage, Schülertheatertage, Theaterfabrik), bei denen man den direkten Kontakt zu seinen Zuschauern nicht scheuen darf. (Bemerke: Das „Huckepack-Tragen“ von Anfang an unterbinden. Alles andere ist selbst dem Jugendlichen Rücken nicht zumutbar)

 
November 2013

 

- 06.11.: „Kann ich ihm vertrauen?“ – „Jaaaaaaaaa!!!!!“ Der geübte Theaterbesucher ist es gewöhnt, ruhig auf seinem Platz zu sitzen und seine Begeisterung zu einem Stück durch höflichen Applaus oder Lacher kundzutun. Nicht so beim diesjährigen Weihnachtsmärchen „Der Lebkuchenmann“. 500 Kinder füllen den Saal. Da wird auf Sitze geklettert, den Freunden im Stehen zugewunken, alles ist in Bewegung. Von meinem Platz in der 20. Reihe sieht es aus wie im Inneren eines bunten Ameisenhügels. Das Licht geht aus. Für den Zuschauer über 15 wäre dies nun der Augenblick sich in eine aufrechte Sitzposition zu begeben und aufmerksam und still dem Geschehen auf der Bühne zu folgen. Nicht so bei dieser Premiere. Licht aus, Lautstärke an. Hätte nicht schon das ohnehin musikalische und schwungvolle Weihnachtsmusical für gute Stimmung gesorgt, so wäre dies durch die Kinder wieder wett gemacht worden. Da wird gekreischt, gejohlt und mitgemacht.
Am Ende des Stückes kommt dann mein persönliches Highlight. Das Sahnehäubchen auf dem Dasein eines jeden Praktikanten: Ich darf mich mit verbeugen. Und das vor einem 500-köpfigen Publikum. Made my day!
- 25.11.: Nach zwei erfolgreich überstandenen Premieren, der (ziemlich emotionalen) Verabschiedung von Athena und der Einarbeitung ihrer Nachfolgerin Britta („Hallo Britta!“) folgt nun wieder eine der ruhigeren Phasen, in denen ich dazu komme dieses Spielzeittagebuch zu hegen und zu pflegen.
Ruhig trifft es vielleicht nicht ganz. Zwar habe ich gerade nicht wirklich viel zu tun (Hintergrundrecherche, Pressearbeit und ab und zu einen Keks essen), dafür geht es gerade im restlichen Haus wegen vermehrter Krankheitsfälle ziemlich rund. Und das wird auch mich betreffen. Ich komme ja im Zuge dieses Praktikums in den Genuss ein Stück als Abendspielleitung zu begleiten. Das Stück heißt „Ido I do“, ist ein Musical für das Publikum über 40 und besteht gefühlt nur aus Musik und Lichtstimmungen. Und da liegt auch das Problem. Unsere Inspizientin Birgit (verantwortlich für Licht, Ton und Technik) ist erkrankt und wird wohl vor Freitag nicht wieder gesund. Ersatz muss her. Ersatz ist aber entweder schon anderweitig eingeplant oder auch krank. Mangels Alternativen wird wohl einer der Techniker herhalten müssen. Einziges Problem: Allein die ersten zehn Minuten bestehen aus etwa 20 verschieden Einsätzen. Selbst für den geübten Inspizienten keine leichte Herausforderung. Nicht, dass ich kein Vertrauen hätte in die freundlichen Männer in schwarz (oder kurz: Technik), aber so eine kurzfristige Umbesetzung lässt mich als unerfahrenes Küken etwas die Hände über den Kopf zusammenschlagen. Nun ja, wird schon schiefgehen…
P.S. vom 11.12.2013: Stück lief übrigens hervorragend, für den, den es interessiert. Vielen Dank an Chris und Lotta!


Dezember 2013


- 11.12.: Wenn ich früher einmal von Leerlauf gesprochen habe, so ist das nicht vergleichbar mit der ganzen freien Zeit die ich gerade habe, nachdem die beiden Premiere durch sind und die Proben für das nächste Stück erst in neun Tagen beginnen.
Im Büro fühle ich mich echt unwohl, weil ich Britta und Carola alle fünf Minuten nach neuen Aufgaben fragen muss. Die Ärmsten denken sich sicherlich auch so: Boah, muss ich mir schon wieder ‘ne neue Beschäftigung für die ausdenken. Ich sitze also die meiste Zeit im FSJler Büro (auch, weil es da noch einen Computer gibt, an dem ich arbeiten kann) und bespaße Phyllis und Kathi und halte sie von ihrer Arbeit ab.
Was ziemlich cool ist, sind die Vorsprechen für die neuen Schauspieler, an denen ich die Ehre habe teilzunehmen (das ist wirklich eine ziemlich große Ehre, wie ich finde). Jetzt nicht, um meine Meinung kundzutun, aber immerhin um die Schauspieler von den Probebühnen ins Konversationszimmer und vom Konversationszimmer auf die Bühne zu befördern. Und wenn ich schon mal den Zuschauerraum erreicht habe, darf ich dann auch zumeist zusehen und das ist als Praktikantin ungeheuer spannend, den jungen, motivierten, frisch von der Schauspielschule abgegangenen Schauspielern zu sehen zu dürfen. Joa. Mehr gibt’s gerade nicht zu berichten…
- 19.12.: Erstaunlich, dass es erst eine Woche her ist, dass ich zuletzt geschrieben habe. Diese eine Woche kam mir unwahrscheinlich lang vor, wahrscheinlich weil ich immer noch nicht hinter Bergen von Arbeit zu verschwinden drohe. Aber zumindest zieht es mit den Vorsprechen und den Materialmappen wieder ein bisschen an Arbeitspensum an. Und das kurz vor Weihnachten…

 

Januar 2014

 

- 06.01.:All by myself sitze ich hier im Büro, und bin mir nicht ganz sicher über den Verbleib von Britta und Carola. Heute kommt wieder einmal die Radiosendung (einmal im Monat hat die Landesbühne eine Stunde Sendezeit bei unserem lokalen Radiosender) und da weder Carola, noch Britta sich sonderlich darum reißen eine lokale Radioberühmtheit zu werden, darf ich zumeist bei den Vorträgen mitmischen. So wie heute. Heute werde ich nämlich live in einem Interview zu hören sein. Ich werde berühmt…

 

Februar 2014

 

- 26.02.: Mein voraussichtlich letzter Eintrag in diesem Spielzeittagebuch. Dies ist meine letzte Woche am Theater, bevor es Anfang März zum Studium nach Leipzig geht. Es ist ein bisschen wie die letzte Woche vor den Sommerferien. Du gehst noch hin, wegen der Leute, weißt aber genau, dass die Lehrer jetzt nicht mehr mit irgendwelchen Aufgaben um die Ecke kommen werden. Ich verbring die meiste Zeit also im FSJler-Büro und trauer mit Phyllis und Kathi ob meines baldigen Abschiedes.
Keine Ahnung, ob meine gedanklichen Ergüsse jemals an die Öffentlichkeit gelangen werden, oder ob sie nur meinem Privatvergnügen dienten, alle die sich nach diesem Meisterwerk der Wortschöpfung noch immer unsicher sein sollten: Geht ans Theater.

 

In unserem Augustthema berichten zwei angehende Dramaturginnen von ihren Erlebnissen im Theateralltag:

 

 

Julia Opitz studierte Theater- und Medien-wissenschaft sowie Erziehungswissenschaft/ Pädagogik in Erlangen und Aix-en-Provence und arbeitet als Dramaturgie-assistentin am Theater Krefeld.

 

 

Hannah Spielvogel war  bis Februar 2014 Dramaturgiepraktikantin an der Jungen Landesbühne Wihelmshaven. Seit März studiert sie an der HMT Leipzig Dramaturgie.

 

Fotos: privat