Thema des Monats - September 2014

Herausgefordert

Theater ist oft nicht einfach. Das ist auch gut so!

 

Über die Faszination Jugendtheater und was für einen Einfluss ein Jugendclub haben kann.

 

Von Paul Bullinger

 

Die letzten Worte des Chores stehen noch in der Dunkelheit. Neonblau schweben unsere Schwarzlichtmasken im Raum. Dann, langsam, verschwindet das Schwarzlicht und helles Licht flutet Bühne und Zuschauerraum. Wir stehen direkt an der Rampe, wir sehen den Zuschauern direkt in die Augen. Stille. Einer nach dem anderen ziehen wir unsere Schwarzlichtmasken aus. Und mit ihnen unsere Rollen. Wir stehen nicht mehr als Computer oder Drogensüchtiger auf der Bühne, nicht mehr als Bulimie-Kranke. Sondern als wir selbst: Zwölf Jugendliche zwischen vierzehn und neunzehn Jahren. Stundenlang haben wir geprobt, uns zu öffnen, unsere Masken fallen zu lassen und wir selbst zu sein. Es hat lange gedauert, aber es funktioniert: Wir sehen unsere Freunde und Verwandte im Publikum, reagieren auf sie, teilen ein Lächeln, ein verstehendes Nicken, ein gemeinsames Einatmen. Es ist einer dieser Momente, in denen etwas im Raum steht, das man nicht beschreiben kann. Die Grenzen sind aufgehoben: Wir sind keine Schauspieler mehr und unsere Gegenüber keine Zuschauer. Wir sind Jugendliche und unsere Gegenüber sind Erwachsene. In diesem Moment hört das Stück auf, Stück zu sein. Und bekommt dadurch eine neue Bedeutung: Auf einmal sind es keine fremden Geschichten mehr, die wir uns ausgedacht haben. In dem Moment, in dem wir als wir selbst auf der Bühne stehen, werden es unsere Geschichten, unsere Sorgen, unsere Sehnsüchte. Und in den Augen unserer Eltern steht nicht Interesse oder Anteilnahme, sondern Verständnis. Dann, mit einem Mal, erlischt das Licht.

 


In Erklärungsnot...

 

Das war im Juli 2010, der ersten Produktion des Jugendspielclubs im Forumtheater Stuttgart. Es war keine einfache Produktion, für viele von uns waren die Intensivproben ein Auffangbecken von allerlei Schwierigkeiten außerhalb des Theaters. Obwohl der Zuschauer von diesen Schwierig- und Widrigkeiten nichts mitbekommen hat, stecken sie in diesem einen Moment und haben unser Stück geprägt. „Es gibt keine Probleme, es gibt nur Herausforderungen.“, hat damals unser Co-Regisseur gesagt. Zugegeben, es klingt ein wenig floskelhaft. Doch wer es bei dieser ersten Beurteilung nicht belässt, erkennt den eigentlichen Gehalt dieses Satzes.

 

Auch dieses Jahr ist sind die Proben nicht einfach. Der Bogen des Stücks steht, die Figuren auch, doch noch ist der Durchbruch nicht erreicht. Die Energie ist niedrig, die Anschlüsse passen nicht, es herrscht Unsicherheit. Noch fünf Tage bis zur Premiere. Im Moment entspricht fast nichts dem Niveau, das sich der Jugendspielclub in den letzten vier Jahren erspielt hat. Wenn es so weiter geht, steht die Premiere in Gefahr. Die Nerven liegen blank.

 

...steht man oft alleine da.

 

Proben gehen bis spät in die Nacht; viele der Jugendlichen kommen direkt nach ihrem Unterricht. Und nicht selten folgen den anstrengenden Proben ebenso anstrengende Diskussionen. Eine dieser Diskussionen wird schließlich zur Zerreißprobe: Im Durchlauf davor hat eine der Figuren eine Waffe gezogen und die anderen damit bedroht. Plötzlich hat es funktioniert, war genug Spannung da, die Energie hat den Zuschauer eingenommen. Doch was für die eine Hälfte unserer Gruppe der rettende dramaturgische Einfall ist, bereitet der anderen Hälfte Bauchschmerzen. Mit einer Waffe vor Publikum auf Menschen zielen? Ist das nur reiner Selbstzweck, um die Handlung in Gang zu halten? Ist die Aussage unseres Stückes stark genug, von so einem drastischen Mittel Gebrauch machen zu dürfen? Es ist eine heftige Diskussion und manchmal sieht es so aus, als würde es keinen Ausweg geben. Doch sie bewirkt etwas wichtiges, eine Art Drücken des Reset-Knopfes: Nachdem unsere Geschichte angegriffen und verteidigt wurde, wir darüber diskutiert, gestritten und uns geeinigt haben, sind wir auf den Kern gekommen. Auf das, worum es uns eigentlich geht. Die Geschichte hat dazu gewonnen, gerade dadurch, dass sie angegriffen wurde. Was nicht standgehalten hat, wurde gestrichen. Das, was die Angriffe überstand, war der Kern, das eigentliche. Auf einmal ist es allen wieder klar, worum es in der Geschichte geht. Und worum es uns geht.

 

An diesem Abend passiert etwas seltenes: Endlich machen wir Schluss, es ist weit nach 22:00 Uhr. Die meisten haben den Saal längst verlassen, stehen draußen im Regen, atmen erschöpft Frischluft. Jaron, einer der Jugendlichen, ist noch mit mir im Saal und zupft leise an seiner Gitarre. Ich nehme mir einen der Kartons, aus denen das Bühnenbild besteht, setze mich auf die Bühne und fange an, zu trommeln. Jaron setzt sich neben mich. Zehn Minuten später sind wir sieben Leute auf der Bühne, inklusive der Regisseurin. Die Wartenden sind zurück gekehrt, angelockt von der Musik. Manche singen, andere packen ihre Instrumente aus. Zwei Stunden sind wir auf der Bühne, machen Musik, tanzen, improvisieren. Vergessen ist all der Druck und Stress des vergangenen Tages. Wir haben den Tiefpunkt überwunden. Und daraus ist etwas neues entstanden.

 

Ein Blatt vorm Mund verhindert den Durchblick.


Es ist wie in unserem Ankündigungstext: Wir suchen und finden und suchen weiter. Es geht nicht um die Antwort. Es geht um das, was passieren muss, um sie zu finden; und das, was daraus entsteht. Denn grade die Momente, die so aussehen, als gäbe es keinen Ausweg, prägen am Ende das Stück. Sowohl dieses Jahr als auch vier Jahre zuvor. So werden Probleme zu Herausforderungen und Herausforderungen, sofern sie überwunden werden, zum Charakter des Stückes, der Truppe. Denn wer sich mit diesen Punkten auseinandersetzt, sie überwindet und produktiv macht, beweist letztlich etwas ganz anderes: Hingabe.

 

Fotos: Paul Bullinger

 

Paul Bullinger, 1991 in Stuttgart geboren, studiert seit 2012 Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin. Er engagiert sich bei diversen Jugendclubs, Theaterwerkstätten und Festivals und hat darüber hinaus einige Texte veröffentlicht. 2013/14 war er Sieger des junge bühne-Wettbewerbs "Mein größtes Theatererlebnis".

 

Foto: privat